Tipps für europäische Startups:
Netzwerken und anders sein!

Hunderte junge Startups aus Europa wollen ganz groß rauskommen. Doch damit dies klappt, müssen sie ihre Hausaufgaben machen.

Heute ist der letzte Tag, an dem ihr im Rahmen der von TechCrunch initiierten “The Europas” über die besten Startups und Investoren des Kontinents abstimmen könnt. Die über 100 Dienste (und Persönlichkeiten), die ihr in 21 Kategorien auf der Abstimmungsseite präsentiert bekommt, sind das Resultat der Arbeit eines 20-köpfigen Advisory Boards, das die vielen hundert Bewerbungen von Internet- und Tech-Jungunternehmen gesichtet und die aussichtsreichsten Kandidaten für die öffentliche Abstimmung ausgewählt hat.

Als Mitglied des Advisory Boards verbrachte ich in den vergangenen Wochen etliche Stunden damit, mir die Produktbeschreibungen, Onlinepitches und Websites von mindestens 100 Startups aus der EMEA-Region anzuschauen und zu bewerten. Da der Wettbewerb noch läuft, werde ich an dieser Stelle keine konkreten Aussagen zu Favoriten und einzelnen Kandidaten machen, möchte aber einige Gedanken niederschreiben, die mich während des Sichtens der Bewerbungsmaterialien nicht losließen.

1. Wo ist der Mehrwert?
Während es einer ganzen Reihe von Startups gelungen ist, mit einzigartigen und intelligenten Ideen zu überzeugen, bekam ich – angesichts der großen Zahl an Einsendungen auch nicht verwunderlich – zahlreiche Konzepte zu Gesicht, bei denen meine erste Reaktion entweder ein “Gibt’s in dieser Form schon tausendfach” oder “Was bringt es mir?” war.

Natürlich kann nicht jeder das Rad neu erfinden, und der Mythos vom generellen First Mover Advantage ist angesichts der Tatsache, dass weder Google noch Facebook die ersten Anbieter in ihren jeweiligen Sektoren waren, ohnehin widerlegt. Dennoch fällt es nach dem zwanzigsten Startup, das in irgendeiner Form das Sharing von Inhalten und Vernetzen mit anderen ermöglicht, schwer, derartigen Vorhaben irgendwelche Zukunftschancen einzuräumen.

Zu viele Webdienste sind sich konzeptionell und funktionell zu ähnlich und versagen gleichzeitig darin, dem Anwender innerhalb weniger Sekunden zu vermitteln, warum er ausgerechnet hier Zeit in das Ausprobieren investieren sollte. Die Unique Selling Proposition – der einzigartige Produktvorteil – wird nur selten klar.

2. Schöne Idee, aber woher kommt die kritische Masse?
Ein zweiter Typus von frisch geschlüpften Onlineservices ist zwar vom Ansatz her durchaus einen zweiten Blick wert oder gar ein potenzieller Hit, setzt aber voraus, dass er von vielen Menschen an vielen Orten genutzt wird. Dies jedoch ist in Zeiten, in denen viele User Ermüdungserscheinungen verspüren, was das Testen neuer Dienste betrifft, eine ziemliche Herausforderung.

Die Folge: Ich blicke fast schon mit Mitleid auf das Ergebnis der Arbeit des jeweiligen Gründerteams, weil ich ihnen eigentlich den Erfolg gönne, aber mir vorstelle, wie schwer es ihnen fallen wird, eine kritische Masse aufzubauen und außerhalb ihres lokalen Mikrokosmos für Aufmerksamkeit zu sorgen. Dies ist ein Problem, das vergleichbare US-Dienste aufgrund des dortigen Tech-Clusters, der großen Gruppe an Early Adoptern mit internationaler Anhängerschaft und Reichweite sowie einer gut ausgeprägten Medienlandschaft mit Fokus auf Startups und Internetfirmen nicht haben.

3. Das Netzwerk macht’s
Genau weil einige Glieder des europäischen Startup- und Tech-Ökosystems schwach ausgebildet sind, ist das persönliche Netzwerk der Startup-Gründer ein wichtiges Instrument, um schnell die Kunde über den eigenen Dienst zu verbreiten. Eine junge Firma, die bei den Europas dabei sein will, servierte mir auf der Homepage eine Liste meiner Facebook-Kontakte, die bei dem Projekt bereits registriert sind; darunter SoundCloud-Mitgründer Alexander Ljung, Amen-Mitgründer Felix Petersen, EyeEm-Mitgründer Flo Meissner und Seedcamp-Associate Philipp Moehring.

Ich hatte von dem Dienst bisher rein gar nichts gehört. Aber die Information, dass eine Reihe gut vernetzter und auf diversen europäischen und US-amerikanischen Branchenevents anzutreffender Webpersönlichkeiten bereits bei diesem präsent ist, erhöht die Wahrscheinlichkeit ungemein, dass wir von ihm in Zukunft noch häufiger hören werden (Netzwerk bedeutet hier nicht zwangsläufig, dass sich die Gründer persönlich kennen).

Fazit:
Ein Blick auf diese drei Punkte führt zu folgenden Empfehlungen für Entrepreneure mit Projekten im auf eine größtmögliche Anwenderschaft ausgerichteten B2C-Bereich:

1. Einen echten Mehrwert liefern und sich unbedingt von der Konkurrenz differenzieren.
2. Von Anfang an den Eindruck erwecken, dass man es ernst meint und zahlreiche kreative Tricks in der Tasche hat, um schnell viele Nutzer zu gewinnen.
3. Schon vor der Gründung mit dem Aufbau des persönlichen Netzwerks beginnen, Multiplikatoren (wie CEOs bereits boomender Startups) identifizieren und ansprechen und im besten Fall zu frühen (und – wichtig – zufriedenen) Anwendern machen.

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2 Kommentare

  1. Karsten
    schrieb am 1. November 2011 um 16:43 Uhr (#)

    Sehr schöner Artikel.
    Das alles passt wunderbar in den (ich würde es mal provokativ als “deutsch” bezeichnen) Ansatz, dass unverhältnismäßig viel Zeit in Businessplan etc. investiert, aber das Business Modell einfach nicht ausgearbeitet wird.
    Idee: gut. Geld: da. Umsetzung: Großes Fragezeichen.
    Eine Idee ist eben auch nur so gut, wie ihre Umsetzung. Ist diese durchschnittlich bzw. schon 10 mal da gewesen… auf Wiedersehen.

    Außerdem sind viele Gründer auch einfach zu ängstlich, sich mal vom Mittelmaß abzusetzen und ihrer Idee+Umsetzung eine Persönlichkeit zu verleihen.
    Für Unternehmen ohne Profil finden sich nunmal keine Fans. Womit sollten sie sich auch identifizieren?!
    Lieber ein paar Leuten auf den Fuß treten, aber dafür auch echte Fans gewinnen… Fast alle erfolgreichen Unternehmen polarisieren auch. Zufall ist das sicherlich nicht…

    Ich würde dein “Netzwerken und anders sein!” evtl. auf ein “Menschlich und mutig sein” erweitern…

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 1. November 2011 um 16:45 Uhr (#)

      Für Unternehmen ohne Profil finden sich nunmal keine Fans. Womit sollten sie sich auch identifizieren?!
      Lieber ein paar Leuten auf den Fuß treten, aber dafür auch echte Fans gewinnen… Fast alle erfolgreichen Unternehmen polarisieren auch. Zufall ist das sicherlich nicht…

      Wohl wahr!

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