Das Beste, was diaspora passieren konnte:
PayPal sperrt das Spendenkonto

PayPal hat das Spendenkonto des dezentralen sozialen Netzwerks diaspora mit eingezahlten 45.000 Dollar ohne Begründung eingefroren. Etwas Besseres hätte dem unter Aufmerksamkeitsmangel leidenden Projekt kaum passieren können.

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Aktualisiert

diaspora, das dezentrale soziale Netzwerk, das zumindest vom Grundgedanken her die bessere Alternative zu Facebook und Google+ darstellt, hat ein entscheidendes Problem: mangelnde Aufmerksamkeit (neben der Tatsache, dass der hauseigene “Pod” noch immer nur mit einer Einladung zugänglich ist). Ohne einen anhaltenden Mediendruck fühlen sich zu wenige Nutzer dazu “genötigt”, sich den Dienst wenigstens einmal anzuschauen. Das für jedes Social Network existenzbedrohende Fehlen einer kritischen Masse ist die Folge.

Doch PayPal hat den New Yorker diaspora-Machern mit einer undurchsichtigen Aktion gerade einen großen Gefallen getan: Der zu eBay gehörende Zahlungsdienstleister sah sich nämlich ohne Angabe von Gründen dazu gezwungen, diasporas Konto einzufrieren, auf das Unterstützer im Rahmen einer vor wenigen Tagen gestarteten Spendenaktion Geld einzahlen sollten, um die weitere Entwicklung des Dienstes zu ermöglichen.

Beachtliche 45.000 Dollar sind so nach Angaben von diaspora innerhalb einer Woche zusammengekommen – die dem Projekt nun laut PayPals Regelwerk für mindestens ein halbes Jahr vorenthalten bleiben.

PayPal ist in den vergangenen Jahren schon häufiger durch nicht immer nachvollziehbare und teils sehr fragwürdige Sperrungen von Konten in Erscheinung getreten. Auch mit der Schließung des Spendenkontos von Wikileaks sowie dem Versuch, das US-amerikanische Kuba-Embargo in Deutschland durchzudrücken, machte sich das Unternehmen keine Freunde.

Warum es nun diaspora getroffen hat – das weder eine kontroverse Stellung à la Wikileaks inne hat noch gegen Embargos verstößt – ist nach den Worten der diaspora-Macher vollkommen unklar. Unsere Anfrage an PayPals deutsche Pressestelle von heute Morgen blieb bisher unbeantwortet. Update 20.10. 14:00 Uhr: Laut PayPal Deutschland-Pressesprecher Dirk Hensen wurden die Gelder mittlerweile freigegeben und es wird “mit dem Kontoinhaber in dieser Sache zusammengearbeitet”. Update 21.10: 10:00 Uhr: diaspora hat dies in einem neuen Blogeintrag bestätigt.

So brenzlich der Fall aus finanzieller Sicht für das Projekt werden kann, das seine bisherigen Mittel aus der Kickstarter-Finanzierung aufgebraucht hat, so perfekt dürfte er dem jungen diaspora-Team in die PR-Strategie passen (sofern diese existiert): Nun können sie die David gegen Goliath-Karte spielen und sich angesichts des nicht unangekratzten Rufes von PayPal sicher sein, mit dem Vorfall schnell die Aufmerksamkeit der internationalen Presse zu erlangen.

Vorausgesetzt, dass nicht ein tatsächlich rechtswidriges Vorgehen von diaspora der Grund für die Kontensperrung ist, wird eine Freigabe der bisherigen Spendengelder durch PayPal ohnehin nicht zu lange dauern. Dafür werden die bisherigen Spender zusammen mit den moralischen Unterstützern schon sorgen – selbst Wikileaks erhielt sein Geld am Ende doch noch.

Erst vor einigen Wochen zeigte diaspora eine bisher ungekannte Aggressivität in der eigenen Kommunikation, als es die “Circles”-Funktion von Google+ als Imitation des eigenen “Aspects”-Features bezeichnete. Jetzt also erhalten die Entwickler von der US-Ostküste unerwartete  und nicht als solche gedachte Schützenhilfe von PayPal. Im besten Fall erhöht sich nun nicht nur das Spendenaufkommen durch solidarische PayPal-Kritiker, sondern auch die Zahl derjenigen, die diaspora ausprobieren (weitere Pods gibt es hier).

Mit Stripe konnte die diaspora-Crew bereits einen neuen Dienstleister für die Abwicklung von Kartenzahlungen auftreiben, und auch per Flattr kann gespendet werden.

Zumindest nach dem heutigen Kenntnisstand würde ich sagen: Glück gehabt, diaspora! Sofern dahinter nicht mehr als ein Zufall steckt.

Update 20.10. 14:00 Uhr: Laut PayPal Deutschland-Pressesprecher Dirk Hensen wurden die Gelder mittlerweile freigegeben und es wird “mit dem Kontoinhaber in dieser Sache zusammengearbeitet”. Update 21.10: 10:00 Uhr: diaspora hat dies in einem neuen Blogeintrag bestätigt.

