“Einzigartiger Fall”:
Google Schweiz droht
mit dem Ende von Street View

Google will für Street View in der Schweiz den Stecker ziehen, sollte eine heute bekannt gemachte Beschwerde vor dem Bundesgericht abgelehnt werden.

In Deutschland bekommt man leicht den Eindruck, es gäbe keine andere Nation, die dem Schutz der Privatsphäre mehr Bedeutung einräumt als die Bundesrepublik. Die wilde und teils absurde Debatte über Google Street View scheint hierfür ein überzeugender Beleg zu sein.

Doch ein Blick in die Schweiz zeigt, dass sich die Dramatik rund um Street View doch noch steigern lässt: Dort hat das Bundesverwaltungsgericht kürzlich entschieden, dass Google 100 Prozent aller Gesichter und Nummernschilder unkenntlich machen muss. Dies hält der Internetkonzern für unmöglich, weshalb er heute Beschwerde vor dem Schweizer Bundesgericht eingelegt hat – die höchste richterliche Instanz des Landes.

Sollte das Bundesgericht die Auflagen des Bundesverwaltungsgerichtes bestätigen, sieht sich Google laut eigener Aussage gezwungen, Street View in der Schweiz einzustellen.

Die Situation in dem Land sei ein bisher in der Geschichte von Street View einzigartiger Fall, so formulierte es Googles globaler Datenschutzverantwortlicher Peter Fleischer gerade in einer Telefonkonferenz.

Eine vollständige und fehlerfreie Unkenntlichmachung sämtlicher Gesichter und Nummernschilder ist laut Fleischer schlicht nicht realisierbar. 99 Prozent seien automatisiert “verwischt” worden. Das restliche eine Prozent müsste gemäß den Forderungen des Verwaltungsgerichtes manuell unkenntlich gemacht werden, was bei vielen Millionen Fotos ein logistisch nicht zu stemmendes Unterfangen wäre, so Fleischer.

Der Datenschutzbeauftragte merkte auch an, dass die Fehlerquote von Menschen nicht unter der von Software liege. Selbst wenn Personen acht Stunden am Tag mit der Unkenntlichmachung von Details in Street View beschäftigt wären, würde so keine hundertprozentige Sicherheit bestehen, dass wirklich kein Gesicht und kein Nummernschild mehr bei dem Kartendienst identifiziert werden kann.

In sechs bis zwölf Monaten erwartet Google ein Urteil des Bundesgerichtes. Bestätigt dies den bisherigen Entscheid, hätte Google keine andere Möglichkeit, als sich mit Street View aus der Schweiz zu verabschieden, heißt es.

Was sich nun sicher jeder fragt: Blufft Google? Indem es das Ende von Street View ankündigt – das laut eigener Aussage von 53 Prozent der Schweizer schon einmal verwendet wurde – übt es offensichtlich Druck auf die Richter des Bundesgerichtes aus. Zumal Google in Zürich sein größten Standort außerhalb der USA unterhält und damit einen wichtigen Eckpfeiler der dortigen IT-Branche darstellt.

In der Telefonkonferenz unterstrich das Unternehmen allerdings deutlich, dass die Street-View-Frage keinerlei Einfluss auf Googles andere Aktivitäten in der Schweiz hätte.

Klar ist, dass sich hier ein echter Showdown andeutet, der Signalwirkung auch für andere Länder haben wird.

Sicher könnten Internetnutzer auch ohne Street View auskommen. Einen objektiv betrachtet sehr innovativen und praktischen Service aber gerichtlich in die Knie zu zwingen, kann eigentlich nicht im Interesse einer modernen Gesellschaft sein. Zumal – wie wir erst gestern anmerkten – sich derartige Ausprägungen des technischen Fortschritts ohnehin nur bremsen, aber nicht dauerhaft aufhalten lassen.

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7 Kommentare

  1. Max
    schrieb am 12. Mai 2011 um 00:04 Uhr (#)

    Ich finde es übertrieben immer das Argument “Der technische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten” zu bringen. Es geht nicht um Aufhalten sondern darum vernünftige Rahmenbedingungen zu setzen. Wenn man in Deutschland davon ausgeht das 1% der Gesichter nicht verpixelt werden ist das eine Größenordnung von 800.000 Menschen. Das ist einfach inakzeptable. Ich finde es durchaus akzeptable zu sagen der Dienst muss mindestens 99,99% sicher verpixeln können und in 5 Jahren 99,9999% …

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 12. Mai 2011 um 08:46 Uhr (#)

    Angenommen, deine 800.000 würden stimmen (was nicht der Fall ist, dann das setzt voraus, dass alle 80 Mio deutschen Einwohnern auf Street View Bildern erfasst wurden, was garantiert nicht der Fall ist), sollte man sich die Frage stellen, was so schlimm daran ist, wenn jemand auf einem 1 oder 2 Jahre alten Straßenfoto bei Google auftaucht.

    Diese Frage steht im Mittelpunkt der Debatte. Hier halte ich entspanntere Sichtweise für angemessen und sogar notwendig (in Anbetracht der technischen Entwicklung).

    Zumal sich auch niemand darüber echauffiert, wenn im Fernsehen Aufnahmen von einer Einkaufszone etc gezeigt werden – mit unzähligen unverpixelten Gesichtern.

