Soziale Beziehungen im Web:
Auf der Suche
nach der perfekten Vernetzung

Webplattformen, die Nutzer miteinander in Kontakt bringen, bauen auf unterschiedliche Ansätze zur Abbildung von Beziehungen und Schaffung von Interaktion. Nach dem perfekten System wird noch gesucht.

Illustration: stock.xchng
Illustration: stock.xchng
Das Erscheinen von Google+ und dessen Einsatz eines erweiterten Followerprinzips zur Kontaktverwaltung und Möglichkeit des granularen Publizierens von Inhalten hat die Debatte über das perfekte Vernetzungssystem für soziale Netzwerke angeheizt.

Alle Freunde, Verwandten, Bekannten und Kollegen in einen Topf zu werfen, ignoriert die unterschiedlichen Ebenen realer sozialer Beziehungen, so das Argument der Befürworter neuartiger Systeme zur Kategorisierung der Kontakte bei Social-Web-Diensten.

In diesem Beitrag blicken wir auf die wichtigsten Ansätze zur Abbildung von Beziehungen im Netz sowie ihre Vor- und Nachteile:

Symmetrisches Freundschaftsprinzip
Das symmetrische Freundschaftsprinzip ist die traditionelle Form des Knüpfens von Kontakten zwischen Usern im Netz. Die meisten klassischen sozialen Netzwerke verwenden diese Lösung, bei der sich zwei Anwender gegenseitig als “Freunde” akzeptieren müssen, bevor sie eine stetige Interaktion miteinander eingehen können und gegenseitigen, umfangreichen Profilzugriff erhalten. wer-kennt-wen.de, studiVZ sowie Facebook sind einige der Anbieter, die für die Vernetzung von Individuen auf das symmetrische Freundschaftsprinzip bauen.

  • Vorteile: hohe Kontrolle für Nutzer darüber, wem sie Zugriff auf ihre Inhalte geben, eher gute Eignung für das Teilen von Privatangelegenheiten
  • Nachteile: wenige Interaktionsmöglichkeiten ohne gegenseitige Freundschaftsbestätigung; Gefahr, dass alle “Freunde” in einen Topf geworfen werden; falsche Grundannahme, dass beide “Freunde” einander gleich wichtig sind

Einfaches asymmetrisches Followerprinzip
Dieser Ansatz erfordert keine gegenseitige Kontaktbestätigung. Stattdessen abonniert ein Nutzer ALLE Inhalte eines anderen Users, ohne das Letzterer dafür explizit eine Freigabe erteilen muss und ohne dass er gezwungen ist, seinem “Follower” im Gegenzug ebenfalls zu folgen. Twitter gilt als der Erfinder des asymmetrischen Followerprinzips. In den letzten Jahren wurde dies jedoch von allerlei Webservices implementiert, so zum Beispiel vom Frage-Antwort-Portal Quora, der Bücher-Community LovelyBooks oder der Social-Media-Plattform Mashable.

  • Vorteile: sofortiger Zugang zu Inhalten abonnierter User, Berücksichtigung des einseitigen Interesses an Personen (ich folge Person A, die mir aber nicht folgt),
  • Nachteile: geringe Kontrolle darüber, wer Zugriff auf die eigenen Inhalte hat; fehlende Möglichkeit zum granularen Sharing von Inhalten; dadurch ungeeignet für die Veröffentlichung von nur für wenige ausgewählte Empfänger bestimmten Informationen.

Komplexe asymmetrische Followersysteme
Der Grundgedanke bei komplexen asymmetrischen Followersystemen ist dem des einfachen Followerprinzips ähnlich: Nutzer sollen Zugriff auf Inhalte anderer Anwender erhalten, ohne dass dazu ein gegenseitiges Einverständnis gegeben werden muss. Allerdings wird das von Twitter bekannte Ein-Kanal-System, bei dem jeder Tweet für alle Abonnenten zugänglich ist, auf unterschiedliche Weise modifiziert.

Google+ und diaspora animieren Anwender, ihre Kontakte in Gruppen zu kategorisieren (z.B. “enge Freunde”, “entfernte Bekannte”, “Kollegen”). Publizieren User anschließend ein Status-Update, wählen sie aus, welche Gruppen dieses zu Gesicht bekommen sollen. Beliebige andere Nutzer können einem dann zwar im Twitter-Stile folgen, sehen jedoch nur die Inhalte, die explizit für sie über die Einsortierung in eine oder mehrere Gruppen zugänglich gemacht oder vom Absender bewusst uneingeschränkt mit der Option “öffentlich” ins Netz gestellt wurden.

Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: User können sehr einfach und von Fall zu Fall bestimmen, wer ihre Äußerungen, Links, Videos und Fotos einssehen kann, und tragen damit der Tatsache Rechnung, dass Verwandte ein anderes Interesse an einem haben als Geschäftspartner oder lose Bekannte. Gleichzeitig steht jedem Interessenten die Option offen, zum Follower zu werden.

Allerdings bleibt auch diese Methode nicht ohne Schwächen: Das Einsortieren von Kontakten in Schubladen ist aufwändig, zudem verändern sich die Grade und Intensitäten von Beziehungen im Zeitverlauf, was ständiges Nachjustieren erfordert. Hinzukommt das Problem der Komplexität sowie einer gewissen Bevormundung anderer User. Statt ihnen die Entscheidungsfreiheit darüber zu geben, was sie von mir lesen wollen, bestimme ich im Vorfeld, was sie in meinen Augen interessiert und was nicht.

Michael Seemann macht diesbezüglich einen in der Theorie sehr konstruktiven Vorschlag: Statt Circles könnte Google+ seinen Mitgliedern anbieten, so genannte Channels einzurichten (z.B. “Privates”, “Katzenfotos”, “Geschäftliches”, “coole Musik”). Andere User hätten dann ausgehend von ihren eigenen Präferenzen die Möglichkeit, zu entscheiden, welche dieser Kanäle sie abonnieren möchten.

Mit Channels als Ergänzung zu Circles (die Google wohl kaum wieder abschaffen wird) würde aus Google+ jedoch endgültig ein Netzwerk, dessen Dynamik nur noch Nutzer mit einem abgeschlossenen Studium nachvollziehen könnten. Deutlich vielversprechender erscheint mir die Idee, dass Twitter sich von einem Ein-Kanal- zu einem Mehr-Kanal-Dienst entwickelt.

Immerhin steht der Microblogginganbieter seit dem Launch von Google+ unter einem gewissen Druck und wird mitunter schon als langweilig bezeichnet. Indem Twitter es seinen Usern erlaubt, ihre Tweets an einzelne, individuell abonnierbare Kanäle zu senden, könnte es einen längst fälligen Evolutionsschritt einleiten und sich einen nützlichen Konkurrenzvorteil gegenüber Google+ verschaffen.

Fazit
Bei einer Befragung von 1000 im Umgang mit modernen Social-Web-Angeboten versierten Internetanwendern gäbe es sicher Dutzende weitere Vorschläge für komplexe asymmetrische Followersysteme. Gemein haben sie alle, dass sie dem symmetrischen Freundschaftsprinzip von Facebook & Co auf dem Papier zwar haushoch überlegen zu sein scheinen, in der Praxis aber diverse Nebenwirkungen mitführen und sich nicht in einem Satz zusammenfassen lassen.

Zumindest bisher galt im Netz jedoch der Grundsatz: Die bei der breiten Masse erfolgreichsten Anwendungen sind die, die sich mit wenigen Worten erläutern lassen.

(Illustration: stock.xchng)

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11 Kommentare

  1. Leander Wattig
    schrieb am 18. Juli 2011 um 14:39 Uhr (#)

    Auf Themen- und Orts-Channels versuchen die sich zu fokussieren: http://www.mobli.com/

  2. DJ Nameless
    schrieb am 19. Juli 2011 um 00:10 Uhr (#)

    Also ich finde dieses “Zusammenklicken” und “Akzeptieren” von “Freunden” bei Wer-kennt-wen, Facebook usw. extrem umständlich, und daher habe ich mich aus diesen Systemen wieder ausgeklinkt.

    Für mich gibt es im Wesentlichen zwei soziale Kommunikationswege im Netz, die ich wirklich ordentlich finde. Das eine sind klassische Diskussionsforen, am besten allerdings völlig offen und ohne Registrierungszwang. Bis Mitte des letzten Jahrzehnts gab es diese Art von Foren noch häufig; danach setzten alle Boardbetreiber auf Registrierungszwang. In diesem Zusammenhang ein Lob an diese Kommentierbox hier von Netzwertig, hier geht’s noch ohne Zwangsaccount. Bitte weiter so…
    Private Geschichten für Freunde mache ich praktisch ausschließlich per E-Mail. Einfach aus der Adressliste auswählen, wer die Nachricht bekommen soll – fertig.

