Google Music:
Die irrelevanteste
aller I/O-Ankündigungen

Google hat auf der Entwicklerkonferenz I/O seinen lange erwarteten Clouddienst für Musik vorgestellt. Doch dessen Relevanz ist gering.

Google hat am ersten Tag seiner Entwicklerkonferenz I/O eine ganze Reihe von Neuigkeiten präsentiert (Übersicht hier). Die im Vorfeld (neben eventuellen Informationen zu Googles Social-Diensten – die aber offensichtlich ausbleiben werden) für am meisten Aufmerksamkeit sorgende Produktinitiative war Googles gestern ebenfalls vorgestellte Online-Musikfestplatte Google Music. Ich glaube, es war gleichzeitig die irrelevanteste aller Nachrichten aus dem Hause Google.

Zuerst die Details: Google Music bietet Nutzern einen Cloudspeicher für maximal 20.000 Songs, die von dort über eine flashbasierte Weboberfläche oder die Music-Applikation von Android gestreamt werden können. Der zu Anfang in vollem Umgang gratis angebotene Dienst startet in einer geschlossenen Beta-Phase und ist vorerst Nutzern mit US-IP-Adressen vorbehalten.

So intensiv ich auch über Googles Motive zur Entwicklung dieses Angebotes nachdenke und so einleuchtend die Tatsache erscheint, dass auf diesem Weg die Attraktivität von Android gefördert werden soll, so schwer fällt es mir trotzdem, die generelle Existenz des Services nachvollziehen zu können.

Das größte Manko von Google Music ist das Fehlen eines angeschlossenen Musik-Download-Shops. Der Internetgigant gibt sich zwar generös, was das kostenfrei bereitgestellte Speichervolumen betrifft, zwingt aber User dazu, Musikdateien von ihrer Festplatte zu importieren (hierzu wird ein spezielles Desktop-Tool angeboten). Amazon, das mit dem Cloud Drive erst vor wenigen Wochen ein vergleichbares Produkt lanciert hat, steht mit seinem integrierten MP3-Shop deutlich besser da.

Ich will gar nicht erst auf der Tatsache herumreiten, dass es Onlinespeicher für die eigene Musiksammlung schon seit Ewigkeiten gibt. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob entsprechende Angebote von jungen, verletzlichen Startups angeboten werden oder von den Riesen der Weblandschaft, bei denen User sicher sein können, dass ihr Cloud-Storage nicht von einen Tag auf den anderen verschwindet.

Trotzdem: Mit dem gewählten Weg richtet sich Google ausdrücklich nur an solche Nutzer, die bereits über umfangreiche digitale Musikarchive verfügen und diese auch regelmäßig pflegen und erweitern (ob auf legalen oder illegalen Wegen).

Screenshot: VentureBeat

Google Music basiert auf der Grundannahme, dass Anwender nach wie vor ihre Musik “besitzen” möchten (erlaubt jedoch nicht den erneuten Download von einmal in die Cloud hochgeladenen Stücken), und ignoriert damit den derzeit als deutlich vielversprechender geltenden Trend des On-Demand-Streamings. Dieser hat den großen Vorteil, dass ein direkter Zugriff auf einen Katalog von Millionen von Titeln möglich ist, ohne dass diese erst manuell beschafft und anschließend auf die Google-Server geladen werden müssen

Ursprünglich war in Mountain View ein solches Produkt geplant (dem ich aber auch kritisch gegenüber stand), aufgrund komplizierter Rechtefragen und unkooperativer Labels wurde dieses Vorhaben dann jedoch aufgegeben.

