Facebook zur Sichtbarkeit von geschützten Inhalten:
“Wir haben keine
Einstellungen verändert”

Facebooks nutzerdefinierte Freundeslisten zur Begrenzung der Sichtbarkeit von Inhalten für bestimmte Kontakte funktionieren seit einigen Tagen nicht mehr so zuverlässig wie zuvor. Facebook aber beteuert, keine Einstellungen verändert zu haben.

Gespannt wartet die Onlinewelt auf Facebooks heute um 19:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnende Entwicklerkonferenz f8. Den überschwänglichen Vorabberichten zufolge werden die von dem Social Network präsentierten Neuerungen “die Social-Media-Welt verändern“.

Doch während sich Facebook gerade mächtig ins Zeug legt, was die Überarbeitung seiner Plattform und die Kommunikation rund um bereits lancierte und anstehende Veränderungen betrifft, hüllt es sich zu unangenehmen Nebeneffekten des umfangreichen Teil-Relaunches in Schweigen.

In der vergangenen Woche berichtete ich über meine Beobachtungen, dass das soziale Netzwerk von Nutzern vor bestimmten Freundeslisten verborgene Inhalte nun allen Kontakten zugänglich macht. Außerdem wies ich darauf hin, dass neu geschlossene Freundschaften nun unwiderruflich auf dem öffentlichen Profil erscheinen. Auch das war zuvor nicht so. Ein Blick auf die Kommentare des Beitrags verdeutlicht, dass zahlreiche andere Facebook-Nutzer ähnliches bei sich festgestellt haben.

Facebook hat sich mittlerweile mit einer kurzen Stellungnahme bei uns gemeldet: Man habe keine Einstellungen verändert, heißt es schlicht und ohne weitere Erläuterungen.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Während eine Reihe von Nutzern überrascht feststellen musste, dass Kontakte aus Freundeslisten, die bisher keinen Zugang zur persönlichen Pinnwand hatten, jetzt verschiedene Aktivitätsarten einsehen können, dementiert Facebook, dass Einstellungen verändert wurden.

Facebooks Taktik scheint folgendermaßen auszusehen: Solange es zu keinen größeren Protesten im Bezug auf vorgenommene, nicht kommunizierten Maßnahmen kommt, will das soziale Netzwerk keine schlafenden Hunde wecken. Daher ignoriert es die im Verhältnis zu 750 Millionen aktiven Nutzer kleine Gruppe der Aufmerksamen.

Freundeslisten gehörten bisher zu den wenig genutzten Features bei Facebook, weshalb ein Großteil der Anwenderschaft von der veränderten Sichtbarkeit nichts mitbekommen hat. Trotzdem ist es verwunderlich, dass auch bei den sonst für jeden noch so eigentlich harmlosen “Datenschutzskandal” und Privatsphäre-Eingriff im Facebook-Kontext empfänglichen Massenmedien niemand auf die Geschehnisse aufmerksam geworden oder auf meinen Artikel reagiert hat.

Ich habe jetzt nochmals mit Facebooks vor einigen Tagen in einer überarbeiteten Fassung veröffentlichten Freundeslisten-Feature experimentiert und zumindest eine partielle Nachbesserung erreicht: Neuerdings gibt es eine Liste namens “eingeschränkt”. Mittels des “Anzeigen als”-Features offenbart sich, dass in dieser Liste befindliche Kontakte von mir keine Likes und keine Events auf meiner Pinnwand einsehen können – Contentarten, die für Kontakte in meiner selbst definierten, eigentlich in höchstem Maße restriktiven Liste seit einigen Tagen auf meiner Pinnwand erscheinen.

Am Ende entsteht für mich der Eindruck, dass es Facebook trotz aller angekündigten Versuche nicht gelungen ist, die Privatsphäre-Einstellungen derartig zu vereinfachen, dass auch Nutzer die volle Kontrolle behalten, die nicht täglich 15 Stunden im Internet verbringen.

Das gesamte System Facebook läuft in seiner momentanen Verfassung darauf hinaus, dass Anwender unwissentlich oder versehentlich Inhalte mit mehr Menschen teilen, als von ihnen eigentlich gewünscht. Ob es sich dabei um Kalkül oder die zwangsläufige Folge des schizophrenen Bestrebens von Facebook handelt, eine Plattform für alle und alles unter Berücksichtigung aller individuellen Präferenzen und Bedenken zu betreiben, möchte ich nicht beurteilen. Die Komplexität wächst dem Dienst in jedem Fall immer stärker über den Kopf. Sich als Nutzer auf die bereitgestellten Kontrollmechanismen zu verlassen, fällt da schwer.

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4 Kommentare

  1. g
    schrieb am 22. September 2011 um 13:51 Uhr (#)

    Der Autor scheint zu übersehen das FB Nutzung und Privatsphäre in keinem direkten Zusammenhang stehen… Weiters ist die Aufregung über ein Kostenloses Angebot und diverse Settings die angeboten werden und wie auch immer in einem zu einem gewissen Zeitpunkt interpretiert werden völlig fehl am Platz. Wer große Mühen in diverse Einstellungen auf einer Onlinplattform investiert muss damit rechnen das sich deren Interpretation ändern. Darüberhinaus eine mediale Kampagne zu launchen wollen und auf dem eigenen Blog einen Like button zu plazieren ist schon extrem peinlich;

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 22. September 2011 um 13:59 Uhr (#)

      D.h. es dürfen nur Sites Kritik an Facebook üben (die bei uns im Gegensatz zu vielen anderen Medien sachlich und ausgewogen ist, nicht plakativ und unreflektiert), die keinen Like-Button integriert haben?

      Seltsame Ansicht. Wie auch deine anderen Ausführungen.

      Ein für 750 Millionen Menschen zum Teil äußerst wichtiger Onlinedienst, der Mechanismen zur Verwaltung und zum zielgerichteten Sharing der persönlichen Inhalte anbietet, muss bei Änderung Nutzer zumindest darüber informieren.

      Die Alternative ist, das ganze Zeug einfach wegzulassen, statt es als Fassade aufrecht zu erhalten.

    2. Tanja Handl
      schrieb am 22. September 2011 um 15:52 Uhr (#)

      @ Martin: Gebe dir absolut recht. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben uns die Änderungen ratlos zurückgelassen. Hinweise bei FB selbst: 0. Resultat: Einige Bekannte haben ihr Profil mittlerweile stillgelegt.

    3. Fabian Beyer
      schrieb am 22. September 2011 um 18:10 Uhr (#)

      Absolut richtig, Martin.
      Man kann nicht mit Kontrolle über das eigene Profil und die Inhalte, die man mit anderen teilt, werben und dann diese Kontrolle im Gegenzug einfach komplett ad acta legen.
      So verkommen die Freundeslisten doch komplett zur Farce…

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