    Entscheidend ist für mich bei der ganzen Sache auch Folgendes: Eine E-Mail kann von jedem Internetnutzer gelesen und beantwortet werden; gleiches gilt in offenen Foren. Hingegen wird bei Foren mit Registrierungspflicht, Facebook, wkw & Co. der Nutzerkreis eingeschränkt, weil viele Leute es lästig finden (ich auch!), für jede Seite einen neuen Account anlegen zu müssen.

    DJ Nameless

  3. Christoph Gruhn
    schrieb am 19. Juli 2011 um 11:22 Uhr (#)

    Hallo Martin,
    ein schön aufbereiteter Artikel. Ich selbst bin mehr und mehr von G+ begeistert. Warum? Weil ich es eben mag, unkompliziert zu jemandem Kontakt aufzunehmen, wenn mich interessiert, was er/sie mitzuteilen hat. Klar erfordern die Circles Pflege, insbesondere dann, wenn man sie intensiv nutzt. Da verändern sich Nur-Folger in Bekannte und evtl. in Freunde. Das einfache Verschieben ist praktisch und wahrscheinlich weltweit von jedem schnell verstehbar.
    Und meine Kontakte muß ich so oder so ja pflegen. Das gilt für soziale Netzwerke im Netz genauso wie für Offline Freundschaften. Gute Kontake müssen immer gepflegt sein.
    Welche Plattform sich letzten Endes und langfristig durchsetzen wird, werden wir erst in der Zukunft sehen, da sich ja auch Facebook weiterentwickelt. Für mich gibt es da ein gutes Miteinander und Nebeneinander. Nicht alle aus meinen Circles sind bei Facebook oder Twitter und umgekehrt. In diesem Sinne: Frohes Netzwerken!

  4. Andreas
    schrieb am 19. Juli 2011 um 11:58 Uhr (#)

    Facebook hat doch auch ein asymmetrisches Follower-Konzept. Nur haben sie es stillschweigend eingeführt und die meisten haben es einfach nicht mitbekommen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. Juli 2011 um 12:11 Uhr (#)

      Worauf genau beziehst du dich?

    2. Christoph Gruhn
      schrieb am 19. Juli 2011 um 12:17 Uhr (#)

      Er bezieht sich darauf, daß man seine Freunde in Gruppen sortieren kann. Ist wohl nur wenigen bekannt, dafür muß man sich mit Facebook etwas näher beschäftigen. Es wird beispielsweise bei der Annahme von Freundschaftsanfragen angezeigt.

    3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. Juli 2011 um 12:22 Uhr (#)

      Ja, die Listenfunktion. Bei dieser steht aber weniger die Asymmetrie im Vordergrund, als das granulare Sharing von Inhalten.

      Und: Voraussetzung ist trotzdem, dass man sich vorher als Freunde akzeptiert.

      Kontakte, die ich bei Facebook nicht akzeptiere, erhalten keinen Zugriff auf die von mir bei Facebook publizierten Inhalte.

  5. Christoph Gruhn
    schrieb am 19. Juli 2011 um 12:28 Uhr (#)

    Das Gleiche ist doch bei G+ auch der Fall. Da gebe ich Inhalte für meine Circles oder für alle frei. Wenn ich bei Facebook jemanden als Freund hinzufüge, bekomme ich die freien Infos ebenso.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. Juli 2011 um 12:38 Uhr (#)

      Das ist eine seltsame Eigenheit von Facebook, die auch nirgends kommuniziert wird – zumal ein Großteil der Nutzer auch gar nichts öffentlich publiziert.

      Facebooks Intention ist es auch ganz klar, dass User einander als Freunde akzeptieren.

      Insofern tue ich mich schwer, Facebook ein asymmetrisches Follower-Prinzip für Individuen zuzusprechen (im Gegensatz zu Pages, bei denen dies offensichtlich ist).

    2. Christoph Gruhn
      schrieb am 19. Juli 2011 um 12:39 Uhr (#)

      Da gebe ich Dir vollkommen recht!

  6. Peter H.
    schrieb am 20. Juli 2011 um 08:36 Uhr (#)

    Ich weiss nicht was so schlecht sein soll, wenn ich bestimmen kann welche Informationen, von mir, mein Netzwerk bzw. Gruppen erhalten. Es ist doch schön wenn ich die Kontrolle über meine Daten habe und entscheide und nicht irgendwelche ‘Honks’, die sich Freunde nennen.
    Ansonsten ein guter Überblick nur die Schlussfolgerungen sind etwas abenteuerlich.

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