VZ-Chef Clemens Riedl zum Relaunch:
“Jeder unserer Nutzer
ist auch bei Facebook”
Am Mittwoch schickt die VZ-Gruppe ihre überarbeiteten Social Networks in einer Testversion ins Rennen. Die Unterteilung in drei separate Plattformen sowie das VZ-Branding bleiben bestehen.
In der vergangenen Woche hatten wir es angekündigt: Der Relaunch der VZ-Netzwerke, der den anhaltenden Niedergang von studiVZ, meinVZ und schülerVZ stoppen soll, stand unmittelbar bevor. Heute Morgen ist es soweit: Im Laufe des morgigen Tages wird das Berliner Unternehmen die Testversion seiner überarbeiteten Plattform freischalten. Gestern gaben mir VZ-Chef Clemens Riedl und zwei Mitglieder des Produktteams via Skype einen Einblick in die neue VZ-Version.
Das vielleicht Wichtigste vorweg: Wider Erwarten haben sich die Hauptstädter entschieden, weiterhin auf drei separate Netzwerke zu setzen. Auch Branding und Corporate Design bleiben größtenteils erhalten. studiVZ und schülerVZ behalten ihre Namen, aus meinVZ wird freundeVZ (ein Namensvorschlag, über den bereits vor dem Launch von meinVZ Anfang 2008 spekuliert wurde).
Mitglieder sprachen sich gegen Zusammenschluss und Namensänderung aus
Wie Geschäftsführer Riedl mir erläuterte, stand sowohl eine Fusion der drei Netzwerke als auch eine Umbenennung zur Debatte. Präventiv hatte man sich dafür auch die Domain vz.net für 52.000 250.000 Dollar gesichert. Doch die intensive Marktforschung und Befragung der existierenden Mitglieder habe ergeben, dass diese sowohl die Dreigliedrigkeit als auch die Namen nicht verlieren möchten.
Der Relaunch, an dem 70 Entwickler und Produktmanager ein Jahr lang gearbeitet haben, umfasst sowohl eine radikale Erneuerung des technischen Fundaments als auch für User sichtbare, optische sowie funktionelle Veränderungen. Entwickelt wurde die neue Plattform mit Hilfe von Google Web Toolkit, wodurch in Zukunft schnelle Anpassungen und die Einführung neuer Features möglich werden. 700 Server verrichten bei den VZ-Netzwerken ihre Arbeit, bewahren 200 Terabyte an Daten und eine Milliarde Fotos.

Primäres Ziel: Nutzerschwund beenden
VZ-Boss Riedl machte im Gespräch keinen Hehl aus dem primären Zweck des Relaunches: die laut seinen Angaben noch 9,8 Millionen Nutzer, die sich mindestens einmal monatlich bei einem der drei Dienste einloggen, zu halten. “Alle unsere Nutzer sind bei Facebook”, zeigte sich Riedl einsichtig. Es gehe also nicht darum, in irgendeiner Form Facebook Konkurrenz zu machen. Stattdessen wolle man Anwendungsszenarien ermöglichen, die von dem einstigen Vorbild und Wettbewerber vernachlässigt werden. “Wir setzen nicht auf Content, sondern konzentrieren uns weiterhin auf die Kommunikation der Nutzer. Mit dem Relaunch liefern wir dafür State-of-the-Art-Technologie”, sagt Riedl.

Die drei Netzwerke erhalten zukünftig unterschiedliche Funktionalität
In Zukunft werden die drei Netzwerke spezifische Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllen, sich also im Feature-Umfang unterscheiden. schülerVZ richtet sich an 10- bis 19-Jährige und stellt die Kommunikation mit Mitschülern und Freunden, die Organisation der Freizeitgestaltung sowie das Entdecken von zielgruppenspezifischen Angeboten in den Mittelpunkt. Bei studiVZ, das Studenten zwischen 19 und 29 Jahren anspricht, dreht sich alles um das Kennenlernen von Kommilitonen an der Uni bzw. innerhalb der Studienrichtung, die Organisation des Studentenlebens sowie die Kommunikation über Studieninhalte. Die Kernzielgruppe von freundeVZ sind junge Erwachsene zwischen 19 und 29 Jahren, die über die Plattform ihre Freizeitgestaltung organisieren, Leute am selben Ort kennenlernen und mit Freunden und Gleichgesinnten kommunizieren sollen.
