LinkedIn geht an die Börse:
Ein Ereignis, an das
man sich erinnern wird

LinkedIn hat am Donnerstag sein Börsendebüt gegeben und alle Erwartungen übertroffen. Viele weitere namhafte Internetfirmen werden dem eingeschlagenen Weg des Social Networks folgen.

Der gestrige Donnerstag, 19. Mai 2011, wird als bedeutungsvolles Datum in die Geschichte der Internetwirtschaft eingehen. Zum einen, weil Amazon verkündet hat, jetzt mehr E-Books als physische Bücher zu verkaufen. Zum anderen, weil mit LinkedIn in den USA erstmalig ein Social Network einen Börsengang gewagt hat. Und was für einen!

45 Dollar kostete eine LinkedIn-Aktie zum Handelsstart an in New York. Im Laufe des Tages stieg der Kurs auf bis zu 122,70 Dollar und pendelte sich am Ende des Börsentages bei 94,25 Dollar ein. Das Geschäftsnetzwerk mit über 100 Millionen Mitgliedern wird damit initial mit 8,79 Milliarden Dollar bewertet – mehr als das Doppelte von dem, was sich LinkedIn-Gründer Reid Hoffman und sein Mitstreiter erwartet hatten.

Der geglückte Börsengang hat nicht nur deshalb Symbolwirkung, weil damit erstmalig ein global ausgerichtetes soziales Netzwerk an der Wall Street gehandelt wird. Branchenbeobachter rechnen auch damit, dass der Schritt andere Webfirmen inspirieren wird, die bisher aufgrund von schlechten Erinnerungen an den Dotcom-Schock sowie der in den USA noch nicht wirklich verdaute Finanzkrise den Gang an den Aktienmarkt scheuten.

Vergleiche mit dem äußerst erfolgreichen Börsendebüt von Google 2004 oder gar dem von Netscape im Jahr 1995 sind nicht abwegig. Der Browser-Hersteller leitete damals eine Welle von Börsengängen aufstrebender Internetstartups ein und legte somit den Grundstein für den New-Economy-Boom, der schließlich zu einer Blase führte, die Anfang des neuen Jahrtausends lautstark zerplatzte.

In der Tat wimmelt es heute in der Webwirtschaft an Kandidaten, die Börsenpläne hegen, oder denen diese zumindest nachgesagt werden: Groupon kommt hierfür ebenso in Frage wie Kayak, Zynga, Pandora, Yandex und schließlich auch Facebook. Selbst Rovio, das aus Finnland stammende Unternehmen hinter dem Spiele-Hit Angry Birds, will sich innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre am Aktienmarkt Kapital besorgen.

Für all diese Firmen wird der Vorstoß von LinkedIn eine Vorbildfunktion haben, denn er signalisiert, dass selbst unprofitable Onlinedienste einen furiosen Start an der Wall Street hinlegen können: Das Netzwerk für Geschäftskontakte erwirtschaftete im vergangen Jahr 243 Millionen Dollar und wird damit von den Anlegern mit dem 36-fachen seines Umsatzes bewertet.

Aufgrund geplanter Investitionen hat der 2003 im kalifornischen Santa Monica gegründete Onlinedienst für 2011 bereits angekündigt, die schwarzen Zahlen zu verfehlen. Über 1.300 Menschen sind mittlerweile für LinkedIn tätig, das weltweiter Marktführer bei den Businessnetzwerken ist, im deutschsprachigen Raum aber in puncto Nutzerzahlen noch hinter Wettbewerber Xing zurückliegt.

Dass LinkedIn mit seiner bisherigen wirtschaftlichen Leistung eine Bewertung von neun Milliarden Dollar erzielen kann, ist ein Beleg für die langfristigen Erwartungen der Anleger in den Service. Was Facebook für den privaten Sektor ist, stellt LinkedIn für die Berufswelt dar, befindet sich beim Erschließen des im professionellen Sektor vorhandenen Potenzials aber noch ganz am Anfang – so zumindest muss man das dem Börsenneuling ausgesprochene Vertrauen der Anleger in ein unprofitables Social Network deuten.

