Internetunternehmer Christoph Janz:
“Es fühlt sich wieder an wie 1999″

Der Business Angel Christoph Janz hat als Startup-Gründer die verrückte Zeit der New Economy miterlebt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Branche heute entwickelt, erinnert ihn stark an den Boom anno 1999.

Christoph Janz hat als Startup-Gründer den New-Economy-Hype miterlebt und rechtzeitig vor dem Platzen der Blase einen attraktiven Exit hingelegt. Einige Jahre später gründete er die personalisierbare Startseite Pageflakes (für mich damals der Einstieg in die Welt der RSS-Reader). Seit einiger Zeit betätigt sich Janz als Business Angel. An etwa 15 Internetstartups aus aller Welt ist er beteiligt.

Gestern wurde ich auf diesen Tweet von Janz aufmerksam: “Es fühlt sich so sehr an wie 1999. Kaum ist man eine Stunde offline und kommt zurück, hat irgendjemand eine 20-Millionen-Dollar-Finanzierung bekannt gegeben.” (meine Übersetzung). Seine Gedanken zu dieser Beobachtung interessierten mich sehr, weshalb ich ihn zu einem Skype-Interview einlud, zu dem er einwilligte.

Hallo Christoph. Gib uns bitte einen kurzen Überblick über deine bisherigen Aktivitäten im Internetsektor.
Meine ersten unternehmerischen Gehversuche machte ich während der Schulzeit, als ich mit dem Handel von Computern anfing. Später startete ich einen kleinen Mailorder-Versand für Amiga-Software. 1997 gründete ich dann zusammen mit Christopher Münchhoff die Preisvergleichssuchmaschine DealPilot.com, an der sich unter anderem Bertelsmann beteiligte. Im Jahr 2000 verkauften wir DealPilot.com an Shopping.com (das später von eBay übernommen wurde).

Wieviel hat Shopping.com für euch gezahlt?
Einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Was kam nach dem Exit?
Es folgten einige kleinere Projekte, bis ich 2005 zusammen mit Ole Brandenburg (jetzt Stepmap) und Omar AL Zabir die personalisierbare Startseite Pageflakes startete. 2006 eröffneten wir ein Büro in San Francisco, das zu unserem Hauptquartier wurde. 2008 verkauften wir Pageflakes an LiveUniverse. Seitdem investiere ich als Business Angel in vielversprechende Startups. Insgesamt halte ich rund 15 Beteiligungen, darunter Zendesk, Geckoboard und in Deutschland Momox.

Christoph Janz

In einem Tweet hast du am Dienstag angemerkt, dass dich die aktuelle Entwicklung stark an 1999 erinnert – das Boom-Jahr der New-Economy-Ära. Was bringt dich zu diesem Vergleich?
Primär ist es das Tempo der Ereignisse, das mich an die Zeit vor der Jahrtausendwende erinnert. Am Montag ließ ich den Nachrichtenfluss kurzzeitig außer Acht, und schon wurde eine 100-Millionen-Dollar-Investmentrunde für Airbnb bekannt gegeben. Am Dienstag das Gleiche: Ich war beschäftigt, und als ich das nächste Mal einen Blick aufs Netzgeschehen warf, hatte wooga eine massive Kapitalspritze verkündet. 1999 drehte sich das Rad mit einer ähnlichen Geschwindigkeit. Als Gründer stand ich damals extrem unter Spannung – und das meine ich im positiven Sinn. Ich war damals 22 Jahre jung und fand es toll, wie wir mit einem Startup unglaubliche Aufmerksamkeit erhielten und mit Playern konkurrierten, die größer und erfahrener waren als wir. Genau diese Stimmung und Begeisterung verspürt man heute wieder.

