“Startups schaffen Arbeitsplätze”:
Wie sich die Internetdebatte
konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Quelle: Flickr/AndrewDicksonWhite, CC BY 2.0Aus Sicht vieler Blogger und der “Web-Szene” insgesamt schenken Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Deutschland Internetthemen zu wenig Aufmerksamkeit. Oft wird dies in einem (an-)klagenden Ton festgestellt. Ich bin der Überzeugung, dass diejenigen in der Bringschuld sind, die diesen Zustand bedauern und ihn ändern möchte. Sie müssen die Überzeugungsarbeit leisten und können nicht erwarten, dass die Gegenseite sich wie selbstverständlich annähert; vor allem dann nicht, wenn die Entwicklung wie bei der Digitalisierung dazu führt, dass Hierarchien, Machtpositionen und Geschäftsmodelle untergraben werden.

Daher begrüße ich es, dass inzwischen etliche Initiativen wie Digitale Gesellschaft und D64 gestartet werden, um mehr politischen Druck aufzubauen. Ein Kernproblem bei der Überzeugungsarbeit ist aber aus meiner Sicht, dass bei hochkomplexen Netzthemen oft sehr detailorientiert argumentiert wird. Bitte nicht falsch verstehen: Das soll man tun und es ist wichtig. Ich frage mich aber, ob das wirklich der beste Weg ist, um große Gesellschaftsgruppen für sich und seine Positionen zu gewinnen, die mit diesen Themen nicht oder zu wenig vertraut sind. Ich fürchte, viele überfordert das.

Die “Währung” des Gesprächspartners beachten

In Unternehmen läuft das meiner Erfahrung als Berater nach oft so: Die Digitalisierung und die globale Vernetzung mögen interessant und auch zukunftsrelevant sein. Am Ende zählt aber, ob man damit heute oder spätestens morgen Geld verdient. Wer glaubhaft Gewinn versprechen kann, hat stets das beste Argument auf seiner Seite. Wenn Gewinn absehbar ist, dann besteht auch Interesse und Aufmerksamkeit für die “Details”, also für die Faktoren, die als Voraussetzung für die Gewinnerzielung notwendig sind. Eine ganz wesentliche Frage ist, in welcher übergeordneten “Währung” der Gesprächspartner denkt, mit deren Hilfe man ihn überzeugen und gewinnen kann.

Was ist die “Währung”, um Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stärker für Onlinethemen aller Art zu interessieren? Schauen wir uns Berlin an, das als Startup-Hotspot seit einiger Zeit viel beachtet wird. Berichte über die Beliebtheit Berlins für Unternehmensgründungen finden sich nicht nur in Blogs, sondern auch auf bekannten Nachrichtensites, in der Print-Presse und in Politiker-Reden. Warum ist das so? Weil jeder sofort erkennt, dass Unternehmensgründungen unter anderem Arbeitsplätze und damit Wohlstand schaffen.

Arbeitsplatzschaffung als schlagfertiges Argument

Die “Währung” Arbeitsplatzschaffung wird von allen Beteiligten sehr genau verstanden. Nicht umsonst dominiert sie seit jeher Nachrichtensendungen und Wahlprogramme der Parteien. Warum gab es beispielsweise Hilfsprogramme für bestimmte Unternehmen wie Opel? Weil dort viele Menschen arbeiten. Warum kann der Mittelstand oder warum können bestimmte Branchen Forderungen auf der politischen Bühne stellen? Weil sie für viele Arbeitsplätze stehen. Die Frage ist also, ob das Argument “Arbeitsplatzschaffung” nicht auch stärker genutzt werden könnte, um den zentralen Fragen der Webwelt Gehör zu verschaffen?

Wie viele Arbeitsplätze schafft die Internetwirtschaft?

Führende Gründerblogs wie Gründerszene und deutsche-startups.de pflegen Datenbanken zu Startups. Dort finden sich allerhand Informationen zu den Unternehmen – Angaben zur Mitarbeiterzahl fehlen jedoch. Die US-Seite CrunchBase zeigt in ihrer Datenbank zumindest Mitarbeiterzahlen, die von LinkedIn bezogen werden (Beispiel Pinterest). Wertvoll wäre sowohl eine horizontale Aggregation von Mitarbeiterzahlen (alle Startups zusammen) als auch ein vertikaler Ansatz (Unternehmen bestimmter Branchen), wie es ihn in anderen Wirtschaftsbereichen ja schon gibt.

Der Bezug dieser Daten ist natürlich eine Herausforderung. Doch Startups werden Mitarbeiterzahlen auch an Nachrichtenangebote eher herausgeben als Angaben zum Umsatz. Für Nachrichtensites wiederum wäre eine solche Auflistung sicher ein Publikumsmagnet, und das Ganze ließe sich auch in Richtung Rankings ausbauen.

