Eric Schmidt trifft auf die “jungen Wilden”:
Googles Handicap im Social Web

Viele junge und junggebliebene, hungrige Gründer versuchen mit digitalen Diensten, Menschen zu vernetzen. Sie sind glaubwürdig, weil sie damit eigene “Probleme” lösen. Google-Chairman Eric Schmidt nimmt man dies nicht ab, wenn er über Google+ spricht.

Fotos: leweb.net
Fotos: leweb.net
Welchem Autohändler würdet ihr eher die Argumente für den Kauf eines bestimmten Gefährts abnehmen? Einem, der selbst nur zu Fuß geht, oder einem, der genau das Modell besitzt, welches er nun an den Mann oder die Frau zu bringen versucht?

Als ich am gestrigen Mittwoch den Livestream der LeWeb-Konferenz verfolgte und dort auf der Bühne nacheinander Googles Executive Chairman und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt, Facebooks europäische Geschäftsführerin Joanna Shields, Digg- und Oink-Gründer Kevin Rose, Instagram-Founder Kevin Systrom und foursquare-Gründer Dennis Crowley auflaufen sah, musste ich nicht lange überlegen, welche dieser Personen für mich die am meisten überzeugenden Verkäufer von Ideen zur digitalen Vernetzung von Menschen darstellen: Kevin Rose (Jahrgang 77), Kevin Systrom (Jahrgang 84) und Dennis Crowley (Jahrgang 76) .

Alle drei sind nicht nur jung oder junggeblieben, sondern wirken selbst wie der typische Digg-/Oink-, Instagram- oder foursquare-Nutzer. Wären die Drei nicht die Gründer und CEOs von sehr zukunftsträchtigen Onlinefirmen, könnte ich mir problemlos vorstellen, wie sie trotzdem eifrig mit foursquare an Orten einchecken, Fotos mit Instagram publizieren oder Drinks mit Oink bewerten.

Rose, Systrom und Crowley sind Teil ihrer eigenen Zielgruppe

Rose, Systrom und Crowley sind nicht nur prominente Entrepreneure, sondern gleichzeitig Teil ihrer eigenen Zielgruppe. Das macht sie für mich glaubwürdig und lässt mich interessiert aufhorchen, wenn Systrom anmerkt, dass Instagram angetreten sei, um Medien zu revolutionieren. Bei allen drei Webunternehmern fällt es mir nicht schwer, ihnen abzunehmen, dass ihre jeweilige Idee aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entstand.

Gleiches gilt natürlich auch für den nicht auf der LeWeb anwesenden Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Der 27-Jährige stellt eine etwas “nerdigere” Variante des Gründertypus Rose/Systrom/Crowley dar, muss aber genau deshalb niemanden davon überzeugen, dass er tatsächlichen Bedarf an einer Onlineplattform hatte, die den sozialen Austausch zwischen Menschen – und zu Anfang zwischen Zuckerbergs Kommilitonen an der Harvard Universität – erleichterte.

Die Gründer von Facebook, foursquare, Instagram und Digg/Oink haben mit ihren Ideen versucht, eigene Problem zu lösen. Stehen sie auf der Bühne und erläutern, welche Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um diesem Ziel näherzukommen, und welche sozialen Bedürfnisse tief in den Menschen schlummern, dann haben diese Aussagen für mich durchaus Bedeutung.

Das seltsame Verhältnis des Google-Managements zum Social Web

Doch wenn Eric Schmidt, Googles bisheriger CEO und jetziger Executive Chairman, das Wort übernimmt und die Vorzüge von Google+ anpreist, beschleicht mich immer wieder der Eindruck, er selbst wäre der Letzte, der freiwillig ein soziales Netzwerk zur privaten Interaktion mit anderen Menschen nutzen würde.

Sowohl der 56-jährige Schmidt als auch große Teile des Google-Managements sind berühmt-berüchtigt für ihre mangelnde Präsenz und Aktivität im Social-Web-Bereich. Und während Schmidt alle paar Monate mal einen Tweet veröffentlicht, hat der pressescheue Google-Gründer und CEO Larry Page gar keine öffentlichen Profile bei den gängigen Social-Web-Diensten (außer einem sporadisch, schubweise aktualisierten Google+-Konto). Immerhin: Googles Social-Chef Vic Gundotra (Jahrgang 68) ist ein sehr intensiver Netzwerker bei Google+. Ob der ehemalige Microsoft-Evangelist diese hohe Aktivität aber auch an den Tag legen würde, wenn er nicht verantwortlich für Googles Social-Web-Initiative wäre, ist fraglich.

