Automatisiertes Veröffentlichen von Aktivitäten:
Warum Facebooks “Frictionless Sharing” eine schlechte Idee ist

Die jüngst von Facebook vorgestellten neuen Open Graph Apps publizieren nach einmaliger Autorisierung automatisiert Mitgliederaktivitäten. Doch der Nutzen für die Anwender hält sich in Grenzen.

Frictionless Sharing” – zu Deutsch “”reibungsloses Teilen” – dies ist das Ziel, welches Facebook mit der vor zwei Wochen vorgestellten neuen Klasse von Open-Graph-Applikationen anstrebt. Nutzer sollen mit Hilfe der neuen Apps ihre außerhalb des Facebook-Universums getätigten Aktivitäten wie angehörte Songs, gelesene Artikel oder betrachtete Videos, aber auch andere, durch Verben beschreibbare Tätigkeiten automatisch bei dem Social Network publizieren.

Das Ergebnis ist ein kontinuierlicher, je nach Privatsphäreeinstellungen für alle oder bestimmte Kontakte sichtbarer Stream sämtlicher Aktivitäten, die in irgendeiner Form im digitalen Alltag (und darüber hinaus) durchgeführt werden und per mit Facebook verknüpfter App protokollierbar sind.

Im besten Fall bastelt sich Facebook mit dem Vorhaben die größte (und eigentlich auch erste ernstzunehmende) Semantikmaschine der Welt, wie es Robert Basic neulich beschrieb.

Doch auch nachdem ich nun viele Tage Zeit hatte, die Eindrücke zu verarbeiten und einige der bereits einsatzbereiten Open-Graph-Apps auszuprobieren (z.B. einige der Musik-Apps oder Social-Reader-Apps), bin ich nicht überzeugt, dass dieser Schritt für Facebook-Nutzer tatsächlich eine positive Entwicklung darstellt.

Ungeeigneter Qualitätsfilter

Reibungsloses Teilen vervielfacht zwar die Menge der Informationen, die wir bei dem sozialen Netzwerk in unserem Newsfeed, im Ticker und den kommenden Timeline-Profilen unterbringen. Es eignet sich aber kaum als Qualitätsfilter und effektives Empfehlungswerkzeug für meine Kontakte.

Wenn ich beispielsweise jeden bei einem Musikdienst angehörten Song automatisiert auf mein Facebook-Profil schicke, erfahren meine Kontakte dadurch nicht, ob es sich tatsächlich um gute Musik handelt oder ob ich nur einfach in ein mir unbekanntes Abum reingehört habe. Und wenn ich mir bewusst oder eher versehentlich einen Artikel der Washington Post zu Gemüte führe (wie zum Beispiel “Celebrities with insured body parts“), dann heißt dies nicht per se, dass ich meinen Kontakten raten würden, mit diesem ebenfalls ihre Zeit zu verschwenden.

Reibungsloses vs. aktives Teilen

Das Gegenteil von reibungslosem (oder passivem) Teilen ist aktives Teilen. Dabei entscheiden Nutzer von Aktion zu Aktion aufs Neue, ob sie diese zum Beispiel durch das Betätigen des Like-Buttons bei Facebook veröffentlichten möchten. Aus Sicht des Social Networks ist dies nur bedingt attraktiv, weil das Unternehmen dadurch deutlich weniger über seine Nutzer erfährt. Aus der Perspektive eines qualitativen Filterwerkzeugs, das Anwendern als Orientierungshilfe und Inspirationsquelle dient, halte ich aktives, bewusstes Sharing aber für deutlich leistungsfähiger und auch effizienter. Entscheidend ist nicht, was Nutzer tun und konsumieren, sondern was sie GERNE tun und konsumieren.

Oversharing und Kontrollverlust

Frictionless Sharing wird für die Mehrzahl der 800 Millionen aktiven Facebook-Mitglieder keine echte Bereicherung darstellen. Stattdessen führt es zu “Oversharing” und einem Verlust der Kontrolle über das, was Nutzer auf ihrem Facebook-Profil nunmehr automatisiert (nach einer einmaligen Freigabe) veröffentlichen. Nicht ohne Grund will Facebook für diese Art von Apps einen manuellen Freigabeprozess aufsetzen.

Auch die angekündigten aktivitätsspezifischen Aggregationsseiten wie zum Beispiel das Musik-Dashboard, das aus allen angehörten Titeln persönliche Topplisten erstellt, können den negativen Beigeschmack von Facebooks Frictionless-Sharing-Vorstoß für mich nicht beseitigen: Es geht dabei einzig und allein um die Schaffung effizienterer und effektiverer Vermarktungsmethoden.

Facebook sollte stattdessen auf aktives Teilen setzen

Was Facebook stattdessen machen sollte: passives Teilen einmotten und Open-Graph-Apps stattdessen für aktiv von Nutzern per Klick iniitiertes Publizieren bei Facebook ermächtigen. Mit dem Like-Button hat dies doch auch ganz prima geklappt. Auch dem verbenbasierten Konzept tut dies keinen Abbruch, gibt Anwendern aber mehr Kontrolle und verleiht jedem bewusst durchgeführten Share ein erhebliches Gewicht.

Was haltet ihr grundsätzlich vom Konzept des reibungslosen Sharings?

