Selektives Abonnieren:
Wieso das Follower-System von Pinterest Maßstäbe setzt

Pinterest erfreut sich zunehmender Popularität. Das von dem US-Dienst zum Speichern und Teilen von Fotos, Bildern und Videos eingesetzte Follower-System mit der Möglichkeit zum selektiven Abonnieren einzelner Nutzerinteressen setzt Maßstäbe.

Einer der in den letzten Wochen in der US-Tech-Presse am meisten bejubelten Dienste ist Pinterest. Der im März 2010 von Paul Sciarra, Evan Sharp und Ben Silbermann gegründete Service aus dem kalifornischen Palo Alto erlaubt das Bookmarken von Fotos und Videos, auf die Nutzer während ihrer Reise durch das Netz stoßen. Anwender können einander folgen und mit wenigen Klicks die Fundstücke anderer Nutzer auf ihre eigene Pinterest-Pinnwand übernehmen.

Im Gegensatz zum üblichen Muster, bei dem ein Startup aus dem Silicon Valley von den lokalen Blogs “hochgeschrieben” wird, hat sich Pinterest nach einem ruhigen Start aus eigener Kraft eine loyale Nutzerschaft aufgebaut, die anders als bei jungen Social-Web-Angeboten üblich, zu einem großen Teil aus Frauen besteht. Mittlerweile gehört Pinterest zu den zehn führenden Social-Networking-Sites in den USA und kann seit Sommer 2011 auf ein exponentielles Wachstum der Anwenderzahlen blicken.

Seitdem Pinterest in den Fokus der Tech-Berichterstattung gerückt ist, erhält es auch in Deutschland verstärkte Aufmerksamkeit – nicht zuletzt wegen der Urheberrechtskonflikte, die angesichts der bei dem Dienst erfolgenden Kuration von häufig urheberrechtlich geschütztem Material aus dem Web programmiert sind.

Pinterest hat Mainstream-Potenzial

Trotz der Tatsache, dass der Name Pinterest in den letzten Wochen permanent auf meinem Radar erschien, habe ich den Service bisher nicht aktiv verwendet. Dienste, um Fotos und Bilder aus dem Netz online zu bookmarken, existieren mit We Heart It oder FFFFound schon länger und sind letztlich lediglich eine Abwandlung des altehrwürdigen Social Bookmarkings von Links. Das jedoch ist über den Nischenstatus nie hinaus gekommen. Pinterest hingegen scheint eine derartig stimmige Kombination aus Funktionalität, Viralität, Design und Benutzerfreundlichkeit gefunden zu haben, dass für das Angebot ein nachhaltiger Durchbruch in den Internet-Mainstream immer wahrscheinlicher wird.

Granulares Abonnieren der Themenbereiche einzelner Nutzer

ReadWriteWeb hat nun am Wochenende auf eine interessante Eigenheit des Vernetzungs- und Filterprinzips von Pinterest hingewiesen, worauf ich auch gleich die Gelegenheit beim Schopfe packte und meine einst angeforderte, bisher aber nicht verwendete Einladung zu dem Service angenommen und mich registriert habe:

Die Kategorisierung der lieb gewonnenen Fotos erfolgt bei Pinterest über so genannten “Boards”. Dabei handelt es sich um themenspezifische Ordner wie “Mode”, “Einrichtung” oder “Reisen”, in denen dann passende Fundstücke abgelegt werden können. Abonniert ein User einen anderen Pinterest-Nutzer, tauchen fortan sämtliche von diesem bei dem Service gespeicherten Fotos und Videos in der Sektion “Pinners you follow” auf.

Wer aber nicht an allen Boards des abonnierten Nutzers interessiert ist, der kann einzelne Boards ganz einfach kündigen. Auch andersherum funktioniert dies: Wer ein Personenprofils besucht, kann spezifischen Boards einer Person folgen. Pinterest trägt mit diesem Ansatz der Tatsache Rechnung, dass es viele Überschneidungen bei den Interessengebieten der Anwender gibt, dass diese meist aber nicht alle Präferenzen anderer Menschen teilen.

