Verfügbarkeit von Risikokapital für Startups:
In Nordeuropa und der
Schweiz wird investiert

Viele Web-Startups hoffen auf Risikokapital, um ihr Wachstum zu finanzieren. Ein Blick auf die Pro-Kopf-Investitionen in verschiedenen Regionen der Welt offenbart enorme Unterschiede, was die Verfügbarkeit von Venture Capital betrifft.

Der Zugang zu Risikokapital (Venture Capital) ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für das Entstehen einer kraftvollen und innovativen Startup-Kultur. Auch wenn nicht jedes junge Webunternehmen unbedingt auf eine externe Finanzierung angewiesen ist, so unterstützt Wagniskapital häufig eine schnelle Expansion und erleichtert mit gewissen Risiken verbundene Experimente, was angesichts allgegenwärtiger Imitatoren und Konkurrenten am Ende über Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann.

Das finnische Tech-Blog Articstartup hat sich in zwei Beiträgen (hier und hier) mit der Verfügbarkeit von Venture Capital in einigen Regionen der Welt beschäftigt. Demnach fließen in Europa insgesamt lediglich 7 Dollar pro Kopf in Form von Risikokapital in aufstrebende Jungunternehmen. In den USA seien es hingegen 72 Dollar und in Israel sogar rund 144 Dollar. Die Zahlen stammen von Jan Muehlfeit, Microsofts Chairman für Europa. Einen zugrundeliegenden Zeitraum nannte er nicht.

Als Blog mit Fokus auf Nordeuropa stellt Articstartup diese Werte den finnischen und schwedischen Pro-Kopf-VC-Beteiligungen gegenüber: In Finnland wird in diesem Jahr mit entsprechenden Finanzspritzen in Höhe von 175 Millionen Euro gerechnet (100 Millionen sind es bisher bereits – Angry Birds-Macher Rovio sei Dank) – rund 250 Millionen Dollar. Bei 5,37 Millionen Einwohnern würde dies 46 Dollar pro Kopf bedeuten. Schweden liegt mit 45 Dollar pro Kopf knapp dahinter.

Die zwei nordischen Länder befinden sich damit deutlich über dem europäischen Schnitt, aber weit hinter den USA. Im Silicon Valley werden übrigens geschätzte 1800 Dollar pro Jahr und Kopf als Venture Capital investiert.

Diese Zahlen wollte ich nun natürlich mit dem deutschsprachigen Raum vergleichen – wissend, dass speziell Deutschland nur über eine sehr schwach ausgeprägte VC-Kultur verfügt. Hier helfen die offiziellen Statistiken der nationalen Interessenvertretungen der Beteiligungs- und Wachstumskapitalindustrie.

Deutschland
Laut dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften wurden im vergangenen Jahr 654 Millionen Euro in Form von Venture Capital (Seed, Start up, Later stage) in 929 Unternehmen investiert (PDF). Bei 81,8 Millionen Einwohnern sind das rund 8 Euro pro Kopf, etwa 11,50 Dollar.

Schweiz
Im aktuellsten Jahresbericht der SECA (Swiss Private Equity & Corporate Finance Association) finden sich lediglich Zahlen für 2009: Demnach erfolgten Investitionen über 555 Millionen Euro, davon 39 Prozent Venture Capital, also ca. 216,5 Millionen Euro (PDF). Die Schweiz hat 7,8 Millionen Einwohner, was einer VC-Aktivität von 27,8 Euro oder 40 Dollar pro Kopf entspricht.

Österreich
Gemäß der offiziellen Statistik der AVCO (Austrian Venture Capital and Private Equity Organisation) flossen im vergangenen Jahr Mittel in Höhe von 30 Millionen Euro als Venture Capital in junge Firmen (PDF). Daraus ergibt sich ein Pro-Kopf-Wert von 3,6 Euro oder 5,2 Dollar (ausgehend von 8,4 Millionen Einwohnern).