Gang in die Nische
“Vertikalisierung” nennen die Berliner ihre themenspezifische Positionierung abseits vom auf die breite Masse ausgerichteten, viele unterschiedliche Use Cases abdeckenden Facebook. Man könnte es auch als Gang in die Nische bezeichnen. Eine wichtige Neuerung ist in diesem Zusammenhang das Themen-Feature, das die bisherigen Gruppen ablöst und laut Riedl an Google Circles erinnert – allerdings sortiert nach Themen. Die Funktion soll die intensive Kommunikation mit kleinen Gruppen rund um beliebige Themen erlauben – entweder öffentlich oder in einem kleinen Kreis.
“Niemand hier will ein Mark Zuckerberg sein”
In unserem Skype-Gespräch gaben sich Riedl und seine Teamkollegen betont demütig: “Niemand hier will ein Mark Zuckerberg sein. Wir kennen das Ziel der Reise auch selbst noch nicht”. Wichtig sei es daher, die Ausgestaltung des Dienstes gemeinsam mit den Nutzern voranzutreiben. Deshalb habe man auch die Bezeichnung “Testversion” gewählt – über einen Link in der linken Navigationsleiste kann diese aktiviert, aber auch wieder verlassen werden. Wer die Testversion ausprobiert, wird regelmäßig um Feedback und Bewertungen gebeten. “Der Nutzer steht im Mittelpunkt”, fasst Clemens Riedl die Marschrichtung zusammen. Die Abschaltung des Parallelbetriebs der alten und dann finalisierten neuen Fassung ist für das zweite Quartal 2012 geplant.

In den letzten Monaten war häufiger von einem Mitarbeiterschwund bei den VZ-Netzwerken zu hören. Laut Riedl hätten einige Angestellte das Unternehmen verlassen, manche auch nicht freiwillig. Allerdings habe es sich um “nichts Dramatisches” gehandelt. Tatsächlich suche man weiterhin nach Unterstützung, vor allem im Engineering-Bereich.
Mein Fazit
Gibt es neben Facebook Raum für Nischenanbieter mit Fokus auf der Kommunikation rund um spezifische Themen? Garantiert. Das Streben in diese Nischen und die klar kommunizierte Positionierung als Ergänzung zu Facebook kann durchaus zu einer Stabilisierung der seit langem sinkenden Nutzerzahlen führen – wenn auch womöglich auf einem noch niedrigeren Niveau als heute. Gleichzeitig bleibt die Marke VZ für alle, die den Dienst nicht (mehr) aktiv nutzen, ein gebranntes Kind.
Fraglich ist, ob sich mit der Strategie das Umsatzwachstum (30 Millionen Euro im vergangenen Jahr, Steigerung von 30-40 Prozent und positives EBITDA in der ersten Jahreshälfte 2011 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) aufrecht erhalten lässt. Wahrscheinlich nicht. Nischen zu belegen, heißt auch, (vorerst) den Traum von Größe und das Streben nach Milliarden von Seitenaufrufen aufzugeben. Aber letztlich haben die Berliner gar keine andere Wahl.
















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27. September 2011 um 13:07
Meinst du mit dem zweiten Quartal das Geschäftsquartal der VZ-Gruppe oder sollte es einfach viertes Quartal heißen? (direkt über dem letzten Bild)
27. September 2011 um 13:12
Meinte 2012, nicht 2011. Geändert, thx für den Hinweis.
27. September 2011 um 13:58
27. September 2011 um 15:19
Hier noch die 10 Gründe, warum man überhaupt noch bei StudiVZ ist …
http://severint.net/2011/…ch-bei-studivz-bist/
27. September 2011 um 18:48
Den Traum von Milliarden Seitenaufrufen aufgeben? Warum? Dass VZ monatlich einige Milliarden Seitenaufrufe hat, ist doch seit Jahren Realität, davon muss keiner mehr träumen. Die Träume von Billionen müsste man vielleicht aufgeben. Oder die von Milliardenbewertungen. Wobei ich aber eher nicht glaube, dass man die in Berlin überhaupt jemals hatte.
