Gegentrend zum On-Demand-Konsum:
Digitale Mediennutzung als Gemeinschaftserlebnis

Eine Reihe von Onlinediensten versucht, in Gemeinschaft erlebte Ereignisse der “realen” Welt ins Digitale zu übertragen. Die dabei übernommenen, für Online-Medienangebote sonst unüblichen Begrenzungen scheinen in diesem Fall niemanden zu stören.

Foto: Flickr/deadserpents, CC-Lizenz
Foto: Flickr/deadserpents, CC-Lizenz
Das Internet hat unseren Medienkonsum in höchstem Maße fragmentiert. Statt sich mit der begrenzten Zahl an Zeitungen, TV-Sendern oder Radio-Stationen zufrieden stellen zu müssen, kann sich jeder Nutzer ein ganz persönliches Medienangebot zusammenstellen und dieses zu einem beliebigen Augenblick losgelöst von Sendezeiten und Auflagen genießen.

Doch trotz oder gerade wegen dieser Entwicklung zu einer immer individuelleren Mediennutzung, bei der eine steigende Zahl von Menschen zum selben Zeitpunkt unterschiedliche Inhalte konsumiert, entsteht derzeit ein entgegengesetzter Trend: Medienkonsum als kollektives, lineares Gemeinschaftserlebnis in Echtzeit.

Prominentestes Beispiel für dieses Phänomen ist der US-Musikdienst Turntable.fm, über den ich mich vor einigen Monaten wiederholte Male begeistert zeigte – bis er aus rechtlichen Gründen für Anwender ohne US-IP-Adresse gesperrt wurde.

Bei Turntable.fm versammeln sich Musikfreunde in grafischen Chaträumen. Bis zu fünf Nutzer betätigen sich als DJs und spielen jeweils einen selbstgewählten Song, der von den restlichen Besuchern des virtuellen Clubs positiv oder negativ bewertet wird.

Ich hatte Turntable.fm enormes Suchtpotenzial attestiert. 650.000 registrierte Nutzer, davon ein Drittel aktiv, nach wenigen Monaten und in Anbetracht der Verfügbarkeit nur für US-User unterstreichen dies. Jüngst hat das Startup aus New York eine Kapitalspritze von sieben Millionen Dollar erhalten und eine iPhone-App veröffentlicht.

Begrenzungen statt unlimitiertem On-Demand-Streaming

Im Gegensatz zu On-Demand-Musikdiensten wie simfy oder Spotfy wimmelt es bei Turntable.fm an Begrenzungen für Anwender: DJs dürfen niemals mehr als einen Song hintereinander abspielen. Befinden sie sich allein im Raum, ist selbst dies nicht möglich. Wer keinen Platz hinter den Plattenspielern ergattern konnte, ist vollständig der Titelauswahl der fünf DJs ausgeliefert. Und doch macht der Service unheimlich viel Spaß, nicht zuletzt wegen der die Motivation antreibenden Gamification-Elemente (Punkte für positive Bewertungen, bessere Avatars bei mehr Punkten).

Turntable.fm sowie die schnell auf der Bildfläche erschienenen Nachahmer wie Rolling.fm oder Outloud.fm sind nicht die erste Adresse, wenn man spontan einen bestimmten Titel oder ein spezielles Album hören möchte. Diesen Zweck erfüllen Streaming-Services und Downloadshops deutlich besser.

Kollektives Musikerlebnis

Primär empfehlen sich Turntable.fm und Co. dann, wenn Nutzer Lust auf ein kollektives Musikerlebnis haben. Dies kann der Fall sein, wenn sie die Begeisterung über ihre aktuelle Lieblingsscheibe mit anderen Menschen teilen oder wenn sie selbst Musik produzieren und Feedback dazu einholen möchten. Hobby- und Profi-DJs können in Vorbereitungen auf einen Gig die Reaktionen der versammelten Zuhörer auf bestimmte Tracks testen, und ausgewiesene sowie selbsternannte Musikexperten ausgiebig über die dargebotenen Stücke fachsimpeln.

Bei Google+ gemeinsam YouTube-Videos schauen

Aber Turntable.fm ist nicht das einzige Beispiel für den Trend zum kollektiven digitalen Medienkonsum in Echtzeit: Das Hangouts-Feature von Google+ fällt ebenfalls in diese Kategorie. Denn es ermöglicht nicht nur bis zu zehn Personen, per Webcam miteinander zu chatten, sondern auch das gemeinschaftliche Betrachten von YouTube-Videos. Seit einigen Wochen lässt sich ein clip-zentrischer Hangout auch direkt von der jeweiligen Videoseite bei YouTube aus starten. Statt einfach nur den Link zu einem lustigen Clip an Freunde zu versenden und zeitversetzt ihre Kommentare zu lesen, kann man stattdessen deren Reaktionen und Gesichtsausdrücke beobachten. Manchmal ist es doch genau das, was man will.

“Turntable.fm für Live-Video”

Der jüngste Vertreter dieser neuen Gattung von Online-Medienangeboten nennt sich YouNow und wurde von TechCrunch simpel aber treffend als “Turntable.fm für Live-Video” bezeichnet (die Beschreibung “Turntable.fm für XYZ” werden wir wohl noch häufiger hören).

Bei YouNow präsentieren Nutzer eigene kreative Darbietungen in Form von Live-Videos, die von den im dazugehörigen Chatraum versammelten Zuschauern mit einem Daumen nach oben oder nach unten bewertet werden. Zu viel negatives Feedback führt zum abrupten Ende des Streams, ähnlich wie dies für DJs bei Turntable.fm der Fall ist. YouNow ist damit eine konzeptionelle Weiterentwicklung bekannter Live-Video-Plattformen wie Justin.tv oder Ustream, allerdings mit einem stärkeren Fokus auf dem Gemeinschaftserlebnis. Doch statt am Lagerfeuer sitzen Nutzer vor ihren Rechnern und lauschen den Klängen des Gitarrenspielers.

Das kollektive Web

Die neue Kategorie von Mediendiensten mit einem Gemeinschaftserlebnis im Mittelpunkt zeichnet sich durch das Fehlen von On-Demand-Funktionalität, den parallelen Konsum einzelner Inhalte durch viele Nutzer sowie integrierte Interaktions- und Feedbackwerkzeuge aus. Die Anbieter imitieren Vorgänge aus dem realen Leben (zum Beispiel, mit Freunden einen Film zu schauen oder auf ein Konzert zu gehen) und übertragen diese ins Digitale – die soziale, gesellige Komponente inbegriffen. Tech-Blogger Om Malik hat für die Entwicklung den Begriff “Alive Web” (“lebendiges Netz”) geprägt, wobe ich “kollektives Web” eigentlich treffender finde.

Die große Frage lautet nun, ob Turntable.fm bzw. das Echtzeit-Musikerlebnis in puncto Nutzerakzeptanz eine Ausnahme darstellt, oder ob sich der digitale, gemeinschaftliche Live-Medienkonsum mit anderen Personen auch auf sonstige Contentformen wie Videos und Filme, Live-Performances, Fotos oder gar Texte ausweiten lässt. Wahrscheinlich ist, dass in den nächsten Monate weitere Startups Experimente in diesem Bereich wagen werden. Die Antwort wird damit nicht zu lange auf sich warten lassen.

(Foto: Flickr/deadserpents, CC-Lizenz)

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