Einfacher als Google+, effektiver als Twitter

Der ReadWriteWeb-Beitrag bezeichnet den Pinterest-Mechanismus als umgedrehte Variante der “Kreise” von Google+. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Beschreibung treffend ist, stimme Autor Jon Mitchell aber in seinem Lob des gewählten Ansatzes zu. Das Kreise-Prinzip von Google+ ist komplex und nicht intuitiv, während das einfache asymmetrische Followerprinzip von Twitter zwar jedes Kind versteht, es aber den Nachteil hat, dass man entweder alle Tweets eines anderen Menschen abonnieren muss oder gar keine.

Die Pinterest-Methode – die genau das darstellt, was Michael Seemann einst für Google+ vorgeschlagen hat und die in ähnlicher Form auch beim Microbloggingangeobt Subjot zu finden ist – gibt den Followern die Entscheidungshoheit darüber, welche Inhalte sie beziehen möchten, ohne dass Neulinge mehr als ein paar Sekunden benötigen, um die Dynamik zu verstehen.

Die Kreise bei Google+ erfüllen eine doppelte Rolle: Sie sind sowohl Filter- als auch Privatsphärewerkzeug. Bei Pinterest existieren keine Tools zur Verwaltung der Privatsphäre – alle dort abgelegten Inhalte sind öffentlich, weshalb ein direkter Vergleich der zwei Ansätze nur bedingt fair ist. Dennoch glaube ich, dass die Methode von Pinterest Schule machen und künftig auch bei anderen, auf das Follower-Prinzip bauenden Angeboten anzutreffen sein wird.

Zusätzlicher Aufwand durch Kategorisierung

Entscheidend ist die Frage, inwieweit Anwender bereit sind, beim Publizieren jeweils eine mit Arbeit verbundene, bewusste Kategorisierung vorzunehmen. Bei 140-Zeichen-Botschaften, von denen Twitter-Nutzer mitunter Dutzende täglich publizieren, wirkt dies wie ein nicht angemessener Aufwand. Für Content mit einer etwas geringeren Veröffentlichungsfrequenz oder einem besonders hohen wahrgenommenen Nutzen der Verschlagwortung/Kategorisierung jedoch existiert auf der Seite des Senders eine Bereitschaft für diesen zusätzlichen Schritt, wie Pinterest beweist.

Mittlerweile machen Gerüchte die Runde, Google sei einer Übernahme von Pinterest gegenüber nicht abgeneigt. In jedem Fall sollte sich der Internetkonzern überlegen, ob man die von Pinterest gewählte Lösung zum selektiven Abonnieren für Google+ einsetzen und damit die Kreise ablösen könnte – auch auf die Gefahr hin, die ausgefeilten Privatsphäre-Optionen zu verlieren. Damit würde Google nicht nur die Funktionsweise von Google+ vereinfachen, sondern sich auf erfrischende Art von Twitter und Facebook abheben und außerdem von Menschen kuratierte, semantische Informationen über Websites und Onlineinhalte sammeln, die es für die Verfeinerung der Suche verwenden könnte. Ob Benutzer eines auf die breite Masse ausgelegten Social Networks die Fähgkeit zum selektiven Abonnieren einzelner Themenkomplexe zu schätzen wissen, ist zwar offen. Doch nur wer es ausprobiert, erhält eine Antwort auf diese Frage.

Wer sich bei Pinterest registrieren möchte, benötigt eine Einladung. Diese kann man direkt auf der Site anfordern, einige Tage später sollte sie in eurem Posteingang liegen.

Link: Pinterest

 

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14 Kommentare

  1. In der Tat, eine sehr interessante Entwicklung. Ich hätte nicht damit gerechnet und habe meinen Invite bisher auch noch nicht eingelöst. Ich bin in den letzten Wochen ja eher den gegenteiligen Weg gegangen und habe mich von immer mehr Diensten verabschiedet (u.a. Google+ und Facebook-Konto gelöscht).