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16 Kommentare

  1. Marcel Weiss
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:24 Uhr (#)

    “diaspora [..] hat ein entscheidendes Problem: mangelnde Aufmerksamkeit”

    Ach komm, Martin. Das kann nicht dein Ernst sein. Diaspora hatte im Laufe des letzten Jahres mehr Aufmerksamkeit, mehr Presse, als nicht nur jedes andere OS-Projekt, sondern sogar als jedes andere Web-Startup.
    Kein Projekt hat mehr Aufmerksamkeit bekommen. Diaspora hat andere, schwerwiegende, Probleme. Fehlende Aufmerksamkeit gehört nicht dazu.
    Oder leidet diaspora in deinen Augen unter mangelnder Aufmerksamkeit, so lang es nicht im Wochentakt auf den Titelseiten der Mainstreammedien erscheint?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:28 Uhr (#)

    Sie hatten am Anfang genug, ja. Und haben das nicht genutzt. fail.

    JETZT (und eigentlich im gesamten Jahr 2011) aber haben sie keine.

    Wenn das noch was werden soll, brauchen sie neue Aufmerksamkeit (und müssen endlich aus der Closed Alpha/Beta oder was das auch immer ist raus).

    1. Marcel Weiss
      schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:37 Uhr (#)

      Oder ihr größtes Problem ist ihre Inkompetenz gepaart mit der riesigen Aufgabe, die sie wuppen wollen, die aber vielleicht nicht von weniger als einer Hand voll (Ex-?)Studenten geschafft werden kann, egal wie attraktiv die dazugehörige Narration für Berichterstatter ist, und die Berichterstattung ist deswegen zwar immer noch vorhanden (RWW, hier), aber wenigsten endlich nicht mehr ganz so unvoreingenommen euphorisch und damit wenigstens ein Stück weit realistischer..?

  3. Jason
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:36 Uhr (#)

    Bei Diaspora denke ich an vieles. An mangelnde Aufmerksamkeit jedoch nicht. Kaum ein anderes Projekt hat dermaßen viel Aufmerksamkeit bekommen. In den letzten Monaten wurde es in der Tat ruhiger. Das Team hinter Diaspora sollte nun langsam mal anfangen, das gelernte umzusetzen. Was hilft die beste/meiste Aufmerksamkeit, wenn man sich nichtmal frei anmelden kann und das Projekt in einer ewigen Betaphase steckt. Facebook und Google+ liefern Woche für Woche neue Themen, die Diaspora nutzen könnte.

    1. rekado
      schrieb am 19. Oktober 2011 um 14:41 Uhr (#)

      Diaspora ist bereits benutzbar. Wer meint, dass man bei einem dezentralen Netwerk eine Einladung braucht hat nicht viel verstanden. Fuer den einen Pod der Entwickler braucht man eine Einladung.

      Ich habe fuer Freunde und Familie einen eigenen Pod aufgesetzt (kein Hexenwerk). Man kann Posts auf Facebook und Twitter veroeffentlichen, Pod kommunizieren untereinander, externe Medien werden automatisch per oembed eingebettet….

      Funktioniert. Und das schon seit einer Weile.
      Wer nicht auf eine Einladung vom Entwickler-Pod warten will, kann hier nach einen anderen suchen: http://findapod.com/

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. Oktober 2011 um 14:44 Uhr (#)

      Wer meint, dass man bei einem dezentralen Netwerk eine Einladung braucht hat nicht viel verstanden. Fuer den einen Pod der Entwickler braucht man eine Einladung.

      Tja, erzähl das den 99,9 Prozent der Nutzer, die zuerst auf den offiziellen Pod wollen, bevor sie sich mit diaspora ernsthaft auseinandersetzen.

    3. rekado
      schrieb am 19. Oktober 2011 um 15:08 Uhr (#)

      Warum sollte man sich auf dem Entwickler-Pod anmelden? Eben weil es ein dezentrales Netzwerk ist, ist es ganz egal auf welchem Pod man zuhause ist. Es gibt haufenweise oeffentliche Pods, wo man sich schon jetzt anmelden kann (z.B. https://pod.geraspora.de).

      Dass viele trotz haufenweise Erklaerungen (diasporafoundation.org oder whatisdiaspora.com) immer noch nicht begreifen, wie ein dezentrales System funktioniert, kann man den Entwicklern und der Community (ja, die gibt es; siehe github) nicht ehrlicherweise zum Nachteil auslegen.

      Das “Haupt-Feature” entspricht hier qualitativ dem von Freier Software. Die Reaktion der Masse ist ebenfalls aehnlich. Macht aber nichts. Den Wert mindert es kaum.

  4. Manuel
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:38 Uhr (#)

    Letztes Jahr hat PayPal die Spendenkonti von xorg, foobar2000 und der Wau-Holland-Stiftung gesperrt, jetzt noch diaspora… Langsam frage ich mich, wie sicher mein Geld dort noch ist.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:41 Uhr (#)

    @ Jason
    Frag doch mal deine 20 engsten, aber überhaupt nicht geekigen Freunde, ob sie diaspora kennen.