Von Eric Schmidt, der trotz des Machtwechsels an der Google-Spitze weiterhin die größte öffentliche Sichtbarkeit des Internetkonzerns besitzt, kann jeder zweifellos viel fürs Leben lernen. Er ist einer der erfolgreichsten, intelligentesten und am besten artikulierten Unternehmenslenker überhaupt.

Doch was die Kommunikation und soziale Interaktion von und zwischen Menschen betrifft, und wie man auf Basis der existierenden Verhaltensmuster intelligente, nutzenstiftende digitale Angebote entwickelt, die auch emotional berühren, darüber würde ich persönlich sehr viel eher mit Mark Zuckerberg, Dennis Crowley, Kevin Systrom oder Kevin Rose fachsimpeln, als mit dem stets etwas unnahbar und kühl wirkenden Schmidt.

Nahezu jedes erfolgreiche Social Network wurde zu Anfang von einer verhältnismäßig jungen Nutzerschaft eingenommen. Ich bezweifele, dass Eric Schmidt und überhaupt irgendjemand in Googles Führungsetage sich gut genug in diese Zielgruppe hineinversetzen kann. Den “jungen Wilden” fällt dies leichter.

Richtig deutlich wird das, wenn man sie alle mit Ausnahme von Zuckerberg nacheinander auf der LeWeb-Bühne gesehen hat. In den Momenten, in denen Eric Schmidt über “social” spricht, ist er für mich der Autoverkäufer, der selbst nur zu Fuß geht.

P.S. Vielleicht sollte Google es mal mit Marrisa Mayer als Social-Chefin versuchen?

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8 Kommentare

  1. Carsten Pötter
    schrieb am 8. Dezember 2011 um 13:09 Uhr (#)

    Sicherlich nehme ich Schmidt auch nicht ab, dass er ein Social Network nutzt. Was Dich aber sicherlich mit den anderen angesprochenen Gründern verbindet ist das Alter und ihr saloppes Auftreten (Jeans, Sneaker, Badeschlappen,…). Schmidt mit Anzug und Krawatte passt da sicherlich nicht. Er ist eher der Geschäftsmann oder eben der Autohändler. Ob Mayer im Designer Kostüm da die bessere Alternative ist, ist fraglich.

    Aber lass Dich da in späteren Jahren nicht blenden. Bei Facebook dürfte das Geschäft und die Repräsentation nach Außen bereits ebenfalls getrennt sein, Sandberg Zuckerberg. Und falls Foursquare, Instagram,… noch größer werden, werden sie auch Unterstützung im Businessbereich bekommen (müssen). Ihre Gründer mögen dann noch formal CEO oder was auch immer sein, aber ihre Aufgabe wird im Wesentlichen darin bestehen, das Unternehmen nach Außen zu vertreten und den jugendlichen Anstrich zu wahren.

    Ja, Google sollte jemand anderes über Social reden lassen. Aber dann nicht blenden lassen. :)

  2. Jonas
    schrieb am 8. Dezember 2011 um 15:10 Uhr (#)

    Guter Punkt, obwohl Marissa Meyer mE kein gutes Beispiel ist – eher schon Vic Gundotra/ Bradley Horowitz, die zwar auch älter sind, aber in einer Liga mit Scoble, Leo Laporte & Co. spielen und konsequenterweise Google+ leiten. Und dass zukünftig ein 27-jähriger die Google-Social-Vision nach außen repräsentiert, halte ich für unwahrscheinlich, selbst wenn es hülfe.

    @Instagram: ziemlich cooler Vortrag der beiden Gründer übrigens hier zu sehen/ hören http://ecorner.stanford.e…alInfo.html?mid=2686 Ein “gem” aus ihrem Vortrag: die beiden sind nicht einmal Programmierer, was deine Aussage noch unterstreicht.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 8. Dezember 2011 um 15:42 Uhr (#)

    @ Carsten Pötter
    Klar ziehen bei den genanten Diensten nicht nur die Gründer in ihren T-Shirts die Fäden. Aber der CEO/Gründer kann eben doch top-down viel Einfluss nehmen. Und da dürften von den Jungspunden ganz andere Impulse kommen als von einem erfahrenen Business-Leader wie Eric Schmidt. Zumal auch die Außenwirkung (z.B. auf Konferenzen) eine Rolle spielt. Wer würde schon ein neues Social Network ausprobieren, nur weil Eric Schmidt sagt, es sei gut?

    @ Jonas
    Mir fällt zumindest keine andere prominente Führungsperson bei Google ein, die besser geeignet wäre. Letztlich gab es ohnehin noch nie ein erfolgreiches Social-Web-Produkt, das von einer Frau verantwortet wurde. Hier könnte Google entscheidende Akzente setzen.