Es wäre jedenfalls nicht nur interessant, sondern wie oben beschrieben auch argumentativ sehr gut nutzbar, wenn an einer zentralen Stelle im Netz leicht einsehbar wäre, wie viele Arbeitsplätze das Internet-Startup-Ökosystem in Deutschland schafft – und für Österreich und die Schweiz gilt sicher das selbe. Dann würde man auch mit vermeintlichen “Detail”-Themen wie Urheberrechts-Anpassungen und zeitgemäßen Datenschutzregelungen, die den Erfolg von Startups ganz maßgeblich beeinflussen, eher Gehör finden.

(Zeichnung: Flickr/AndrewDicksonWhite, CC BY 2.0)

 

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7 Kommentare

  1. Das ist ein sehr interessanter Gedanke. Vor allem der Begriff “Währung” gefällt mir hier sehr gut und ist viel eingängiger als der übliche “Nutzen”.

    Sieht man sich die Kommunikation der Vertreter der analogen Welt zum Beispiel in Sachen Leistungsschutzrecht an, findet man nach meiner Wahrnehmung nicht viel konkrete, quantifizierbare Aussagen. Allein schon die monotone Wiederholung der Botschaft bewirkt deren Transport.

    Das ist wahrscheinlich weniger ehrlich, macht aber einen Angriff auf die Argumente schwieriger. Vielleicht sollte man das Arbeitsplatzargument in der Diskussion also besser abstrakt halten – es wird schon jeder hineinpacken was er sich wünscht.

  2. Ich finde den Gedanken auch spannend, kann Ihm aber nicht voll zu stimmen. Die Startups erhalten im Augenblick aus meiner Sicht eine gewaltige Aufmerksamkeit. Sei es in den Medien oder bei den etlichen Wettbewerben. Sie sind von der Politik und anderen schon längst als Wirtschaftsfaktor erkannt worden. Nur das Entscheidungen in der Poltik im gegensatz zum Internet lange brauchen. Jede Existenzgründung schafft Arbeitsplätze, und trotzdem hat die Poitik den Gründungszuschuss gekürzt. Dies führt zur Vernichtung von 75.000 Arbeitsplätzen. Darüber berichtet kaum jemand, weil es alles nur Einzelschicksale sind.

    • Wenn Start-ups viel Aufmerksamkeit bekommen – umso besser. Dann gibt es genug Gelegenheiten zu erwähnen, welchen gesellschaftlichen Beitrag sie u.a. in Form von Arbeitsplätzen leisten. Gerade eine gebündelte Darstellung fehlt ja meist, was dann in letzter Konsequenz auch solche Kürzungen einfacher macht. Oft heißt es nur, dass hier 10 und da 25 Stellen geschaffen wurden. Allein eine Auswertung der in Pressemitteilung verfügbaren Daten wäre schon hilfreich. Da werden solche Zahlen ja oft genannt.

  3. ich glaube D64 ist nicht der richtige weg. seit gründungsartikel erreicht mich nichts über den verein. wie soll das dann öffentlichkeitswirksam den rest erreichen. start ups werden zwar hoch gejubelt, aber mithin ist es dann doch immer die INDUSTRIE, die zählt. man stellt halt nix her im internet businesss…

  4. In Deutschland sind aus meiner Sicht Wirtschaftsthemen in den Mainstreammedien kaum präsent. Ausnahmen sind Krisen, etwa das hier angesprochene mögliche Ende von Opel mit dem Verlust von Arbeitsplätzen.

    In der Schule wird wenig über Wirtschaft, Finanzen oder Unternehmen “gelehrt”.

    Das Bild des Unternehmers ist in der Öffentlichkeit meist ein wenig positives. Unternehmer beuten eben die Mitarbeiter aus….oder müssen viel arbeiten und haben Abends und am Wochenende nicht frei.

    Da passt die von Dir geschilderte Lage von Internetstartups ins Bild, ist nur ein Teil der “Misere”.

  5. Hätte es nicht heißen sollen “.. – wie sich die Internetdebatte konstruktiv __darstellen__ lässt” – statt “beeinflussen lässt”?

    Immerhin handelt dieser Beitrag davon, wie die aktuelle “Internetdebatte”, bzw. vielmehr der aktuelle “Internetkonsens” dargestellt werden sollte.

    Also für mich geht es hier nur rein darum, wie man diese “Debatte” hätte darstellen sollen (statt dem wie sie aktuell dargestellt wird, bzw. oft garnicht erst wahrgenommen wird).

    Aber dieser Beitrag (wie leider so viele andere) handelt so rein garnicht davon wie das eine “irgendetwas” das andere “irgendetwas” beeinflussen können würde hätte müssen wollen können sollen.

    Nicht wahr?

    PS: Aber der Ansatz ist gut!

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