Videos im Internet:
Die Zeit des rasanten
Wachstums ist vorbei

Der Blick auf Metriken rund um den Konsum von Onlinevideos legt nahe, dass die Zeit des rasanten Wachstums vorbei ist. Die Qualität der Inhalte wird damit ein immer wichtigeres Erfolgskriterium.

Bertram Gugel befasst sich seit 2005 intensiv mit der Konvergenz von Fernsehen und Internet. Mehr über den Autor am Artikelende.

Möchte man den Online-Video-Markt beschreiben, ergibt sich zunächst ein diffuses Bild. Von TV-Sendern über Abodienste und Video-On-Demand-Portale bis hin zu Videoportalen gibt es viele verschiedene Anbieterarten, die nur schwer direkt miteinander verglichen werden können.

Zudem sind zahlreiche klassische Bewegtbildmärkte betroffen: Die Palette reicht vom Filmverleih über den Filmverkauf und das PayTV bis hin zum FreeTV. Als Einstieg in die Betrachtung des Online-Video-Markts eignet sich deshalb die Zuschauerperspektive.

Der Zuschauermarkt lässt sich relativ einfach über die Nutzungsdauer, die Anzahl der Videoabrufe und die Anzahl der Zuschauer analyisieren. Für die USA werden diese Zahlen von Nielsen und Comscore nach jeweils unterschiedlichen Methoden erhoben, weshalb sich beim Vergleich der Daten oftmals Diskrepanzen ergeben.

Videoabrufe
Über die letzten Jahre bis Mitte 2010 weist Comscore ein starkes Wachstum der Videoabrufe aus. Im Jahr 2009 ist der Markt demnach quasi explodiert. Innerhalb eines Jahres haben sich die Videoabrufe auf mehr als 33 Milliarden verdoppelt. Beim Quervergleich mit Nielsen fällt auf, dass die dortigen Marktforscher für die selbe Periode ein sehr moderates Wachstum bei den Videoabrufen auswiesen: Laut Nielsen haben sich die Abrufe bei etwa zehn Milliarden Videos pro Monat eingependelt.

Mitte 2010 hat Comscore seine Methode umgestellt. Die Videometrix 2.0 weist seitdem Viewing Sessions statt Videoabrufen aus, was einen historischen Vergleich schwierig macht. Seit der Umstellung zeigt die Comscore-Statistik kaum noch Wachstum. Die Viewing Sessions liegen relativ konstant bei rund fünf Milliarden, wohingegen Nielsen in dieser Zeit eine knapp 50-prozentige Steigerung der Abrufe auf 14,5 Milliarden Videoabrufe monatlich feststellt.

Videonutzer
Egal welchen Daten man glaubt, so zeigt sich, dass die Zeiten des rasanten Wachstums wohl vorbei sind. Das liegt vor allem daran, dass mittlerweile die meisten Internetnutzer auch Videos schauen. Mit einer Penetration von circa 84% gibt es nur noch wenige aktive User, die sich dem Bewegtbild im Web verweigern.

Der deutsche Online-Video-Markt
Für den deutschen Markt liegen mir leider nicht so viele und vor allem kaum aktuelle Datenpunkte vor. Deshalb ist nicht zu erkennen, ob auch hierzulande das Wachstum abflacht. Laut Comscore sahen die Deutschen im Juli 2010 neun Milliarden Videos, was in etwa einem Drittel der damaligen US-Abrufe entspricht.

Bei 42 Millionen Videonutzern dürfte allerdings in Deutschland noch lange nicht Schluss sein, von daher könnte Deutschland zumindest bis Mitte 2011 noch weiter im gleichen Tempo wachsen.

Sehdauer
Bei der Sehdauer fällt sofort auf, dass sie in Deutschland deutlich über den US-Werten liegt, und dass, obwohl wir in Deutschland kein Hulu oder Netflix haben. Anscheinend sind die Deutschen bereit, deutlich länger Videos im Netz zu konsumieren, als die Amerikaner. Des Weiteren zeigt sich auch hier die Schere zwischen Nielsen und Comscore. Die Sehdauer bei dem einen wächst, während sie bei dem anderen konstant bleibt.

Das Wachstum bei der Sehdauer ist meiner Meinung nach vor allem auf die Verfügbarkeit von TV- und Filminhalten zurückzuführen. So hat sich laut Nielsen Netflixs Sehdauer von 235 Minuten im Januar 2010 auf 668 Minuten im Januar 2011 fast verdreifacht, wohingegen YouTube im gleichen Zeitraum die Sehdauer nur moderat von 112 Minuten auf 143 Minuten steigern konnte.

