Copycat-Checkliste:
Wann ist ein Klon ein Klon?

Hiesige Startups werden schnell als Klone abgestempelt – nicht immer zu Recht. Diese Checkliste soll dabei helfen, die wirklichen Copycats zu identifizieren.

Foto: Flickr/e³°°°, CC-LizenzDie deutsche Internetlandschaft trägt ein schweres Erbe mit sich herum: Obwohl sich die Branche in den letzten Monaten merklich verändert hat und deutlich innovations- sowie risikofreudiger geworden ist, haftet ihr weiterhin der Ruf an, vor allem “Klone” (Copycats) hervorzubringen.

Die über Jahre von einschlägigen Investoren und Machern perfektionierte Masche, erfolgreiche US-Dienste nachzuahmen und später für Millionen an das Original zu verkaufen, hat das Image hiesiger Startups im In- und Ausland nachhaltig geprägt. Entsprechend schnell geschieht es, dass neue Dienste teilweise zu Unrecht als Abkupferungen abgestempelt werden. Zu beobachten ist dieses Phänomen sowohl in der deutschsprachigen als auch in der ausländischen Tech-Presse.

Angesichts der negativen Konnotation des Klon-Begriffes und der damit verbundenen Assoziationen mit so prominenten Copycats wie studiVZ oder CityDeal (heute Groupon) kann die vorschnelle, fast schon reflexartige Stigmatisierung jedes nicht zu 100 Prozent brandneuen Startup-Vorhabens aus Deutschland zu realen Image-Schäden führen und eine unnötige Bremswirkung auf den gesamten Sektor haben.

Die große (und wichtige) Frage ist daher, wann ein vermeintlicher Klon tatsächlich diese Bezeichnung verdient, und wann nicht. Eventuell kann die folgende Checkliste zukünftig dabei helfen, eine Antwort zu finden und unfaire Pauschalisierungen zu vermeiden.

Checkliste: Ist ein Klon wirklich ein Klon?

Die folgende Checkliste enthält sechs Kriterien, die man betrachten sollte, bevor ein Onlinedienst mit gutem Gewissen als Klon bezeichnet werden kann. Je mehr der sechs als Fragen formulierten Kriterien sich mit “ja” beantworten lassen und je höher die Gewichtung der jeweiligen Frage ist, desto eher gilt Klon-Alarm.

Herangehensweise: Nehmt ein beliebiges Startup aus Deutschland (oder der Schweiz oder Österreich), von dem ihr wisst, dass es in den USA (oder anderswo) Anbieter mit einem vergleichbaren oder ähnlichen Ansatz gibt. Beantwortet die sechs Fragen und schaut, wie oft ihr “ja” erwidert. Ist dies beispielsweise bei den Punkten 1 und 2 der Fall, handelt es sich nahezu unter Garantie um eine waschechte Copycat. Antwortet ihr jedoch lediglich bei 5 und 6 mit “ja”, ist es eher unwahrscheinlich, dass der Dienst explizit als Klon konzipiert wurde.

Probiert es mal mit studiVZ und danach mit eurem Lieblingsdienst. Postet eure Resultate gerne in den Kommentaren.

1. Gibt es offensichtliche optische und funktionelle Ähnlichkeiten? (Gewichtung: hoch)
Der “perfekte” Klon ist optisch, funktionell und teilweise auch von der Termini an das Vorbild angelehnt und macht daraus keinen Hehl. Damit werden einerseits die Entwicklungskosten gesenkt, da wenig eigene Kreativität und eigenes Experimentieren notwendig ist, außerdem erhofft man sich, so den bereits erreichten Erfolg des Vorbilds originalgetreu nachbilden zu können.

Beispiele: studiVZ (das Oberfläche und Struktur von Facebook abgekupfert hat), Gigalo (das sehr nach dem US-Service Fiverr aussieht), Birchbox-Nachahmer (speziell bezüglich der Namenswahl)

2. Existiert ein Proof-of-Concept? (Gewichtung: hoch)
Ein Ziel des Klonens ist es, das bei jeder Gründung existierende Risiko und damit die Gefahr eines Investmentausfalls so minimal wie möglich zu halten. Statt also ein ungeprüftes Geschäftsmodell auszuprobieren, wählt der Initiator ein Konzept, das sich bereits in einem anderen Markt – bevorzugt den USA – bewährt hat. Kriterien dafür können unter anderem ein erfolgreicher Exit, eine kräftige Finanzierungsrunde mit renommierten Kapitalgebern, eine positive Entwicklung der Geschäftszahlen oder ein rasantes Nutzerwachstum sein.

Beispiele: studiVZ (wurde zu einem Zeitpunkt gegründet, als sich der anstehende Erfolg von Facebook abzuzeichnen begann), Zalando (wurde 2009 gegründet, als das US-Vorbild Zappos bereits mehr als eine Milliarde Dollar Jahresumsatz erwirtschaftete).

3. Sind die Köpfe hinter dem Dienst berüchtigte Abkupferer? (Gewichtung: mittel)
Wenn hinter einem angeblichen Klon für ihre Kopier-Eskapaden berühmt-berüchtigte Köpfe stecken, ist eine tatsächlich bewusst getroffene Copycat-Strategie wahrscheinlicher als bei Entrepreneuren, die bisher nicht mit derartigen Vorstößen in Erscheinung getreten sind.