Nun endete der damalige Boom ja bekanntlich mit einem lauten Knall. Wie groß ist die Gefahr, dass dies erneut passiert?
Ich glaube, dass die sich damals anbahnende Blase mit der heutigen Situation in keiner Weise vergleichbar ist. Die Unternehmen, in die Ende der 90er Jahre Millionen gepumpt wurden, hatten teilweise aberwitzige Geschäftsmodelle und keine nennenswerten Umsätze. Man denke beispielsweise an AllAdvantage, das User für das Surfen im Netz und Betrachten von Werbung bezahlen wollte. Das ging mächtig schief, weil es einerseits viele Betrugsversuche gab, und weil andererseits eine Nutzerschaft erreicht wurde, die für die Werbewirtschaft gar nicht interessant war. Trotzdem erhielt der Dienst über 200 Millionen Dollar an Venture Capital. Es wurde zur Dotcom-Zeit einfach sehr viel Geld in Unternehmen mit völlig unbekannten Geschäftsmodellen gesteckt, um schnell eine riesige Reichweite aufzubauen, in der Hoffnung, dass sich die Monetarisierungsfrage schon irgendwie löst.

Und heute ist das anders?
Die meisten Geschäftsmodelle sind heute deutlich erprobter und auch erfolgreicher. woogas Vorbild Zynga beispielsweise hat im vergangenen Jahr 850 Millionen Dollar erlöst und dabei einen Gewinn von 400 Millionen Dollar erwirtschaftet. Und Airbnb soll 2011 Transaktionen im Wert von geschätzten 500 Millionen Dollar vermitteln und immerhin 25 Millionen Dollar umsetzen. Google ist seit jeher eine Cashcow, und auch Facebook macht Milliardenumsätze. Grundsätzlich sind Investoren heute sehr viel selektiver und smarter – auch aufgrund der schmerzvollen Erfahrungen aus dem Platzen der Dotcom-Blase.

Glaubst du, dass die erfolgreiche LinkedIn-IPO eine neue Börsenhysterie auslösen könnte? Selbst Facebook wird ja in absehbarer Zeit diesen Schritt wagen.
Dass wieder mehr Euphorie in den IPO-Markt kommt, kann ich mir gut vorstellen. Verrückte Ausmaße wie zur New Economy am Neuen Markt jedoch halte ich für unwahrscheinlich. Damals wurde blind alles gekauft, wo Internet drauf stand. Lycos Europe wurde mit mehreren Milliarden bewertet und nahm hunderte Millionen Dollar an der Börse auf, war aber extrem unprofitabel. Wäre LinkedIn damals an die Börse gegangen, wäre es wahrscheinlich nicht mit knapp neun Milliarden Dollar bewertet worden sondern eher mit dem Fünf- oder Zehnfachen davon.

Facebook wird mit rund 80 Milliarden Dollar bewertet. Ist das realistisch oder nicht?
Ich glaube nicht, dass die derzeit gehandelten Bewertungen vollig abwegig sind. Facebook ist einfach eine unglaublich dominante Kraft im Internet mit einem enormen wirtschaftlichen Potenzial. Ob der tatsächliche Wert des Unternehmens nun halb oder doppelt so hoch sein müsste, weiß ich nicht. Aber die Substanz ist in jedem Fall da.

Auf einer Skala von -10 (Stimmung im Keller) über 0 (neutral und stabil) bis zu 10 (größtmöglicher Hype) – für wie gesund hältst du die Branche in ihrem derzeitigen Stadium?
Ich denke, wir liegen momentan bei einer 2 oder 3.

Das heißt, das Gründerklima ist entsprechend gut?
Definitiv. Der Zeitpunkt, ein Webstartup zu gründen, ist optimal. Zudem gelangen aufstrebende Jungunternehmer mit guten Konzepten heute viel leichter an Kapital als noch vor einigen Jahren. Allerdings würde ich persönlich immer empfehlen, zu versuchen, möglichst weit ohne externe Finanzierung zu gelangen. Das hängt sicher ein bisschen vom Business ab, aber für mich als Investor hat der ideale Gründer mit ein paar tausend Euro aus den eigenen Ersparnissen oder dem “Friends & Family”-Umfeld schon einen Prototyp oder eine Beta-Version gebastelt. Mich überzeugt das sehr viel eher, als wenn jemand lediglich mit einer Präsentation auftaucht.

