Neue Vielfalt auf Anbieterseite:
Das Ende der Alleinherrschaft
von Facebook und Twitter

Auf die Web-2.0-Euphorie folgten mehrere Jahre der Konsolidierung und Machtkonzentration, mit Facebook und Twitter als große Besuchermagneten. Doch 2011 gibt es wieder Anzeichen für eine neue Vielfalt im Social Web.

Claudio Matsuoka/Flickr; CC-Lizenz
Claudio Matsuoka/Flickr; CC-Lizenz
Als ich Anfang 2007 damit begann, über die Internet- und Startupwelt zu bloggen, befand sich das Netz gerade am Höhepunkt der so genannten Web-2.0-Welle. Geprägt war diese von einem stetigen Strom an jungen, einschlägigen Namensmustern folgenden Onlinefirmen und Webdiensten, die im großen Stil auf charakteristische Designelemente, auf Nutzervernetzung und User Generated Content setzten. Funktionierende Geschäftsmodelle suchte man in der Regel vergeblich.

Was folgte, war eine mehrjährige Phase der schleichenden Konsolidierung. Nach und nach schlossen einzelne Dienste ihre Pforten, oder blieben zwar online, aber wurden von den Usern gemieden. Im Frühjahr 2008 sammelte ich in dieser Liste 149 Social Networks aus Deutschland. Auch heute noch scheinen eine ganze Reihe davon erreichbar zu sein und vor sich hin zu vegetieren. Relevanz hat abgesehen von einigen sich erfolgreich in der Nische positionierten sozialen Netzwerken mittlerweile bekanntlich nur Facebook.

Das Ende des Web-2.0-Hypes mit seinen bunten Logos und Spiegeleffekten ging mit einer Nutzer- und Machtkonzentration bei ganz wenigen Plattformen einher. Facebook wuchs von weniger als 50 Millionen aktiven Nutzern im Mai 2007 (davon so gut wie keine im deutschsprachigen Raum) auf fast 700 Millionen vier Jahre später.

Twitter konnte im Frühjahr 2007 als Anwender nur eine Handvoll Early Adopter vorweisen. Auch wenn das Unternehmen aus San Francisco über die absolute Zahl aktiver Mitglieder schweigt, so wartet es mit einer beeindruckenden Aktivitätsstatistik auf und hat mit seiner Plattform immerhin schon politische Revolutionen unterstützt.

Auf die experimentelle Web-2.0-Ära folgte der kometenhafte Aufstieg zweier Social-Web-Giganten (und der Niedergang zahlreicher, einst populärer Plattformen wie Friendster, MySpace oder in Deutschland die VZ-Netzwerke). Das heißt nicht, dass es keinen Startup-Nachschub mehr gab. Doch wer dem Tätigkeitsbereich der zwei kalifornischen Webfirmen zu Nahe kamen, hatte schlicht keine Chance.

Dass sich die zwei Anbieter nicht ewig auf eine ungebändigte quantitative Expansion verlassen konnten, war offensichtlich. Eine Prognose über die weiteren Entwicklungsaussichten für Twitter fällt zwar schwer. Klar scheint aber, dass der Kurznachrichtendienst eine spitzere Zielgruppe anspricht als Facebook und niemals dessen Nutzerzahlen erreichen wird.

Facebook selbst hat in einigen Märkten mittlerweile einen Sättigungszustand erreicht. Jeder User, der sich theoretisch als Mitglied für das soziale Netzwerk eignet, ist dort also auch registriert. Dass es so kommt, sollte niemanden überraschen und es ist auch nicht automatisch der Anfang vom Niedergang von Facebook.

Trotzdem läutet das absehbare Ende der rasanten quantitativen Zuwächse eine neue Epoche im Internet ein. Eine, die im Vergleich zu den recht leicht prognostizierbaren Ereignissen der vergangenen Jahre (Facebook und Twitter gewinnen Mitglieder, verändern Netzkultur und Verhaltensmuster, werden von Unternehmen eingesetzt) mehr Spannung verspricht.

Der Beleg für den Beginn eines neuen Zeitabschnittes findet sich nicht in der verlangsamten Wachstumsdynamik von Facebook und Twitter, sondern auch beim Blick auf einige andere Webservices, die in puncto Größe und Reichweite Potenzial besitzen, eines Tages in den Club der Netzgiganten vorzustoßen und somit mit Facebook und Twitter um die Aufmerksamkeit und das Zeitbudget der User konkurrieren würden.