Google Music steht damit auch in Konkurrenz zu in den USA verfügbaren Streamingdiensten wie Rdio, MOG oder Rhapsody, die alle Apps für Android-Smartphones offerieren. Für ein paar Dollar pro Monat können Konsumenten dort so viele Songs und Alben anhören, wie sie wollen – ohne erst einen Upload-Prozess einleiten zu müssen. Geht man davon aus, dass Google-Music-Nutzer ihre MP3-Dateien legal herunterladen, liefe dies mindestens auf ein vergleichbares monetäres Investment hinaus (ein aktuelles MP3-Album kostet bei iTunes oder Amazon mitunter zehn Dollar).

Und weil diese konzeptionellen und strategischen Unebenheiten noch nicht genug sind, scheint Google Music (das ich persönlich noch nicht testen konnte) nicht einmal aus funktionellen und Usability-Gesichtspunkten überzeugen zu können. So muss man zumindest diesen vernichtenden Review von VentureBeat deuten.

All das führt bei mir zu der Frage nach dem “Warum”. Google wäre deutlich besser beraten, entweder ganz die Finger vom Thema Musik zu lassen (was angesichts des verbreiteten Trends zum digitalen Gemischtwarenladen schwierig zu sein scheint) oder einen der existierenden Streamingdienste zu übernehmen (was ja nicht gerade eine für Google untypische Vorgehensweise wäre).

Eine eventuelle Erklärung ist, dass der jüngste Beta-Launch von Google Music nur als Druckmittel genutzt werden soll, um sich in den Verhandlungen mit den Plattenfirmen eine bessere Position zu verschaffen. Plausibel? Vielleicht.

Für mich steht fest, dass Google Music ohne eine integrierte Option, digitale Musik zu kaufen/zu streamen, keinerlei Akzente setzen können wird. Musik-Speicher in der Cloud allein ist im Jahr 2011 nichts mehr, das Begeisterungsstürme hervorruft.

Viel bedeutsamer ist dagegen die ebenfalls auf dem I/O-Event vorgestellte Android@Home-Initiative, mit der sich mittelfristig beliebige Geräte durch Android-Smartphones und -Tablets kontrolliert lassen sollen. Das smarte und durch Android gesteuerte Haus rückt damit in greifbare Nähe.

Es ist schon etwas verwunderlich, wie sich viele Medien im Vorfeld auf Google Music stürzen, während die tatsächlichen Innovationen ungestört und unbemerkt vorangetrieben werden können.

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12 Kommentare

  1. marius
    schrieb am 11. Mai 2011 um 08:59 Uhr (#)

    Was ist nicht ist kann ja noch werden. Google Music ist in dieser Form nur ein erster Entwurf. Deshalb heißt der Dienst ja auch Google Beta Music ;-)
    Wenn ich jemandem meine Daten – in diesem Fall meine Musik – anvertrauen würde, dann ist das Google.
    Ich finde das ganze sehr vielversprechend.

    1. rob d
      schrieb am 11. Mai 2011 um 18:06 Uhr (#)

      Kann mich marius Meinung nur anschließen.
      Ich denke der Dienst ist nur ein Anfang (Beta eben) und wird mit der Zeit ausgebaut.
      Ich würde meine Musik ebenfalls eher Google anvertrauen als Apple, Amazon, Microsoft & Co.
      Schade dass er momentan nur in den USA nutzbar ist.

      Gruß, rob d

  2. gis
    schrieb am 11. Mai 2011 um 09:29 Uhr (#)

    Jein. On-Demand ist immer gut – in den allermeisten Fällen aber nur für Hörer mit Mainstream-Dudelfunk-Musikgeschmack. Alle anderen kommen nach wie vor nicht um den “Besitz” der eigenen Files herum.

    Und wo Du gerade Android@Home erwähnst – zur Steuerung der eigenen Geräte gehört auch das Musikhören …

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 11. Mai 2011 um 09:33 Uhr (#)

    @ gis

    in den allermeisten Fällen aber nur für Hörer mit Mainstream-Dudelfunk-Musikgeschmack.

