Regionale Sperrung von Tweets:
Twitter animiert Anwender,
die Zensur zu umgehen

Twitter hat in seiner offiziellen Ankündigung, auf Anfrage Tweets oder Konten in einzelnen Ländern zu sperren, einen wichtigen Aspekt bewusst weggelassen: Nutzer können die Blockade eigenmächtig über eine Einstellung in ihrem Twitter-Konto umgehen.

Twitter wird für seine kontroverse Entscheidung, Tweets in einzelnen Ländern auf Anfrage zu zensieren, kein IP-Geoblocking einsetzen. Das hat uns Rachel Bremer, Twitters europäische Pressesprecherin, soeben bestätigt.

Stattdessen dient die von Nutzern in ihren Kontoeinstellungen gemachte Länderangabe als Grundlage für eine eventuelle regionale Sperrung. Twitter legt das aktuelle Land zwar ausgehend von der IP-Adresse des Anwenders fest, erlaubt diesem aber, die Einstellung manuell zu verändern.

“Geotargeting auf IP-Basis ist keine perfekte Technik und wir wollen sicherstellen, dass Nutzer die Ortsangabe verändern können, wenn diese nicht stimmt”, so Bremer.

Dieses vermeintlich kleine Detail stellt die gesamte Meldung in ein neues Licht. In der Praxis bedeutet dies, dass (nach dem heutigen Stand) Twitter-Nutzer selbst in repressiven Staaten problemlos auf durch ihre Regierungen zensierte Tweets zugreifen können, indem sie in ihrem Twitter-Konto ein anderes, die freie Meinungsäußerung berücksichtigendes Land auswählen. Twitter macht ihnen dies sogar sehr leicht, weil es im Kontext eines blockierten Tweets auf diese Hilfe-Seite verweist, auf der dieser Sachverhalt zwar nicht direkt ausgesprochen, aber impliziert wird.

Insofern bleibt festzuhalten, dass Twitter nach dem aktuellen Stand einen Kompromiss gefunden zu haben scheint, der die Interessen der Anwender deutlich besser berücksichtigt, als diese dies von YouTube und anderen, auf Geoblocking setzenden Sites her gewöhnt sind.

Verwunderlich ist deshalb, dass der Microbloggingdienst in seinem offiziellen Blogbeitrag keinerlei Andeutungen dazu macht, wie einfach sich blockierte Tweets umgehen lassen, und somit einen allgemeinen Schrei der Empörung in Kauf nimmt. Sollen demokratiefeindliche Staaten auf diese Weise im Glauben gelassen werden, Twitter würde ihnen ein wertvolles Zugeständnis machen? Schwer vorstellbar, immerhin wird es nicht lange dauern, bis das Twitter-Universum und die Medien verstanden haben, wie bewusst transparent und löchrig Twitter die Maßnahme gestaltet hat.

Unter der Voraussetzung, dass der Dienst sein Versprechen hält und für die regionale Sperrung von Tweets auf IP-Geoblocking verzichtet, gibt es weit weniger Grund zur Sorge, als die offizielle Ankündigung von Twitter hat befürchten lassen.

Update: Eine These: Was, wenn diese offene, transparente “Zensur mit riesigem Schlupfloch” Proteste und Unzufriedenheiten in repressiven Staaten nicht erstickt, sondern sogar beschleunigt und intensiviert?

 

12 Kommentare

  1. Auf diese PR-Beruhigungspille ist kein Verlass. Wenn der Druck wächst, kann Twitter jederzeit IP-Geoblocking aktivieren bzw. die nutzerseitige Länderauswahl deaktivieren. Fakt ist, die Zensur-Infrastruktur steht. Und es wird reichlich Gebrauch davon gemacht werden.

    Kommerz ist wichtiger als freie Meinungsäusserung. Es wäre ja noch schöner, wenn sich so etwas wie der “arabische Frühling” in anderen Teilen der Welt wiederholt. Das darf einfach nicht passieren.

    Twitter wird immer unsympathischer. Es ist Zeit, sich nach besseren Alternativen umzusehen. Vorzugsweise etwas Dezentrales.

