Empire Avenue:
Marktplatz der Eitelkeit

Bei Empire Avenue erwerben Nutzer mit Hilfe einer virtuellen Währung Anteile an anderen Usern. Das Börsenspiel für Social-Media-Sympathisanten erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit.

Mit dem Aufkommen des Social Web hat sich auch ein neuer Typus Mensch entwickeln können: Der digitale Selbstdarsteller. Das sind Personen, welche die vielfältigen, mit der Digitalisierung sowie dem Aufkommen von Blogging, Microblogging und Social Networking verbundenen Möglichkeiten bewusst dazu genutzt haben, um sich einen Namen zu machen. Der Begriff “Selbstdarsteller” ist in diesem Kontext somit ungeachtet der ihm eventuell anhängenden negativen Assoziationen neutral zu verstehen.

Zur “Erfolgsmessung” setzen mit dem Selbstmarketing im Netz vertraute Nutzer auf einschlägige Metriken, von Followerzahlen und -ratios, Retweets und @Erwähnungen bei Twitter über Facebook Fans und Likes, Blog- und Website-Besucher, RSS-Abonnenten bis hin zu zum Pagerank ihrer Website oder ihrer Klout-Score.

Doch damit ist das vorhandene Spektrum an potenziellen Methoden, um die eigene Reputation im Netz zu messen, noch lange nicht ausgereizt:

Wenn es nach dem kanadischen Startup Empire Avenue geht, werden digitale Selbstdarsteller bald ein weiteres Instrument zur Messung ihrer Bekanntheit und ihres Rufes in der digitalen Welt regelmäßig im Blick behalten: ihren virtuellen Aktienkurs.

Bei dem im Sommer vergangenen Jahres gestarteten Dienst können Nutzer Anteile an anderen, im Social Web aktiven Personen, Marken und Firmen erwerben. Dies ist sowohl für bei Empire Avenue registrierte Mitglieder als auch für beliebige Twitter-Konten möglich.

Gehandelt wird auf der Plattform mit so genannten “Eaves”, die durch unterschiedliche Aktionen auf der Site, eine regelmäßige Aktivität sowie durch die Verknüpfung des eigenen Empire Avenue-Kontos mit persönlichen Social-Web-Profilen verdient werden. Zudem erhalten Anteilseigener wie auf dem realen Börsenparkett Dividenden und können natürlich auch dann Kapital anhäufen, wenn sie günstig erworbene Aktien zu einem deutlich höheren Kurs abstoßen.

Eine wichtige Rolle spielen bei Empire Avenue Inhalte, die Nutzer im Web produzieren. Wer regelmäßig Content erstellt, ist gemäß der Empire-Avenue-Philosophie ein Influencer, was von dem Dienst auf verschiedene Weise honoriert wird. Vereinfacht ausgedrückt: Inhalteproduzenten, die ihre Streams bei Empire Avenue importieren, erhöhen ihren Aktienwert, was sie zu interessanten Investmentobjekten macht.

Empire Avenue ist damit nicht einfach nur eine Cyber-Börse, um durch kurzfristige Spekulationen ihre virtuellen Profite zu maximieren, sondern animiert seine Anwender dazu, Engagement im Netz zu belohnen und in die Personen zu investieren, die in der Zukunft zum nächsten großen “Influencer” werden könnten.

Eine Plattform wie Empire Avenue kann natürlich nur dann funktionieren, wenn sich möglichst viele aktive Nutzer auf ihrer versammeln. Interessanterweise scheint es dem kanadischen Startup in letzter Zeit gelungen zu sein, die Aufmerksamkeit zahlreicher Meinungsführer und Early Adopter aus der Social-Media-Welt zu gewinnen.

Zum ersten Mal bewusst und mit Interesse über Empire Avenue gelesen habe ich bei Nico Lumma, der die Mischung aus Social Game und Reputationsplattform Ende April vorstellte. Aber auch an zahlreichen anderen Stellen wurde in letzter Zeit ein neugieriger Blick auf das sich andeutende Phänomen geworfen – auf beiden Seiten des Atlantiks.

Unterstützt wird der sich abzeichnende Hype dadurch, dass sich getätigte Transaktionen über Twitter verbreiten lassen (was schnell die Frage nach dem Spam-Potenzial von Empire Avenue aufwirft), und dass natürlich jeder, der Empire Avenue vorstellt, damit Eigeninteressen verfolgt, nämlich den Ansturm auf die eigenen Aktien.