    Na wenn du dich mit dieser Aussage nicht ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnst ;)

    Ich stimme dir zwar zu, dass Nischengenres von Streamingdiensten weniger gut bedient werden als die aktuellen Pop- und Dance-Produktionen, aber grundsätzlich sehe ich auf jeden Fall auch viel weniger mainstreamige Musik bei On-Demand-Services

    (Als jemand, der selbst eher einen individuellen Musikgeschmack hat, weiß ich da schon, wovon ich spreche).

    Und wir müssen ja davon ausgehen, dass Streamingservices durchaus anstreben, ein so breites Portfolio anzubieten wie möglich.

    Und wo Du gerade Android@Home erwähnst – zur Steuerung der eigenen Geräte gehört auch das Musikhören …

    Touché

    1. Tanja Handl
      schrieb am 11. Mai 2011 um 10:46 Uhr (#)

      @ Martin: Bis zu einem gewissen Grad hat aber auch gis recht – wer einen individuellen Musikgeschmack hat, kommt früher oder später nicht rum, gewisse Titel zu kaufen – weil sie in einigen Jahren häufig als Stream nicht mehr verfügbar sind. Und manche Titel landen auch nie im Onlineshop.

      Ich bin froh über einen Fluchtpunkt ohne Konsumaufruf – über eine dezente Shoplösung würde ich mich aber auch freuen. Auf den ersten Blick klingt das Angebot von Google für mich vernünftig – und wer weiß, wohin es sich noch entwickelt.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 11. Mai 2011 um 10:50 Uhr (#)

      Ja und aus diesem Grund wird natürlich On-Demand-Streaming und “Owning” koexistieren. Das zweifele ich auch nicht an.

      Der Bereich, in dem momentan jedoch Innovation vorangetrieben wird (und in dem auch aus Business-Gesichtspunkten noch sehr viel Potenzial steckt), ist jedoch das Streaming.

  4. Henning
    schrieb am 11. Mai 2011 um 09:33 Uhr (#)

    “Mit dem gewählten Weg richtet sich Google ausdrücklich nur an solche Nutzer, die bereits über umfangreiche digitale Musikarchive verfügen und diese auch regelmäßig pflegen und erweitern”.

    Ich wäre so einer:) Schon der Amazon Cloud Player ist eine nette Sache, ein Angebot von Google mit mehr Platz und vielleicht sogar mehr unterstützen Formaten (Amazon kann z. B. leider ein Ogg Vorbis) wäre schon nett.

    Im übrigen kann man in DE im Amazon Cloud Player auch noch keine Musik direkt kaufen (geht nur für US Bürger).

  5. chrjs
    schrieb am 11. Mai 2011 um 09:41 Uhr (#)

    Ich denke Google weiß ganz genau um seine Schwächen beim Dienst Music. Das sind u.A die, die hier bereits angesprochen wurden. Diese Schwächen werden wohl im Laufe des Jahres behoben werden, da können wir uns eigentlich sicher sein. Wenn es nach Google gegangen wäre, hätte sie sicher ohne Probleme besagten Store eingeführt, wenn man dafür nicht auf Verträge mit dieser tollen Musik Industrie angewiesen wäre.

    1. gis
      schrieb am 11. Mai 2011 um 09:45 Uhr (#)

      Das gilt übrigens auch für Google Books, da gibt es zwar einen Store, aber der ist schlecht befüllt. Auch hier liegt der Ball bei der Contentmafia (Stichwort: Google Book Settlement und die nicht lieferbaren Titel …).

  6. Ramin
    schrieb am 11. Mai 2011 um 18:13 Uhr (#)

    Ich finde das garnicht schlecht – würde das für meine Audiobücher nutzen.

  7. Tim Jansa
    schrieb am 11. August 2011 um 11:13 Uhr (#)

    Der den Artikel geschrieben hat, hat keine Ahnung von Internet und ist ein Dummkopf den man in dieser Größe selten trifft.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 11. August 2011 um 11:49 Uhr (#)

      So nette Kommentare haben wir hier selten.

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