Google+, Heello, Subjot:
Aufbruchstimmung im Social Web

Während Google+ in rasantem Tempo neue Nutzer gewinnt, tauchen mit Heello und Subjot zwei weitere neue Social-Web-Aspiranten auf. Eine derartige Aufbruchstimmung gab es lange nicht mehr.

Im Sommer 2010 schien es im Social Web nur einen Trend zu geben: Facebook. Der Platzhirsch unter den Social Networks hatte gerade das Erreichen der Marke von 500 Millionen aktiven Nutzer verkündet. In Deutschland ließen sich rund zehn Millionen Menschen mindestens einmal im Monat bei dem Social Network blicken. Während es für internationale und nationale Konkurrenten bergab ging, stellte Facebook-Chef Mark Zuckerberg selbstbewusst eine Milliarde Anwender für seine Plattform in Aussicht. Der einzige Anbieter neben dem sozialen Netzwerk, der ebenfalls kontinuierliche Zuwächse verzeichnen konnte, war Twitter.

Nutzer und Beobachter arrangierten sich mit der Entwicklung. Dass überhaupt noch einmal ein neues Projekt ernsthaft versuchen würde, den zwei expansiven Diensten aus Kalifornien Paroli zu bieten, schien zum damaligen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Ein Jahr später jedoch sieht die Lage anders aus.

Aus dem Duo wird ein Trio

Denn während Facebook mit 750 Millionen aktiven Nutzern weltweit und 20 Millionen in Deutschland seinen Wachstumskurs noch immer konsequent fortsetzt, ist mit Google+ ein neues, ambitioniertes Social Network am Firmament erschienen. 25 Millionen Nutzer innerhalb von anderthalb Monaten zeugen von einem geglückten Start für Googles neuen Hoffnungsträger.

Inwieweit sich der frisch geschlüpfte Dienst mittelfristig zu einer Bedrohung für die zwei etablierten Netzwerkanbieter Facebook und Twitter entwickelt, darüber wird viel spekuliert. Für ein Urteil ist es allerdings noch zu früh. Konstatieren kann man jedoch, dass das einstige Duo der rasant wachsenden Social-Web-Angebote gerade zu einem Trio zu werden scheint. Schon dass dies geschehen würde, war vor 12 Monaten kaum vorstellbar.

Twitpic-Gründer startet Twitter-Nachahmung Heello

Doch frischer Wind für den lange Zeit unter mangelnder Abwechslung leidenden Sektor kommt nicht nur von Google+: Noah Everet, der Gründer des Twitter-Bilderdienstes Twitpic, hat mit Heello gerade eine neuen Microbloggingdienst gestartet, dem man einen gewissen Copycat-Status nicht absprechen kann: Heello funktioniert im Prinzip genau wie sein Vorbild, verwendet jedoch eine andere Termini für die einzelnen Prozesse (“Ping” statt “Tweet”, “Listener” statt “Follower”) und bietet einige Zusatzfunktionen wie Kommentarfelder direkt unterhalb der “Pings”).

Ich habe Heello ausprobiert, aber auf die Frage, wieso ich nun statt Twitter den Neuling verwenden sollte, noch immer keine Antwort gefunden.

Trotzdem: Allein die Tatsache, dass Webunternehmen sich wieder motiviert fühlen, einen bereits als verloren oder alternativ gesättigt geglaubten Markt in Angriff zu nehmen, spricht Bände. Das letzte namhafte Startup, das es darauf anlegte, Twitter den Rang abzulaufen, hieß Pownce und schloss Ende 2008.

Heello ist nicht der einzige junge Anbieter, der das sich verändernde Klima im Social Web zu nutzen versucht: Subjot heißt ein weiterer junger US-Dienst, der sich im Gegensatz zu Heello erfreulicherweise die Mühe macht, die heute gängigen Mechanismen zum Publizieren und Empfehlen von Inhalten weiterzuentwickeln.