Zu dieser Gruppe gehört Dropbox, der Onlinespeicher- und Synchronisationsservice, der jüngst das Erreichen der Marke von 25 Millionen Mitgliedern verkünden konnte (und von Leserinnen und Lesern von netzwertig.com zur Webanwendung 2010 gekürt wurde). Der US-Dienst ist damit auf einem guten Weg, für seine Anwender eine Art Zuhause in der Cloud zu werden. Ein Entwickler hat sogar ein Social Network auf Dropbox-Basis gebastelt.

Auch das Bloggingtool Tumblr kann sich über anhaltendes Wachstum freuen und beherbergt mittlerweile mehr Blogs als WordPress.com – über 20 Millionen. In einigen Aspekten gleicht das New Yorker Startup eher einem sozialen Netzwerk als einer klassischen Plattform zum Veröffentlichung von Blogbeiträgen – mit entsprechend attraktiven Zukunftsaussichten.

Noch nicht ganz auf dem Popularitätsniveau von Dropbox und Tumblr, aber mit besten Voraussetzungen ausgestattet, ist Instagram. Die beliebte mobile Foto-Sharing-App wächst jetzt schon so schnell wie der ewige Location-Hoffnungsträger foursquare und könnte seine heute fünf Millionen Mitglieder bis Ende des Jahres durchaus verdoppeln.

Mindestens drei Jahre herrschte im sozialen Netz Stillstand – nicht, was funktionelle und technologische Aspekte betrifft, sondern in Hinsicht auf die tonangebenden Akteure. Im Frühjahr/Sommer 2011 jedoch deutet sich erstmals so etwas wie ein neuer Wettbewerb an, dessen Ausgang nicht unbedingt vorhersehbar ist.

Dabei steht weniger die Verdrängung als die Verteilung der Zeit der Nutzer im Vordergrund. Weder Dropbox noch Instagram noch Tumblr konkurrieren direkt mit Facebook oder Twitter (auch wenn sowohl Facebook als auch Twitter stärker in den Fotobereich vorstoßen). Eher wirkt es, als gebe es Raum für alle. Das wiederum wird andere junge Startups motivieren, ohne Furcht vor den etablierten Anbietern ihre Vision in die Tat umzusetzen.

Aus Sicht eines Tech-Bloggers begrüße ich diese neuen Rahmenbedingungen. So notwendig und wichtig es war, dass zwei starke Anbieter den Gedanken der digitalen Vernetzung bis in die hintersten Ecken dieser Welt transportierten, so erfreulich und befruchtend ist eine größere Vielfalt auf Anbieterseite. Selbst wenn diese nur bis zur nächsten Konsolidierungs- und Akquisitionswelle andauern würde – heute sind wir diesem Zustand seit 2007 wieder näher denn je.

(Foto: Claudio Matsuoka/Flickr; CC-Lizenz)

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12 Kommentare

  1. Kris
    schrieb am 20. Juni 2011 um 12:34 Uhr (#)

    Instagram hätte sich noch mehr Potential, wenn die nicht nur auf iPhone-Nutzer setzten würden, mit Android ist man oft aussen vor, und das allein ist für mich Grund genug NIE ein iPhone zu besitzen

    1. Oliver Springer
      schrieb am 20. Juni 2011 um 21:07 Uhr (#)

      Also Android-User klagen da aber auf hohem Niveau. Wie fühle ich mich da erst als verbliebener Nokia-Fan…

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 20. Juni 2011 um 21:44 Uhr (#)

      Zeit für einen Wechsel? ;)

    3. Tom Siegmund
      schrieb am 22. Juni 2011 um 01:35 Uhr (#)

      Ähm, warum genau ist das denn dann ein Grund gegen iPhone?! Aber wenn man sich unbedingt einen aus den Fingern saugen will… Versteh den Zusammenhang beim bösen Willen nicht :(
      Instagram ist das Twitter für die breite Masse (und kommt deswegen sicher bald auch für Euch Randgruppen;)

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 20. Juni 2011 um 12:35 Uhr (#)

    Ja es würde mich echt sehr wundern, wenn die Android-App nicht in den nächsten 2-3 Monaten kommt.

  3. Marcel Weiß
    schrieb am 20. Juni 2011 um 17:13 Uhr (#)

    Du hast einen kommenden Riesen vergessen: Linkedin.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 20. Juni 2011 um 18:55 Uhr (#)

    Ich fand, LinkedINn ließ sich hier (ähnlich wie Skype) nur schwer einordnen.

