Die Qual der Wahl:
Die neue Komplexität
der Startup-Welt

Der beste Dienst siegt? So einfach lässt sich über die Erfolgschancen von Social-Web-Startups nicht mehr urteilen. Zahlreiche Faktoren haben die Komplexität im Markt kräftig erhöht.

Angenommen, ihr seid auf der Suche nach einer nativen Chat-Applikation für euer Smartphone. Zur Auswahl stehen zahlreiche Anbieter, von Kik über PingChat!, WhatsApp, yuilop bis zu GroupMe oder Beluga. Der Funktionsumfang variiert ein wenig, aber beim Grundkonzept sind die Ähnlichkeiten groß. Welchen würdet ihr wählen oder anderen empfehlen?

Kaum anders sieht es bei den mobilen Foto-Sharing-Anwendungen aus: Hier tritt Instagram unter anderem gegen picplz, Burstn und das ganz frische Snapbucket an. Die Unterschiede liegen im Detail. Für Smartphone-Neulinge dürften diese aber nur schwer ersichtlich sein.

Und wenn ihr Inhalte aus dem Social Web an zentraler Stelle kuratieren möchtet, dann kämen dafür zum Beispiel Akteure wie Storify, Keepstream, Scoop.it, curated.by und Qrait in Frage.

Alle drei genannten Anwendungsgebiete des digitalen Lebens haben eines gemeinsam: Auf einen Schlag wurden sie von einer nur noch schwer zu überblickenden Zahl an Startups und Webdiensten bevölkert. Das Luxusproblem daran: Eine Mehrzahl erfüllt wenigstens grundlegende Qualitätsanforderungen, was die Beurteilung und Selektion zu einem komplizierten Unterfangen macht.

Hypes, die aus dem Nichts zu kommen scheinen und urplötzlich eine Reihe von entsprechenden Anbietern zu Tage fördern, sind kein neues Phänomen. Doch verging in den Anfangstagen der bunten Web-2.0-Welt nicht nur mitunter mehr Zeit zwischen den jeweiligen Launches, sondern zumeist ließen sich auch gravierende Differenzen zwischen Funktionsumfang, Design und Benutzerfreundlichkeit ausmachen, wodurch aus der Qual der Wahl am Schluss doch eine recht einfache Entscheidung wurde.

Das hat sich in den vergangenen fünf Jahren in der Startup-Welt verändert:

  • Die Kosten für die Entwicklung eines Onlinedienstes sind rapide gesunken, vor allem dank Cloud Computing, wodurch jeder mit vergleichsweise geringem Kapitalbedarf eine App entwickeln kann (den Programmierer dazu findet man bei Elance, vWorker oder Guru.com)
  • Entwickler und Designer profitieren von moderneren und skalierbareren Technologien, zahlreichen Best Practices sowie unzähligen APIs, auf die sie aufbauen können
  • Speziell in den USA liegt das Risikokapital quasi auf der Straße, was die Fantasien vieler potenzieller Gründer anregt
  • Inkubatoren, die in ganz junge Unternehmen investieren, schießen wie Pilze aus dem Boden und werfen (in den USA) mit Geld um sich (Inkubatoren in den USA, Inkubatoren in Deutschland)
  • Big Player wie Google, Facebook, Twitter, Amazon, Microsoft oder Research In Motion lechzen nach Übernahmezielen – manchmal allein, um Talente einzukaufen – ein Startup wird so für manchen Gründer eher zur Bewerbung durch die Hintertür
  • Die Zahl der Internetnutzer ist gestiegen, der Markt wächst stetig, User verfügen über mehr Onlinekompetenz
  • Virale Kanäle (Twitter, Facebook, Videos, Blogs) spielen eine wichtigere Rolle im Startup-Ökosystem und waren vor fünf Jahren deutlich weniger ausgeprägt (mit Ausnahme von Blogs womöglich)
  • Immer mehr Blogs und Websites berichten über Neuerungen aus der Startup- und App-Welt

All das führt zumindest nach meinem Empfinden zu einem deutlich höheren Qualitätsniveau bei neu in die digitale Welt geborenen Web- und Mobile-Anwendungen. Zudem vergehen mitunter nur wenige Wochen, bis ein First Mover erste Konkurrenz erhält. Ein derartiges “Time to Market”-Tempo ließ sich zwar auch 2006 oder 2007 schon in einigen Fällen beobachten (man denke nur an die deutschen Twitter-Klone), aber die Resultate sahen dann auch entsprechend aus und fühlten sich so an, wie man dies von einem Schnellschuss erwarten würde.

Im Jahr 2011 muss eine Blitzentwicklung nicht mehr automatisch Qualitätsmängel mit sich bringen.

Das beschriebene Phänomen betrifft selbstverständlich nicht nur das soziale Web. Die Zahl der Groupon-Nachbildungen wuchs Anfang 2010 explosionsartig, und auch bei den Lieferdiensten für Probiermuster verliert man langsam den Überblick über die beteiligten Protagonisten (Markus hat hier vier vorgestellt).

Die Konsequenzen im Onlinehandel sind jedoch weit weniger gravierend als im Social Web. Konsumenten können problemlos von einem zum anderen Shop/Anbieter wechseln, ohne dass dies mit größeren Nachteilen für sie verbunden ist. Bei den eingangs erwähnten Chat-Apps, Foto-Sharing-Services oder Kurations-Anwendungen hängt der vom User wahrgenommene Mehrwert dagegen vor allem davon ab, wie viele andere Personen den jeweiligen Dienst verwenden.

