Insolvenz:
Dailyplaces steht zum Verkauf

Der Frankfurter Location-Dienst Dailyplaces hat Insolvenz angemeldet und steht zum Verkauf.

Noch im April dieses Jahres sah die Zukunft für den Frankfurter Location-Dienst Dailyplaces nicht schlecht aus: Mit Echtzeit-Chaträumen für Orte startete der 2009 gegründete Service ein von Check-In-Apps bisher nicht bekanntes Feature und verschaffte sich damit sogar internationale Aufmerksamkeit.

Auch mir gefiel der Ansatz, nach einem Check-In an einem Ort (z.B. der re:publica-Konferenz, die als Launchdatum ausgewählt wurde) mit anderen Anwesenden chatten und sich so zum Beispiel verabreden zu können.

Doch für mehr als kurzzeitigen Optimismus sorgte der Schritt des Startups aus Hessen nicht: Vor wenigen Wochen hat die Dailyplaces GmbH beim Amtsgericht Frankfurt am Main Insolvenz angemeldet, da eine dringend benötigte Finanzierungsrunde nicht wie erhofft zustande kam.

Von den vier Gründern Andreas Ebert, Rafael Tomic, Stefan Pohl und Stefan Deitmer sind noch zwei, CEO Ebert und CTO Deitmer, mit an Bord. Drei von vier Angestellten musste gekündigt werden.

Das Unternehmen mit seinen rund 45.000 registrierten Mitgliedern sowie Apps für iPhone und Android steht nun zum Verkauf, Angebote sollen bis zum 19. September eingereicht werden. Der Betrieb der Plattform wird daher vorläufig aufrecht erhalten, was laut Andreas Ebert ohnehin mit recht geringen Kosten verbunden ist.

Sollte es nach dem Ende der Gebotsfrist mehrere Interessenten geben, erhält der Höchstbietende den Zuschlag. Findet sich kein Käufer, würde dies für Dailyplaces das endgültige Aus bedeuten.

Dailyplaces hat während seines bald zweijährigen Bestehens mehrmals die Positionierung und Funktionsweise verändert und sprang schließlich auf den Trend mit Check-Ins auf. Bedenkt man, dass es selbst für den aus New York stammenden Check-In-Pionier foursquare nur in sehr kleinen Schritten voran geht, verwundert es nicht, dass Dailyplaces als deutsches Startup Probleme hatte, ein nachhaltiges Geschäftsmodell und eine dafür notwendige, hinreichend große Nutzerschaft aufzubauen.

Erst Ende Juni präsentierte Dailyplaces-Geschäftsführer Andreas Ebert auf dem 1. Twittwoch Rhein-Main ein neues Geschäftsmodell, mit dem die Frankfurter im dritten Quartal 2011 durchstarten wollten: Nach einem erfolgten Check-In sollte Nutzern die Gelegenheit geboten werden, eine zum Standort passende Anzeige zu betrachten, wofür sie einen Geldbetrag von mindestens 25 Cent erhalten hätten.

Das Modell erinnert zwar im ersten Moment ein wenig an Fürs-Surfen-bezahlt-werden-Dienste aus der Hoch-Zeit der New Economy, hat aber durch die Darstellung am Point of Sale den großen Vorteil, direkt zu Käufen anregen zu können.

Inwieweit wir erfahren werden, ob dieser Ansatz funktionieren kann, hängt nun davon ab, ob sich ein Käufer für Dailyplaces findet, der genug Geduld und Mittel für weitere Experimente mitbringt. Tritt dieser Fall ein, sollten sich die Hessen dennoch überlegen, die Stadt zu wechseln.

Ein Location-Service braucht als Heimat eine echte, urbane und angesagte Metropole, in der eine kritische Masse aufgebaut wird, die von dort aus die Kunde als Botschafter in alle Welt trägt. In Deutschland wäre das Berlin. Auch wenn dort mit Friendticker bereits ein Konkurrent sitzt.

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13 Kommentare

  1. Benjamin Schmidt
    schrieb am 25. August 2011 um 13:35 Uhr (#)

    Schade drum, auf dem Twittwoch schien mir das Konzept gerade für lokal Werbetreibende sehr vielversprechend. Hoffen wir tatsächlich, dass sich ein Investor findet.

  2. jke
    schrieb am 25. August 2011 um 14:04 Uhr (#)

    Das mit FFM vs. Berlin is doch Quatsch. Wir haben hier zB Frankfurt-Gestalten.de – erstes Hyperlocal Projekt in Dland. Das Interessante ist doch gerade, nicht in der Masse von Berliner Projekten unterzugehen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 25. August 2011 um 14:19 Uhr (#)

      Berlin ist Deutschlands, wenn nicht Europas Silicon Valley. Das mag schwer zu akzeptieren sein, wenn man sich nicht dort befindet. Aber ein Cluster ist letztlich im Interesse aller.

      Gerade was Produkte mit Social-Komponente betrifft, halte ich es für essentiell, diese dort zu verankern, wo sich die nationale sowie internationale Netzgemeinde trifft. Und das ist Berlin.

