Die Macht der digitalen Ökosysteme:
Der kommende Bedeutungsverlust deutscher Medienunternehmen

Google, Apple, Facebook und Amazon schaffen digitale Ökosysteme und ziehen Konsumenten und Lieferanten magisch an. Deutsche Medienanbieter verlieren angesichts dieser Entwicklung Einfluss und Bedeutung.


Die nächsten Jahren werden hart. Nicht für Konsumenten und nicht für zukunftsorientierte Unternehmen, aber für alle diejenigen im deutschsprachigen Raum, die sich eine Welt ohne eine gewisse Kontrolle über die Medienwertschöpfungskette und ohne dominierende nationale Anbieter in strategisch wichtigen Bereichen nicht vorstellen können.

Wieder einmal klar wurde mir das am Mittwoch im Angesicht von Amazons vorgestellten Produktneuheiten: einem 199-Dollar-Tablet sowie zwei neuen E-Readern zum Niedrigstpreis, von denen zumindest einer für gerade einmal 99 Euro auch in Deutschland auf den Markt kommen soll.

Amazons Vorstoß ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Zum einen führt das zum Internet-Mischkonzern mutierende Unternehmen aus Seattle die losen Enden im Vertrieb seiner digitalen Waren zusammen, zum anderen Unterstreicht es seinen Anspruch, im Wettrennen der Netzgiganten um die Aufmerksamkeit und Loyalität der Konsumenten mitzumischen.

Amazon wird den deutschen Buchmarkt auf den Kopf stellen

Auch wenn Amazon die internationale Expansion seiner Dienste und Medienprodukte im Gegensatz zu Google und Apple vernachlässigt, ist meines Erachtens nach sehr wahrscheinlich, dass es mit seinen subventionierten Lesegeräten und dem angeschlossenen E-Book-Store den deutschen Buchhandel in den nächsten Jahren komplett durcheinander wirbeln wird.

Die Buchpreisbindung verhindert zwar Preisnachlässe bei Titeln, aber nicht die Bereitstellung von E-Readern zum Niedrigstpreis. Mit 99 Euro ist die Untergrenze noch nicht erreicht (in den USA wird das gleiche Modell für 79 Dollar verkauft). Bei seinem Tablet verliert Amazon pro verkauftem Gerät etwa 50 Euro – das Unternehmen weiß ob der Bedeutung von Investitionen in Zukunftsmärkte.

Das Entstehen mächtiger Ökosysteme

Nach Google, Apple und Facebook ist Amazon der nächste rasant wachsende US-Konzern, der seine einzelnen, für sich genommen schon schlagfertigen Dienste zu einem überlegenen Ökosystem verknüpft, das aufgrund seiner Größe, Reichweite und Integration verschiedener Dienstleistungen eine magnetische Anziehungskraft auf Drittanbieter und Lieferanten hat.

In den nächsten Jahren werden diese vier Firmen (neben vielleicht ein bis zwei weiteren) die Rahmenbedingungen für den digitalen Konsum von Medien und Informationen aller Art stecken und eine enorme Marktmacht auf sich vereinen.

Einheimische Big Player geraten unter Druck

Während dies für Nischenanbieter, Startups und Hobby-Medienschaffende im besten Fall nur zu vereinzelten Problemen führt – das Internet wird auch in Zukunft Raum abseits der in sich geschlossenen Ökosysteme bieten – steht den bisherigen Big Playern der deutschen Medienwelt ein weitreichender Verlust von Einfluss und Bedeutung bevor. Denn ihnen fehlen eigene, mit den US-Größen vergleichbare und durch moderne Hardware abgerundete Ökosysteme.

Schon heute hadern viele Verlage mit der 30-prozentigen Umsatzbeteiligung, die Apple für Transaktionen im App Store festgelegt hat. Auch in Googles Android Market und bei Facebook behalten die Wächter des jeweiligen Ökosystems eine Umsatzprovision in gleicher Höhe. Mit zunehmender Macht und dem fortschreitenden Lock-In der Konsumenten können die Internetriesen immer stärker die Konditionen diktieren.

