Das Digital-Jahr 2011:
Ökosysteme, Startup-Boom
und Kim Schmitz

2011 ist in der digitalen Welt viel passiert, auch wenn die ganz großen Überraschungen ausblieben. Geprägt war das Jahr vor allem vom unaufhaltsamen Aufstieg der digitalen Ökosysteme.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ich freue mich ganz offen gestanden auf einige Tage der freiwilligen Informationsdiät. Zuvor bietet es sich aber an, das Internetjahr 2011 Revue passieren zu lassen. Es war ein ereignisreiches und spannendes Jahr, das jedoch wenige echte Überraschungen bot.

Auch wenn mir zum jetzigen Zeitpunkt noch die Distanz zu den Geschehnissen der vergangenen elfeinhalb Monate fehlt, glaube ich, dass in der Rückblende die Ausbreitung von Ökosystemen und Plattformen in die letzten Winkel der digitalen Sphäre die charakteristischste Entwicklung dieses Jahres darstellen wird: 2011 stand maßgeblich im Zeichen von Facebook, Google, Apple und Amazon.

Kein Internetnutzer kommt mehr an Facebook vorbei

Facebook ist mit über 800 Millionen aktiven Nutzern und mehr als sieben Millionen mit dem Social Network verknüpften Apps und Websites zu einem Massenphänomen avanciert, das bisher Seinesgleichen sucht und im Prinzip jeden Benutzer des Internets ständig in unterschiedlichen Situationen begegnet – sei es durch Like- und Share-Buttons auf Websites, Kontakt-Abgleiche und Login-Mechanismen bei Drittanbietern oder Verlinkungen und Erwähnungen von Facebook Unternehmens- oder Markenprofilen.

Was dem gerade von Palo Alto ins benachbarte Menlo Park umsiedelnden sozialen Netzwerk mit seinen über 3000 Angestellten noch fehlt, ist ein eigenes Smartphone und ein eigener Browser – auch um auf diese Weise die möglichen Einsatzgebiete für die virtuelle Währung “Facebok Credits” zu erweitern. Am Mobiltelefon wird angeblich gearbeitet, und vielleicht auch am Browser. Beides könnte der Öffentlichkeit 2012 präsentiert werden – ebenso wie die Aktien des Unternehmens, das mittlerweile ein Rekordbewertung von 100 Milliarden Dollar für realistisch hält.

Google wird mit Google+ zu Google 2.0

Für Google stand 2011 ganz im Zeichen der Ausrichtung des einstigen Suchkonzerns für die neue, von der Vernetzung von Anwendern und Unternehmen mit- und untereinander geprägten Dekade. Seit dem Sommer 2011 existiert Google+, das nun dabei ist, sich eine hinreichend große Nische zwischen Facebook und Twitter zu schaffen, damit diese am Ende nicht mehr als “Nische” bezeichnet werden muss. Indem Google sukzessive sämtliche seiner Angebote entweder einstampft oder mit Google+ verbindet, stehen dem mit dem Werbegeschäft weiterhin sprudelnde Gewinne erwirtschaftenden US-Konzern zumindest viele Mittel zur Verfügung, um Nutzer irgendwie auf die neuen sozialen Fähigkeiten aufmerksam zu machen. Erst recht durch eine Integration mit Android, dem mittlerweile führenden Smartphone-Betriebssystem. Was Tablets betrifft, hat Google allerdings noch etwas Arbeit vor sich, um die in vielen Köpfen herrschende begriffliche Gleichstellung von Tablet mit iPad zu beenden. Geräte mit Google TV sowie die Chromebooks entwickelten sich 2011 nicht zu den erhofften Verkaufsschlagern.

Apple ging es um die Cloud

Bei Apple, das dritte der vier großen Ökosysteme, stand 2011 die Cloud im Mittelpunkt. iCloud vernetzt Apple-Geräte miteinander und erlaubt den Zugriff auf Dokumente, Daten, Apps und Medieninhalte von sämtlichen mit der Cloud verbundenen Geräten – egal ob Smartphone, Tablet oder Apple-Rechner. Während die Hardware und Drittanbieter-Apps sich nach wie vor blendend verkaufen, hindern Apples traditionell geschlossener Ansatz sowie fehlende Impulse im Online-Softwarebereich das Unternehmen aus Cupertino daran, seine Fühler ähnlich weit in den Alltag einer maximalen Zahl von Menschen zu stecken, wie dies Facebook, Google und Amazon vormachen. Dafür kommt dann 2012 vielleicht ein Apple-Fernseher. Ob dieser den hohen Erwartungen gerecht wird, hängt maßgeblich davon ab, inwieweit das Unternehmen nach dem Tod von Visionär und Firmenchef Steve Jobs dessen gelebte Liebe zu Design, Minimalismus und Einfachheit auf künftige Produkte übertragen können wird.

