Auf dem Weg zum Tipping Point:
musicplayr ist gut, aber behäbig

Mit musicplayr hat Deutschland ein junges, innovatives Musikstartup – das allerdings beim Entwicklungstempo mehr Gas geben sollte.

musicplayr aus Köln ist für mich das deutsche Musikstartup des Jahres 2011. Nicht nur, weil es sich als ideales Entdeckungstool für Musik erwiesen hat, sondern auch, weil es Gründer Thorsten Lüttger gelungen ist, ohne Verhandlungen mit Labels und Verwertungsgesellschaften einen eigenständigen, innovativen Musikdienst auf die Beine zu stellen, der sich abseits von On-Demand-Angeboten, personalisierten Radios und Echtzeit-Services eine bequeme Nische geschaffen hat.

Wie musicplayr mir dabei hilft, neue Musik aus meinen bevorzugten Genres zu finden, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben. Mittlerweile folge ich 46 Nutzern, die auf der Plattform bei YouTube, SoundCloud, Vimeo oder anderen Websites gehostete Musik teilen, die zu meinem Geschmack passt. Selbst habe ich mittlerweile 102 Titel mit meinen Followern geteilt – viele davon, nachdem ich sie auf musicplayr entdeckte. In den letzten Wochen tauchten auch immer mehr “alte Bekannte” bei dem noch immer in der geschlossenen Beta-Phase befindlichen Service auf, was auf gewisse Netzwerkeffekte schließen lässt.

Bisher habe ich mich ausschließlich positiv über musicplayr geäußert. Dennoch stört mich ein Aspekt: Die behäbige Geschwindigkeit, mit der musicplayrs Feature-Palette um für mein Verständnis essentielle Funktionen erweitert wird. Der Service fiel von Anfang an durch seinen minimalistischen Ansatz auf, bei dem jedes Bedienelement auf die Goldwaage gelegt zu werden scheint. Grundsätzlich ist das keine schlechte Taktik, kann aber auch zu dem Eindruck führen, es ginge nicht voran.

Folgende grundlegende Features fehlen mir, seitdem ich musicplayr Ende September das erste Mal ausprobiert habe:

  • Sharing einzelner Tracks per E-Mail. Das Weiterempfehlen von Titeln per Facebook und Twitter ist möglich – Twitter kam jedoch auch erst vor einigen Wochen hinzu – beim Klick auf “Email” in den Sharing-Optionen heißt es aber lediglich “Coming soon, we are working on it”. Als wenn dies tatsächlich in der Implementierung Monate dauert und mit einem “Bald verfügbar” angekündigt werden muss.
  • Eine Zeitangabe neben den in meiner Inbox erscheinenden Songs meiner Follower, um schneller erkennen zu können, wie viele seit meinem letzten Besuch hinzugekommen sind, oder alternativ eine “als gehört markieren”-Einstellung.
  • Ein Aktivitätenstream. Der einzige Weg, wie Nutzer derzeit über neue Follower oder Favorisierungen der empfohlenen Titel informiert werden, ist per E-Mail. Das ist ganz einfach unzeitgemäß und unpraktisch. Ein Feed, der mir derartige Aktivitäten innerhalb der Site anzeigt, ist unerlässlich.
  • Ein Bookmarklet für den Browser, um Titel von YouTube, SoundCloud und anderen unterstützten Plattformen ohne manuelles Kopieren und Einfügen der URL zu importieren.
  • Mobile Version (native oder Browser-App).

Auf mich als Nutzer erscheinen sämtliche dieser Funktionen (mit Ausnahme der mobilen App) so extrem trivial, dass ich nur schwer verstehen kann, wie deren Entwicklung so viel Zeit in Anspruch nimmt. Und selbst wenn sie unter der Haube mehr Arbeit erfordern als nach außen deutlich wird, so setzen hunderte andere junge Onlinedienste hier die Benchmark. Dass derartig grundlegende Details fehlen, kommt eher selten vor.

