Aggregator für Meinungsjournalismus:
Commentarist wagt den Neustart
und erhält sechsstellige Finanzierung

Nur einen Monat hielt sich Commentarist, ein Aggregator für Meinungsjournalismus aus Hamburg, Anfang 2011 im Netz. Dann zwangen ihn Abmahnungen zweier Verlage zu einer unfreiwilligen Pause. Heute öffnet der Dienst erneut seine Pforten.

Mut zu Experimenten im digitalen Bereich gehört nicht unbedingt zu den typischen Charaktereigenschaften der meisten deutschen Presseverlage. Während dies bei der Mehrzahl der Zeitungshäuser aber eher auf mangelnde Initiative sowie das Fehlen von Visionären zurückzuführen ist, kämpft ein kleiner aber einflussreicher Teil der hiesigen Medienanbieter aktiv gegen alle Ansätze, die das klassische (Online-) Zeitungsgeschäft um neue Dimensionen zu bereichern versuchen.

Am eigenen Leib spüren mussten dies Eric Hauch und Mircea Preotu, die Anfang des Jahres Commentarist starteten (wir hatten damals als erstes Onlinemedium Zugänge zur geschlossenen Beta-Phase), einen Aggregator für Meinungsjournalismus. Der Dienst aus Hamburg indexierte Beiträge von 16 führenden deutschen Nachrichtenwebsites, die Meinungen von mehr als 1000 Journalisten enthielten.

Jeder gefundene Meinungsartikel wurde wie bei herkömmlichen Nachrichtenaggregatoren mit zwei bis drei Zeilen “angeteasert” und führte dann zur Originalquelle.

Doch der FAZ und der Süddeutschen Zeitung ging diese Praxis zu weit: Sie ließen die Commentarist-Macher unter Androhung rechtlicher Schritte abmahnen. Hauch und Preotu sahen sich gezwungen, den Dienst nach nur einem Monat offline zu nehmen, um einem eskalierenden und vor allem teuren Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen.

Heute öffnet Commentarist zum zweiten Mal seine Pforten

Das Duo versprach aber, dass es sich um eine Pause, nicht um eine Schließung handele. Gut sieben Monate später lösen sie dieses Versprechen ein: Am heutigen Montag öffnet Commentarist zum zweiten Mal seine Pforten – dieses Mal hoffentlich auf Dauer.

Veränderungen bei den indexierten Quellen

Konzeptionell und optisch hat sich im Vergleich zur ersten Variante wenig verändert. Statt 16 Nachrichtenportalen und Onlinezeitungen durchsucht der Commentarist-Crawler nun 14, mit denen jeweils eine formelle Kooperationsvereinbarung geschlossen wurde. Geld fließt laut Mitgründer Eric Hauch jedoch nicht. Weitere Quellen sollen in den nächsten Wochen hinzukommen.

Interessant ist ein Vergleich der Quellen und ein Blick auf die Anbieter, die bei Commentarist 2.0 nicht mehr dabei sind: Neben den offensichtlichen “Ausfällen” FAZ.net und Sueddeutsche.de ignoriert der Dienst in seiner aktuellen Fassung alle Beiträge, die bei Tagesspiegel.de, Zeit Online, FR-Online, Handelsblatt, RP-Online, KSTA.de und Tagesschau.de veröffentlicht werden.

Mitgründer Eric Hauch merkt dazu an, dass dies nicht automatisch eine ablehnende Haltung der jeweiligen Sites bedeutet, sondern auf das variierende Verhandlungstempo zurückzuführen ist.

Weiterhin indexiert werden Meinungstexte von Spiegel.de, Stern.de, taz.de, n-tv.de, Welt Online, heute.de sowie FTD. Neu dabei sind die Berliner Morgenpost, Cicero, der Freitag, Focus Online, NZZ Online und The European.