Zusammen mit den enormen Ressourcen, die für die Weiterentwicklung von Produkten, Diensten sowie für den Erwerb von Lizenzrechten zur Verfügung stehen, sowie moralischer und politischer Unterstützung aus Washington, entsteht eine Übermacht, vor der in den nächsten Jahren viele deutsche Medienunternehmen kapitulieren werden.

Damit man mich nicht falsch versteht: Dies ist kein Beitrag, der irgendwelche protektionistische Maßnahmen gegen die US-Dominanz in unserem zukünftigen digitalen Alltag fordert. Im Gegenteil: Ich ziehe den Hut vor der Leistung der IT- und Internetwirtschaft auf der anderen Seite des Atlantiks, wünschte mir, Europa wäre zu ähnlichen Meilensteinen in der Lage und freue mich zudem, dass die aus den USA stammenden Inhalte, die uns ja in Europa ohnehin vorgesetzt werden – aber zeitversetzt und synchronisiert – eines Tages ohne hiesige, mittlerweile überflüssige Mittler ausgeliefert werden.

Fehlende Erkenntnis bei hiesigen Medienlenkern und Politikern

Doch oft scheint es, als haben viele Medienlenker, Politiker und Entscheider auf höchster Ebene (sowie Hersteller von Bücherregalen) die Entwicklung selbst noch gar nicht realisiert. Stattdessen vergeuden sie konstruktiv zu nutzende Zeit mit nationalen Gesetzesvorhaben und Initiativen (Leistungsschutzrecht, Streit um öffentlich-rechtliche Apps, “Two Strikes”), die an kurzfristig lebenserhaltende Maßnahmen erinnern, jedoch keine der entscheidenden zukünftigen Herausforderungen anpacken.

Auch das ganze Gezetere um das sich der deutschen und europäischen Rechtsprechung entziehende Facebook ist nur der Anfang. Früher reichte womöglich ein Anruf von hoher politischer Ebene in die Chefetage eines deutschen Medienhauses mit darauf folgendem Abendessen, um Probleme zu lösen. Wenn die einen Großteil der medialen Wertschöpfung dominierenden und einen Teil der öffentlichen Meinung kontrollierenden Anbieter an der US-Westküste sitzen, wird das alles etwas komplizierter.

Ich wünsche mir, dass Deutschlands politische und gesellschaftliche Entscheider sich intensiver mit der beschriebenen Thematik beschäftigen. Denn sie ist wichtig! Bevor Ideen gesammelt werden können, wie man mit den von Tag zu Tag mächtiger werdenden Ökosystemen auf nicht populistische Weise umgeht und wie man das Beste aus der neuen Situation macht, muss man deren Dynamik erst einmal verstehen. Ich glaube, da gibt es viel Nachholbedarf.

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11 Kommentare

  1. Stefan
    schrieb am 30. September 2011 um 09:46 Uhr (#)

    Realisiert haben es mittlerweile alle Medienunternehmen. Da bin ich mir sicher. Es wird nur konsequent verdrängt, weil der Leidensdruck (noch) nicht hoch genug ist und schlichtweg die Antworten fehlen. Darüber hinaus verlangsamen die internen Strukturen jegliches agieren und es bleibt beim reagieren.

    1. Matthias
      schrieb am 30. September 2011 um 11:43 Uhr (#)

      Ich bin mir nicht sicher, ob ein Konzern der Klasse Amazon nicht auch intern mit endsprechenden Strukturen kämpfen muß. Wie unten schon steht, geht er hier um die eigenen Pfründe und darum Innovation per Gesetz zu steuern.