Amazon will verkaufen – über jeden erdenklichen Kanal

Progressiv ging 2011 Amazon vor – das vierte Unternehmen im Bunde der “Big Player”. Neben dem klassischen E-Commerce-Segment und dem stetig expandierenden Angebot an Cloud-Dienstleistungen für Entwickler und Onlineanbieter errichtet der umtriebige Konzern aus Seattle derzeit mit großen und schnellen Schritten ein Ökosystem rund um digitale Medieninhalte. Neben immer billigeren E-Readern und in Umfang und regionaler Verfügbarkeit erweiterten Medienangeboten überraschte Amazon mit einem eigenen Android-Appstore sowie vor allem mit seinem Billig-Tablet Kindle Fire, das seit kurzem in den USA verkauft wird und einem einzigen Ziel dient: Amazon-Inhalte an den Mann und die Frau zu bringen. 2012 könnte die Kindle-Famile dann auch um ein Smartphone erweitert werden, erwarten zumindest Analysten.

2011 lag die Schwelle zur Webgründung so niedrig wie nie

Diese vier US-Firmen werden 2012 das digitale Business diktieren, nationale Medienunternehmen in Bedrängnis bringen und wie schon bisher das ein oder andere Startup aufkaufen. Apropos Startups: Davon gab es 2011 gefühlt sehr viele. Der gestiegene gesellschaftliche Status des Geeks, die Aussicht auf den großen Exit beziehungsweise das Verändern der Welt (je nach Wertekonstrukt des Gründerteams), die verhältnismäßig gute Verfügbarkeit von Risikokapital, der im Zeitalter von Cloud Computing geringe, mit der Entwicklung eines Webdienstes verbundene Kostenaufwand sowie der “Goldrausch” im Mobile Web haben sich merklich auf die Quantität frisch lancierter Startups ausgewirkt. Die Zahl derjenigen, die wirklich und dauerhaft überzeugen, blieb auch 2011 naturgemäß auf einem niedrigen Niveau (einige davon finden sich in unserer Umfrage zum Onlineservice des Jahres wieder).

Der erwartete Aufsteiger des Jahres ist für mich Spotify – trotz des etwas bedauerlichen Schmusekurses mit Facebook. Sofern nicht das wackelige Konstrukt aus verschiedensten, teilweise konträren (finanziellen) Interessen zusammenbricht, wird Spotify die globale Musikplattform der nächsten Jahre. Die für mich größte Überraschung 2011 stellt WhatsApp dar, und die meiste Freude hatte ich mit turntable.fmbis es für Nutzer von außerhalb der USA geschlossen wurde. Ebenfalls Spaß bereitete mir für einige Wochen Empire Avenuedas Börsenspiel für Social-Media-Sympathisanten. Genauso schnell, wie alle meine Online-Kontakte auf die Plattform stürmten, beendeten sie dann allerdings ihre Aktivität, womit der Reiz des Dienstes verflogen war.

Börsengänge und andere Ereignisse

Neben dem Aufstieg der großen Ökosysteme und einem Startup-Boom zeichnete sich das Internetjahr 2011 durch Börsengänge einiger Schwergewichte wie LinkedIn und Groupon aus, ohne dass zum heutigen Zeitpunkt klar ist, inwieweit aus diesen IPOs langfristige Erfolgsgeschichten werden – zumal es sich bei Groupon auch um das mit Abstand umstrittenste Webunternehmen des Jahres handelt. Viel gescholten wurde in den letzten Monaten zudem Klout, ein Werkzeug zur Messung der Social-Media-Reputation. Angesichts des Bedarfs an der Sichtbarmachung von Wissen und Einfluss im Social Web dürfte Klout auch 2012 die Gemüter erhitzen.

2011 wird außerdem als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem einstmals führende deutsche Social Networks in der Versenkung verschwanden, in dem der Internetstandort Berlin auf globaler Ebene ins Rampenlicht rückte, in dem wenig netzaffinen Politikern (= dem Großteil) erstmals zu schimmern begann, wie das Internet die eingefahrenen Strukturen dieser Welt auflöst, und in dem staatliche Datenschützer eine Medienpräsenz erreichten, die der von Popstars ähnelt. Außerdem wurde der baldige Tod von Flash als Werkzeug zur Darstellung interaktiver Webinhalte besiegelt, und mit Bitcoin machte erstmals eine dezentrale virtuelle Währung auf breiter Front von sich reden – um dann kurze Zeit später von den Medien wieder fallen gelassen zu werden.