    Beide Plattformen existieren schon länger und wachsen, aber führen dennoch ihre eigene, isolierte Existenz.

  5. Oliver Springer
    schrieb am 20. Juni 2011 um 21:25 Uhr (#)

    Facebook und Twitter sind groß, aber gibt es diese angesprochene Fast-Alleinherrschaft wirklich? Ist das nicht eher eine Frage der Wahrnehmung?

    Das für einige Medien in Frankreich geltende Verbot, Facebook und Twitter zu nennen, wenn generell Social-Media-Plattformen gemeint sind, halte ich zwar für eine nicht akzeptable Einmischung des Staates. Aber dass in der ständigen Nennung dieser Plattformen ein Problem liegt, sehe ich auch so.

    Wenn foursquare mit seinen 5 Millionen Mitgliedern ein Hoffnungsträger ist – sollte für viel größere Plattformen wie MySpace oder die VZ-Netzwerke dann nicht ebenfalls noch Hoffnung bestehen?

    Flickr und erst recht YouTube sind auf jeden Fall Web-2.0-Schwergewichte, sogar welche mit Community-Elementen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 20. Juni 2011 um 21:44 Uhr (#)

      Imo entscheidend ist die Geschwindigkeit, mit der das Wachstum geschieht. Und da haben Facebook und Twitter alle ausgestochen.

      Ein zweitet Aspekt sind die gefühlten Veränderungen, die durch durch die Anbieter ausgelöst wurden (wieder im Verhältnis zur Dauer). Auch hier hatten F und T die mit Abstand grösste Wirkung, meiner Beurteilung nach.

  6. Ulrich Voß
    schrieb am 21. Juni 2011 um 09:34 Uhr (#)

    Einen Teil der Artikels kann ich nachvollziehen: Facebook hat Konkurrenz. das soziale Netz ist vielfältig.

    Allerdings sehe ich nicht wirklich, wo der Unterschied zur Lage vor einem oder zwei oder drei Jahren ist. Damals boomte Twitter (heute wächst Twitter nur noch) und der heisse Sch***s des Jahres waren Check-Ins (Gowalla, Foursquare), Digg/Yigg, Google Buzz und Posterous. Heute sinken ein paar Dienste (Check-Ins, Yigg) und ein paar andere sind heiss (Tumblr, Instagram).

    Das ist jetzt nicht soooo anders als in den letzten Jahren. (Wobei es durchaus eine Anmerkung wert ist, dass Facebook eben nicht alles andere “plattmacht”, wie man vielleicht vor ein paar Monaten durchaus noch erwarten konnte. Facebook macht Chat? Uuh, das Ende von Twitter. Facebook macht Mail? Uuuh, das Ende von E-Mail. Alles nicht so gekommen. Auch neben dem Gorilla Facebook gibt es anscheinend noch ausreichend Platz für weitere, spezielle Dienste.)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 21. Juni 2011 um 09:37 Uhr (#)

      Der Unterschied ist, dass die von dir genannten damals auf dem Absteigenden Ast waren (Digg/Yigg), oder aber nicht in die Nähe der User- und Engagement-Zahlen kamen wie die im Artikel genannten Dienste (Gowalla, Google Buzz, foursquare).

      Mittlerweile hat foursquare zwar 10 Mio Nutzer, aber wächst für ein derartig gehyptes Startup so langsam, dass ich glaube, ohne weitere Modifikationen der Funktionsweise wird das nix.

  7. Maren
    schrieb am 21. Juni 2011 um 13:17 Uhr (#)

    Ich finde die Vielfalt der Dienste auch beeindruckend und wirklich bereichernd. Ich persönlich aber nutze nicht Netzwerke. Meist reicht es mir einen Post zu verfassen und muss nicht dann noch meinen Standort auf z.B. Foursquare herausposaunen. So sehen das bestimmt auch viele Nutzer, die sich dann doch nicht überall im Internet kundtun müssen. Auch wenn ich heute mit den großen Netzwerken aktiver bin, als früher auf Seiten wie MySpace, habe ich doch den Aspekt der Zurückhaltung gewonnen. Ich überlege lieber zweimal bevor ich etwas poste, das muss dann schon wichtig sein. So geht es bestimmt auch vielen weiteren Nutzern, die lernen ihre Präsenz zu dosieren. Auch wenn es viele neue Möglichkeiten gibt zu kommunizieren, sich zu präsentieren und sein Leben zu teilen.

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