Digitale Inhalte neu zusammenstellen:
Storify rückt das Kuratieren
ins Rampenlicht

Zahlreiche Startups sind in den letzten Monaten auf den Trend des Kuratierens von digitalen Inhalten aufgesprungen. Storify aus San Francisco gelang es, sich von der Konkurrenz abzuheben und zum Liebling der Medien zu avancieren.

“Curation is King” – mit dieser Abwandlung des bisherigen Mantras “Content is King” beschrieb der Startup-Gründer Steve Rosenbaum im Sommer 2010 bei Business Insider einen sich schon damals immer stärker abzeichnenden Trend: Nicht mehr länger geht es allein um die Inhalte – denn diese existieren online in schier unbegrenzter Menge und in variierender Qualität – sondern viel mehr darum, diese zu sortieren, zu filtern und in einen stimmigen Kontext zu bringen. Curation oder Kuratieren heißt seitdem das Zauberwort.

Während der Curation-Trend einige Zeit benötigte, um in das Bewusstsein der Nutzer vorzustoßen, entstanden unzählige neue Webdienste, die sich das Thema auf die Fahnen schrieben und Anwendern die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung stellen, um Inhalte aus verschiedenen Onlinequellen zu bündeln und in neuer, gesammelter und intelligenter Form zu präsentieren.

Ob curated.by, Storify, Keepstream (wird  nach einer Übernahme nicht mehr weiterentwickelt), Bag The Web, Evri, Pearltrees, Bundlr oder Qrait: Alle diese Startups (und noch einige mehr) buhl(t)en um die Gunst der Anwender, ohne dabei jedoch immer überzeugend vermitteln zu können, wer sie ausprobieren sollte, wo ihr Nutzen liegt und wie sie sich vom Wettbewerb unterscheiden.

Aufgrund des unübersichtlichen Marktes sowie eines persönlich zu Beginn nur geringen Bedarfs an spezifischen Tools zum Kuratierenvon existierendem Webcontent ließ ich den Curation-Boom erst einmal in beobachtender Stellung vorbeiziehen. Meine Erwartung dabei war, dass es früher oder später zu einer Konsolidierung des Segments und zur Herauskristalisierung von Marktführern kommen würde, denen es gelingt, sich in der Außenwahrnehmung von der Masse der Kurationsservices abzuheben.

Wenn mich meine subjektive Wahrnehmung nicht vollständig in die Irre führt, ist dem US-Dienst Storify genau dies gelungen.

Der nach einer geschlossenen Beta-Phase im April 2011 offiziell gestartete Service aus San Francisco erlaubt es, im Browser so genannte Stories mit externem Content wie beispielsweise Tweets, Facebook Status Updates, YouTube-Videos, SoundCloud-Audioaufnahmen, Flickr-Fotos oder Google-Suchergebnissen zu erstellen, zu veröffentlichen und auf beliebigen Websites einzubetten.

Storify ist also zum Beispiel sehr praktisch, wenn man Tweets von verschiedenen Personen an einer zentralen Stelle präsentieren möchte, ohne dass dafür viel manueller Aufwand nötig ist. Bei Storify geht das alles per Drag’n'Drop sowie mit Hilfe des Storify-Browser-Bookmarklets. Durch die Möglichkeit, eine angelegte Storify-”Geschichte” direkt innerhalb der Arbeitsfläche mit Text anzureichern, avanciert der Service sogar zu einem interessanten Bloggingtool.

Zurück zu meiner Beobachtung: In letzter Zeit bin ich auf eine ganze Reihe von Onlineartikeln bekannter Blogs und Online-Zeitungsangebote gestoßen, die Storify zur Erweiterung ihrer Berichterstattung verwenden. Die Berliner Morgenpost beispielsweise illustriert so die “Kokainpose der Berliner Piratenpartei”, das NZZ Labs Blog stellt mittels Storify Tweets einer Podiumsdiskussion rund um das Thema “Paid vs Free” zusammen und beim Guardian werden Twitter-Nutzer in ein Interview mit Vladimir Putin eingebunden.

Eine besonders wichtige Rolle spielt Storify für die derzeitige Occupy-Protestbewegung. Als jüngst bei der Räumung eines Camps der Protestierenden in New York Pressevertreter durch die Polizei an der Vor-Ort-Berichterstattung gehindert wurden, haben zahlreiche Nutzer mit Hilfe von Storify Tweets der Protestierenden sowie andere Augenzeugenberichte zusammengetragen und auf diese Weise ein Gesamtbild geschaffen, das die Behörden eigentlich verhindern wollten. Medienangebote wie die Washington Post sorgten dann durch die Einbettung der Stories für die notwendige Reichweite.

Ein Blick auf die Integration von Storify in Artikel der Publikumsmedien lässt keinen Zweifel am Nutzwert von Kurationsdiensten und wird mit Sicherheit viele andere Contentangebote, Journalisten und Blogger inspirieren.

Aber man muss gar kein umfangreiches Kuratieren fremder Inhalte betreiben wollen, um Storify praktisch zu finden: Weil Twitter für das externe Einbetten einzelner Tweets selbst keine wirklich gute Lösung anbietet, stellt Storify für diesen Zweck eine clevere Alternative dar – auch wenn dies bedeutet, dass sämtliche über Storify in Blogbeiträge integrierte Tweets verschwinden, sollte Storify eines Tages aus irgendwelchen Gründen nicht mehr existieren.

Das Kuratieren gehört schon seit eh und je zur journalistischen Arbeit. Dank der Vielzahl an Social-Web-Kanälen und dem dort in enormer Breite veröffentlichten User Generated Content wird die Zahl derjenigen, die Dienste zum halbautomatischen Kuratieren dieser Inhalte ausprobieren und schätzen lernen, weiter zunehmen – trotz gewisser rechtlicher Risiken, die mit dem Einbetten fremder Inhalte einhergehen.

Storify mag nicht das einzige Startup bleiben, dass sich in diesem Sektor einen Namen macht. Im Bereich des Kuratierens rund um bestimmte Ereignisse (andere Kurationsdienste wie Paper.li oder Scoop.it fokussieren sich eher auf Personen oder Fach-/Themengebiete) jedoch hat Storify sich eine hervorragende Ausgangsposition geschaffen, um in Zukunft für viele Kuratierende die erste Wahl zu sein.

Link: Storify

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3 Kommentare

  1. Carsten Pötter
    schrieb am 22. November 2011 um 15:18 Uhr (#)

    Kleine Anmerkung: Keepstream wurde von Infochimps übernommen und ist somit mehr oder weniger tot (http://blog.keepstream.co…uired-by-infochimps/)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 22. November 2011 um 15:22 Uhr (#)

      Stimmt, war mir auch bewusst, hatte dann nur nachträglich die Vergangenheitsform des Satzes geändert, wodurch nun ein entsprechender Hinweis sinnvoll ist, thx!

  2. Gründercoach
    schrieb am 22. November 2011 um 15:44 Uhr (#)

    Das leben ist schon manch mal lustig. Bin vorhin bei der Morgenpost über den Artikel gestolpert und hatte mich über die Form verwundert und jetzt finde ich die Lösung. Danke

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