Berichterstattung über Tech-Themen:
Nein, Facebook plant
keinen Musikdienst
Facebook soll eine Kooperation mit dem Musik-Streaming-Service Spotify anstreben. In der medialen Berichterstattung wird daraus schnell ein “Facebook-Musikdienst”.
“Facebook launcht Musikdienst mit Spotify” prangt über dem Beitrag, der erläutert, wie schon in den nächsten zwei Wochen eine Partnerschaft zwischen den beiden Unternehmen bekannt gegeben werden könnte, in deren Rahmen Spotify einen eigenen Link in der Navigation des Social Networks erhalten soll und von dort heruntergeladen werden kann.
Das Wirtschaftsmagazin will auch erfahren haben, dass eine Option zum gleichzeitigen Anhören von Musik über Spotify Teil der Kooperation ist. Die Integration wird nur in den (momentan sieben) Ländern funktionieren, in denen Spotify bereits offiziell verfügbar ist.
Während eine engere Zusammenarbeit zwischen den zwei Webfirmen wirklich nicht verwunderlich wäre – Facebook-Chef Zuckerberg hat sich schon vor langer Zeit als Spotify-Fan geoutet, und Spotifys Desktop-Client kann über Facebook Connect bereits mit dem Social Network verknüpft werden – rührt meine Verstimmung über den Bericht daher, dass Medien wie so oft dieser Tage bei digitalen Themen aus einer Mücke einen Elefanten machen.
Was Forbes beschreibt, ist nichts weiter als eine engere Anlehnung von Spotify an Facebook. Es ist bei weitem nicht der Launch eines eigenen Facebook-Musikservices. Die Songs werden laut Forbes-Report weiterhin über den Desktop-Client des in Stockholm und London ansässigen Streamingdienstes geliefert.
Ob die Forbes-Reporterin Parmy Olson zu wenig technische Kompetenz besitzt, um den Unterschied zwischen einer Anbindung von Spotify an Facebook und dem Launch eines Facebook-Musikdienstes zu erkennen, oder ob sie bewusst auf eine missverständliche Überschrift gesetzt hat, weil sie weiß, dass dies von Blogs, aber vor allem von Onlinezeitungen und Presseagenturen in der ganzen Welt dankbar aufgenommen wird, sei dahingestellt.
Die gewählte Formulierung ist symptomatisch für das in meinen Augen immer gravierendere Problem von sich im Netz rasant verbreitenden Falschmeldungen und Halbwahrheiten rund um die großen Technologie-Firmen.
Wer bei Google News im Moment nach “Facebook Spotify” sucht, findet bereits Artikel deutscher Nachrichtenangebote, die verkünden: “Facebook plant Musikdienst”. In den (offenbar von Agenturen kommenden) Beiträgen wird dann jeweils die Forbes-Meldung nacherzählt.
Damit aufzumachen, Facebook plane einen Musikdienst, ist schlicht falsch. Während eines Interviews auf dem e-g8 Forum in Paris unterstrich Mark Zuckerberg gestern unabhängig von der jüngsten Meldung, dass Facebook nicht die DNA für einen eigenen Musik- oder Filmedienst habe und deutete stattdessen Partnerschaften in diesen Bereichen an. Manche Berichterstatter scheinen solche Aussagen jedoch nicht so genau zu nehmen.
Zuckerberg nutzte die Gelegenheit auch dafür, mit einer anderen Behauptung aufzuräumen: Konkrete Pläne dafür, Facebook für Kinder unter 13 Jahren zu öffnen, gebe es nicht. Er habe auf einer Veranstaltung Anfang der Woche lediglich angemerkt, dass langfristig darüber nachgedacht werden müsse, wie man auch Jüngeren den Zugang zu Facebook ermöglicht.
Eigentlich steht dies auch genau so in der Originalquelle. Daraus wurden schnell Überschriften wie “Zuckerberg will Facebook für Kinder öffnen” oder “Facebook soll auch Netzwerk für Kinder werden“. Rein faktisch sind diese nicht einmal falsch – ohne aber den ganzen Artikel gelesen zu haben, entsteht trotzdem ein inkorrektes Bild – das sich in der Hektik des Echtzeitwebs und in 140 Zeichen über Twitter leichter denn je weiterverbreitet.
Erinnert ihr euch noch an die Meldung einer weitreichenden Kooperation zwischen Facebook und Skype, die sich am Ende als lapidarer Facebook-Reiter im Skype-Client erwies? Zu oft wurden in den letzten Monaten Gerüchte aus der Technologiewelt ganz groß aufgeblasen, um anschließend leise zu zerplatzen.
