Color:
Der Startup-Flop des Jahres
wagt einen zweiten Anlauf

Im März lancierte das US-Startup Color mit viel Tamtam eine äußerst spannende mobile Foto-Applikation, die jedoch nicht den erhofften Erfolg mit sich brachte. Ein halbes Jahr später wagt der Dienst aus Kalifornien einen zweiten Anlauf – und setzt diesmal komplett auf Facebook auf.

Color, der bisher größte Anwärter auf den Titel “Startup-Flop des Jahres 2011″, versucht einen zweiten Anlauf als Foto- und Live-Video-Sharing-Applikation für Facebook.

Wir erinnern uns: Mit einer enormen Medienbewachung ging Color Ende März dieses Jahres als iPhone-App ins Netz (eine Android-App existierte nur wenige Tage), mit der man standortbasierte Fotos veröffentlichen konnte. Neben einer rekordverdächtigen Kapitalspritze von 41 Millionen Dollar vor dem Launch machte das junge Unternehmen aus Palo Alto vor allem durch seine Technologie von sich reden, die Dutzende Smartphone-Sensoren zur exakten Standortbestimmung seiner Nutzer einsetzte.

Doch aller anfänglichen Euphorie zum Trotz gelang es dem Startup nicht, die notwendige kritische Masse zu erreichen. Verantwortlich dafür waren sowohl Usability-Probleme als auch das Fehlen von Vernetzungsoptionen mit Freunden. Abseits von ausgewiesenen Geek-Orten und -Veranstaltungen glich die Color-App, die aktuelle Fotos aus der unmittelbaren Umgebung darstellen sollte, damit einer virtuellen Geisterstadt.

Wenige Monate nach dem Launch hatten zwei der drei Gründer das missglückte Projekt verlassen. Übrig blieb CEO Bill Nguyen und eine unbekannte Zahl der zu Anfang rund 40 Color-Mitarbeiter. Im Juli wurde bekannt, dass Google die kalifornische Firma noch vor ihrem Start im März für 200 Millionen Dollar übernehmen wollte. Doch Nguyen und seine Mitgründer lehnten das Angebot ab und nahmen stattdessen 41 Millionen Dollar Risikokapital von Bain, Sequoia Capital und Silicon Valley Bank zu einer Bewertung von 167 Millionen Dollar auf.

Den Investoren soll es um die Technologie gegangen sein

Ein im Silicon Valley ansässiger Kenner der US-Internetlandschaft berichtete mir vor einer Zeit, dass nicht Colors an Endanwender gerichtetes Produkt im Zentrum des Interesses der Investoren stand, sondern die zum Patent angemeldete, von dem Startup entwickelte Technologie zur Ortsbestimmung. Mit der Lizensierung dieser würde sich eines Tages viel Geld verdienen lassen, so das angebliche Kalkül der Geldgeber.

Die erste Color-Version ist Geschichte

Sechs Monate nach der Veröffentlichung von Color 1.0 hat der Dienst Ende vergangener Woche parallel zu Facebooks Entwicklerkonferenz f8 die neue Fassung seines Services in geschlossener Beta-Phase vorgestellt. Name und Logo bleiben gleich, die Funktionsweise und mobile App sind jedoch neu (die alte Color-App wurde aus dem App Store entfernt).

Das neue Color basiert zu 100 Prozent auf der Facebook Plattform. Alle über Colors iPhone-, Android- und Web-App importierten Fotos von Freunden entstammen dem persönlichen Facebook-Netzwerk, und alle über die Color-Apps publizierten Schnappschüsse landen bei Facebook.

Screenshot: Engadget

Color erlaubt Video-Livestreams – ohne Ton

Color 2.0 kombiniert ein alternatives Interface für Facebooks-Foto-Feature mit der Option zu Video-Livestreams (ohne Ton). Dazu können Nutzer ihren ebenfalls Color nutzenden Facebook-Kontakten eine Anfrage schicken, um per Live-Stream sehen zu können, womit die Kontakte sich gerade ihre Zeit vertreiben. Der Stream erscheint dann parallel auf dem Facebook-Profil des Streamenden. Auch lassen sich via Color Fotos bei Facebook publizieren, die für Kontakte als Aufruf fungieren, einen Livestream vom jeweiligen Motiv anzufordern. Color-Chef Bill Nguyen nennt diese Funktionalität “Teleporter”.

