Twitter und Square:
Der bemerkenswerte
Aufstieg des Jack Dorsey

Bei Twitter wurde er einst vom Chefsessel gedrängt. Zweieinhalb Jahre später hat Jack Dorsey nicht nur das Twitter-Zepter wieder in der Hand, sondern revolutioniert nebenbei mit Square den stationären Handel.

Foto: Flickr/TCDisrupt (2010); CC-LizenzVor über vier Jahren habe ich mich bei Twitter registriert. Seit fast drei Jahren bin ich aktiver Nutzer. Über die Gründungsgeschichte des Microbloggingdienstes wusste ich lange Zeit sehr wenig, geläufig waren mir jedoch Namen der zwei Mitgründer Biz Stone und Evan Williams. Jack Dorsey hingegen, der ebenfalls von Anfang an dabei war und den ersten Tweet jemals verschickt hat, blieb in meiner Wahrnehmung lange Zeit blass.

Zum einen stellte sich Dorsey von Anfang an weniger in den Vordergrund, zum anderen gab er im Oktober 2008 aus bis heute unklaren Gründen seinen CEO-Posten ab. Evan Williams, der zu dieser Zeit ohnehin Twitters Gesicht nach außen war, übernahm das Zepter, Dorsey wurde zum Präsident des Verwaltungsrates.

Wer damals mit einer Zeitmaschine zweieinhalb Jahre in die Zukunft gereist und im Mai 2011 angelangt wäre, hätte wahrscheinlich seinen Augen nicht getraut: Even Williams verabschiedete sich kürzlich vom Twitter-Tagesgeschäft. Der einst öffentlichkeitsscheue Jack Dorsey hingegen ist seit März wieder voll operativ dabei und verantwortet in der tragenden Position des “Executive Chairman” an der Seite des derzeitigen CEO Dick Costolo die Weiterentwicklung des Produktes.

Und weil Dorsey sich mit dieser Aufgabe augenscheinlich nicht ausgefüllt genug fühlt, revolutioniert er quasi nebenbei mit Square gerade den stationären Handel der USA. Square gründete er nach seinem operativen Ausscheiden bei Twitter und präsentierte sein Produkt erstmalig Ende 2009: Einen kostenlos angebotenen Kartenleser-Aufsatz inklusive Applikation für Smartphones, womit jeder Mensch Kartenzahlungen entgegen nehmen kann.

Mittlerweile, gut ein Jahr nach dem offiziellen Launch, werden täglich Transaktionen im Wert von drei Millionen Dollar über den aktuell nur in den USA angebotenen Kartenleser abgewickelt. 2,75 Prozent des Umsatzes behält das wie Twitter in San Francisco ansässige Unternehmen als Provision. Mit iZettle schickt sich gerade ein schwedisches Startup an, das Square-Prinzip in Europa zu lancieren.

Dorsey vollbringt damit gerade das Kunststück, zwei renommierte, jeweils mit disruptivem Charakter ausgestattete Tech-Startups parallel zu steuern. Bei Beobachtern der US-Internetbranche sorgt dies durchaus für Verwunderung und Kritik. Selbst der talentierteste Multitasker verfügt letztlich nur über einen 24-Stunden-Tag und wird bei der von Dorsey gewählten Doppelbelastung unweigerlich zu Kompromissen gezwungen, was für beide Unternehmen schädlich sein kann.

Als Dorsey am Montag bei der TechCrunch-Disrupt-Konferenz in der Rolle des Square-CEO auftrat, wirkte er aber zumindest nicht, als würde ihn die Zweigleisigkeit belasten. Im Gegenteil: Der 34-Jährige machte einen äußerst entspannten, selbstsicheren und überzeugenden Eindruck, als er im Livestream mit der Vorstellung von zwei Neuigkeiten die nächste Phase des Plans einläutete, die Art der Interaktion zwischen Händlern und Kunden grundlegend zu verändern:

Square RegisterMit der Square Register getauften iPad-Applikation stellen die Kalifornier stationären Händlern eine virtuelle Kassenlösung zur Verfügung, welche die physische Kasse ersetzen, Statistiken über Verkäufe und Kundenpräferenzen liefern und eine direkte Kommunikation mit Square-Anwendern erlauben soll. Letztere Aufgabe erfüllt das Square Card Case For Consumers, eine Smartphone-Anwendung, die als virtuelle Kundenkarte mit direktem Draht zum Händler dient und für Konsumenten selbst das Zücken der Geld- oder Kreditkarte überflüssig macht.

Bemerkenswert war nicht nur das innovative Konzept, sondern auch die Art des Auftritts von Square-Chef Dorsey. Im abgedunkelten Raum mit leuchtenden Square-Logos im Hintergrund schien eine zarte Deckenbeleuchtung auf den ganz in schwarz gekleideten Entrepreneur, der mit sicherer, leicht geheimnisvoller Stimme ein ums andere Mal erklärte, wie “magical” und “awesome” die neuen Square-Features wären (sobald ich das Video online finde, verlinke ich es an dieser Stelle!).

Dorseys Erscheinung erinnerte mich sowohl an die legendären Bühnenauftritte von Apple-Chef Steve Jobs als auch an einen hypnotischen Sektenanführer – der eine sehr attraktive Vision vermittelt: Die vom bargeldlosen, bequemen, formschönen und nachhaltigen Einkaufen.

Jack Dorsey hat sich von einem vergleichsweise scheuen Software-Designer zu einem schillernden, medientauglichen Innovator entwickelt, dem selbst die Herausforderung, Verantwortung für zwei transformative Jungunternehmen gleichzeitig zu übernehmen, nicht zu groß erscheint.

Sofern er sich dabei nicht übernimmt, dürfte aus ihm noch ein ganz Großer werden. Genau wie aus Square.

Update: Hier gibt’s ein ausführliches Porträt über Jack Dorsey (Danke an Ulrich für den Tipp)

(Foto: Flickr/TCDisrupt; CC-Lizenz)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Eine bemerkenswert gute Headline.

  2. Und bemerkenswert gut gekleidet ist er auch immer.

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