Personalisierungs- und Abo-Funktion mit Facebook-Integration

Wie schon im ersten Anlauf bietet Commentarist einen Überblick über Kommentare und Kolumnen von mehr als 1000 Journalisten im deutschsprachigen Raum, die auf verschiedene Weise aggregiert, kategorisiert und durchsuchbar gemacht werden. Zu den neuen Features gehört eine Personalisierungs-Option, um alle Meinungsbeiträge einer Site oder nur die spezifischer Journalisten zu abonnieren. Auf jeder Personen-Profilseite findet sich dazu ein “Abonnieren”-Button. Links zu abonnierten Kommentaren können auf Wunsch über den eigenen Facebook-Newsfeed bezogen werden. Auch ein E-Mail- oder RSS-Abo ist möglich.

Abo-Funktion und Medaillen auf den Journalisten-Profilen
Abo-Funktion und Medaillen auf den Journalisten-Profilen

Neu ist zudem eine Mini-”Gamification”-Komponente: Die populärsten Autoren und Nachrichtensites erhalten Medaillen und Platzierungen. Ebenfalls in der ursprünglichen Version nicht dabei war die Presseschau – eine jeden Morgen um 8:00 Uhr verschickte E-Mail-Zusammenfassung der meistdiskutierten Themen der letzten 24 Stunden.

Meinungsjournalismus auf dem Vormarsch

Schon seit einigen Jahren ist im Journalismus ein Gesinnungswandel zu beobachten: Der zwanghafte aber selten erfolgreiche Versuch der vollständigen Objektivität verliert zugunsten einer subjektiveren, ehrlicheren, Meinung zulassenden Berichterstattung an Bedeutung. Commentarist trägt dieser Entwicklung Rechnung und kombiniert ein vielversprechendes neuartiges Konzept mit einer übersichtlichen, zeitgemäßen und vielseitigen Benutzeroberfläche.

Da Commentarist jeweils nur die ersten Zeilen eines indexierten Beitrags anzeigt und dann zur Originalquelle verlinkt, entsteht den partizipierenden Nachrichtenportalen keinerlei (finanzieller) Nachteil. Im Idealfall führt Commentarist sogar dazu, dass Nutzer durch die von dem Service geschaffene bessere Auffindbarkeit und Transparenz mehr Meinungsartikel zu spezifischen Themen lesen als zuvor und folglich auch mehr Zeit auf den einzelnen Nachrichtensites verbringen.

Sechsstelliges Investment von Mücke, Sturm & Company

Zur Monetarisierung hält sich das Gründerduo noch bedeckt. Klassische Bannerwerbung soll es auf der Plattform aber nicht geben. Eine Minderheitsbeteiligung der Münchner Managementberatung Mücke, Sturm & Company liefert die notwendigen finanziellen Mittel für die Weiterentwicklung von Commentarist: Das Unternehmen investiert einen sechsstelligen Betrag in das Startup aus der Hansestadt.

Wie groß die Nachfrage nach einem Aggregator für Meinungsjournalismus ist, wird Commentarist in den kommenden Monaten zeigen. Für mich steht aber jetzt schon fest, dass es sich hierbei um eines der innovativsten Experimente rund um digitalen Journalismus im deutschsprachigen Raum seit langem handelt. Dass dies von einem Startup und nicht von einem der etablierten Verlage kommt, spricht Bände.

Link: Commentarist

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3 Kommentare

  1. Florian
    schrieb am 13. September 2011 um 16:58 Uhr (#)

    Also die werden es relativ schwer haben. Wer ist denn die Zielgruppe? Wahrscheinlich nur eine Handvoll Journalisten. Trotzdem wünsche ich ihnen viel Erfolg – ist wenigstens mal was anderes!

  2. Waas
    schrieb am 14. September 2011 um 23:34 Uhr (#)

    Also die Unterschiede zu Google News haben sich mir erst auf den 2. Blick erschlossen.

  3. Malte Landwehr
    schrieb am 29. Dezember 2011 um 13:03 Uhr (#)

    Ganz ehrlich: Der Mehrwert gegenüber Google News erschließt sich mir nicht.
    Als Nutzer habe ich keinerlei Mehrwert davon, dass ein größerer Fokus auf den jeweiligen Autor gelegt wird. Insbesondere, da die meisten großen Onlinezeitungen sowieso nur umgeschriebene DPA-Meldungen oder dreiste Übersetzungen englischer Newsartikel veröffentlichen.

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