Geglückter Börsengang:
Groupon kann beenden,
was es begonnen hat

Groupon, das am meisten umstrittene Internetunternehmen seit dem Ende der New Economy, hat einen erfolgreichen Börsengang hingelegt und rund 800 Millionen Dollar eingenommen. Für die Branche ist dies trotz aller Kritik am Groupon-Modell ein Segen.

Der 19. Mai 2011 war ein besonderer Tag für die Internetwirtschaft: Erstmalig wagte sich in den USA mit LinkedIn ein Social Network an die Börse, was nach vielen Jahren Trockenzeit zudem eine neue Welle an Web-IPOs einleitete – mit variierendem Resultat.

Doch so groß die Signalwirkung des LinkedIn-Schrittes auch war: Auf den spannendsten Börsengang eines Internetunternehmens mussten Beobachter fast bis zum Jahresende warten. Am heutigen Freitag ist es soweit: Groupon wird zum ersten Mal an der Technologiebörse NASDAQ gehandelt.

Rund 980 790 Millionen Dollar erlöste das Schnäppchenportal aus Chicago mit dem IPO und wurde zum Handelsstart mit 17,8 Milliarden Dollar bewertet – weniger als die ursprünglich einmal kolportierten 20 bis 25 Milliarden, aber deutlich mehr, als zuletzt von Analysten erwartet wurde (und auch über den gestern angesetzten 20 Dollar je Aktie).

Größter Internet-IPO seit Google

Groupon vollbringt damit das größte Aktienmarktdebüt eines US-Webkonzerns seit Google im Jahr 2004 (via). Doch nicht nur deshalb ist der heutige Freitag von großer Bedeutung, sondern auch, weil noch vor Wochen unsicher war, ob Groupon seinen IPO überhaupt vollziehen können wird. Zu labil erschien die Lage auf den internationalen Finanzmärkten in Folge der europäischen Schuldenkrise, hinzu kamen formelle Fehler bei der Vorbereitung des Börsenganges.

Groupon braucht das Geld

Brisant dabei: Groupon benötigt unbedingt frisches Kapital, um sein laufendes, noch nicht profitables Geschäft aufrecht zu halten und seine Fühler weiter ausstrecken zu können. Da das Unternehmen bereits über eine Milliarde Dollar Risikokapital von Investoren aufgenommen hatte, die auf ihre Rendite warten, war der IPO im Prinzip der einzige Ausweg. Hätte Groupon diesen abgeblasen, wären schmerzhafte und radikale Kostensenkungen unumgänglich gewesen. Für eine Firma, bei der erst ab einer gewissen Größe und Marktmacht schwarze Zahlen erwartet werden, ist dies der Todesstoß.

Der geglückte Börsengang verschafft Groupon Bewegungsspielraum und stellt sicher, dass die eingeschlagene Expansionsstrategie nicht verfrüht abgebrochen werden muss. Ob Groupon sich tatsächlich eines Tages abseits von allen Zahlendrehereien zu einem klar profitablen Unternehmen entwickeln wird, ist zwar nach dem Debüt am Aktienmarkt genauso offen wie davor. Doch das Geld der Anlieger liefert dem Dealanbieter die Grundlage für weiteres Streben nach dem Erreichen dieses Ziels.

Für die Branche ist dies ein Segen!

Verhärtete Fronten zwischen Skeptikern und Sympathisanten

Seit dem Platzen der New-Economy-Blase vor zehn Jahren hat kein Internetunternehmen derartig die Lager gespalten wie Groupon. Demontagen und Verrisse des in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit expandierenden, Ende 2009 gegründeten und heute über 9000 Angestellte beschäftigenden Unternehmens gab es in den letzten Monaten im Überfluss zu lesen. Das ungesunde und aggressive Wachstum, fragwürdiges Geschäftsgebaren, erfundene, eigennützige Geschäftskennzahlen bei weiterhin roten Zahlen, der fehlende Qualitätsfokus bei den angebotenen Deals, mangelnde Berücksichtigung der Händlerinteressen sind einige der Punkte, die Kritiker dem von Gründer und CEO Andrew Mason geleiteten Unternehmen anlasten (nachzulesen zB. hier, hier, hier und hier). Auch dass viele hundert Millionen Dollar an Venture Capital in die Taschen der Gründer und frühen Investoren statt ins Unternehmen flossen, kam in der Öffentlichkeit nicht gut an.

