Appell:
Wieso die Tech-Berichterstattung
sorgfältiger werden muss

Die Grenzen zwischen Journalisten, Bloggern, Beratern und Investoren verschwimmen. Im neuen Digitalblog von Süddeutsche.de findet sich ein Beispiel dafür, warum die Berichterstattung über die Webwirtschaft sorgfältiger werden muss.

Im September hatten wir die Problematik der Interessenkonflikte im Online-Tech-Journalismus angesprochen. Meine damalige These: Die mangelnde Unabhängigkeit der Berichterstatter wird zum Dauerzustand. Im Angesicht der zunehmenden (medialen) Aufmerksamkeit für Themen der Internetwirtschaft, der Attraktivität von Technologiefirmen als Investitionsobjekte sowie der verschwimmenden Grenze zwischen Journalisten, Bloggern, PR-Fachleuten und Investoren rechne ich für 2012 mit einer Zuspitzung der Lage.

Warum es notwendig ist, für den Sachverhalt zu sensibilisieren, verdeutlicht ein aktueller Eintrag im neuen Digitalblog von Süddeutsche.de: Darin befasst sich Dirk von Gehlen in kurzer Form mit der Frage, ob Facebook mittlerweile zu voll ist, und nimmt dazu primär auf einen Artikel von dem US-Investor und ehemaligen TechCrunch-Chef Michael Arrington Bezug. In diesem behauptet Arrington pointiert, niemand würde mehr zu Facebook gehen, um anschließend auf Alternativen wie Path oder das in Entwicklung befindliche Just.Me zu verweisen.

Was allerdings im SZ-Text unterschlagen wird: Arrington hat in beide Anbieter investiert, wie er selbst auch transparent deutlich macht (Update: Als Reaktion auf diesen Artikel hat der Autor Dirk von Gehlen im Ursprungstext auf Arringtons Beteiligung hingewiesen). Seine “Analyse” ist damit vor allem eines: Werbung in eigener Sache. Dass der ehemalige Vollzeitblogger Arrington seine persönliche Site als Plattform nutzt, um für die eigenen Beteiligungen zu trommeln, ist legitim. Dass sich jedoch das Digitalblog von Süddeutsche.de dazu hinreißen lässt, eine im Prinzip lediglich übersetzte Fassung von Arringtons Beitrag zu veröffentlichen, ohne DEN entscheidenden und im Originaltext kenntlich gemachten Interessenkonflikt zu erwähnen, ist eine grobe Nachlässigkeit.

Oder würde die SZ auch einem deutschen Investor mit weniger Webprominenz die Möglichkeit einräumen, in einem Artikel in voller Länge für dessen Beteiligung Werbung zu machen und die Konkurrenz anzugreifen, sich also bedingungslos instrumentalisieren zu lassen? Sicherlich nicht!

Dieser Beitrag dient nicht allein dazu, mit dem Finger auf Süddeutsche.de zu zeigen – wobei dies im konkreten Fall nach meinem Empfinden angemessen ist. Der Text hätte in dieser Form auf dem Blog einer der renommiertesten Tageszeitungen Deutschlands nicht erscheinen dürfen.

Wichtiger ist meines Erachtens nach jedoch der Appell an alle, die an der Informationsbeschaffung, -bearbeitung und -weiterverbreitung von Meldungen, Analysen und Meinungen zum Internetsektor beteiligt sind, Sorgfalt walten zu lassen und nicht im Eifer des Gefechts um Seitenaufrufe und Retweets die Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen, die zur Gesamtbewertung notwendig sind oder einen knackigen Aufhänger relativieren oder entschärfen würden. Unabsichtlich kann dies sicher mal passieren. Vorsätzlich sollte dies allerdings Tabu sein, finde ich.

Mit der Allgegenwärtigkeit von Interessenkonflikten und der Verquickung von redaktionellen und persönlichen Interessen müssen wir uns anfreunden. Auch wäre es eine falsche Reaktion, den Aussagen der Arringtons dieser Welt und anderer, in eigener Sache argumentierender Experten kein Gehör mehr zu schenken. Den Vermerk zu Investitionstätigkeiten oder anderen wirtschaftlichen Verquickungen jedoch zumindest in den Nacherzählungen und Zitierungen mitzuliefern, wenn er einem schon auf dem goldenen Tablett serviert wird, ist wahrlich nicht zu viel verlangt und sollte gar nicht erst eine langjährige Journalistenausbildung voraussetzen.

Und was das SZ Digitalblog betrifft, entsteht bei mir gleich zum Launch der Eindruck, dort werde das publiziert, was den herkömmlichen redaktionellen Qualitätsstandards nicht standhalten würde. Nach dem Motto “Es ist doch nur ein Blog”. Was eigentlich eine Beleidigung für das Blogformat ist.