      Jetzt, wo jeder seinen Vorteil aus der Globalisierung ziehen kann, ist sie doch nicht mehr so gut. Der Gehaltsvergleich muß sich jeder gefallen lassen. Wenn aber wie selbstverständlich im Ausland eingekauft werden will, gilt es das natürlich zu verhindern.

      Leider wir Deutschland wirtschaftlich so komplett abgehängt.

  2. SmilerGrogan
    schrieb am 30. September 2011 um 09:48 Uhr (#)

    Wie soll man auch nur annähernd erwarten, dass die hiesige (Medien-)Wirtschaft einen Schritt in die Zukunft machen könnte. Es scheint hier ginge es nur um Gängelei der Nutzer und Sicherung von Pfründen, wie sie ja auch vor 10-20 Jahren wie Selbstverständlich flossen.
    Man kann ja nur hoffen, dass das Leistungsschutzrecht hier schnell umgesetzt wird und wie in Belgien alle aus dem Google-Index verschwinden. Wird dann wahrscheinlich genauso schnell wieder rückgängig gemacht.

  3. ben_
    schrieb am 30. September 2011 um 10:18 Uhr (#)

    Also … ich ziehe da nicht den Hut vor. Das kann ich schon sagen. Wirtschaftlicher Erfolg alleine ist den Atem wert, den man in eine Seifenblase pustet, wie wir bei der letzten Weltwirtschaftskrise eindrucksvoll gesehen haben.

    Das allein wäre mir aber noch egal. Was mich geradezu anekelt, ist der Umgang der großen mit dem Netz. Apple, Google und jetzt auch Amazon verändern die Grundlagen, auf denen das Netz läuft. Ich hab schlicht kein Lust in 5 Jahre nur noch gegen Konzern-APIs zu programmieren. Das Netz ist so großgeworden, weil jeder bei SelfHTML nachschauen konnte, wie es eigentlich geht. Auch die Netzkonzerne haben bei ihrem Aufstieg davon profitiert und verbrennen jetzt die Brücken über die sei mal kamen.

    Nein, nein … ich fühle mich langsam, wie ein alter Mann, der im CCC, Foebud oder Fiff wohl am besten aufgehoben ist

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 30. September 2011 um 10:25 Uhr (#)

      Ich ziehe den Hut nicht vor dem wirtschaftlichen Erfolg sondern vor den (und da gibt es meines Erachtens nach kein Gegenargument) innovativen und disruptiven Produkten/Diensten, die geschaffen wurden, und die den digitalen Alltag vieler Menschen bereichert haben.

      Der Umgang der besagten Anbieter mit dem Netz ist problematisch ja – aber gleichzeitig (aus natürlichen Gründen der Profitorientierung, die zwangsläufig auf die Schaffung von Vorteilen und die Bindung der Konsumenten hinausläuft) unvermeidbar.

      Aber das “bisherige” Netz verschwindet ja dadurch nicht. Nur für die großen nationalen Medienunternehmen, die auf das Erreichen der Masse aus sind, wird es schwieriger, diese vorbei an den geschlossenen Ökosystemen anzusprechen.

    2. ben_
      schrieb am 1. Oktober 2011 um 21:23 Uhr (#)

      Ja, ok, vor dem Erfolg kann man vielleicht noch den Hut ziehen. Aber, was Apple, Google und Amazon da machen, ist schlicht diese: An den Fundamenten unserer Berufe sägen. An Deinem und an meinem. Und obendrein vermutlich an den Gründen, warum Leute, wie Du und ich heute die Jobs machen, die wir machen. Nie im Leben wäre ich nach dem Studium “Google-Programmierer” geworden, oder Amazon-Content-Distributor.

  4. Rob
    schrieb am 30. September 2011 um 10:36 Uhr (#)

    Schöner Artikel: gutes Thema – klasse bearbeitet.