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5 Kommentare

  1. Andreas Von Gunten
    schrieb am 6. Oktober 2011 um 17:03 Uhr (#)

    Mir geht es ähnlich wie Dir, Martin. Ich bin skeptisch, obwohl ich selber sehr viel share, auf den verschiedensten Kanälen, wie Du weisst. Aber schon als das “Scrobbling” nach last.fm gross in Mode war, habe ich das nur sporadisch genutzt. Bei mir läuft fast immer Random Sound aus meiner Library. Jeden Song zu sharen, der da zu hören ist, ist genauso aussagekräftig, wie wenn man jeden Song sharen würde, der im Radio im Hintergrund läuft. Beim Lesen von Texten, eine ähnliche Situation: ich muss mich ja zuerst in einen Artikel einlesen, bevor ich entscheiden kann, ob ich den gut finde und weitervermitteln möchte. Wenn wir alle alles sharen was wir tun, ohne Bewertung, bietet das Sharing irgendwie keinen Nutzen mehr, ausser vielleicht neuen möglichen quantitativen Aussagen. Die noch kurze Geschichte des Webs hat mich allerdings gelehrt, dass vieles was ich im ersten Moment als eher schräg betrachte, sich am Ende doch noch als sinnvollen Service, den ich viel nutze, erweisen kann. Es ist gut möglich, dass ich etwas Wesentliches an dieser Geschichte noch nicht verstanden habe. Aber im Moment glaube ich sowenig an “frictionless sharing” wie an “Amen”. Amen :-)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 6. Oktober 2011 um 18:55 Uhr (#)

      Die noch kurze Geschichte des Webs hat mich allerdings gelehrt, dass vieles was ich im ersten Moment als eher schräg betrachte, sich am Ende doch noch als sinnvollen Service, den ich viel nutze, erweisen kann.

      Wohl war. Und man landet mit einer kritischen Sichtweise auf Frictionless Sharing wohl auch leicht in der selben Schublade wie alle die, die grundsätzlich gegen jede Neuerung sind… aber gut, das nehm ich in diesem Fall in Kauf.

      Letztlich gibt es kein Naturgesetz, dass Facebook mit jeder grundlegenden Veränderung am Ende immer richtig liegt.

  2. Kapon
    schrieb am 29. November 2011 um 20:37 Uhr (#)

    Das automatische teilen, sollte vielleicht nicht so genannt werden. Denn es ist nicht wirklich ‘teilen’, wie wir es bisher kannten. Wir machen es nicht bewusst. Wir sagen nicht ‘Das gefaellt mir, check das mal!’. Sondern eher: ‘Das habe ich gelesen, gesehen, gehört. Diese Informationen habe ich heute konsumiert’ – Also ist es kein teilen, sondern eher ein ‘sammeln’

    Momentan gehen unsere digital erzeugten Erfahrungen und verwerteten Informationen zum grössten Teil – verloren. Die neuen Facebook Features ermöglichen es uns ein automatisches Tagebuch zu erzeugen, indem wir unsere ‘Erinnerungen’ speichern. Heute sind es Artikel und Lieder und Morgen werden es Locations (automatischer CheckIN an allen Orten, wo ich mich laenger als 5 Minuten aufhalte?) Fotos und Videos (Google Plus hat ja schon ein Sofort Upload Feature) Telefonate (automatische Aufnahme und Upload) Treffen mit Freunden (NFC, sobald ich in der Naehe eines Freundes bin, wird das registriert und gespeichert).

    Und in 10 Jahren kann ich nachschlagen, was ich am 29.11.2011 gelesen und gehört habe. Mit wem ich mich getroffen habe und wo wir waren. Was wir wo gegessen haben und was wir alles gesehen haben. Ich kann mich zurückversetzen an diesen Tag und das gleiche Fühlen, wie vor 10 Jahren. Ich finde das echt krass! Und was ist mit Privatsphaere? Scheiss auf Privatsphare ;)

    1. Andreas Von Gunten
      schrieb am 29. November 2011 um 20:46 Uhr (#)

      @kapon, das Sammeln all dieser Informationen finde ich auch sehr spannend und ich möchte auch am liebsten ein komplettes Livetracking, aber ich würde weiterhin nur gezielt und ausgewählt sharen wollen, im Moment mindestens :-)

  3. Oliver Moser
    schrieb am 7. Februar 2012 um 15:25 Uhr (#)

    Meine erste Reaktion auf das Feature war auch Ablehnung. In der Tat macht es keinen Sinn jedes gehörte Lied oder jeder gelesene Artikel einfach automatisch in Facebook zu veröffentlichen. Das erzeugt zu viel Noise. Aber ich denke, man hat hier auch einfach schlechte Beispiele gewählt, die solch eine Veröffentlichung auslöst.

    Ich habe mir gerade das Tutorial dazu noch mal genauer angesehen. Was dabei deutlich wird, dass es sich nicht um automatische Sharing handelt, sondern um zusätzliches Sharing. Denn es muss in diesem Beispiel ein Button geklickt werden und erst dann wird die Aktion auch auf Facebook veröffentlicht. Insofern muss ich mir überlegen, welche Aktion auf meiner Webseite so wertvoll ist, dass ein Teilen Sinn macht und Nutzen bringt.

    Dieses Feature ist so universell einsetzbar, dass der “Like”-Button quasi auf jede beliebiges Event auf der eigenen Webseite angewendet werden kann. Zusätzlich kann ich auch noch genau definieren, welcher Inhalt veröffentlicht werden soll.

    Es ist ein bisschen so wie mit http://ifttt.com/. Das Tool ist auch so universell und mächtig, dass man erstmal etwas Hirnschmalz reinstecken muss, um die wirklich sinnvollen Einsatzzwecke zu entdecken.

    Wir werden in Zukunft viele automatische Sharings sehen und das erste Ziel wird nicht mehr der Facebook-Like-Button sondern die Zustimmung zum “Frictionless Sharing”.

    Viele Grüße,
    Olli

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