Obwohl laut Comscore jeder deutsche Videoseher circa 35 Minuten Video pro Tag im Netz konsumiert, hatte dies bis jetzt noch keine Auswirkung auf die Nutzungsdauer des Fernsehens. Diese hat im letzten Jahr sogar noch zugelegt. Bis jetzt scheinen sich die beiden Medien schön zu ergänzen.

Wohin bewegt sich der Markt?
Betrachtet man diese Marktzahlen, kann man meiner Meinung nach drei Dinge daraus ableiten:

  1. Wir treten in eine neue Phase ein, die nicht mehr von den Pioniergeistern (YouTube, UGC-Portale) der ersten Stunde getrieben wird.
  2. Die Herausforderungen für Videoanbieter haben sich gewandelt. Sie müssen nicht mehr länger Nichtnutzer davon überzeugen, Videos zu schauen, sondern viel mehr existierende Videonutzer davon überzeugen, mehr und längere Videos zu sehen.
  3. Die Zeiten, in denen man sich allein auf das Wachstum des Markes verlassen konnte, um selbst zuzulegen, sind vorbei.

Wachstum lässt sich zunehmend nur noch über gute Inhalte und eine klare Positionierung realisieren. Das ist ein Grund dafür, weshalb YouTube verstärkt auf professionelle Inhalte setzt. Googles Videodienst muss sich gegenüber Portalen wie Hulu und Services wie Netflix behaupten, die über hochwertige Inhalte verfügen und damit die Nutzer für ein vielfaches der Zeit an sich binden.

Dieser Artikel wird morgen auch im Blog Digitaler Film erscheinen.

Über den Autor: Bertram Gugel schreibt seit 2005 in seinem Blog „Digitaler Film“ (Twitter-Link) über die Konvergenz von Fernsehen und Internet. Im Speziellen beschäftigt er sich mit TV- und Videoangeboten im Internet sowie Trends und Entwicklungen der Online-Videoindustrie. Bertram Gugel hat Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig studiert und für Axel Springer und die Deutsche Telekom gearbeitet.

(Screenshot Artikelbeginn: Flickr/believekevin, CC-Lizenz)

 

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8 Kommentare

  1. “Wir treten in eine neue Phase ein, die nicht mehr von den Pioniergeistern (YouTube, UGC-Portale) der ersten Stunde getrieben wird.”

    Hmm … also ich schaue fast nur bei UGC-Portalen, vorzugsweise youtube, weil die meisten Inhalte, die mich interessieren, bei den redaktionellen Portalen schlichtweg nicht zu finden sind.

    “Wachstum lässt sich zunehmend nur noch über gute Inhalte und eine klare Positionierung realisieren. Das ist ein Grund dafür, weshalb YouTube verstärkt auf professionelle Inhalte setzt.”

    Also jetzt auch noch Youtube mit diesem von großen TV-Redaktionen gesteuerten Kommerz überfluten? Sicher gibt es in Youtube auch eine Menge Schrott, aber es gibt eben auch Leute wie z. B. JerryC oder PeterHolbeck, die qualitativ hochwertige Videos oft abseits des Mainstreams hochladen, die man im Kommerzfernsehen niemals zu sehen bekäme. Normales ÖR- und Privat-TV schaue ich so gut wie überhaupt nicht mehr, da ich die User-Generated-Content Sachen viel interessanter finde. Und wenn dann mal Videos dabei sind, die mir nicht zusagen, klicke ich halt einfach weiter. Das geht beim Fernsehen nicht.

    • Professionelle Inhalte heißt nicht unbedingt gleich “Kommerzfernsehen” das können natürlich auch hochwertige produzierte Independent Inhalte sein. Aber der Trend wird definitiv weg von den 3 Min Videos hin zu 10-30 Min Videos. Genau in dieser Kategorie ist YouTube zum Teil schwach aufgestellt.

  2. Inwieweit sind denn die gedownloadeten Filme berücksichtigt, von ftp bis p2p, sei es legal oder illegal, dürfte nicht einfach sein hier saubere Zahlen zu bekommen, aber diese Filme dürften eine nicht unerhebliche Konsumzeit/menge ausmachen imho.