    DAS meine ich mit Aufmerksamkeit.

    Dass jeder Web-Verrückte 100mal davon gehört hat, spielt da keine Rolle.

    @ Marcel
    Jo da ist auch was dran. Auch wenn sich diese “Inkompetenz” wohl auf bestimmte Aspekte beschränkt. Z.B. innerhalb von einem Jahr nicht weiter zu sein als heute. Es scheint, was fehlt, ist jemand, der dort Feuer macht.

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:50 Uhr (#)

    Allerdings: Vergleicht man die Aktivität bei diaspora mit der von Google+, hat diaspora selbst in Geek-Kreisen keine Aufmerksamkeit.

    Bekanntheit sicherlich. Aber nur ein sehr geringer Teil nutzt es. Man vergisst es schnell wieder.

  7. Jason
    schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:53 Uhr (#)

    @ Martin
    Meine “20 engsten, aber überhaupt nicht geekigen Freunde” kennen nichtmal Google+

    Es scheint mir eher so, dass im Team von Diaspora jemand fehlt, der mal ordentlich Dampf macht. Raus aus der Beta und mit einem kleinen aber festem Funktionsumfang losziehen und Dampf machen. Meines Erachtens ist der größte Fehler von Google+, dass sie sich nicht als Plattform verstehen. Da kann Diaspora doch sofort ansetzen. Themen um auf sich aufmerksam zu machen gibt es mehr als genug. Klarnamen, Datenschutz, usw.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:57 Uhr (#)

      Ganz klar. Was uns zu der von Marcel angesprochenen Inkompetenz bringt ;)

  8. Renate
    schrieb am 20. Oktober 2011 um 00:03 Uhr (#)

    Ich finde dieses Handeln eine Frechheit. Ich überlege mir ernsthaft, nicht mehr mit PayPay zu bezahlen. Noch mehr “Negativwerbung” geht wohl nicht…

  9. Thomas Schmidt
    schrieb am 20. Oktober 2011 um 09:43 Uhr (#)

    Ich habe mich gestern bei PayPal eingeloggt und gefragt, warum ich nicht mehr an Diaspora spenden kann. Die Antwort ist eine selten ungeschickte Flucht in die Datenschutz-Lüge:

    Guten Tag, Thomas Schmidt!

    Vielen Dank für Ihre Anfrage an PayPal bezüglich Diaspora.
    Sie schreiben uns, weil Sie laut Medienbericht Informationen zu einem anderen PayPal-Konto erhalten haben und von uns eine Stellungnahme wünschen.
    Gern helfe ich Ihnen weiter.

    Aus Sicherheitsgründen können wir Ihnen keine Informationen zu einem anderen PayPal-Konto geben. Der Kontostatus kann aus Datenschutzgründen lediglich mit dem Kontoinhaber besprochen werden. Für mehr Informationen zu Spenden an Diaspora, kontaktieren Sie bitte Diaspora, die für die Spenden verantwortlich ist.

    Falls Sie noch Fragen haben, helfen wir Ihnen jederzeit gerne weiter.

    Viele Grüße,
    Tanja Teich
    PayPal-Kundenservice

  10. Aleks Maksimow
    schrieb am 23. Oktober 2011 um 14:12 Uhr (#)

    Viele vergessen leider immer wieder, dass Diaspora kein traditionelles Startup ist, sondern eine Software Plattform. So wie NGINX kürzlich Kapital einräumen konnte, um ihren Webserver zu entwickeln, benötigt Diaspora sein Kapital eben auch für die Entwicklung und nicht für tolle Hochglanz Werbung in einschlägigen Magazinen.

    Diaspora hat nicht behauptet, dass sie der zentrale dreh und Angelpunkt im Social-Web sein wollen. Ich persönlich vergleiche Diaspora eher mit Jabber (XMPP) oder IRC oder ähnlichen Diensten die frei entwickelt werden, unterstützt von einem Core-Team welches die Hauptentwicklung und Leitung übernimmt.

    Wenn ich hier schon die Vorwürfe der Inkompetenz lese wird mir kotzübel. Auch wenn die deutschen Startup-”SocialMedia Experten”-Yuppies meinen eine Plattform zeichnet sich dadurch aus, dass sie Apps und Games hosted, so ist es doch eigentlich Diaspora die eine echte Plattform schaffen, die sich nicht durch möglichst hohe Mauern auszeichnet.

    Ich bin davon überzeugt, dass Diaspora sich über kurz oder lang zu einer Alternative im Social Network Markt entwickeln wird. Nicht das Pod von Diaspora selbst, sondern die Möglichkeit sein eigenes Pod zu hosten, welches mit jedem anderen Diaspora Knoten kommunizieren kann ist die wahre Stärke von Diaspora.

  11. Till
    schrieb am 19. Dezember 2011 um 10:00 Uhr (#)

    Auch wenn der Post schon etwas älter ist, Paypal hat sich nicht mit Ruhm bekleckert – aber es ist nun mal DAS Zahlungssystem No#1 im Internet.

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