Eine Lösung für dieses Problem existiert vermutlich nicht. Der Ruhm einer Breaking-News und das Potenzial hoher Social-Media-Viralität ist zu verlockend, als dass nicht mindestens ein Medienangebot aus einer Facebook-Spotify-Kooperation gleich einen “Facebook Musikdienst” machen würde.
Also liegt es an uns Lesern, jede scheinbar ach so wichtige Nachricht zu Facebook, Google, Apple & Co genauer zu hinterfragen und nicht alles sofort zu glauben, was veröffentlicht wird. Auch dann nicht, wenn über dem Text das Logo eines renommierten Medienhauses prangt.


























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Gute Meldung, Martin! Hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Nicht vergessen würde ich dabei allerdings, dass auch die Originalquellen manchmal Mist bauen. Die TechCrunch-Breaking-Meldung aus dem Februar, nach der UberMedia ganz sicher TweetDeck gekauft habe, werde ich wohl nie mehr vergessen. Wie wir heute wissen, war das schlicht falsch, denn am Ende hat ja Twitter bei TweetDeck zugeschlagen. Es lohnt sich, immer genau hinzuschauen, wer was sagt und auf welche Quelle es sich stützt. So schwer ist das eigentlich nicht.
Falschmeldungen oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate gab es schon immer, mit den heutigen Multiplikatoren verbreiten sie sich einfach schneller. Dabei hat man es immer schon auf die “Riesen” abgesehen. Mich erinnern deine geschilderten Fälle irgendwie an das “More popular than Jesus” Zitat von John Lennon 1966 …
Wichtig ist mir, darauf hinzuweisen, dass natürlich jeder mal falsch liegen kann. Gerade die Medien, die viele Stories aufdecken, bringen früher oder später zwangsläufig auch mal eine Ente.
Kritischer sehe ich jedoch, wie eigentlich relativ unspektakulären Meldungen riesig aufgeblasen werden. Also im Sinne von “Facebook plant Musikdienst” bei der angesprochenen Kooperation, oder “Google Places verbindet sich mit foursquare”, wenn Google lediglich den Import beliebiger RSS-Feeds u.a. auch von foursquare erlaubt.
Hier scheint vielen Redakteuren und Autoren die Sorgfalt zu fehlen, die ja eigentlich eine Grundwert des Journalismus darstellen sollte.
Fehler und Irrtümer gibt es immer. Wenn sie aber System werden, dann sehe ich dies sehr kritisch.
@ Michael
Danke für den Link, diese Geschichte kannte ich noch nicht.
Falschmeldungen gab es immer und wird es auch immer geben. Darin sehe ich auch nicht das Problem. In dem Forbes-Artikel wird allerdings deutlich, dass die Autorin null Verständnis für “Technik” hat und auch niemanden zu Rate gezogen hat. Stattdessen wurde der Artikel darauf ausgerichtet, sich bestmöglich viral zu verbreiten. Es wundert mich sehr, dass es gerade die klassischen Medien sind, die der “Copy & Paste” Mentalität folgen, ohne einen Mehrwert in ihren eignen Artikel zu schaffen. Das findet komischerweise in Blogs statt, wo nicht nur kopiert, sondern auch recherchiert und analysiert wird, wie es in diesem Artikel geschehen wird. Das ist es, was ich lesen möchte!
Das Thema Blogs vs klassischer Journalismus ist zwar ein leidiges Thema, aber das ändert nichts daran, dass du mit deiner Aussage vollkommen recht hast. Ich werde das thematisch auch noch mal aufgreifen, denke ich.
Kann mich den anderen nur anschließen! Erstmal schöner Artikel, bin gerade zum ersten Mal auf eure Seite gestoßen! Durch Internet und die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation verbreiten sich falsche Nachrichten sehr schnell, gerne wird dann mal ein bisschen was abgeändert, und wenn die Kette entsprechend lang ist erhält man letztendlich ganz unterschiedliche Fakten… gut, dass es auch noch professionell recherchierte Artikel wie diesen hier gibt!
Gute Meldung – das zeugt von einer gut ausgeprägten Medienkompetenz ;-)
Ich musste unweigerlich an dies hier denken: http://www.youtube.com/watch?v=Q79xveHsxpk