Das Auge surft mit:
Das Ende hässlicher Apps

Eine Reihe neuer mobiler Dienste begeistert Anwender mit viel Liebe zum Detail und einem ausgeprägten Design-Fokus. Die Messlatte für das äußere Erscheinungsbild mobiler Apps liegt damit immer höher.

Wenn ich einen Blick auf das Design von mir häufig verwendeter mobiler Apps werfe, dann fällt mir zuerst das Prädikat “zweckmäßig” ein. Viele der Anwendungen, die ich oft nutze – von Facebook über WordPress, Yammer, foursquare, Instagram, LinkedIn oder Xing – versuchen augenscheinlich, durch Funktionalität zu überzeugen, nicht durch durch eine besonders schöne Benutzeroberfläche.

Doch in jüngster Zeit ist bei diversen frisch gestarteten mobilen Diensten ein veränderter Fokus festzustellen: Neben einem stimmigen Feature-Umfang legen diese Apps großen Wert auf eine ästhetische Präsentation sowie auf das Vorhandensein intelligenter Navigationselemente. Auch scheuen sie sich nicht davor, mit verschiedenen Darstellungsformen zu experimentieren.

Der Designfokus allein ist zwar keine Garantie für Erfolg, aber je mehr derartiger Apps ihren Weg auf unsere Smartphones finden, desto höher legen sie die Messlatte in puncto Interface und Usability. Das derzeit prominenteste Beispiel für die neue Generation besonders hübscher mobiler Services ist das aus San Francisco stammende mobile Social Network Path.

Im Gegensatz zu Facebook will Path Nutzer dazu animieren, sich nur mit den wirklich engsten Freunden zu vernetzen, mit diesen dann aber auch sehr persönliche Aspekte des Lebens zu teilen.

Path begeistert mit seiner Optik die Tech-Presse

Nach einem wenig erfolgreichen ersten Versuch veröffentlichte das US-Startup in der vergangenen Woche eine in Teilen konzeptionell, aber vor allem optisch überarbeitete zweite Variante der für iPhone und Android erhältlichen App, und sorgte mit dieser in der US-Tech-Szene für einen der überschwänglichsten Begeisterungsstürme seit langem. “Hinsichtlich Design, Umsetzung und Charakter fühlt sich die App an, als hätte Apple sie entwickelt”, so das Fazit von Tech-Journalist Dan Frommer, der wie viele andere die Optik von Path lobt.

Wer Path einmal ausprobiert, wird die positiven Kommentare hinsichtlich des Designs verstehen können. Auch dieses Video vermittelt einen guten Eindruck von der App. Zwar wollen einige Funktionselemente erst entdeckt werden und sind nicht ganz offensichtlich, aber die Liebe zum Detail und die zahlreichen grafischen Raffinessen und Spielereien lassen das Gros anderer Apps alt aussehen.

Path wird sicherlich mehr benötigen als ein ausgezeichnetes äußeres Erscheinungsbild, um nach seinem “Pivot” eine kritische Masse an Anwendern zu erreichen, denen die Positionierung als für das wirklich private Sharing ausgelegtes Pendant zu herkömmlichen Social Networks genug wahrgenommenen Nutzwert bietet. Doch immerhin ist es dem von Napster-Co-Founder Shawn Fanning und dem ehemaligen Facebook-Plattform-Manager Dave Morin gegründeten Startup aus Kalifornien mit dem gewählten hohen ästhetischen Anspruch gelungen, Early Adopter und Tech-Journalisten rund um den Globus auf die App aufmerksam zu machen. Angesichts von fast einer Million mobilen Apps, die um Beachtung kämpfen, ist bereits dies viel wert.

Neben Path versuchen auch andere junge Dienste, potenzielle Nutzer durch ein besonders ansprechendes User Interface zu beeindrucken. Die ebenfalls aus San Francisco stammende Bewertungsplattform Oink beispielsweise macht mir allein deshalb so viel Spaß, weil ihre Benutzeroberfläche und die Darstellung der bewerteten Dinge einfach toll aussehen (Stichwort “Design for Emotion“, via). Das Geheimnis liegt dabei nicht allein im Design, sondern auch darin, wie dies mit durchdachten Bedienelementen und einer möglichst hohen Responsivität ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Quoras vor einiger Zeit veröffentlichte iPhone-App ist zwar kein ganz so großer Augenschmaus wie Path und Oink, aber auch sehr nett gemacht, und vor allem reagiert sie blitzschnell auf die Befehle der Anwender, was für ungeduldige Nutzer (wie mich) äußerst wohltuend ist.

Auch aus Berlin kommen “schöne” Apps

Bei der neu entdeckten Liebe zum Design handelt es sich nicht um ein reines US-Phänomen. Im Juli beleuchteten wir die neue Generation von Onlineservices aus Berlin, die anders als bei deutschen Startups bisher üblich ein besonderes Augenmerk auf Ästhetik und attraktive Benutzeroberflächen legen. Das Taskmanager Wunderlist, die Foto-App EyeEm, die Musik-App wahwah.fm sowie die Audio-Plattform SoundCloud sind einige Beispiele hierfür. Im August beschrieb auch The Next Web, wie sich die deutsche Hauptstadt zum Zuhause einer neuen Generation schöner Apps mausert.