Auch wenn ich von musicplayr-Macher Thorsten Lüttger weiß, dass er und sein Team keineswegs auf der faulen Haut liegen, sondern stetig das Backend verbessern, ist es für die Nutzerbindung wichtig, Fortschritt darzustellen. Momentan besitzt musicplayr keinen direkten Konkurrenten (Blip.fm ist anders). Das kann sich allerdings von heute auf morgen ändern. Splash.fm beispielsweise geht ansatzweise in eine ähnliche Richtung. Oder es könnte in zwei Wochen ein mit vielen Millionen Dollar Venture Capital ausgestatteter Silicon-Valley-Neuling die Bühne betreten und das sich für musicplayr im deutschsprachigen Raum abzeichnende Momentum von heute auf morgen ausblasen. Update: Leser Dennis merkt an, dass Ex.fm gewisse Parallelen zu musicplayr aufweist, fokussiert sich aber auf Musikblogs als Quelle.

Konzepte wie Lean Startup sowie Minimum Viable Product raten Gründern, frühzeitig ein Produkt zu veröffentlichen und es am Markt zu testen, dann aber auch schnell das gesammelte Feedback und die getätigten Learnings zur Verfeinerung und Nachbesserung zu nutzen. musicplayr könnte es nicht schaden, bei der Weiterentwicklung der Benutzeroberfläche und des Funktionsumfanges einen Zacken zuzulegen. Zumal mir Geschäftsführer Lüttger erklärte, dass eine sonst bei vielen blutjungen Startups zu beobachtende Knappheit der Entwicklerressourcen für das bisher eigenfinanzierte Kölner Unternehmen kein Thema ist.

Lüttger zeigte Verständnis für meine vorab per E-Mail geäußerte Kritik bezüglich des zaghaften Tempos, mit dem musicplayr neue, wichtige Funktionen erhält. In den letzten Wochen lag der Schwerpunkt auf Verbesserungen des Codes und der Architektur sowie des Onboarding-Prozesses für neue Anwender, so der musicplayr-Chef. Er gab auch einen Ausblick auf die Roadmap für die kommenden Monate: Auf dem Plan stehen – in dieser Reihenfolge – unter anderem ein Player zum Einbetten in externe Sites, die Unterstützung von Hashtags, @Benachrichtigungen (Taggen von Personen), Suche- und Filterfunktionen sowie ein mobiles Interface.

Bleibt zu hoffen, dass all dies etwas schneller umgesetzt wird, und dass auch einige meiner Vorschläge oben in Betrachtung gezogen werden – zumindest dann, wenn sie musicplayr helfen, den Tipping Point zu erreichen. Das deutsche Startup ist auf einem guten Weg dahin. Es wäre schade und letzten Endes existenzbedrohend, wenn es sich diese Gelegenheit durch eine scheinbare Behäbigkeit entgehen lassen würde.

Wer an einem Invite zur geschlossenen Beta-Phase interessiert ist, meldet sich mit einem entsprechenden Kommentar. Einige haben wir noch.

Link: musicplayr

 

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19 Kommentare

  1. Bislang bin ich mit musicplayr noch nicht richtig warm geworden, obwohl sie für mich ganz klar einen Köln-Bonus haben! Von den von dir genannten Features fehlt mir insbesondere ein Browser-Plugin, um möglichst einfach Songs zu meiner Liste hinzuzufügen. Wenn ich mir da die exfm-Chrome Extension anschaue, dann ist das schon ein ganz anderes Nutzer-Erlebnis. Anders als du sehe ich übrigens exfm schon als direkten Wettbewerber, der zwar keine Einbindung über YouTube ermöglicht (klarer Nachteil), aber bei sonstigen Features – insbesondere Browser Plug Ins und Mobile Apps – einiges zu bieten hat und vom Grundmodell genau wie musicplayr auf das Teilen und Finden von extern gehosteten Songs ausgelegt ist.

    • Stimmt, Parallelen gibt’s, danke. Hab’s mal im Artikel noch erwähnt. Aber gerade die Tatsache, dass sich musicplayr aber nicht auf Musikblogs versteift, halte ich für ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal.