Bei Subjot filtern die Absender, nicht die Empfänger

Subjot fühlt sich an wie eine Kreuzung aus Twitter und Google+: Ähnlich handlich und übersichtlich strukturiert wie der Microbloggingdienst mit dem Vogel im Logo baut der sich noch in geschlossener Beta-Phase befindliche Service (Invites hier) auf eine den “Circles” von Google+ nicht unähnliche Kategorisierung der veröffentlichten Kurznachrichten (mit bis zu 250 Zeichen Länge). Allerdings geschieht diese Filterung nicht auf Empfänger- sondern auf Absenderseite.

Zusammen mit ihrem “Jot” (das Äquivalent zum Tweet) wählen Nutzer ein Thema (“Subject”), ein zum Inhalt des Jots passendes Schlagwort. Andere Nutzer können dann entweder sämtliche oder ausgewählte Subjects abonnieren. Diese aus Sicht des Senders zugegebenermaßen aufwendige Kategorisierung bringt ein neues Instrument zur Verringerung des Geräuschpegels mit, weil nun erstmalig auf Seite der Abonnenten bzw. Follower granular ausgewählt werden kann, welche Themen auf ihrem Radar erscheinen sollen. Michael Seemann hatte kürzlich in einem Blogbeitrag ein derartiges Prinzip für Google+ vorgeschlagen.

Aufbruchstimmung

Auch wenn Heello in seiner jetzigen Form als einfallslose Twitter-Kopie wenig Erfolgschancen besitzt und Subjot noch weit davon entfernt ist, von den Marktführern als Kontrahent überhaupt wahr oder ernst genommen zu werden, weht im Social Web erstmals seit langer Zeit wieder ein merklich frischer Wind. Und selbst wenn die beeindruckenden Zuwächse von Google+ von keinem Underdog ohne den Benutzerstamm von Google im Rücken wiederholt werden können, ist ein Auftauchen weiterer Akteure nicht unwahrscheinlich. Solange sie nicht nur sinnfrei kopieren sondern einen konstruktiven Beitrag zur Suche nach der optimalen Vernetzung oder zur Abkehr von der zentralen Serverstruktur leisten, versprechen die nächsten Monate äußerst spannend zu werden. Es herrscht Aufbruchstimmung im Social Web.

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4 Kommentare

  1. Franc
    schrieb am 16. August 2011 um 11:01 Uhr (#)

    Oh, toll ein Twitter-Klon. 2011.
    Wurde auf das in einigen zentralen, (lizenz-)technischen Aspekten längst etablierte Status.net bzw. Identi.ca hingewiesen? Wieso erfährt Heello eine solche Aufmerksamkeit? Liegt es an der Gründerperson?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 16. August 2011 um 11:13 Uhr (#)

    Status.net bzw. Identi.ca dümpeln seit Jahren in einer Mini-Nische vor sich hin. So lobenswert das Bestreben ist: Das wird nix Größeres mehr.

    Heello hält einerseits Aufmerksamkeit wegen des Gründers, aber wohl auch deshalb, weil es so ein einfallsloser Twitter-Klon ist ;)

    Entscheidend ist aber die Tatsache, DAS es plötzlich wieder Twitter-Klone gibt ;)

  3. Dirk S.
    schrieb am 16. August 2011 um 11:52 Uhr (#)

    Helloo ist mir zu sehr Twitter Clone – Subjot ist ein interessanter neuer Ansatz. Insgesamt wird es aber schwierig, nennenswert Leute zum Wechseln zu bewegen.

    Wir sind noch weit weg von einem wirklich vernetzten Internet. Zu viele alleinstehende Silos… Es gibt derzeit nur Hilfslösungen, so kann ich von Subjot nach Twitter und Facebook posten – und starte damit 3 isolierte Threads.

    Ich hab da auch mal drüber geschrieben.

  4. Sebastian
    schrieb am 16. August 2011 um 18:33 Uhr (#)

    Subjot finde ich definitiv einen sehr interessanten Ansatz. Es würde mir schon reichen, wenn das Startup soviel Wind produziert, dass Twitter die Jots als Feature übernimmt. Hello ist in der tat Lame, wundert mich, dass ausgerechnet ein namhafter Gründer sowas macht.

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