Erwartungsgemäß:
Facebook stehen
stürmische Wochen bevor

Die Zeit für eine neuerliche Facebook-Kontroverse auf breiter Front scheint gekommen. Traditionell wird dies Alternativen helfen, sich ins Gespräch zu bringen. Ein bleibender Effekt ist allerdings nicht garantiert.

Foto: Flickr/TwisterMc, CC-Lizenz
Foto: Flickr/TwisterMc, CC-Lizenz
Nach den in der vergangenen Woche vorgestellten Veränderungen bei Facebook (Timeline-Profile, neue Open-Graph-Anwendungsklasse) lässt eine Kontroverse um das immer allwissendere Social Network nicht lange auf sich warten. Wie schon nach der Entwicklerkonferenz im Frühjahr 2010, als Facebook u.a. den Like-Button präsentierte, stehen dem Dienst nun einige stürmische Wochen mit allerlei Protestaktionen und plakativen Kontolöschungen bevor.

off the record-Blogger Olaf Kolbrück macht den Anfang und will “seine Aktivitäten bei Facebook auf Null herunterfahren”. CCC-Sprecher Frank Rieger vergleicht Facebook mit der Stasi und AOL. Richard Gutjahr nimmt die jüngste Verwandlung von Facebook hin zu einem “digitalen Lebensarchiv” zum Anlass für einen Aufruf an seine Leser, das soziale Netzwerk mit der Anforderung einer alle persönlichen Daten enthaltenden CD auf die Nerven zu gehen. Für ihn ist das ein symbolisches Eintreten für mehr Rechte im Umgang mit seinen Daten – an anderer Stelle hält man die Initiative für “Datenschutztheater”.

Nicht gerade unterstützend für Facebook sind die Vorwürfe von Blogger Nik Cubrilovic, der US-Dienst würde Bewegungen der Nutzer im Netz mittels Cookies auch dann verfolgen, wenn sie sich aus dem sozialen Netzwerk ausgeloggt haben. Facebook antworte mittlerweile, dass Cookies tatsächlich auch nach dem Abmelden Informationen über den Anwender enthalten, diese jedoch nicht zum Tracking eingesetzt werden, sondern lediglich zur Spamabwehr und zur Bereitstellung von Sicherheitsmechanismen. Zudem wolle das Unternehmen nachbessern.

In diesem Kontext erwähnenswert ist zudem die von uns monierte Sichtbarmachung von einst geschützten Profilinhalten. Facebook beteuert, keine Einstellungen verändert zu haben.

Kurzum: Bewussten und konfliktfreudigen Beobachtern bietet sich einmal mehr ein bunter Strauß an als negativ wahrgenommenen Aspekten rund um das Vorgehen des weltweit führenden, übermächtig erscheinenden Social Networks. Und dabei haben 99,9 Prozent der Mitglieder das neue, attraktive aber gewöhnungsbedürftige Timeline-Profil noch nicht einmal zu Gesicht bekommen (so aktiviert man es manuell).

Analog zu den Geschehnissen aus dem Frühjahr 2010 bietet die latent schwelende, nun wieder auf breiter Front aufflammende Debatte um Facebook Chancen für Konkurrenten, sich ins Gespräch zu bringen. Vor anderthalb Jahren profitierte primär diaspora von der Anti-Facebook-Welle. Dieses Mal könnte Googles Ende Juli lanciertes Social Network Google+ Nutznießer sein – das laut einer aktuellen Schätzung gerade die Marke von 50 Millionen Mitgliedern durchbrochen haben soll und seit einigen Tagen ohne Einladung zugänglich ist.

Kommt zu Google+ – macht Schluss mit Facebook” lautet die Forderung von Blogger Tim Bormann. Ähnliche Aufrufe werden wir in nächster Zeit vermutlich noch häufiger hören. Während das Google-Netzwerk in der englischsprachigen Tech-Welt nicht immer ganz ernst genommen wird, konnte es bei technisch versierten Trendsettern im deutschsprachigen Raum schnell viele loyale Fans gewinnen.