4. Fehlt eine emotionale Bindung der Initiatoren zu ihrem Produkt? (Gewichtung: mittel)
Ein wichtiges (aber schwer messbares) Kriterium ist die Intention und Motivation der Gründer: Welche emotionale Verbundenheit haben Entrepreneure zu ihren Startups?

Während 9flats auf den ersten Blick wie ein Klon von AirBnb wirkt, beteuert sein Initiator Stephan Uhrenbacher, dass er 9flats aus Überzeugung über die Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit des Konzepts lanciert hat. Ihm würde ich diese Aussage persönlich eher abnehmen, als wenn diese von Wimdu käme. Denn Wimdu ist ein AirBnb-Wettbewerber aus der Feder der Samwer-Brüder – bekanntlich diejenigen, denen die deutsche Webbranche ihren wenig charmanten Ruf überhaupt erst zu verdanken hat.

5. Ist zwischen Original und der Präsentation des angeblichen Nachahmers genug Zeit vergangen? (Gewichtung: niedrig)
Zwar können erfahrene Internetentrepreneure mit dem richtigen Entwickler- und Designerteam heutzutage innerhalb weniger Wochen eine zweckmäßige Webanwendung auf die Beine stellen. Dennoch besitzt die Zeit, die zwischen dem Auftreten (und der positiven Entwicklung) des vermeintlichen Vorbilds und dem Launch des mutmaßlichen Klons vergeht, Aussagekraft über die Copycat-Wahrscheinlichkeit.

6. Mangelt es dem vermeintlichen Klon an Innovationsfähigkeit? (Gewichtung: niedrig)
Da es beim systematischen Abkupfern darum geht, so wenig Ressourcen wie möglich zu investieren (im Verhältnis zum anvisierten ROI), hinkt die Kopie dem Original zumeist in puncto Funktionsumfang weit hinterher. Die Umsetzung eigener Ideen mit Signifikanz, ohne dass diese beim Vorbild realisiert wurden, ist selten (und wenn es doch geschieht, dann zumeist als verzweifelter, aber verspäteter Versuch, einem drohenden Niedergang zu entgehen).

Eure Meinungen zu dieser Checkliste?

(Foto: Flickr/e³°°°, CC-Lizenz)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. Simple test, just ask the founder how they came up with the idea.

  2. Habe mir gerade heute Gedanken darüber gemacht, als ich als großer 37signals.com Fan über 6wunderkinder.com gestolpert bin. Optisch eine gewisse Ählnichkeit, Angebot (Productivity Tools) auch sehr ähnlich, der Name als Mischung aus Zahl und Wort auch irgendwie abgekupfert…

    Dennoch habe ich mir Wunderlist erst einmal installiert – denn eine iPhone-App gabs für Backpack/Tadalist bisher keine gescheite.

    • Der Markt für Productivity Tools ist ja ganz besonders überfüllt. Wunderlist würde ich aber nicht als Copycat einstufen. Die Design-Ähnlichkeiten laut Kriterium 1 müssen schon offensichtliche Nachahmungen sein, nicht nur gewisse Parallelen. Bestimmte Konventionen bzgl gutem Webdesign existieren einfach, d.h. diese findet man bei unzähligen Services.

      Wichtig ist auch: Mir ist kein nennenswerter Exit oder größerer Coup eines Task-Managers bekannt. Wer einfach nur relativ schnell viel Geld mit einer Copycat verdienen will, würde dafür einen anderen Sektor wählen als Aufgabenverwaltung.

  3. “Klone machen sich’s leicht und den Originalen so schwer,
    außen so ähnlich und innen ganz leer…”

    Das trifft meiner Meinung nach auf Wunderlist & Co. nicht zu. Parallelen von Produktivitätstools ergeben sich zwangsläufig, weil ihnen meist ähnliche Ideen und Ziele zugrundeliegen. Sie alle wollen uns schließlich helfen, besser mit unseren Ressourcen umzugehen. Der Knackpunkt ist das Wie: Gibt es Mut zu eigenen Ideen, oder wird einfach ein Erfolgsrezept nahezu 1:1 abgekupfert?

    Als Antwort auf die Abschlussfrage kann ich nur Grönemeyer abwandeln:
    “Martin, wann ist ein Klon ein Klon?”
    “Na, dann, wenn du die Liste abhaken kannst, mein Kind.”

  4. Um ehrlich zu sein, finde ich an der Tatsache gute Geschäftskonzepte zu kopieren überhaupt nichts verwerfliches.
    Ganz im Gegenteil. Wenn irgendwo ein McDonald’s gut funktioniert und es eine Region gibt, wo dieses McDonald’s noch nicht vertreten ist, wäre ich doch dumm, nicht auch schnell zuzugreifen.
    Auch wenn ich nicht immer ein Fan der Samwers bin, finde ich deren Ansatz in der Richtung sehr gut. Und auch für die Vorreiter in den USA ist es ja nicht schlecht, wenn sich jemand anderes um den Rollout in Deutschland kümmert und sie später nur noch die funktionierende Plattform übernehmen müssen.

Ein Pingback

  1. [...] seien nur Kopien meist amerikanischer Innovationen. Netzwertig hat eine Checkliste erstellt, ab wann ein Klon wirklich als Klon gelten [...]