Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs:
Neuer Brandherd der Urheberrechtsdebatte

Eine wachsende Zahl an Onlinediensten ermöglicht Nutzern das Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs. Urheberrechtskonflikte sind programmiert.

Alle Nutzer, die öffentlich Inhalte ins Netz stellen, müssen sich stets fragen, inwieweit sie mit ihren Veröffentlichungen fremde Urheberrechte verletzen. Ist dies der Fall und wird das jeweilige Contentobjekt wie etwa ein Foto, ein Video oder auch ein zu lang geratenes Textzitat nicht rechtzeitig entfernt, droht schnelle eine Abmahnung. Damit ist zwar die eigene Schuld noch nicht festgestellt, aber wer kein Interesse an einem zeit- und im schlimmsten Fall kostenintensiven Rechtsstreit hat, der versucht, sich gar nicht erst in eine solche Situation zu manövrieren.

Mit einer Welle neuer Onlineservices, welche das Zusammenstellen, Remixen und erneute Publizieren von im Netz verstreuten Inhalten ermöglichen, droht der stetig schwelende Konflikt zwischen Anwendern und Urhebern eine neue Dimension zu erreichen.

In der vergangenen Woche hatten wir über Services zum Kuratieren von Social-Web-Content berichtet und dabei insbesondere die US-Plattform Storify hervorgehoben, die in jüngster Zeit verstärkt ins Rampenlicht gerät. Bei Storify lassen sich einzelne Tweets, Videos, Fotos, Audiodateien und andere Inhalte aus einer Vielzahl von Onlinequellen per Drag’n'Drop über eine bequeme Benutzeroberfläche kombinieren. Das Resultat kann dann über eine eigene URL im Netz verbreitet oder in beliebige Websites eingebettet werden.

Bisher hat Storify noch nicht den Bekanntheitsstatus erreicht, an dem es eine öffentliche Beachtung auf breiter Front erfährt, und deshalb finden sich bisher auch keine Meldungen zu größeren rechtlichen Auseinandersetzungen um in eine Storify-Geschichte eingebettete, urheberrechtlich geschützte Inhalte. Für den auf Internetrecht spezialisierten Anwalt Henning Krieg besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Dienste wie Storify aus urheberrechtlicher Sicht nicht ganz unproblematisch sind.

Sobald urheberrechtlich geschützte Inhalte beispielsweise über Storify vervielfältig, verbreitet und zugänglich gemacht werden, benötigt man dazu die Einwilligung des Autoren oder eine gesetzliche Erlaubnis. In der Praxis dürften sich die meisten Storify-Nutzer aber bisher über diesen Aspekt keine Gedanken machen, zumal Angebote zum Kuratieren von Online-Inhalten kaum funktionieren würden, wenn für jedes mit einem Klick integrierbare Contentelement die bei weitem nicht immer eindeutige Rechtslage geklärt werden muss (siehe auch “Sind Tweets urheberrechtlich geschützt?“)

Blogger Leander Wattig befasste sich am Wochenende mit dem Thema und fokussierte sich dabei vor allem auf Pinterest, einen rasant wachsenden US-Dienst, der es Anwendern erlaubt, Grafiken und Fotos aus dem Netz auf einer virtuellen Pinnwand zu kategorisieren und zu sammeln. Einzelne “Pins” können dann wiederum in externe Sites eingebettet werden. Außerdem existiert für jeden Pin eine “Repin”-Funktion, mit der auf fremden Pinnwänden gefundene Bilder in das eigene Konto übernommen werden können.

Speziell das Repin-Feature sorgt dafür, dass sich Bilder aus beliebigen Quellen schnell in der Pinterest-Community verbreiten können – ungeachtet der Tatsache, inwieweit diese urheberrechtlich geschützt sind.

“Natürlich könnten wir Pinterest nutzen, indem wir nur eigene Bilder, für die wir selbst die Rechte haben, auf die Plattform hochladen. Wenn das aber jeder machte, was wäre der Sinn? Der Sinn von Pinterest ist ja gerade das Teilen und Neu-Zusammenstellen. Andere Leute dürften meine Inhalte dann aber nicht dafür verwenden, ohne mich zu fragen”, beschreibt Leander Wattig in seinem Beitrag die grundsätzliche Problematik. Eine Alternative seien zwar Creative Commons-Lizenzen, aber auch da ist man vor einer plötzlichen Veränderung der Lizenz durch den Urheber nicht geschützt, so Wattig.