Es gibt viele Gründe für die Entwicklung

Gründe, wieso bei Entwicklern und Startups das Erschaffen einer außergewöhnlichen Optik eine immer höhere Priorität erhält, lassen sich einige finden: Erstens gelingt es auf diese Weise (noch), sich von der schieren Masse an Apps abzuheben und positive Reaktionen erster Tester zu erhalten (siehe Path). Zum anderen konnten Entwickler und Designer seit der Eröffnung des ersten App Stores (von Apple) im Sommer 2008 viel Know-how und Best Practices erlangen, wovon sie nun profitieren. Drittens nimmt die Leistungsfähigkeit von Smartphones zu, was neue Möglichkeiten für die App-Gestaltung eröffnet, und viertens hilft auch die Evolution der Software-Umgebung dabei, neue Wege beim App-Design gehen zu können.

Das Auge isst mit, das Auge surft mit

“Das Auge isst mit” lautet ein altes Sprichwort, und nicht ohne Grund ist in der gehobenen Küche die atemberaubende Präsentation von Speisen Teil der Gesamtleistung. Nichts spricht dafür, dass dies bei mobilen Apps (und generell bei allen Benutzeroberflächen, über die wir mit digitalen Diensten interagieren) anders sein sollte.

Die in diesem Artikel genannten Anbieter verändern zusammen mit einer wachsenden Zahl weiterer Dienste unsere Ansprüche an die visuelle Darbietung von mobilen und digitalen Services – egal ob es sich dabei um native Apps oder Web-Apps handelt. Jede neue, herausragend elegante Anwendung beeinflusst, wie wir auf die von uns regelmäßig verwendeten Apps blicken. Diese sind gezwungen, künftig ebenfalls mehr Liebe zum Detail und mehr Energie für die Schaffung eines stimmigen, ansehnlichen Gesamtbildes aufzuwenden. Das gilt auch für die führenden Internetkonzerne wie Google, Facebook, Twitter oder Amazon, die bisher eher durch Pragmatismus statt durch Detailliebe und optische Gimmicks aufgefallen sind.

Mit der am Wochenende bekannt gewordenen Übernahme von Gowalla durch Facebook – einem Location-Dienst, der seit jehe viel Wert auf sein Äußeres legte – kauft sich das blau-weiße soziale Netzwerk gerade Design-Kompetenz ein. Es dürfte nicht die letzte Akquisition einer schönen App durch einen Big Player sein.

Welche mobile App ist in euren Augen eine Stil- und Design-Ikone?

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6 Kommentare

  1. Jürgen
    schrieb am 5. Dezember 2011 um 10:07 Uhr (#)

    Guter Beitrag, aber dass Gowalla eine hübsche App ist – ich teste sie gerade – kann ich nicht bestätigen. Die ist eigentlich eher kompletter Murks und im Vergleich zu Foursquare nicht einmal schön.

  2. Sebastian
    schrieb am 5. Dezember 2011 um 10:13 Uhr (#)

    Danke für die Übersicht. Wird Zeit, den App-Entwicklern mal auf die Füße zu treten. Das gilt übrigens nicht nur für Design sondern auch für App-Store-Texte: Wass hier an Selbstbegeilung stattfindet, ist kaum zu fassen.

    PS: Kennst Du eine richtig schicke Wetter-App?

  3. Jürgen
    schrieb am 5. Dezember 2011 um 11:08 Uhr (#)

    Mobile App können in der Tat stilvoll sein, man muss sie nur entdeckten. :-)

    Ich kann da einige empfehlen:

    - Tagebuch “Momento”
    - Wetter “Outside”
    - Brainstorming “Chromolux Ideenkonserve”

  4. Karsten
    schrieb am 8. Dezember 2011 um 11:46 Uhr (#)

    Sorry, aber die Wunderlist App ist vielleicht optisch ganz schön. Aber von der Usability viiiel zu kompliziert (am schlimmsten ist die Desktop-App). Things macht das DEUTLICH besser. Hatte Things für Wunderlist verlassen, weil es kein Cloudsync gab. Schlimm war das. Nun gibt es Sync (als Beta) und ich bin wieder bei Things.

  5. Torsten
    schrieb am 10. Dezember 2011 um 03:01 Uhr (#)

    Wunderlist ist tatsächlich massiv überwertet und gehyped.

  6. Benno
    schrieb am 17. Dezember 2011 um 00:21 Uhr (#)

    Hallo Martin, danke für den tollen Artikel, wir haben ihn förmlich gefressen. Es wird viel zu wenig über App Design geschrieben! Unser Mobile Design und Usability – Team hat ein eBook zum Thema Konzeption, Usability und Design von Apps geschrieben. Evtl hast du lust es dir mal runterzuladen? Es würde uns auch freuen wenn darüber schreiben magst, wir glauben nämlich es ist sehr gut geworden :) Hier der Link: http://blog.insfx.com/mobile-design-ebook/ Lieben Gruß benno

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