Doch den Gedanke, Google+ sei das netzpolitisch gesehen bessere Facebook, halte ich trotz der nachvollziehbaren Suche nach Alternativen für falsch. Auch wenn es Google gelungen ist, sein “Sei nicht böse”-Mantra über viele Jahre und trotz einiger Ausrutscher zu verteidigen, kann niemand wirkliches Interesse an DEM einen übermächtigen Netzgiganten haben. Egal ob er Facebook oder Google heißt.

An dem Tag, an dem Google+ hypothetisch die Marke von 800 Millionen aktiven Nutzern durchbricht, wird das Netzwerk sich auf ähnliche Weise Feinde und Kritiker gemacht haben wie jetzt Facebook.

Meines Erachtens nach kann nur eine dezentrale Lösung (im Stile von diaspora, Liste von Servern hier) eine erstrebenswerte Alternative zu Facebook darstellen – eine mit einem von Grund auf anderen Verständnis darüber, wer die Kontrolle über die Nutzerdaten besitzt. Diese Kontrolle sollte nicht bei Facebook liegen und auch nicht bei Google+, sondern bei den Anwendern selbst – auch wenn dies Einschnitte bei Funktionalität und Bedienungskomfort mitbringt.

Sonst werden wir auch in zehn Jahren noch die gleiche Diskussion führen wie heute.

(Foto: Flickr/TwisterMc, CC-Lizenz)

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14 Kommentare

  1. severin
    schrieb am 27. September 2011 um 10:05 Uhr (#)

    Ich habe die neue Timeline aktiviert – und Sie gefällt mir. Die Informationen waren auch vorher schon alle da, jetzt sind sie nur besser aufbereitet. Mit Google muss ich eh schon arbeiten und will mich nicht von einem netzgiganten abhängig machen.

    Suche, Statistik und Werbung bei Google, Mail bei Microsoft und Social Networking bei fb. Außerdem noch twitter und Blog…

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 27. September 2011 um 10:23 Uhr (#)

      Jo ich find Timeline auch ziemlich cool.

  2. Ger KS
    schrieb am 27. September 2011 um 10:15 Uhr (#)

    Das ist richtig. Jedes Fast-Monopol wird über kurz oder lang den Profit in den Vorgrund stellen (shareholder value) und nicht Sicherheitsbedenken. Aber für eine wirklich echte Alternative zu diesen ganzen Monolithen braucht es erstmal ein Standardprotokoll das von allen mitgetragen wird (so wie im Web http, mail, ftp usw.) mit dem solche lokalen Datenhalter vernetzt werden können und der Austausch der sozialen Datengebilde ungehindert möglich ist.
    Das sehe ich noch länger nicht. Bis dahin ist mir aber G+ von Google die in ihrer Firma die DLF (Data Liberation Front) erlauben und damit ich meine Daten zur Gänze speichern kann lieber, als ein Unternehmen dass als einzige Geschäftsgrundlage das möglichst lückenlose Verhalten eines Users im Internet hat.
    Deswegen G+, derzeit einfach das kleinere Übel.

  3. Tim
    schrieb am 27. September 2011 um 10:27 Uhr (#)

    Deine Forderung nach einer dezentralen Lösung kann ich nur unterstützen. Und wenn Politiker clever wären (nur dann), würden sie jetzt so etwas subventionieren, weil sonst die US-Unternehmen wieder alle Daten der Europäer in Zukunft haben… War nur ein Gedanke.

  4. Matthias
    schrieb am 27. September 2011 um 10:47 Uhr (#)

    Die breite Masse wird endscheident sein und die interessiert nicht was Netzexperten sagen.