Nun sind Plattformen wie Storify oder Pinterest, die das “Ausschneiden” von auf Websites gefundenen Textstücken oder Grafiken erlauben, nicht wirklich neu. Online-Notizbuchdienste wie Evernote, Memonic oder Springpadit erlauben dies seit langem, allerdings dort primär für die private Nutzung und ohne fortgeschrittene Funktionen zum Publizieren und öffentlichen “Remixen”. Mit Clipmarks, ClipboardFFFFOUND!We Heart It und dem von mir empfohlenen Gimme Bar (Pinterest nicht unähnlich, dafür aber nicht auf Grafiken begrenzt) animieren aber auch diverse weitere Services Anwender dazu, Websites zu modularisieren und die Highlights für den späteren Zugriff sowie das Teilen mit anderen abzuspeichern. Und Mixel lässt kreative iPad-Besitzer bunte Foto-Collagen anlegen und weiterbearbeiten – unter anderem auch mit Bildern aus dem Netz.

Entscheidend ist das Tempo, mit dem einige dieser Kurations- und Remix-Plattformen wachsen und Nutzergruppen außerhalb der Early-Adopter- und Intensiv-User-Kreise ansprechen (was besonders für Pinterest gilt). Rechtsanwalt Henning Krieg sieht derartige Angebote in einer Grauzone agieren.

Für Startups mit einer begrenzten Bekanntheit stellt eine derartige rechtliche Unsicherheit üblicherweise kein Problem dar – denn wo kein Kläger, da kein Richter. Je mehr Augen sich aber auf Storify, Pinterest & Co richten und je präsenter diese Dienste in der öffentlichen Wahrnehmung werden, desto wahrscheinlicher sind Urheberrechtskonflikte rund um die auf den Plattformen verbreiteten Inhalte.

Wer sich richtig ins Zeug legt, sich über die einzelnen Lizenzformen, Verpflichtungen und Voraussetzungen für die Verbreitung von Inhalten informiert und dann bei jedem Publizieren und Teilen von digitalem Material über die beschriebenen Services feststellt, welche Kriterien im jeweiligen Fall gelten, dem könnte es gelingen, tatsächlich eine weiße Weste zu behalten und als Storify- oder Pinterest-Mitglied nicht zum Urheberrechtsverletzer zu werden. Ob sich dann jedoch das volle Potenzial der Plattformen mit einem angemessenen Zeitaufwand nutzen lässt, muss stark bezweifelt werden.

Anders ausgedrückt bedeutet dies: Onlineservices zum Kuratieren, Sammeln und Remixen von digitalem Content (für nicht kommerzielle Zwecke) sowie deren Nutzer laufen ab einer gewissen Bedeutung und Reichweite Gefahr, in einen Strudel von Urheberrechtsstreitigkeiten hineingezogen zu werden und daran zu Bruch zu gehen.

Wie könnte man das Urheberrecht ändern, so dass die von den beschriebenen Anbietern realisierten Möglichkeit des Webs nutzbar werden und gleichzeitig Urheber, User und die Gemeinschaft in der Summe besser da stehen – so beschreibt Leander Wattig die elementare Frage des digitalen Zeitalters, die im Angesicht der aktuellen Trends zum Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs nochmals drängender wird.

Update: Die Samwer-Brüder waren mal wieder ganz schnell und haben bereits einen Pinterest-Klon ins Netz gehievt.

Update 2: Bei netzpolitik.org wird eine Art Fair-Use-Klausel für Europa vorgeschlagen – diese erleichtert bisher in den USA das Entstehen der in diesem Beitrag beschriebenen Plattformen. Auch passend zum Thema: Die Grünen wollen sich künftig dafür einsetzen, dass urheberrechtlich geschütztes Material ohne Erlaubnis verbreitet werden darf, sofern dies nicht mit kommerziellen Zielen geschieht.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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9 Kommentare

  1. Creative Commons-Lizenz. Die Plattform erkennt die Rechte eines Inhalts und nimmt nur die an, die keine Urheberrechte verletzen.

    Der Rest ist Marktwirtschaft. Wenn mit Creative Commons-Inhalten mehr Geld verdient wird als mit stärker geschützten Inhalten wird es viel zum Remixen geben, ansonsten wenig.

    Darf man netzwertig.com Remixen?