    Pinterest bietet mit der themenbezogenen Following-Möglichkeit einen sehr Ansatz. Die Beschränkung auf Fotos ist mir allerdings irgendwie zu eng.

    Derzeit mache ich so etwas in Evernote. Und genau hier ergäbe sich aber m.E. ein wirklicher Mehrwert, weshalb ich mir eher wünschen würde, wenn Evernote Pinterest kauft.

  2. Ich bin bei Pinterest komplett unentschlossen. Einerseits scheint es ja zu funktionieren, andererseits erschließt sich mir die Magie KEIN BISSCHEN. 9gag ist ja immerhin noch lustig, Facebook hat Bezug zu meinem social circle. Aber “nur” schöne Bildchen? Hm…

    Und dass der Erfolg von Pinterest größtenteils mit irgendeiner Art des Following zu tun hat, das wage ich mal stark zu bezweifeln. Perfektes Community-Building und -Management, ja, vielleicht.

    • Und dass der Erfolg von Pinterest größtenteils mit irgendeiner Art des Following zu tun hat, das wage ich mal stark zu bezweifeln. Perfektes Community-Building und -Management, ja, vielleicht.

      Das ist auch nicht meine These. Aber das Followersystem ist gut.

  3. Delicious hat ja bereits ein ähnliches Modell in Form vom Stacks, sollte sich jedoch in Punkto Einfachheit noch ein wenig von Pinterest abgucken, dann wird Delicious sicher (hoffentlich) wieder Aufwind bekommen.

  4. also ich hab, weil ich bei pinterest nicht reingekommen bin, einfach openpin.org genommen… sind halt nen paar mehr männer und nerd themen als bei den anderen klonen…

  5. Uns hat vor Kurzem auch das “Pinn-Fieber” gepackt! Wir haben angefangen, Pinterest für XinXii zu testen. Unsere Pinnwände sind “unseren” Themen gewidmet, die sich visuell ganz gut darstellen lassen: Indie Autoren und ihre eBooks. Mit den gepinnten Buchcovern versuchen wir z.B. die Autoren bei ihrem Buchmarketing zu unterstützen, aber auch andere Indie Autoren bei der Gestaltung ihrer eigenen Cover zu inspirieren.

    http://www.pinterest.com/xinxii
    http://www.pinterest.com/xinxii_en

  6. Ich nutze Pinterest schon seit längerer Zeit. Für mich ist es einfach ein wahnsinniger Ideenpool, aus dem ich schöpfen kann und in dem ich viele neue Dinge finde, die ich mal selbermachen kann. Außerdem bin ich über die Bilder auf Seiten und Blogs aufmerksam geworden, die ich über die Google Suche nie gefunden hätte.

    Und da ich die Fotos nur privat nutze und nicht anderweitig verwende, habe ich, was das Urheberrecht angeht, ein reines Gewissen, zumal auf den jeweiligen Pinterest-Seiten der Link zur Quelle immer dabei steht.

    Warum Pinterest soviel Zulauf findet und was es eigentlich ausmacht, liegt für mich hauptsächlich in der Faszination schöner Bilder begründet. Und typische Frauen Themen wie Mode, Einrichten, Kochen usw. sprechen ja hauptsächlich das Auge an – Zeitschriften zu diesen Themen bestehen fast nur aus Bildern.

    Sobald sich allerdings die Informationen zu einem Thema nicht so leicht in Bildern vermitteln lassen, stößt Pinterest und Co. an ihre Grenzen. Darum wird es wohl eher eine Global-Village-Hütte für kreative Hobby-Mode/Schmuck/Interieur/Web/Grafik/etc.-Designer bleiben – und natürlich für die Marketing-Leute aus diesen Branchen, die sich über das ausgeklügelte Follow-System freuen.

  7. habt ihr hier amen durch pinterest ersetzt, schaut euch mal eure alten artikel an, die kommentare sich auch identisch

  8. “Das Kreise-Prinzip von Google+ ist komplex und nicht intuitiv..”