    • Heruntergeladene Filme sind in den Zahlen nicht berücksichtigt. Nur Filme die im Browser betrachtet werden. Einen Überblick zur Verteilung von P2P, FTP und Streaming gibt dieser Wired Artikel. Je nachdem welchen Zahlen man geht P2P dank Streaming zurück oder nicht …

  3. Bertram schrieb: “Aber der Trend wird definitiv weg von den 3 Min Videos hin zu 10-30 Min Videos. Genau in dieser Kategorie ist YouTube zum Teil schwach aufgestellt.”

    Ja, es wäre schon nett, wenn auch bei Youtube jeder Nutzer auch längere Videos hochladen könnte. Aber es gibt auch sehr kurze Clips, die für mich sehr wertvoll sind.

  4. Natürlich tritt eine gewisse Sättigung bei den Videos im Netz ein. Trotzdem ist das meiner Meinung nach das Medium der Zukunft und wird den geschriebenen Content nach und nach ersetzen.

  5. Youtube wird noch lange den Markt dominieren, es ist das einzige Portal das Zugang zu Peering-Verträgen hat. Mit HD Inhalten verstärkt sich das Ungleichgewicht noch mehr.

  6. Ich persönlich schaue mir auch immer mehr Angebote in den Mediatheken z.B. der öffentlich-rechtlichen an. Während früher gute Eigenproduktionen dieser Anstalten irgendwann im Nachtprogramm versenkt wurden hat man jetzt die Möglichkeit sich diese Formate zu gängigen Zeiten anzuschauen (natürlich auch bei anderen Kanälen möglich). Portale wie Vimeo bieten mir persönlich mehr anspruchsvollen Inhalt als youtube, in der persönlichen Nutzung dient mir youtube vor allem als Portal um sich lustige videoschnipsel anzuschauen. Vielleicht wäre hier die Möglichkeit längere Videos einzusenden wirklich ein passender Weg, um neuen Formaten auf youtube Platz einzuräumen.

    Insgesamt bin ich der Meinung das bei der Nutzungsdauer noch nicht das Ende erreicht ist und die Verbindung von TV und Internetinhalten noch stärker werden wird.

7 Pingbacks

  1. [...] Videos im Internet: Die Zeit des rasanten Wachstums ist vorbei "Wachstum lässt sich zunehmend nur noch über gute Inhalte und eine klare Positionierung realisieren. Das ist ein Grund dafür, weshalb YouTube verstärkt auf professionelle Inhalte setzt. Googles Videodienst muss sich gegenüber Portalen wie Hulu und Services wie Netflix behaupten, die über hochwertige Inhalte verfügen und damit die Nutzer für ein vielfaches der Zeit an sich binden." [...]

  2. [...] Iren Jedward mit dem zweiten Platz begnügen.» Eurovision-Prognose 2011 YouTube YouTube nimmt unsere gestrige Analyse ernst und widmet sich besonders den längeren und professionelleren Formaten. Unter anderem werden [...]

  3. [...] Dieser Artikel erschien auch auf Netzwertig.com Tweet [...]

  4. [...] In einer sehr interessanten Analyse für netzwertig.com zeigt Bertram Gugel, dass die Zeit des rasanten Wachstums im Bereich der Bewegtbilder im Internet vorbei ist. Als Basis für diese doch etwas überraschende Erkenntnis hat er nicht etwa das Angebot analysiert, sondern das Konsumerverhalten. Die Zahl der Videoabrufe befindet sich demnach in den USA seit Mitte letzten Jahres in einer Seitwärtsbewegung. In Deutschland sieht das noch etwas anders aus: hier ist das Plateau noch nicht erreicht. Für die Zukunft bedeutet dieser Trend: Zuwächse lassen sich nur noch über bessere Qualität erzielen. [...]

  5. [...] macht einen guten Eindruck, was jetzt noch fehlt, ist der sehenswerte Content. (13. Mai 2011) Videos im Internet: Die Zeit des rasanten Wachstums ist vorbeiDer Blick auf Metriken rund um den Konsum von Onlinevideos legt nahe, dass die Zeit des rasanten [...]

  6. […] erhältlich. Ausgewiesen ist die Sehdauer von Online-Videos weltweit. Diese hat sich gemäss Nielsen Neflix/Netzwertig, zwischen Januar 2010 und Januar 2011 von 112 Minuten auf 143 Minuten gesteigert. In […]