In welche Bereichen schaust du in nächster Zeit besonders nach attraktiven Investitionsobjekten um?
E-Commerce, Lead Generation und Software as a Service (SaaS) finde ich besonders interessant. Beim Onlinehandel erfüllen sich nun die Hoffnungen und Versprechungen, die es schon vor zehn Jahren gab, d.h., der Einkauf im Netz wird immer mehr zum Alltagsphänomen und umfasst selbst Kategorien, die bisher eine ausschließliche Domäne des stationären Handels waren (wie Schuhe). Das Thema Lead Generation ist deshalb spannend, weil mittlerweile jeder Konsument zuerst im Netz sucht, egal um welchen Bedarf es sich handelt. Ich habe z.B. in DigitaleSeiten investiert, die u.a. Dachdecker.com betreiben, das am schnellsten wachsende Verzeichnisportal für die Dachdeckerbranche in Deutschland. Und was Saas betrifft, glaube ich, dass wir in zehn oder 20 Jahren darüber schmunzeln werden, dass es einmal eine Zeit gab, in der sich Unternehmen Server in den Keller gestellt und Personal zur deren Administration und Wartung beschäftigt haben. Software wir dann als Service quasi aus der Steckdose kommen.

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12 Kommentare

  1. Marcel Weiß
    schrieb am 1. Juni 2011 um 12:27 Uhr (#)

    Die Überschrift passt aber nicht sehr zu den Aussagen im Interview. :)

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2011 um 12:32 Uhr (#)

    Das ist die Konditionierung der Medien. Wenn die Begriffe 1999 und Internet in einem Satz fallen, erwartet man automatisch einen Bubble-Rant.

    1. Marcel Weiß
      schrieb am 1. Juni 2011 um 12:35 Uhr (#)

      Und diesen Reflex zu triggern, war natürlich überhaupt nicht deine Absicht. :)

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2011 um 12:39 Uhr (#)

    Wäre dies meine Absicht gewesen, wäre es zumindest eine gute Art, um voreingenommenen Leuten eine andere Sichtweise näherzubringen ;)

  4. Jan
    schrieb am 1. Juni 2011 um 12:53 Uhr (#)

    “Ich glaube, dass die sich damals anbahnende Blase mit der heutigen Situation in keiner Weise vergleichbar ist.”

    im original heißt das wohl “This time is different”. Klingelt da was? ;)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2011 um 13:01 Uhr (#)

    Das Problem bei dieser “Argumentation” ist, dass man damit komplett ausschließt, dass die Zeit tatsächlich anders sein kann.

    Insofern ist dies auch eine ziemlich sinnfreie Herangehensweise, weil man gleichzeitig die tatsächlichen Unterschiede (puncto Umsätze, Gewinne, 2 Milliarden Nutzer vs ein paar hundert Millionen damals) einfach unter den Tisch fallen lässt.

    1. DJ Nameless
      schrieb am 2. Juni 2011 um 00:44 Uhr (#)

      Insofern ist dies auch eine ziemlich sinnfreie Herangehensweise, weil man gleichzeitig die tatsächlichen Unterschiede (puncto Umsätze, Gewinne, 2 Milliarden Nutzer vs ein paar hundert Millionen damals) einfach unter den Tisch fallen lässt.

      Auch wenn einige Internetdienste heute mehr Nutzer als früher haben, bleibt das eigentliche Problem bestehen: Vielleicht macht der Portalbetreiber durch Werbeeinblendungen die Serverkosten und ein paar Euro/Dollar Gewinn zu verdienen (so soll Youtube ja kurz davor stehen, schwarze Zahlen zu schreiben). Die meiste Arbeit wird aber von den “Nutzern” erledigt, die digitale Inhalte wie Texte, Bilder, Musik, Filme, Software usw. erstellen und hochladen. Und die sehen fast nie auch nur einen einzigen Cent.

      Es ist ja so, dass im Internet die Grenzen zwischen Anbieter und Nutzer immer weiter verschwimmen und nicht mehr getrennt werden können. Daher etabliert sich ja auch Flattr nicht, weil fast überall das Geld dann nur im Kreis rumgereicht wird und Flattr selbst sich an der Provision dumm und dusselig verdient. Dieses Problem könnte man nur umgehen, indem man Flattr verstaatlicht, Leute ihr ganzes Vermögen aufs Flattr-Konto zahlen, und im Gegenzug Supermärkte, Autohersteller, Möbelhäuser usw. ihre Produkte ebenso kostenlos wie Online-Content abgeben, aber ebenfalls Flattr akzeptieren. Dann könnte ich z. B. bei Aldi einkaufen, nix an der Kasse bezahlen, aber dort den Flattr-Button drücken, und Aldi kriegt dann was von meinem Geld ab. Würde diese Idee allerdings wirklich umgesetzt, wären wir wieder beim Kommunismus, der in keinem Land der Welt funktioniert hat.