Die Meinungen über die Implikationen der LinkedIn-IPO dürften weit auseinandergehen: Wer bisher davon überzeugt war, dass sich in der Internetbranche gerade eine neue Blase bildet, wird den Ansturm auf LinkedIn-Aktien als weiteren Beleg für diese These sehen. Wer dagegen davon ausgeht, dass der Boom in der Onlinewelt auf einem soliden Fundament steht und lediglich die zukünftige Bedeutung des Digitalen für den Menschen wiederspiegelt, dürfte das gelungene Börsendebüt des einstigen Startups als logische Konsequenz betrachten.

LinkedIn, das seinen Gratis-Nutzern im Gegensatz zu Xing kaum Einschränkungen macht, muss sich und seinen Anlegern in den nächsten Jahren beweisen, dass mit der Plattform und den von Usern dort hinterlassenen Daten viel Geld zu verdienen ist. Bisherige Erlösströme sind Anzeigenvermarktung, Premium-Funktionen für HR-Profis sowie kostenpflichtige Stellenangebote.

Ob der Dienst, dessen Nutzer deutlich weniger aktiv sind als Mitglieder bei Facebook, damit die Gewinne einfahren können wird, die zur Rechfertigung des Börsenwertes notwendig sind, ist fraglich. Mit weiteren, potenziell neue Umsatzquellen erschließenden Produktinitiativen wie LinkedIn Connect oder LinkedIn Today ist daher zu rechnen.

Sehr wahrscheinlich ist, dass die IPO von LinkedIn in nächster Zeit zahlreiche weitere Börsengänge namhafter Internetfirmen nach sich ziehen wird. Was dies für die Branche und das Startup-Ökosystem für Folgen hat, ist schwer abzusehen. Zu einer echten Blase gehört zweifellos, dass auch der Otto-Normalverbraucher an ihr partizipieren kann. Dieser Zustand scheint nun erreicht zu sein. Die Antwort auf die inflationär gestellte Blasenfrage kommt damit näher.

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5 Kommentare

  1. Marcel Weiß
    schrieb am 20. Mai 2011 um 13:52 Uhr (#)

    “Ob der Dienst, dessen Nutzer deutlich weniger aktiv sind als Mitglieder bei Facebook, damit die Gewinne einfahren können wird, die zur Rechfertigung des Börsenwertes notwendig sind, ist fraglich.”

    Linkedins Geschäftsmodell setzt nicht auf Werbung. Aktivität der (Basis-)Nutzer ist also nicht so wichtig.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 20. Mai 2011 um 14:15 Uhr (#)

      Doch, eine der drei Erlösquellen von LinkedIn sind “Marketing Solutions”, wozu u.a. Werbung zählt. Siehe http://marketing.linkedin.com/solutions/display-ads/standard-ad-units-and-text-links und Siehe http://businessinsider.co…ue-comes-from-2011-5

      Zudem ist eine regelmäßige Aktivität der Nutzer Voraussetzung für die meisten vorstellbaren Erlösquellen – zumal auch nur dann ein aktuell gehaltener Datenschatz sichergestellt werden kann.

      Wer sich einmal im halben Jahr bei LinkedIn anmeldet, ist in jedem Fall für alle Monetarisierungsversuche wertlos.

      Natürlich muss nicht jeder einzelne Nutzer monetarisiert werden. Aber eine hohe Useraktivität zu erreichen, ist dennoch im Interesse von LinkedIn.

    2. Marcel Weiß
      schrieb am 20. Mai 2011 um 14:28 Uhr (#)

      Ah, stimmt. Aber es macht ‘nur’ ungefähr ein Drittel des Umsatzes aus.

  2. Ralf
    schrieb am 22. Mai 2011 um 00:24 Uhr (#)

    Ist den Linkedin in DE überhaupt halbwegs erfolgreich? Jeder redet doch nur von Xing und Facebook.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 22. Mai 2011 um 10:30 Uhr (#)

    @ Ralf
    Siehe hier, zwar schon ein Jahr alt der Artikel, aber das Verhältnis stimmt in etwa immer noch.

    Der Aufholprozess ist zumindest nicht mit dem von Facebook gegenüber den VZ-Netzwerken zu vergleichen. Dennoch: Langsam wird LinkedIn für Xing in Deutschland durchaus zu einer Gefahr.

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