  5. Jessy
    schrieb am 30. September 2011 um 13:41 Uhr (#)

    Interessante Prognose, jedoch wird meiner Meinung nach die innovative Kraft deutscher Firmen unterschätzt. Ich bin überzeugt davon, dass sich von den deutschen Konzernen unter Druck schnell innovatives realisieren lässt und vieles davon auch effiziente Wege einschlagen wird.
    Wie sagt man? Not macht kreativ, ob es aber auch Erfolg bringt, muss man abwarten.

  6. Dr. Dirk Nouvortne
    schrieb am 1. Oktober 2011 um 19:51 Uhr (#)

    Warum braucht man überhaupt noch Sender (ARD, ZDF …?) Dies sind große Organisationen, mit einem riesen Overhead. Ich sehe den Nutzen gar nicht. Verfügt man über einen anständigen Redakteur, ein Kamerateam und eine(n) Cutter(in) ist jegliches TV der herkömmlichen Art überflüssig – jeder könnte “Sender” sein. Schon heute kann man Programme via Youtube realisieren. Ich bin dann mein eigener Programmdirektor. Wenn es dann so was wie Hulu gibt … fort mit den Öffentlich/Rechtlichen und den Privaten die nur Gebühren verzehren. Internet ist ohnehin interessanter als TV und “Zeitungen”. Beides sind Anachronismen und bremsen nur den Fortschritt. Man schaue sich mal die gähnende Langeweile der WDR-Lokalzeit an – oder die Summe von Talkshows in ARD und ZDF – oder die geistige Diarrhoe diverser privater “Deutschland sucht …” Produktionen!

  7. Oliver Springer
    schrieb am 3. Oktober 2011 um 20:21 Uhr (#)

    @Dr. Dirk Nouvortne: Sag Bescheid, wenn Du mit einem solchen Mini-Team TV-Serien in der Güteklasse von “Mad Men”, “ROM”, “Deadwood” und “Die Sopranos” produziert hast… Oder einen Spielfilm wie “Gladiator”. Für solche Projekte braucht man große Organisationen. Ebenso für Nachrichten in der Qualität von “Tagesschau” und “heute”. Natürlich ließe sich das auch ein wenig lockerer vernetzt bewerkstelligen.

    Feste Sendezeiten sind dagegen – auf lange Sicht – ein Auslaufmodell.

    @Martin: Solcher Themen wegen lese ich dieses Blog schon so lange.

    Ja, diesen Bedeutungsverlust sehe ich auch kommen, zum Teil ist er ja schon da. Abgesehen von Vorteilen der genannten großen US-Unternehmen (Größe des Heimatmarkts, Englisch als Weltsprache etc.) ist es schon traurig, wie wenig Gegenwehr es gibt bzw. wie mutlos hierzulande agiert wird.

    Warum gibt es etwa nicht längst einen von der BILD präsentierten “Volks-E-Book-Reader”, der die Konzernmedien als günstiges Bundle und vielleicht zusammen mit fest integriertem Groupon-ähnlichem Schnäppchen-Service zugänglich macht? Das nur als ein Beispiel, von dem ich mir viel erwarten würde.

    An unausgegorenen oder bedenklichen politische Ideen mangelt es in den USA aber auch nicht. Dass das Internet von der Politik in Deutschland mehr als Bedrohung denn als Chance gesehen bzw. präsentiert wird, dürfte nicht zuletzt an der Bevölkerung liegen.

    Vom Internet mögen zu viele Volksvertreter zu wenig verstehen, aber sie wissen, wie sie vorhandene Ängste/Abneigungen/Vorbehalte in der Bevölkerung für sich nutzen können. Da sind sie Profis. Machen wir uns nichts vor: Es hat doch Gründe, warum, das funktioniert!

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. Oktober 2011 um 10:41 Uhr (#)

    Danke Oliver!

    Was den Volks-E-Reader betrifft: Word! Der hätte schon vor 2 Jahren kommen müssen!

    Aber so ist das eben mit den Buchverlagen: Auch sie wollen den Fortschritt lieber bremsen, als ihn zu beschleunigen.

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