      So gesehen sehe ich die nächste Blase in Kürze klar kommen – einfach weil die Marktwirtschaft mit so einem weltweiten Informationsnetzwerk nicht funktionieren kann.

  6. Christoph Janz
    schrieb am 1. Juni 2011 um 14:34 Uhr (#)

    Jan, danke für Deinen Kommentar. “This time is different” sind wahrscheinlich wirklich die teuersten vier Worte der Finanzgeschichte. :)

    Dennoch – wie Martin sagt, kann man daraus nicht folgern, dass immer alles gleich sein muss. Und zumindest was den IPO-Markt angeht, ist die Situation im Moment definitiv komplett anders als 1999, als jede Woche ein Dot-com-Startup an die Börse gegangen ist.

  7. Musenrössle
    schrieb am 1. Juni 2011 um 15:20 Uhr (#)

    Das schöne an Blasen ist ja:
    Man erkennt sie immer erst dann, wenn sie geplatzt sind. ;-)

    Wobei wir uns derzeit aber wohl um ganz andere Blasen Sorgen machen sollten.
    Im Vergleich dazu spielt es dann wohl keine große Rolle, ob es schon wieder eine neue Internet-Blase gibt oder nicht.

  8. Alexander
    schrieb am 2. Juni 2011 um 11:01 Uhr (#)

    @Christoph: Mit Dachdecker.com zielst du stark auf attraktive “Nischen”, die sich mit einem Thema im Detail auseinandersetzen. Ist das wirklich die Zukunft?

    Welche großen Trends erwartest du im Bereich der Social Media …?

  9. Manuel
    schrieb am 2. Juni 2011 um 18:45 Uhr (#)

    Ich bin skeptisch, wenn ich von den riesigen Summen lese, die in Startups im Internetbereich investiert werden. Nicht weil ich die Ideen schlecht finde, sondern weil ich zweifle, dass die Projekte genügend Nutzer finden, um rentabel zu sein.

    Mein Bekanntenkreis besteht zum grossen Teil aus jungen Leuten mit allen möglichen Berufen, vom Akademiker bis zum Handwerker. Fast alle haben ein Smartphone. Doch sie nutzen darauf nur Facebook, Angry Birds und das Star Wars Laserschwert. Ein Profil haben sie bei MSN, Facebook und vielleicht noch einer lokalen Partycommunity. Sie nutzen kein Twitter, kein Gowalla, kein Foursquare und kein Flickr. Color ist eine super Idee, ich werde es gerne ausprobieren, wenn denn die Android-App endlich verfügbar ist. Aber meine Kollegen werden sagen “meine Fotos stelle ich auf Facebook, war schon installiert auf dem iPhone”. Deshalb bin ich skeptisch, ob das Geld da gut angelegt ist. Mag sein, dass die Schweiz ein konservativer Ort ist und junge Leute in den USA mehr ausprobieren.

    Ich sehe die Gefahr, dass neue Anwendungen im Internet übermässig gehyped, aber schlussendlich nur in der Blogosphäre herumgereicht werden. Über Flattr, Bitcoins und diaspora wurde viel gebloggt und getwittert, auf heise.de erschienen Artikel und die Projekte wurden an Konferenzen erwähnt. Von meinen Kollegen kennt sie niemand und auch nur sehr wenige werden sich darüber informieren.

  10. Mark
    schrieb am 8. Juni 2011 um 09:08 Uhr (#)

    Manuel vor ein paar Jahren waren die meisten “normalen” Menschen auch noch nicht bei Facebook. Heute ist es immerhin schon jeder 5. Deutsche.

    Generell ist es ja absolut Ordnung, wenn 80% aller StartUps innerhalb der ersten 2 Jahre pleite gehen. Solange die restlichen 20% einigermaßen erfolgreich sind, ist das ausreichend um eine gesunde Angel- und VC-Landschaft am Laufen zu halten.

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