Die Social-Media-Börse ist damit nüchtern betrachtet ein Marktplatz der Eitelkeit, dessen Protagonisten mit zunehmender Bedeutung der Plattform immer mehr Energie in die Erhöhung des eigenen Aktienwertes stecken werden – erst recht, wenn die Kanadier ihre Vision realisieren sollten, erfolgreichen Influencer Geld auszuzahlen (das gleichzeitig mit dem Verkauf von Eaves verdient werden soll).

Empire Avenue wird, sofern es seinen bisher noch jungen und zaghaften Aufstieg fortsetzen kann und sich nicht nur als Eintagsfliege à la Second Life oder Chatroulette erweist (Update: “Eintagsfliege” bezieht sich jeweils auf den kurzen Hype um beide Dienste), die Gemüter erhitzen und nicht nur Anhänger finden. Wer heute schon skeptisch auf den Selbstdarstellungsdrang in sozialen Netzwerken blickt, der wird erst recht kein Verständnis für einen Dienst haben, der Spekulationen rund um neue und zukünftige, ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis besitzende Netzprominente fördert.

Die Frage ist daher, mit welcher Ernsthaftigkeit man Empire Avenue begegnet. Ich probiere den in seinem Funktionsumfang recht komplexen Dienst seit einigen Tagen aus und sehe das, was dort geschieht, momentan vorrangig als Spiel. Für mich steht also der Spaß im Vordergrund.

Allerdings gilt dies nicht für alle: Das eingebaute Chatwerkzeug am unteren Seitenrand wird von teils fragwürdigen Angebote zur Verbesserung des Aktienkurses (“investiere in mich, ich investiere in dich”) dominiert. Dass manche in Empire Avenue bereits mehr sehen als eine kurzweilige Vergnügung, ist offensichtlich. Womöglich ist es dies auch. Herausfinden muss das jeder selbst.

Hier einige andere Stimmen rund um Empire Avenue:

Link: Empire Avenue

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4 Kommentare

  1. Tanja Handl
    schrieb am 9. Mai 2011 um 12:42 Uhr (#)

    Du liebe Güte – das ist jetzt mal wirklich nichts für mich. Bei aller Liebe, aber da zeichne ich mir lieber privat Aktiencharts ins Notizbuch, bevor ich mich ganz offiziell “kaufen” lasse. An Social Stats reicht mir jedenfalls schon der FB-Freunde-Kurs – Resultat: nicht aussagekräftig. ;)
    Liebe Grüße, Tanja

  2. A. M.
    schrieb am 13. Mai 2011 um 10:15 Uhr (#)

    Über wie sinnvoll diese Idee ist, lässt sich bestimmt vortrefflich streiten. Trotzdem finde ich sie sehr originell :-)

  3. BukTom Bloch aka Burkhard Tomm-Bub
    schrieb am 23. Mai 2011 um 09:17 Uhr (#)

    Guten Tag,
    der Bericht las sich zunächst recht interessant und wirkte informiert.
    Erschütternd dann aber die Formulierung “…als Eintagsfliege à la Second Life oder Chatroulette…”.
    Nur zur Erinnerung- Second Life lebt. eLearning, Kunst und Kultur / Literatur boomen dort. Da brauche ich nicht Projekte wie meine Freie Bibliothek Pegasus, LyrikWalk, oder das Projekt SoKS (Sozial- kreative SIM) aufführen- der TÜV Nord, die VHS, die Bayerische Staatsbibliothek, Museen, Galerien, Lesungen, Selbsthilfegruppen wie die AvK (Angehörige von Krebskranken), Live-Konzerte, u.v.m. belegen dies viel besser. Und übrigens: Second Life ist kein Spiel. Schon gar kein Roulett. Mit allem Verlaub- ein solch` hingeworfener Nebensatz, der aber dokumentiert, dass nicht wirklich recherchiert wird- der macht den Gesamteindruck dann halt leider auch kaputt …!
    MfG
    BukTom Bloch
    aka
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 23. Mai 2011 um 09:21 Uhr (#)

      Sorry, du hast recht, eventuell hätte ich deutlicher machen müssen, dass sich der Begriff “Eintagsfliege” auf den Hype von Second Life anno 2007 bezog, nicht auf das Projekt allgemein. Denn ich bin mir darüber im Klaren, dass es eine rege Second-Life-Community gibt. Nur ist sie eben vollkommen aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit verschwunden.

      Dennoch, danke für den Hinweis!

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