Colors Datenhunger

Derzeit können Interessenten auf color.com über ihr Facebook-Konto eine Einladung zur Beta-Version beantragen. Am Freitag glückte mir jedoch eine direkte Registrierung. Eventuell etwas zu voreilig (im Hinblick auf diesen Beitrag) löschte ich wenige Minuten später die Datenfreigabe für Color in meinen Facebook-Einstellungen aber wieder: Das Ausmaß an von der App beanspruchten persönlichen Daten aus dem Facebook-Profil ging selbst mir etwas zu weit – eine derartig lange Liste an Zugriffsrechten ist mir bisher noch bei keiner Facebook-Applikation begegnet (sofern dies nicht nur ein temporärer Fehler war).

Keine Must-Have-App

Es mag sein, dass Color für Fotoverrückte Facebook-Nutzer eine Bereicherung darstellt. Und inwieweit das integrierte Livestreaming vom Smartphone zu Color-Kontakten und Facebook-Freunden sich als nützlicher Service erweist, kann ich momentan noch nicht beurteilen. Um eine Must-Have-Applikation scheint es sich bei der zweiten Ausführung von Color aber nicht zu handeln. Im Gegensatz zur ursprünglichen Idee besitzt Color jetzt meiner Meinung nach auch weit weniger disruptives Potenzial – auch wenn die Idee, zu von Freunden bei dem Social Network veröffentlichten Fotos einen Videostream anzufordern, grundsätzlich nicht schlecht ist.

Die überarbeitete Version von Color macht vor allem den Eindruck eines Versuchs von CEO Bill Nguyen, die App als Übernahmeobjekt für Facebook attraktiv zu machen.

Link: Color

Screenshot: Engadget

 

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3 Kommentare

  1. Auch ich war color Benutzer und habe in eeve gefunden, was color versprach. Obendrein nett gestaltet. Ich weiß nicht, ob eeve z.Z. nur über invites geht, aber zwei hätte ich noch für diejenigen, die meine mailaddy kennen. ;-)

  2. Ich finde das Konzept, Bilder oder Videos aus der Umgebung mit anderen zu teilen, jetzt nicht soooo aufregend.
    Selbst die Verknüpfung durch User in der Nähe ist nicht so toll, denn warum sollte mich interessieren, wer fremdes in der Nähe herum rennt?

    Nur die Facebook Variante ist wieder interessant, aber auch ausschließlich deshalb, weil FB so viele User hat und das später mal in die mobile App einbauen könnte.

    War wohl so ein typischer Start-Up Hype mit den 41 Millionen Finanzierung.

    Ich will aber nicht alles, was meine Apps zufällig aufzeichnen in meinem FB Konto sehen können, und schon gar nicht in der neuen Timeline die sowieso alle App-Ausgaben öffentlich macht.

    Ohne mich gleich bei FB abmelden zu wollen: Sorry, aber so viel Aufmerksamkeit braucht wohl kein Mensch.

3 Pingbacks

  1. [...] Onlinedienste die Zähne ausgebissen – von kleinen deutschen Anbietern wie Whapee über millionenschwere Silicon-Valley-Startups wie Color. Doch drei junge Gründer aus Berlin sind der Meinung, dass das letzte Wort im Bezug auf dieses [...]

  2. [...] hingelegt. Auch beim Startkapital lassen sich parallelen zu dem äußerst ambitionierten, dann aber gefloppten Fotodienst ziehen: Den 41 Millionen Dollar Venture Capital von Color stehen rund 33 Millionen [...]

  3. [...] nie.In den USA gab es in diesem Jahr eine Reihe Aufmerksamkeit erregender Flops – von Color (gefloppt bereits 2011, aber endgültig zerbrochen 2012) über Airtime bis zu Oink. Alles Dienste, die mit viel Kapital [...]

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