Fazit
Nimmt man gewisse Verzerrungen durch teils unterschiedliche Berichtszeiträume sowie nicht auszuschließende Differenzen bei der Definition von Venture Capital in Kauf, ergibt sich folgende Rangliste der Wagniskapitalinvestitionen pro Kopf:

Israel: 144 Dollar
USA: 72 Dollar
Finnland: 46 Dollar
Schweden: 45 Dollar
Schweiz: 40 Dollar
Deutschland: 11,50 Dollar
Europa (Schnitt): 7 Dollar
Österreich: 5,2 Dollar

Schlüsse, die man daraus ziehen kann: Für Startups auf der Suche nach privaten Geldmitteln sind von den angegebenen Regionen Israel oder die USA die attraktivsten Länder, gefolgt von Nordeuropa. Auch in der Schweiz steht pro Einwohner relativ viel Risikokapital zur Verfügung. Deutschland schneidet deutlich schlechter ab, aber liegt immerhin noch über dem europäischen Durchschnitt. Verantwortlich für dessen sehr niedriges Niveau ist unter anderem Österreich.

Update: Leser Benny Hertach gibt in einem Kommentar zu bedenken, dass die Distribution der VC-Investionen in Bezug auf unterschiedliche Wirtschaftszweige je nach Land variiert, und dass zum Beispiel in Deutschland der prozentuale Anteil an Kapital, das in Startups aus den Bereichen Kommunikationstechnologie, Computer/Unterhaltungselektronik und Verbraucherdienstleistungen investiert wird, höher ist als in der Schweiz.

(Foto: stock.xchng)

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5 Kommentare

  1. Ulrich
    schrieb am 22. Juni 2011 um 13:06 Uhr (#)

    Eine schöne Kennzahl, die PKVCI.
    Soll nicht “Private Krankenversicherungs Corporate Identity” heißen ;-)

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 22. Juni 2011 um 13:19 Uhr (#)

    Stimmt. PKVCI. Pro-Kopf-Venture-Capital-Investition. Hat was :)

  3. Benny Hertach
    schrieb am 22. Juni 2011 um 15:19 Uhr (#)

    Die Zahlen sind auf alle Fälle interessant. Bin aber skeptisch wenn man hier eine Schlussfolgerung auf Web-Startups machen möchte.

    Ein Beispiel:
    In der Schweiz sind z.B. von diesen 555 Millionen Euro alleine 51.3% in den Sektor Life Science geflossen. In Deutschland beträgt dieser Anteil lediglich 20.1%.

    Klar, vielleicht gibt es einzelne Web-Startups die man auch dem Bereich Life Science zuordnen könnte, aber der Grossteil der Web-Startups kommt aus meiner Sicht eher aus den Bereichen Kommunikation und Verbraucherdienstleistungen.

    Ich habe mal kurz in die Berichte aus der CH und DE reingeschaut, praktischerweise teilen beide die Zahlen in die gleichen Segmente auf. Angenommen die typischen Web-Startups werden 3 Segementen zugeordnet, dann sehen die Zahlen völlig anders aus:

    Investitionssumme CH:
    Kommunikationstechnologie: 1.8%
    Computer/Unterhaltungselektronik: 4.9%
    Verbraucherdienstleistungen: 4.9%
    Total: 11.6%

    Investitionssumme DE:
    Kommunikationstechnologie: 7,9%
    Computer/Unterhaltungselektronik: 13,9%
    Verbraucherdienstleistungen: 3,9%
    Total: 28.4%

    Mit diesen Annahmen schneidet Deutschland bezüglich Risikokapital für Web-Startups wieder mehr als doppelt so gut ab wie die Schweiz.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 22. Juni 2011 um 15:30 Uhr (#)

      Guter Punkt, ich ergänze das im Artikel!

  4. Corinna Friedrich
    schrieb am 23. Juni 2011 um 15:10 Uhr (#)

    Unabhängig davon, wie die genannten Zahlen zu interpretieren bzw. differenzieren sind – die Terminologie spricht doch für sich: Venture Capital wird im Deutschen zum Risikokapital degradiert. Natürlich ist ein “Wagnis” immer auch mit einem gewissen “Risiko” behaftet, allein die begriffliche Festlegung auf Risiko lässt tief in die deutsche Sicherheitsmentalität blicken.

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