    1. Christina
      schrieb am 12. Mai 2011 um 10:17 Uhr (#)

      Hallo Martin, wer sagt, dass sich niemand darüber aufregt? So viele Medien kann man gar nicht konsumieren, dass jeder 100 Prozent weiß, wo das eigene Bild missbraucht wird. Gerade in Zeiten sogenannter Bürgerjournalisten und immer kleineren, hochauflösenden, überall verbauten Kameras mit Mega-Zoom. Alles kein Problem in einer perfekten Welt mit Menschen, die sich gegenseitig zu achten wissen.
      Ich finde es auch unerträglich, Videos von den Überwachungskameras der U-Bahnhöfe digital zu streuen. Täteridentifizierung mit Bild ja aber ich würde es als Opfer nicht wollen, dass so unbeschreiblich grausame Minuten in meinem Leben in unauslöschlicher Endlos-Wiederholung zu sehen sind.
      Zurück zum Thema. Google nimmt sich in meinen Augen ein bisschen viel raus. Bücher scannen, alles was nicht bei drei im Haus ist abfotografieren, etc
      Google Maps ist eine absolut praktische Sache, Street View würde mir persönlich nicht fehlen. Muss man halt etwas im Leben auch noch selbst entdecken und nicht nur vom Platz vor dem Monitor aus.

    2. Max
      schrieb am 12. Mai 2011 um 19:31 Uhr (#)

      z.B. Es wird jemand beim Verlassen einer Entzugsklinik oder eines Krebskrankenhaus abgelichtet. Oder einer Kanzlei für Scheidungsrecht und und und .. es gibt viele Situationen wo die Privatsphäre der Personen geschützt werden sollten.

      Der “Vorteil” den Streetview bringt finde ich persönlich eher gering und deshalb ist meine Bereitschaft dafür irgendwelche Rechte aufzugeben auch eher gering.

      Generell halte ich das Vorgehen “Erst machen um die Gesetzlichen Regelungen kümmern wir uns wenn Fakten geschaffen wurden” für sehr bedenklich. Es ist eine Sache wie man mit freiwilligen Diensten wie googlemail und co umgeht, aber ganz anders ist die Sachlage wenn ich mich nicht davor entziehen kann.

      Ein gut dokumentierter Fall ist da die Bildersuche. Da wurden viele Urheberrechtlich geschützte Bilder durch Google benutzt. Und die Urteilsbegründungen warum das nicht illegal ist sind meiner Meinung nach absurd. Da heisst es: es gab für den Autor eine (wohlgemerkt nicht standardisierte und nicht bindende) Möglichkeit seine Bilder von der Indexierung auszunehmen, außerdem hat er einen Vorteil wenn die Bilder in der Suche auffindbar sind.

      Ich finde die Situation da aus mehreren Gründen untragbar.

      1. Es gibt mittlerweile Milliarden “freier” Bilder wieso müssen dann die Bilder unerlaubt genutzt werden?

      2. Im realen Leben ist es illegal wenn ich in einen Baumarkt gehe eine Bohrmaschine klaue und dann argumentiere eure Sicherheitsvorkehrungen hätten besser sein können und ich wollte damit Werbung für den Baumarkt machen.

      3. Es ist für einen Webseitenbetreiber unzumutbar alle 10.000 Suchmaschinen die es gibt durch zu gehen und alle Mechanismen zur Blockierung der Bilderaufnahme umzusetzen.

      4. Wenn der Vorteil der Bildersuche so groß ist kann man die Regelung umdrehen und sagen wer drin sein will muss sich anmelden. Dann kann jeder selber entscheiden ob er den Vorteil nutzen will oder nicht. Finde ich eine faire Regelung.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 12. Mai 2011 um 11:32 Uhr (#)

    Muss man halt etwas im Leben auch noch selbst entdecken und nicht nur vom Platz vor dem Monitor aus.

    Das eine schließt das andere nicht aus.

    1. Christina
      schrieb am 12. Mai 2011 um 17:51 Uhr (#)

      Hm, bei solchen Sätzen… na lassen wir das. Ich möchte nur noch einmal herausstellen, dass StreetView eben keine positiven Anreize schafft. Im Gegenteil hat der Dienst sogar tiefe Gräben in unserer Gesellschaft gezogen, die ich so am Anfang nicht für möglich gehalten hätte. Wer glaubte schon vor ein paar Jahren, dass Menschen einmal so für die Freiheit von Google auf deutschen Straßen kämpfen würden. Wie auch immer, Street View würde ich keine Träne nachweinen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Street View Befürworter es tatsächlich so unheimlich wichtig finden, jede Häuserwand in Kleinkleckersdorf auf Knopfdruck abrufen zu können – dazu meist noch veraltete Ansichten (was in der Debatte mal als pro, mal als Contra benutzt wird).

      Dass der sogenannten technische Fortschritt immer mehr fragwürdige Optionen bietet, sehen wir aktuell an der Problematik Gesichtserkennung. Ich habe bewusst Optionen geschrieben, denn in der Wissenschaft gibt es eben offiziell (noch) ethische Grenzen. Nicht alles was geht, muss/sollte auch eingesetzt werden! Und ich halte auch immer noch sehr viel von freier Entscheidung (Stichwort: Häuser verpixeln).

      Das wars von mir zu dem Thema, dazu wurde eh schon alles geschrieben.

  4. Fabian
    schrieb am 8. Juni 2011 um 10:32 Uhr (#)

    In der Schweiz werden die Nummernschilder aber auch echt schlecht erkannt:

    50 Klausstrasse, Zurich, Schweiz
    17 Blumenweg, Zurich, Schweiz

    Dort sieht man immer noch Nummernschilder, nur was bringt mir das? Nix! Ich seh die Dinger auch wenn ich da wohne, rumlaufe, fotografiere oder wenn einer “so clever” ist und ein Bild von den Autos dort mit Picasa oder was auch immer hochlädt!

    Die Schweizer wiedermal :)

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