      Irgendwie ist ex.fm nicht simpel genug. Oder es ist die Frage persönlicher Präferenzen. Du wirst mit musicplayr nicht warm, ich mit Ex.fm nicht (hab das schon mehrmals probiert und immer wieder aufgegeben)

  2. Möchte testen und freue mich über ein Invite!

  3. Interessiert daran, selber Musik auf musicplayr zu teilen und damit an einem Invite.

  4. Würd’s mir gerne mal anschauen, danke.

  5. Bin an einem Invite interessiert! Danke!

  6. Bin an Invite interessiert.
    Guter Artikel.

  7. ich will, bitte ;)

  8. vermisse auch turntable.fm. musicplayr klingt nach einer guten alternative. hätte auch gern ein invite um es herauszufinden.

  9. Konzept hört sich vielversprechend an!! Würde mich auch über einen Invite freuen um es zu testen… Thx

  10. Zeitangabe und Sharing einzelner Songs plus separate Short-URLs sind seit wenigen Stunden da!

    Für einige mag sich der Beitrag sehr kritisch anhören, für uns nicht. Wir mögen die Sicht von aussen, weiter so!

    thx
    t

    ps: mein Lieblingswort ist die Goldwaage;)

  11. Ein sehr interessanter Service, danke für den Tipp! Über einen Invite würde ich mich freuen.

  12. Also bei der Anmeldung heute überraschte auf jeden Fall eine Design-Neuerung: Profil-Bilder sind jetzt rechts, Buttons links ;-)

    Ich sehe das etwas zwiespältig: Auf der einen Seite gewinnt musicplayr gerade durch seine Reduktion an Attraktivität. Da gibt es keinen Schnickschnack, der von der nützlichen und gut umgesetzten Grundfunktion ablenkt. Sowas ist auch schnell mal auf den Holzweg gefeatured.

    Auf der anderen Seite wie du sagst die Gefahr, dass ein gut ausgestatteter Shooter die Show stielt, und das ginge dann definitiv zu Lasten meines derzeitigen Lieblings-Startups.

    Bin auf jeden Fall sehr gespannt, in welche Richtung man sich auch jenseits der angemahnten Standard-Features wie Mobile und Activity-Stream entwickeln will, wäre ja viel denkbar…

  13. Vielen Dank für den Invite, nachdem ich Adblock auf der Seite deaktivert habe, hat es sehr gut geklappt!

  14. Wozu immer neue Features? Ist genau richtig so. Vielleicht sind wir einfach nicht mehr in der Zielgruppe ich-höre-musik-auf-youtube-weil-da-gibt-es-alle-lieder. Die 12 – 18jährigen lieben musicplayr, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
    (Die iPad Version ist so ziemlich das einzige, was ich wirklich vermisse.)

  15. Gibts noch Invites? Bin natürlich ebenso interessiert ;) Danke!

  16. Ich denke auch, dass ex.fm im Bereich der Online-Music-Player im Moment einfach die beste Performance und User Experience bietet. Mit den derzeitigen Dienst-Integrationen von u.a. Soundcloud und Bandcamp, sind sie auch in diese Richtung gut aufgestellt. Insbesondere die jeweiligen Browser-Plugins funktionieren bei mir bis jetzt reibungslos. Nach einer mehrmonatigen Pause, überzeugt mich die aktuelle ex.fm-Seite viel mehr. Ich denke mal, dass auch bei ex.fm irgendwann eine YouTube-Intergration und bestimmt auch eine Intergration der lokalen Musiksammlung erfolgen wird. Letztendlich, wurde bei ex.fm auch vor Kurzem noch das Funding-Kapitel aufgestockt …

2 Pingbacks

  1. [...] erwartungsgemäß groß. Ganz ohne Faux pas verlief der Start allerdings nicht. (18. Januar 2012) Auf dem Weg zum Tipping Point: musicplayr ist gut, aber behäbigMit musicplayr hat Deutschland ein junges, innovatives Musikstartup – das allerdings beim [...]

  2. [...] mit Googles Chrome Web Store.» Mozilla Foundation öffnet Firefox Marketplace Muiscplayr Der gute aber etwas behäbige Musicplayr ist jetzt öffentlich gestartet und gewann Holtzbrinck als Investor.Mit dem integrierten Player [...]

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