    Bitte was?!

    Ich habe noch nie etwas einfacheres als die Circles in Google+ gesehen. Davon haben doch auch alle Massenmedien tagelang berichtet wie einfach, intuitiv und unkompliziert es doch ist. Ihr doch auch, oder etwa nicht?

    Ich glaube du meinst wohl eher die Facebook-Listen, stimmts?

  9. Blöder Vergleich Martin.

    Wie viele Sätze benötigst du denn um das Fahrradfahren einer nicht mit dem Fahrrad vertrauten Person zu erklären?

    Manchmal sind die Dinge eben so einfach und intuitiv dass sie weniger Zeit und Mühe beanspruchen als sie zu erklären.
    Gibt ja z.B. auch nicht ohne Grund den Spruch “Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte”, oder?

    Aber vielleicht kannst du mir ja erklären was du auf einmal daran so kompliziert findest?

  10. Du weichst meiner Frage aus.

    Wenn du mir die nicht beantworten kannst, dann sehe ich wenig Substanz hinter deiner Behauptung, Googles Kreise-System sei doch intuitiv und nicht komplex.

    Und dass dich mit der Argumentation retten willst, Fahrradfahren könne man auch nicht erklären, wundert mich. Wir sprechen hier nicht über menschliche Fähigkeiten (Schwimmen, Klavierspielen, Fahrradfahren), sondern um ein logisches System. Und können immer erklärt werden. Entscheidend ist, wie lange dies dauert.

  11. Ich bin deiner Frage ausgewichen weil es überhaupt keinen Sinn macht einer Person einen Teilaspekt (Circles) zu erklären wenn sie noch nichtmal das übergeordnete Ganze (Google+) kennt.

    Und das Beispiel mit dem Fahrrad sollte nur aufzeigen, dass es oft eben einfacher ist etwas auszuprobieren und es zu machen statt es theoretisch zu erklären.

    Eine Sache ist für mich einfach wenn sie einfach auszuführen ist und nicht wenn sie einfach zu erklären ist.

    Wäre schon komisch wenn du eine Aufgabe erst rhetorisch unkompliziert beschreiben können müsstest um sie einfach zu finden ;-)

  12. Das klingt in der Theorie alles toll, aber warum habe ich dann noch nie eine andere Mail als diese von Pinterest bekommen?

8 Pingbacks

  1. [...] Schließlich muss man nicht allen Boards eines Freundes folgen, sondern kann einzelne Themen schlicht abstellen. „Pinterest trägt mit diesem Ansatz der Tatsache Rechnung, dass es viele Überschneidungen bei den Interessengebieten der Anwender gibt, dass diese meist aber nicht alle Präferenzen anderer Menschen teilen“, stellt Martin Weigert zu Recht fest. [...]

  2. [...] ist beispielsweise nun ein Beitrag bei Netzwertig erschienen, der Pinterest in ein relativ positives Licht rückt und gleichzeitig auch die [...]

  3. [...] zu tun, aber doch viel gemeinsam haben: Die US-Behörden schließen MegaUpload, der Dienst Pinterest wird immer beliebter und das Reblog-Netzwerk Tumblr verzeichnet monatliche Besucherzahlen von stolzen 120 Millionen [...]

  4. [...] Wieso das Follower-System von Pinterest Maßstäbe setzt [...]

  5. [...] visuellen Bookmarkingdienstes Pinterest gelesen hat.Der Service aus dem kalifornischen Palo Alto erlaubt es Anwendern, Fotos und Bilder von beliebigen Websites auf virtuellen Pinnwänden abzulegen und mit anderen [...]

  6. [...] im digitalen Zeitalter nicht mehr angemessen erscheinende, bisherige Sicht auf das Urheberrecht darstellen könnte.Dass die junge Firma aus Kalifornien nicht einfach darauf warten kann, bis sie von allen Seiten mit [...]

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