    • Wir haben das tatsächlich ins Auge gefasst, allerdings bisher ehrlich gesagt den finalen Entschluss nicht getroffen. Nachdem wir verschiedene Ansätze evaluiert haben (nicht kommerzielle Nutzung, jede Nutzung) sind wir zu dem Schluss gekommen, dass man das nur ganz oder gar nicht machen kann, um nicht massig neuen bürokratischen Aufwand zu schaffen. Ein solcher Schritt ist für einen wirtschaftlich agierenden Blogverlag ein sehr großer, weil man eben nicht weiß, was genau die Folge sein wird.

    • @Martin Weigert

      Hmm, eine Variante finden mit der die Creative Commons-Lizenz ausprobiert werden kann, ohne dass es stört, wenns bei Mißerfolg nicht fortgesetzt wird…

      Ein Buch unter CC (zum Selbstbestimmungspreis) auf Basis bereits veröffentlichter Artikel: “Geld verdienen mit freien Inhalten”, “Mit freien Lizenzen mehr Menschen erreichen”, “Creative Commons-Lizenz – Chancen und Risiken”, “Treue Fangemeinschaft dankt Freier Inhalte”, …

    • @Martin

      Ich kann das ganz oder gar nicht Argument nicht verstehen. Wenn ihr euch insgesamt noch nicht einig seid dann versucht es doch erst mal in kleineren Schritten. Du könntest unter deine Beiträge einfach einen Baustein einbauen der die Beiträge unter der CC-BY Lizenz frei gibt. Wenn es dann eine Nutzung der Inhalte gibt die euren Werbeeinnahmen auf der Webseite entgegen läuft kannst du den Baustein für die künftigen Beiträge wieder weg lassen.

      CC-BY-NC halte ich für nicht vernünftig weil man heute oft schon bei Kleinstbeträgen (Werbebanner, flattr,..) als Gewerblich eingestuft werden kann.

      Was mir an der Stelle gerade auffällt ist das man mit HTML jeden Mist (em, strong, ..) auszeichen kann aber einen Tag oder ein Attribut mit dem man die Lizenz des beinhaltenden Textes/Bildes etc. angeben kann ist nicht definiert.
      Dabei ist es doch sinnvoll genau definieren zu können welcher Bereich auf der Seite mit welcher Lizenz freigegeben ist. Und für Suchmaschinen wäre es auch wesentlich einfacher Lizenzen sauber zu erkennen.

    • @Max

      Im Microdata-Kapitel von HTML5 gibt es ein Beispiel zur Auszeichnung von Lizenzen für bestimmte Abschnitte eines HTML5-Dokuments.

  2. 1. Hui, die Samwers habens ja so eilig, dass sie sich selbst das Impressum und das About bislang gespart haben.

    2. Was passiert eigentlich wenn jetzt massenweise Bilder aus Marions Kochbuch auf pinspire.de hochgeladen werden. Ist das das Problem desjenigen der “kuratiert” hat , oder von pinspire.de?

    Oder hat sich das Thema Marions Kochbuch mit der Chefkoch BGH und der Entscheidung des Hamburger OLG für pinspire.de erledigt. Sprich: Wer nicht eingreift, hat auch keine Probleme mit der Haftung?

  3. Wie sieht es da erst mit Diensten wie Oamos aus?

    Da lädt man nix hoch, sondern lässt alles, was zu einem Stichwort im Web halt so findbar ist zu einem gar ergötzlichen “Film” computieren (wahlweise mehr unterhaltsam oder informativ) – den man dann auch irgendwo wieder einbinden kann.

    Ist schon “uralt”, das Teil…

  4. Wie sieht es eigentlich in so Fällen mit favicons aus? Theoretisch unterliegen die doch den gleichen Bestimmungen. ich frage, weil es Dienste gibt, die diese automatisch einbinden.

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  7. [...] an den erwähnten Services zu rechnen.Ähnlich wie bei den wie die Pilze aus dem Boden schießenden Startups zum Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs deutet sich bei Instapaper & Co ein weiterer Konflikt zwischen Contenterschaffern und [...]

  8. [...] Bedenken bei der Nutzung von Storify. Mehr Informationen zur Diskussion finden sich bei Netzwertig.com und bei [...]

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  12. [...] Pinterest, Gimmebar, Evernote – Gibt es noch ein Urheberrecht? [...]

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