Andere wiederum glauben, dass Groupon das nächste große Ding im Handel werden könnte und halten die progressive Wachstumsstrategie für eine Notwendigkeit, um dieses Ziel zu erreichen (z.B. hier und hier).

Groupon erspart uns einen Diskussions-Evergreen

Man stelle sich vor, eine noch dramatischere Lage an den Finanzmärkten gekoppelt mit einem weltweiten Konjunkturabschwung hätte zur Einstellung der IPO-Pläne geführt. Wie beschrieben wäre dies das wahrscheinliche Ende des US-Rabattgiganten gewesen.

Die Konsequenz: Niemand hätte eine Antwort auf die Frage bekommen, ob das Modell Groupon – nicht das Geschäftsmodell an sich, auf das ja andere Anbieter ebenfalls setzen, sondern die Unternehmensstrategie als Ganzes – langfristig hätte funktionieren können oder nicht. Während Kritiker sich in ihrer ablehnenden Haltung zu Groupon bestätigt gefühlt hätten, wäre der Couponspezialist bei seinen Fürsprechern zu einer Art Märtyrer geworden: volles Risiko eingegangen und aufgrund von Ereignissen außerhalb des eigenen Einflussbereiches gescheitert – das Pech des Mutigen.

Die Debatte darüber, wie sich Groupon entwickelt hätte, wenn es nicht abrupt durch das Eintrocknen des Kapitalmarktes abgewürgt worden wäre, hätte ein erhebliches Irritations- und Nervpotenzial besessen und über Jahre für Konflikte zwischen Befürwortern und Skeptikern des von Groupon gewählten Business-Ansatzes gesorgt.

Glücklicherweise erspart uns das Unternehmen derartige Qualen. Groupon erhält das notwendige Kapital für eine Fortsetzung seines kompromisslosen Wachstumskurses und Branchenbeobachter haben die Gewissheit, eines Tages zu erfahren, ob man mit einem Milliardeninvestment innerhalb von drei Jahren eine globalen Infrastrukturanbieter für den Handel mit einer fast fünfstelligen Mitarbeiterzahl aufbauen kann, der danach fest auf eigenen Beinen stehen kann.

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2 Kommentare

  1. Andreas
    schrieb am 5. November 2011 um 11:23 Uhr (#)

    Ich bin eher skeptisch. Der Einstieg ist bei den meisten Unternehmen ganz positiv. Nach kurzer Zeit verlieren die Aktien aber sehr häufig an Wert.

  2. Markus Reh
    schrieb am 5. November 2011 um 22:32 Uhr (#)

    Brisant dabei: Groupon benötigt unbedingt frisches Kapital, um sein laufendes, noch nicht profitables Geschäft aufrecht zu halten und seine Fühler weiter ausstrecken zu können. Da das Unternehmen bereits über eine Milliarde Dollar Risikokapital von Investoren aufgenommen hatte, die auf ihre Rendite warten, war der IPO im Prinzip der einzige Ausweg. Hätte Groupon diesen abgeblasen, wären schmerzhafte und radikale Kostensenkungen unumgänglich gewesen. Für eine Firma, bei der erst ab einer gewissen Größe und Marktmacht schwarze Zahlen erwartet werden, ist dies der Todesstoß.

    Reine Spekulation. In einem anderen Artikel habe ich gelesen, dass Groupon selbst angibt, dass das Geld aus dem IPO für mindestens ein Jahr nicht benötigt wird.

    Solche offiziellen Veröffentlichungen haben bei börsennotieren AGs verbindlichen Charakter…

    Hier der Artikel: http://mobil.boerse-onlin…uetschen/631007.html

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