Update: Der Autor Dirk von Gehlen äußert sich in einem Kommentar, kann meine Kritik aber nicht nachvollziehen. Mittlerweile hat er im angesprochenen Artikel aber einen Hinweis zu Arringtons Investorentätigkeit untergebracht.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. Lieber Martin Weigert,

    vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, als moralische Instanz zu entscheiden, was in Blogs erscheinen darf und was nicht ;-)

    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Ihre Kritik nicht nachvollziehen kann: Das Blogpost von Michael Arrington ist in meinem Eintrag zentral verlinkt. Zu behaupten, wir würden den Verweis auf sein eigenes Engagement in den genannten Netzwerken unterschlagen, ist also für mich nicht haltbar. Vor allem weil sie umgekehrt aus dieser Verlinkung ja den irrigen Schluss ziehen, die SZ würde Arrington “die Möglichkeit einräumen, in einem Artikel in voller Länge für dessen Beteiligung Werbung zu machen und die Konkurrenz anzugreifen”.

    Ich habe es nochmal nachgeschaut und kann Ihnen sagen: Das ist nicht geschehen. Was vielmehr geschehen ist: Wir haben ein Blogpost von ihm verlinkt.

    Übrigens genau so wie Sie wenige Stunden nach unserem Eintrag auch. Anders als wir haben Sie Ihren Blogpost aber mit dem Logo der Firma versehen. Es ist nicht an mir zu entscheiden, welcher Eintrag da werblicher und damit moralisch angreifbarer.

    Viele Grüße

    Dirk von Gehlen

    • Danke für Ihre Antwort. Ihre Argumentation kann ich allerdings wiederum nicht nachvollziehen:

      Sie sagen, Sie haben einen Blogpost von ihm verlinkt. Ich bin der Meinung, Ihr Artikel ist wenig anderes als eine umformulierte, übersetzte Wiedergabe des Arrington-Beitrags – aber eben ohne die Information, dass er Investor bei den genannten Anbietern ist und deshalb einen guten Grund hat, herumzuposaunen, Facebook sei überfüllt . Ob Sie nun auf seinen Beitrag verlinken oder nicht – ich zumindest bin der Meinung, der Hinweis auf seine Investorentätigkeit ist aus Sicht der Leser essentiell für das Verständnis des Beitrags.

      Und weil Sie meinen Link auf den Arrington-Beitrag ansprechen: Zum einen erwähnte ich dabei von Anfang an, dass er Investor bei Path ist – geben also Lesern den notwendigen Kontext, um seine Aussage mit einer gewissen Distanz zu betrachten – zum anderen ist es meines Erachtens nach ein großer Unterschied, ob man an einer Stelle in einem eigenständigen Artikel auf seine Aussage verlinkt, oder ob man einen Beitrag quasi komplett auf dieser Aussage aufbaut und dann das augenscheinliche Motiv für dieses Aussage ausklammert.

  2. Ich habe Ihren Hinweis in dem Blogpost eingearbeitet und nehme mit Freude zur Kenntnis, dass Sie hier mit Begriffen wie “eigenständiger Artikel” argumentieren. In der Debatte um Blogger und Journalisten (was für eine unsinnige Unterscheidung holen Sie da eigentlich aus der Mottenkiste?) hört man das gewöhnlich von Menschen, die sich weniger digital verbreiten als Sie.

    Regelrecht unerfreulich ist übrigens die Herleitung Ihres Textes, in der Sie aus dem mangelnden Verweis auf Arrington eine PR-Nähe konstruieren. Da Sie sich ja offenbar Interesse an moralischen Urteilen haben, hier meins: ich bin noch unsicher, ob es nur unanständig oder auch dumm ist.

    Viele Grüsse

    Dirk v.Gehlen

  3. Ich finde Ihre Ergänzung im Originalartikel gut und habe meinen Beitrag entsprechend aktualisiert.

    Die von Ihnen angesprochene Konstruktion einer PR-Nähe war nicht meine Intention. Wird nicht im ersten Absatz (ich nehme an, darauf beziehen sie sich) deutlich, dass es darin um eine generelle Entwicklung geht? Und leugnen würden Sie diese doch sicher nicht, oder?

  4. Erstaunlich wie arrogant man reagieren kann, obwohl man einen offensichtlichen Fehler begangen hat. Getroffene Hunde bellen eben.

    Martin – SZ 1:0.

  5. Danke Martin,

    Inhaltlich ein 1 und eine 1 mit * für deine anschließenden Kommentare.
    Bitte bleibe deiner Linie treu

    Rainer

  6. Schön, dass Herr von Gehlen hier seine Lesekompetenz und seinen Diskussionsstil öffentlich dokumentiert. So ermöglichen seine Beiträge doch noch einem Erkenntnisgewinn (hinsichtl. SZ-Blog).

  7. Autsch, Herr von Gehlen… Das mit dem Umgang mit Kritik und den Feedbackschleifen im Onlinejournalismus üben wir aber nochmal.

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  1. [...] Artikel mit eigenem Durchdachten ist dem Berichten von anderswo gefundenen News gewichen. Für den Technikbereich habe ich dies hier [...]

  2. [...] zu wie auf IT-Portale und Tech-Blogs. Wir haben uns dieser Problematik schon häufiger gewidmet (hier, hier und hier), müssen es aus aktuellem Anlass aber abermals tun. Zwei aktuelle Ereignisse [...]

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