Und das Comeback des Jahres? Kim Schmitz mit Megaupload.

Viele Entwicklungen, die wir 2011 beobachten konnten, werden sich im kommenden Jahr mit zunehmender Intensität wiederholen. Und auch wenn man mit den folgenden Worten seit etwa 1996 jeden Jahresrückblick hätte abschließen können: Wir befinden uns noch immer nur ganz am Anfang.

(Illustration: stock.xchng/barunpatro)

Mehr lesen

Reform des Urheberrechts: Je schneller Pinterest wächst,  desto besser

13.2.2012, 48 KommentareReform des Urheberrechts:
Je schneller Pinterest wächst, desto besser

Mit Pinterest erlebt gerade ein Webdienst einen kometenhaften Aufstieg, bei dem Nutzer tagtäglich millionenfach und in vielen Fällen unwissend gegen das Urheberrecht verstoßen. Genau ein derartiges Phänomen benötigt die Urheberrechtsdebatte.

Unveränderliche Veränderung: Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

23.1.2012, 14 KommentareUnveränderliche Veränderung:
Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

Die Urheberrechtsdebatte führt im digitalen Zeitalter zu immer neuen, größeren Konfliktherden. Es ist Zeit für einen pragmatischen Blick auf die Folgen einer unveränderlichen Veränderung.

Wertschöpfung bei Medienproduktionen: Die Spielregeln verändern sich

23.12.2011, 16 KommentareWertschöpfung bei Medienproduktionen:
Die Spielregeln verändern sich

Die Spielregeln, nach denen Medienproduktionen finanziert und monetarisiert werden, verändern sich rasant. Drei aktuelle Beispiele illustrieren dies.

Internetstandort Berlin: Bürgermeister Klaus Wowereit will nicht mit Startups sprechen

21.2.2012, 70 KommentareInternetstandort Berlin:
Bürgermeister Klaus Wowereit will nicht mit Startups sprechen

Berlins Internetbranche boomt. Grund genug, um mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit über das künftige Potenzial dieses Wirtschaftszweigs zu sprechen, fand 6Wunderkinder-CEO Christian Reber - und erhielt eine Absage.

\

20.1.2012, 7 Kommentare"Startups schaffen Arbeitsplätze":
Wie sich die Internetdebatte konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

Quote.fm: Der überraschende Newcomer

15.12.2011, 7 KommentareQuote.fm:
Der überraschende Newcomer

Innerhalb weniger Monate hat sich Quote.fm eine treue Fangemeinde aufgebaut. Das Startup aus Hamburg ist einer der Newcomer des Jahres - ohne dabei auf der allgegenwärtigen Berlin-Welle zu reiten.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

Jahresrückblick 2010: Cloud Computing und das  Ende der Inhouse-Infrastruktur

20.12.2010, 12 KommentareJahresrückblick 2010:
Cloud Computing und das Ende der Inhouse-Infrastruktur

Cloud Computing dominierte 2010 die Schlagzeilen der IT- und Webwelt. Während manche aus Eigeninteresse die "Private Cloud" in den Vordergrund rücken, betrafen die wichtigsten Errungenschaften und Fortschritte die "Public Cloud".

5 Kommentare

  1. Tim
    schrieb am 13. Dezember 2011 um 16:33 Uhr (#)

    “Kein Internetnutzer kommt mehr an Facebook vorbei”

    Sorry, das ist Schwachsinn. Aber es den Leuten einreden ist so einfach und hip.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 13. Dezember 2011 um 16:44 Uhr (#)

      Lies doch einfach mal den Satz, der danach kommt. Dann wird dir klar, was ich meine.

  2. Jesus Rodriguez
    schrieb am 14. Dezember 2011 um 12:26 Uhr (#)

    Ich will hier ja nicht den Spielverderber spielen, Spotify ist schon ein sehr schönes Produkt. Eine interessante kritische Beleuchtung, ob das alles stimmt, wissen sie wohl nur selbst:

    http://gigaom.com/2011/12…ds-of-record-labels/

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 14. Dezember 2011 um 12:27 Uhr (#)

      Der Artikel ist auch in meinem Beitrag verlinkt.

    2. Jesus Rodriguez
      schrieb am 14. Dezember 2011 um 12:31 Uhr (#)

      Hoppla, Recht hat er. Waren so viele Links.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
vgwort