  5. wolfgang
    schrieb am 27. September 2011 um 12:47 Uhr (#)

    ACHTUNG: SICHERHEITSLÜCKE AUF FACEBOOK!!! Ab heute schleicht sich Facebook während Du schläfst in Dein Schlafzimmer und malt Dir mit Edding ordinäre Dinge ins Gesicht!!! Um diese Option zu ändern, gehe auf Privatsphäreeinstellungen -> persönliche Einstellungen -> Kopfsachen -> Sauberkeit … und dann nimm den Haken bei “Pimmelgesicht” raus. Facebook hat dies geheim gehalten!!! Kopiere es in Deinen Status um Deine Freunde davor zu warnen!! ♥ ♥ ♥ ♥ Und vergiss die Herzen nicht…vergiss bloß diese SCHEISS Herzen nicht! ♥ ♥ ♥ ♥

  6. Ger KS
    schrieb am 27. September 2011 um 16:34 Uhr (#)

    WARNUNG: FaceBook stellt in allen Strassen auf allen Kreuzungen überall im Land Säulen auf und wenn du verbeigehst dann wird deine Anwesenheit dort an FaceBook übermittelt. Egal wo in der Stadt oder am Land grad bist. Eigentlich dachtest du aber das nur wenn du dich in Fillialen von Facebook irgendwo aufhälst, das dies festgehalten wird. Wenn du die Gebäude verlässt warst du der Meinung dass dann deine Bewegung nicht mehr aufgezeichnet wird. (In die Netzrealität ist das glaube ich leicht zu übertragen)
    Und SCHEISS Herzen helfen da gar nichst, denn diese Warnung sollte man im Unterschied zu anderen ERNST nehmen und nicht dann hinterher klagen müssen. (Im wahrsten Sinn des Wortes )

  7. Johann
    schrieb am 27. September 2011 um 17:09 Uhr (#)

    Der Forderung nach einem dezentralen, sozialen Netzwerk kann ich nur zustimmen. Insofern halte ich Diaspora auch für die derzeit beste Lösung. Allerdings warte ich nun schon seit bestimmt einem Jahr auf einen invite. Sollte ich den einmal bekommen, mache ich mir aus diesem Grund wenig Hoffnung, dort viele meiner Freunde vorzufinden bzw zu einem Wechsel überzeugen zu können. Dann ist schon sehr frustrierend.
    Da hat Google mit all seiner Marktmacht Diaspora mal eben überrundet und bietet Google+ mittlerweile sogar ohne invite an. Also setzte ich gezwungender Maße erstmal auf diesen Dienst, wobei mich das schon ein wenig ärgert.

  8. Lukas
    schrieb am 27. September 2011 um 20:47 Uhr (#)

    @Johann: Man benötigt nur für die offizielle Seite joindiaspora.com ein Invite. Da es ein dezentrales System ist gibt es noch weitere sog. “Pods” wo du dich einfach anmelden kannst, z.B. https://pod.geraspora.de/.

  9. rob zen
    schrieb am 27. September 2011 um 21:53 Uhr (#)

    Auch wenn Google+ mal so groß werden sollte wie Facebook, ich hab meine Daten wesentlich lieber bei Google als bei Facebook.

    Der wesentliche Unterschied der beiden Riesen ist, dass Google unsere Daten nutzt um Werbung zu schalten, dies geschieht automatisiert und anonym.
    Facebook hingegen verkauft die Informationen seiner Nutzer über App-Anbieter an externe Firmen. Und was die damit machen wird kaum kontrolliert.

    Zudem ist FB moralisch einfach nur unterirdisch, Beispiel:
    http://tagesschau.de/wirt…aft/facebook214.html

  10. Johann
    schrieb am 27. September 2011 um 22:50 Uhr (#)

    @Lukas: Vielen Dank. Werd mir das gleich mal anschauen.

  11. solo viola
    schrieb am 27. September 2011 um 22:53 Uhr (#)

    Facebook ist so 0er-Jahre.

  12. Christian Buggisch
    schrieb am 28. September 2011 um 11:13 Uhr (#)

    Unabhängig vom Thema Datenschutz weiß ich nicht, wem die neue Timeline was bringen soll. Ich finde das Konzept auch wenig innovativ. Mein Leben im Facebook-Museum, ein Archiv für Allerwelts-Biographien? Wer braucht das? Siehe auch http://buggisch.wordpress…das-facebook-museum/

  13. Doktor Hu
    schrieb am 28. September 2011 um 11:46 Uhr (#)

    Schaufelt sich Facebook gerade das eigene Grab? Kritischer Kommentar zum geplanten Lebensarchiv http://ow.ly/6H32S

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