27. September 2011 um 19:27
Stimmt, ungünstig formuliert.
28. September 2011 um 11:30
Ist das nur mein Eindruck, oder sieht das ganze statt bisher nach Facebook jetzt dafür nach Xing aus??
28. September 2011 um 11:32
Hat vielleicht mit der Farbe zu tun? Dieses Grün findet sich auch nur bei schülerVZ.
28. September 2011 um 14:42
Ja, für Nischenanbieter gibt es bestimmt Raum. Nur ein solcher sind die VZ-Netzwerke nicht. Dafür sind sie auch viel zu groß.
Die Strategie müsste hier eine andere sein – etwa speziell die Bedürfnisse der Nutzer im deutschsprachigen Raum zu erfüllen, eben auf Heimvorteil zu setzen. Ein paar gute Ideen bei Facebook und Google+ abzugucken, steht dem nicht entgegen.
Das Thema Datenschutz könnten die VZ-Netzwerke noch viel offensiver als bisher angehen. Ziel könnte sein, bei Kritik an Facebook stets als Alternative in den Massenmedien genannt zu werden. Hier gibt es die Chance, wieder in der öffentlichen Wahrnehmung berücksichtigt zu werden.
28. September 2011 um 15:23
@ Henning da Xing auch erst vor kurzem ein redesign hatte, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich so schnell daran orientieren konnten.zumal ja zu lesen war, dass sie ein jahr an design und technik gearbeitet haben. ich finde das design ganz gut ehrlich gesagt. es ist endlich übersichtlicher und gut strukturiert, naja soweit man das auf den screens erkennen kann. würde gern mal wissen ob sie sich externe hilfe geholt haben oder alles allein gestemmt haben!?!! in bisherigen artikeln konnte ich nichts dazu finden.
28. September 2011 um 16:30
In einem Kommentar bei BasicThinking war zu lesen, dass Design und Konzeption warscheinlich auch von einer externen Agentur kommt. Auf deren Website kann man auch Screens sehen. http://www.basilicom.de
28. September 2011 um 16:46
Liebe Gruesse an Clemens Riedl: nicht die gesamte Vz-Gemeinde ist von facebook eingenommen, eine in die Jahre gekommene StudiVz-Nutzerin wird nicht im Traum daran denken. Aber hinterm Mond leben tut sie auch nicht:sie ist bei google+. Nun mag man darueber streiten, ob das Geschaeftsgebahren von google hinzunehmen ist, oder wie man google findet (auch die Katholiken sind nicht immer gluecklich mit den Aussagen ihres Papstes doch treten die meisten deshalb nicht aus sondern fuehren vielmehr eine bisweilen hitzige Debatte die diese Institution lebendig erhaelt) deshalb freut es mich auch dass Vz nicht als solches aufgegeben wird. Aber die Aussage ALLE Vz-Nutzer seien bei facebook stimmt vielleicht mehrheitlich aber nicht absolut. Mit lieben Gruessen aus der Uni Tuebingen ;-)
28. September 2011 um 17:01
Ich glaube, du musst seine Aussage abstrakter sehen. Was er meint, ist, dass VZ für die Mehrheit der Nutzer nicht mehr das einzige/primäre Social Network ist.
30. November 2011 um 3:49
Ob VZ damit wirklich sich erholen wird bleibt abzuwarten an der übersicht haben sie bereits damals gearbeitet und genau das ging nach hinten los, ich erinnere an die riesen gruppen wo die user die alte startseite zurück gefordert haben.
04. Mai 2012 um 4:05
Ich habe mich vor einiger Zeit bei VZ mal wieder eingelockt und konnte mich kaum noch zurecht finden, ich denke aber wenn jemand nun neu zu VZ kommt und die nächste Generation wächst ja herran, könnte vz damit doch deutlich punkten. aber gegen facebook anzukommen wird sicher sehr schwer.