  2. “Fakt ist, die Zensur-Infrastruktur steht”

    Die stand eigentlich vom ersten Twitter-Tag an, oder? ;)

    Die einzige wirkliche dauerhafte Lösung zur Sicherung der freien Meinungsäußerung im Netz ist imo ein dezentrales Nonprofit-Netzwerk. Was aber leider bekanntlich so viele Hürden und Nachteile mit sich bringt, dass es fraglich ist, ob es jemals so weit kommen wird.

    • Die länderspezifischen Zensurmöglichkeiten gab es bisher nicht. Das ist ganz klar ein Tribut an die Regierungen der Länder, in denen man künftig Geschäfte machen will.

      Ein perfides Spiel, das Twitter da treibt. Das pseudo-subversive Deckmäntelchen mit den angeblichen Umgehungsmöglichkeiten wird ihnen nicht helfen. Das Image war schon zuvor angekratzt. Jetzt kann man Twitter überhaupt nicht mehr ernst nehmen.

    • Was sind denn die vielen Hürden für dezentrale Netzwerke?
      status.net (identi.ca) ist auf dem richtigen weg , Diaspora funktioniert für ne alpha nicht schlecht und bräuchte einfach mehr als 3 Entwickler für so ein riesenprojekt.
      Die einzige Hürde die ich sehe ist unsere bequemlichkeit…alles andere sollte sich lösen lassen wenn nur genug menschen ihr hirn anstrengen und es wirklich wollen.

    • Herr Günni, Bequemlichkeit ist wohl das größte Problem. Und ein geringerer Funktionsumfang (in der derzeitigen Entwicklungsphase).

      User sind an Like-Buttons, Facebook Connect etc gewöhnt.

  3. Mal ein ganz anderer Gedanke: Was ist die Folge der YouTube-Praxis, von der GEMA gesperrte Videos mit dem Hinweis, dass diese von GEMA gesperrt wurden, anzuzeigen (statt sie zu löschen)?

    Richtig: Ganz Deutschland hegt einen Groll gegen die GEMA.

    Wäre es nicht möglich, dass zensierte Tweets genau den gleichen Effekt haben? Dass also Nutzer in betroffenen Ländern sehr genau sehen, welche Themen und Botschaften ihre Regierung ihnen vorenthalten will? Erst reicht, weil es ihnen Twitter so einfach macht, den jeweiligen Tweet doch abzurufen.

    Ich halte es nicht für unmöglich, dass eine transparente, kinderleicht umgehbare Zensur genau den gegenteiligen Effekt von dem haben kann, denn man auf Anhieb vermuten würde: Dass sie nämlich eine Beschleunigung und Intensivierung latent köchelnder Aggressionen und Frustrationen der Bevölkerung zur Folge hat.

    Das ist lediglich eine These. Aber imo eine, für die es Inidizen gibt.

  4. Keine schlechten Vorschläge! Das Problem ist, dass es die allermeisten Menschen überhaupt nicht interessiert, solange abends was im Fernsehen kommt. Die Gehirne sind gewaschen und hängen zum Trocknen auf der Leine. Wie sonst ist so etwas hier erklärbar:
    http://spiegel.de/netzwel…,1518,811723,00.html

  5. Die “Zensur” wird denke ich genau das Gegenteil bewirken und gerade die zensierten Inhalte interessant machen. Eher sehe ich diese Twitter-Neuigkeit als PR-Veranstaltung – keineswegs als Annäherungsversuch an zensur-freundliche Länder.

  6. Meine Theorie: gewollt.

    So kann man sich in auch Länder bewegen, die Menschenrechte nur auf dem Papier kennen, aber zeitgleich der Bevölkerung die Möglichkeit bieten sich über Twitter zu organisieren und informieren. Wäre Twitter knallhart würden sie die Hintertüre gar nicht anbieten. Oder wenigstens durchsickern lassen, das sie existiert.

  7. Leider ist es auf ziemlich vielen News Seiten inzwischen so das jeder Eintag grüdlich gelesen wird und dann erst veröffentlicht oder auch nicht.Sagt mal wo leben wir heute selbst im Internet giebt es inzwischen keine Meinungsfreiheit mehr wie verschiedenen Newsseiten wie Stern Spiegel und co zeigen wird der Eintrag oft erst überhaupt nicht veröffentlicht oder gelöscht!!
    Unsere Menschenrechte werden von den Medien und Regierungen immer mehr beschnitten.Möchte garnicht wissen wie die Medien infiltriert sind.