    Aber letztlich glaube ich, genau den von dir angesprochen 27-jährigen, der Google Social nach außen präsentiert und dabei noch glaubwürdig ist, benötigt Google eigentlich.

    Ja die Programmierer gehen dann eher in die Zuckerberg-Richtung, so mit Badelatschen und so ;)

  4. Bastian
    schrieb am 9. Dezember 2011 um 00:43 Uhr (#)

    Google hat durchaus fähige Leute, die sich auch mit Social sehr gut auskennen – allen voran Damon Horowitz oder seit einigen Monaten auch Brynn Evans. Diese bekleiden dort auch zentrale Rollen – aber nicht nur die Tatsache, dass quasi jeder Mitarbeiter von Google einen PhD hat, sorgt vielleicht dafür, dass man sich eher aus der Wissenschaftlichen Perspektive den Dingen nähert. Und mit Sharing haben sie es eh nicht so … (siehe Geheimlabors, usw.) Ein wenig gesunder Pragmatismus würde hier wohl nicht schaden.

  5. Daniel
    schrieb am 9. Dezember 2011 um 12:02 Uhr (#)

    seit wann ist es für ein unternehmen wichtig wie ein ceo rüberkommt?

    wenn es danach geht müsste es ja amazon ziemlich dreckig gehen. schließlich ist jeff bezos überhaupt nicht existent was sein präsenz angeht.

    denke nicht dass eric ein “handicap” für google ist. eher das gegenteil.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 9. Dezember 2011 um 12:15 Uhr (#)

      Vieles läuft Top-Down. Wenn der CEO eines Unternehmens wenig zum Thema social beitragen kann, weil er selbst kein Interesse an der Thematik hat, wird er seinen Teams auch nicht die Impulse vermitteln können, die ein Mark Zuckerberg transportiert. Das ist der interne Aspekt. Die Außenwirkung ist ein zweiter Faktor, und im Social Web – wo das Produkt die Nutzer sind – spielt diese eine große Rolle. Stell dir vor, auf den Facebook Keynotes stünde nicht ein Mark Zuckerberg mit Badelatschen (macht er ja leider nicht mehr), sondern ein Oldie wie Eric Schmidt… ich kann es mir gar nicht vorstellen.

      Amazon hat zu Anfang nichts anderes getan, als Waren zu verkaufen. Klar dass den Kunden dabei egal ist, wer die Person dahinter ist. Hauptsache billig.

  6. Michael
    schrieb am 9. Dezember 2011 um 18:16 Uhr (#)

    An den im Artikel aufgeführten Gesichtspunkten ist natürlich was dran als Hemmnis für Googles Schwierigkeiten im Social Web. ABER Google war ja einst selbst ein hippes junges Unternehmen und ist es von seinem höchst innovativen und kreativen Grundansatz m.M. auch heute nach wie vor. Der Hauptgrund für Googles Social-Web-Probleme scheint mir vielmehr, dass sie nicht als Social Network, sondern als Suchmaschine begonnen haben und hierbei deshalb zwangsläufig einige Jahre später auf den Plan getreten sind. Im Grundansatz waren sie anfangs mehr eine Suchmaschine denn ein Netzwerk. Erst seit diesem Jahr wandelt sich Google mehr und mehr von einem reinen Suchdienst zu einem integrierten Informations- UND Kommunikationsnetzwerk. Und hat dabei wegen seiner viel umfangreicheren Informationsbasis langfristig mindestens gleiche, wenn nicht gar größere Chancen als Facebook, das ja ein reines Netzwerk allein ist.
    Google+ steht ja zeitlich noch relativ am Anfang und ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Im Moment ist erst noch verstärkt die “Netzavantgarde” hier. Diese Netzavantgarde könnte & dürfte mit weiterer Integration von Google+ ins große Googleversum aber weitere Massen von Usern nach sich ziehen, insbesondere auch aus dem kleinen und mittleren Geschäftsbereich, sowie Studenten, Akademiker und später vielleicht den großen Rest. Insbesondere, weil G+ auch ein viel besseres Infowerkzeug als FB ist.
    Und was sagen wir denn zu folgender Infografik? Ich werd zwar nicht ganz schlau draus – aber da hat Google einen ganz großen Ballon in Sachen Social Media, also quasi ganz dicke punkt, punkt, punkt

    http://juliangrandke.de/s…nd-value-infografik/

    1. Michael
      schrieb am 9. Dezember 2011 um 18:36 Uhr (#)

      Ich meinte im ersten Satz natürlich nicht Hemmnis für Googles Schwierigkeiten im Social Web, sondern für sein Vorankommen ebendort.

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