    2. Naja
      schrieb am 25. August 2011 um 15:02 Uhr (#)

      @Martin: Der Grundgedanke ist vielleicht richtig, die Argumentation aber nicht ganz schlüssig. Foursquare sitzt (ob zufällig oder absichtsvoll) eben NICHT im echten Silicon Valley, sondern dort, wo sich in den USA echte Nutzer massenhaft tummeln: in New York. In Berlin mögen beide Aspekte zusammentreffen, es sind aber nicht die gleichen. Wir können jetzt endlos darüber diskutieren, ob es als Standort in DE immer Berlin sein muss. Ich weiß es nicht, hoffe es aber nicht. Denn zwischen Pümpelhausen und Berlin sollte schon noch was gehen. Sonst müssten ganz schön viele Umzugskartons gepackt werden…

    3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 25. August 2011 um 15:14 Uhr (#)

      Ja, in der US-Tech-Szene gibt es zwei Cluster. Den traditionellen (Silicon Valley) und den neuen (New York).

      Frankfurt ist aber nicht New York (mal von ein paar Hochhäusern abgesehen) ;)

      Siehe auch: http://netzwertig.com/201…st-kommt-aus-berlin/

      Von 100 untersuchten DACH-Diensten kamen 2 aus Frankfurt. Einer davon war Dailyplaces ;)

      Es gibt sicherlich genug Geschäftsmodelle und Dienste, die auch aus dem kleinsten Kaff in Bayern erfolgreich betrieben werden können.

      Gerade Location Based Services aber sollten meines Erachtens nach dorthin, wo sich die Tech-Begeisterung konzentriert.

  3. Kersten
    schrieb am 26. August 2011 um 08:56 Uhr (#)

    Hey Martin,

    das klingt für mich dann aber so, dass ein Location-Based-Service außerhalb Berlins nie funktionieren würde. Oder glaubst Du, dass ein Startup lediglich zum Aufbau der kritischen Masse in die Hauptstadt muss?

    Kersten, der mal in Berlin gelebt hat und jetzt in der Nähe von FFM wohnt ;)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 26. August 2011 um 08:59 Uhr (#)

      Also ich formuliere es lieber so: Wenn ein Location-Based-Service mit einem neuartigen Ansatz seine Chancen maximieren will, dann siedelt er sich in einem urbanen, von möglichst vielen Trendsettern frequentierten Ballungsraum an, der innerhalb der Zielgruppe auch international Beachtung findet.

      ;)

  4. Kersten
    schrieb am 26. August 2011 um 09:06 Uhr (#)

    Hehe :)
    Oder man findet einen Ansatz, der nicht zwingend ein neuer Trend sein muss, sondern bestehende Probleme löst.

    Juergen, gibt es Probleme in Frankfurt, die sich über LBS lösen lassen? Wäre doch mal was… 

    1. jke
      schrieb am 26. August 2011 um 12:10 Uhr (#)

      LBS wären sicherlich ein gutes Mittel fürs Reporting von lokalen Problemen. Irgendwie muss das Einchecken auch noch einen anderen Sinn haben. Allerdings muss die Stadt dann auch Interesse haben, die gewonnenen Daten auszuwerten und für sich zu nutzen (z.B. “wo sind die Problem-Hotspots aus Sicht der Bürger?” etc.). So die Kombination aus LBS mit hyperlocal Website würde ich mir wünschen. Notfalls mit Crowdmap/Ushahidi.

      Mir wurde gestern offline mitgeteilt, dass es in Berlin ebenso eine Reihe von misslungenen Start-Ups gibt – der Ort für sich also keine Erfolgsgarantie ist. Das wurde zwar auch nicht behauptet, kann aber als Gegenargument zählen.

      Ich finde die außerhalb Berlins aktiven Projekte gerade spannend – dann muss man sich vielleicht noch mehr anstrengen um aufzufallen.

  5. Simon
    schrieb am 26. August 2011 um 14:09 Uhr (#)

    Twitter sitzt im beschaulichen(?!) Austin Texas. Dort findet die SXSW statt. In Boston sitzen viele Start-Ups die von der Nähe zu Harvard profitieren.
    Silicon Valley ist nicht so attraktiv für Programmierer in den USA wie es scheint, eher San Francisco! Da es kulturell mehr zu bieten hat und eine viel bessere Infrastruktur als das Silicon Wüsten Valley hat.

    Auch sehe ich in Deutschland die besten Job Angebote nicht in Berlin sondern eher in Hamburg/München. Daneben noch Karlsruhe und Frankfurt/Darmstadt. Berlin ist aus meiner Sicht als Freelance-Programmierer finanziell eher unattraktiv bzw. viel zu agil oder kurzfristig.

    Die interessanten Firmen, mit funktionierendem Geschäftsmodell sitzen meiner Beobachtung nach meist nicht in Berlin. Wobei der Nährboden für Start-Ups in Berlin deutschlandweit (europaweit) ohne Frage der Beste ist: billiger Mietraum, ein Überangebot an fähigen Leuten sowie geringes Lohnniveau.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 26. August 2011 um 14:15 Uhr (#)

      Nein, Twitter sitzt in San Francisco. Und wenn man vom Valley spricht, dann bezieht sich das i.d.R. auch auf San Francisco, was ja direkt daneben liegt. Im Englischen eignet sich hierfür der Begriff “Bay Area”, aber ein gutes Äquivalent auf Deutsch fällt mir da nicht ein.

  6. Stefan
    schrieb am 26. August 2011 um 15:33 Uhr (#)

    Wenn die Kosten für die Plattform so gering sind, wie kann man es dann so weit kommen lassen, dass man Insolvenz anmelden muss???

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 26. August 2011 um 15:37 Uhr (#)

      Das Personal muss ja bezahlt werden.

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