  8. Ich twittere aus Deutschland. Welches Land sollte ich eurer Meinung nach denn angeben, damit nichts zensiert wird?

    Oder glaubt ihr, das betrifft wirklich nur China und Syrien.

  9. <= ist für freihe Meinungsäußerung

17 Pingbacks

  1. [...] Die Zensur lässt sich wohl einfach umgehen, in dem betroffene User manuell in ihren Einstellungen ein anderes Land (mit anderen Gesetzen) als [...]

  2. [...] In der Liste stehen bisher nur durch Urheberrechtsverletzung gesperrte Tweets. Nico Lumma glaubt, dass das auch in Zukunft in 95% der Fälle zutreffen wird. Wir werden sehen. Anscheinend lässt sich das ganze momentan eh recht leicht umgehen: Kann man dem Twitter-Support glauben, ist der Filter maximal leicht umgehbar. Eine Umstellung des Landes in den Nutzereinstellungen sollte ausreichen. Wobei man interessanterweise die Option worldwide offenbar nicht wählen kann. Siehe dazu auch netzwertig.com. [...]

  3. [...] läßt man den Usern ganz bewusst eine Hintertür, um solche Sperren zu umgehen.  Gegenüber netzwertig hat die europäische Pressesprecherin Rachel Bremer bestätigt, dass Twitter nicht anhand von [...]

  4. [...] netzwertig.com hat sich mit Rachel Bremer, Twitters europäischer Pressesprecherin, unterhalten. [...]

  5. [...] staatlich kontrollierten Zensur liegt in der verwendeten Technik. Wie Martin Weigert berichtet, setzt Twitter kein IP-Geoblocking ein, um unerwünschte Tweets in einem Land zu sperren. Grundlage für die Sperrung ist dagegen [...]

  6. [...] Außerdem kommuniziert Twitter nicht ganz verdeckt die Möglichkeit, die Filter zu umgehen. Man möchte keine IP-Geoblockings einsetzen, da diese nicht verlässlich sind. Jeder Nutzer habe die Möglichkeit, die Region selbst anzugeben, sollte das Geotargeting (d.h. die Voreinstellung anhand der IP-Adresse, die Twitter vornimmt) nicht korrekt sein, wie netzwertig berichtet. [...]

  7. [...] entfernt.”  Interessant dabei, man kann Twitter aber “austricksen”. Das Blog Netzwertig erklärt wie. Bleibt nur noch die Frage: warum sagt Twitter nicht gleich das es so eine Hintertüre [...]

  8. [...] local filter will not be implemented using geoblocking (source), but it will be left on the user to decide in which country he “officially” lives [...]

  9. [...] netzwertig.com Tags: Social Media, soziales Netzwerk, [...]

  10. [...] versucht zu erklären: “Warum Twitters Ankündigung keine Zensur ist“. Netzwertig erklärt das “umgehen des geblockt seins/werdens” etwas ausführlicher und auch Golem [...]

  11. [...] weltweit zugänglich zu machen, sondern Ländereinzelfallentscheidungen treffen zu wollen. Probates Gegenmittel: In den Kontoeinstellungen einfach seinen Standort von „Jemen“ zu, beispielsweise, „USA“ [...]

  12. [...] Bei spon gibts einen Artikel der darüber aufklärt, das Twitter künftig in einem Land verbotene Inhalte in diesem Land herrausfiltern kann. Aber wohl auch nur für das Land, im Ausland sind die Tweets nach wie vor lesbar. Und umgangen werden kann das recht einfach, weiß man bei netzwertig.com. [...]

  13. [...] netzwertig: Twitter animiert Anwender, die Zensur zu umgehen (via +Holger [...]

  14. [...] das Twitter-Konto nach wie vor aufgerufen werden.Twitter widersetzt sich Niedersachsens ForderungWie im Januar erklärt, setzt Twitter für die länderspezifische Blockade einzelner Tweets oder Twitter-Accounts auf ein [...]

  15. [...] basieren die Zensurmaßnahmen von Twitter für die nationalen Sperrungen von Inhalten auf der von den Nutzern selbst angegebenen [...]

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