Ich kann meine Wahl des bevorzugten mobilen Chatangebots nicht allein von der optischen Gestaltung, Usability und Funktionalität abhängig machen, sondern muss mindestens gleichermaßen sicherstellen, dass der jeweilige Service auch meinen Freunden, Bekannten und Kollegen zusagt.

Auch das war natürlich schon in der Vergangenheit so. Vor einigen Jahren allerdings fiel es noch deutlich leichter, andere davon zu  überzeugen, dass Startup X einen deutlichen Qualitätsvorsprung vor Anbieter Y und Z hat. Ab und an mag dies noch funktionieren. Häufig jedoch reicht der Blick auf qualitative Unterschiede nicht mehr aus, um zu einer endgültigen Bewertung und Entscheidung zu kommen. Die Startup-Welt ist komplexer geworden, und die Faktoren, die über das Erreichen der kritischen Masse entscheiden, haben zugenommen.

Auch Nutzern von Check-In-Diensten wird dies bekannt vorkommen. Über die Frage, wieso auf internationaler Bühne foursquare das Rennen gemacht hat und nicht Gowalla, Brightkite oder Loopt, kann man ausgiebig philosophieren.

Der nächste Kampf um die Gunst der Nutzer hat gerade begonnen: Sowohl Viddy als auch Socialcam positionieren sich als eine Art “Instagram für Video”. Weitere Applikationen dürften folgen.

Für aktuelle und zukünftige Gründer bedeuten die veränderten Rahmenbedingungen und die geringere Fähigkeit, allein durch die Qualität und Ausstrahlung eines Dienstes überzeugen und eine kritische Masse erreichen zu können, vor allem eines: Kreativität bei der Generierung von Aufmerksamkeit sowie Viralität und Kontakte zu Multiplikatoren sind wichtiger denn je.

Ein nettes Produkt zu basteln und dann der Ansicht zu sein, dass ab da alles von alleine läuft, ist zumindest im dicht gedrängten Feld der Social-Web-Services kein empfehlenswerter Weg mehr.

(Foto: stock.xchng)

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16 Kommentare

  1. Tanja Handl
    schrieb am 5. Mai 2011 um 10:38 Uhr (#)

    Ein sehr spannender Artikel. Ich denke, die Sachlage im B2B-Bereich ist ähnlich, obwohl es hier in meinen Augen nach wie vor auf Qualitätsunterscheide und unterschiedliche Bedürfnisse ankommt. Ein Klon zu sein, reicht jedenfalls nicht aus – die Nutzer müssen schon einen besonderen Vorteil aus dem Angebot ziehen.

  2. Sebastian Kurt
    schrieb am 5. Mai 2011 um 12:23 Uhr (#)

    Einmal mehr wird neben den Fakten zum Produkt das Team dahinter wichtig. In Zeiten in denen alles gleich scheint, heben sich nur die hervor, welche mit speziellen Aktionen auf sich aufmerksam machen. Nicht ohne Grund gibt es eine regelrechte Jagd nach den Köpfen.

  3. tm78654
    schrieb am 5. Mai 2011 um 12:52 Uhr (#)

    Die Gespräche mit Freunden und Bekannten über IT haben sich in den letzten 10 Jahren auch verändert. Es zählt weniger die Qualität, dafür mehr die Marke. (Liegt wohl auch ein bissle daran, dass man inzwischen mit mehr Leuten darüber spricht, weil ja fast jeder ein Smartphone hat) Und selbst wenn man die Leute von einem Qualitativ besseren Service überzeugt hat und sie die Argumente einsehen kommt das Todschlagargument, dass sie sich ja bereits an den aktuellen Service gewöhnt hätten und eine “Einarbeitung” in den Neuen zu Zeitaufwendig wäre. Jau, auch die “digitalen natives”, wie meine Altersgruppe genannt wird, hat genau so wenig Bock sich an neue GUIs zu gewöhnen, wie die alten Säcke in den Hauptverwaltungen deutscher Firmen…

  4. Phil
    schrieb am 5. Mai 2011 um 12:57 Uhr (#)

    Ich hab noch nicht den ganzen Artikel durchgelesen, aber würde gerne schon etwas zum ersten Absatz loswerden:
    Ich verstehe den ganzen Hype und kik und WhatsApp nicht. Seit Ewigkeiten gibt es Messenger Protokolle im Desktop-Bereich und sowohl in selbigem als auch im mobilen Bereich Multi-Messenger, die diese Protokolle verstehen. Wieso sollte ich nun eine App mit neuem proprietärem Protokoll wählen, bei denen ich erst Freunde ebenso dazu überreden muss um überhaupt jemanden zum Chatten zu haben, anstatt auf alle schon vorhandenen Kontakte der lange bewährten Protokolle zugreifen zu können? ICQ, MSN sind wohl am verbreitetsten, XMPP (vormals Jabber) sollte heutzutage eigentlich Standard sein. Und auch an einem “guten alten” IRC-Channel für Gruppengespräche ist doch nichts auszusetzen?

    Etwas mehr Richtung Thema, aber mit obigem thematisch stark verbunden:
    Bei Apps die auf eine eigene geschlossene Community setzen (kik, WhatsApp, …) spielen nicht nur wie Sebastian Kurt im obigen Kommentar sagt die Fakten zum Produkt und immer mehr das Team dahinter eine Rolle, sondern schlichtweg auch die Anzahl der Freunde, welche bereits bei diesen Diensten angemeldet sind. Das entsprechende Wachstum ist dadurch oftmals nicht auf rationale Entscheidungen wie die Funktionalität begründet, wenn sich z.B. die ersten Freunde für einen Dienst entschieden haben, weil sie zufällig davon gehört, sich jedoch nicht vorab über Alternativen informiert haben.
    Vor kurzem wurden in meiner Uni in der Mensa Flyer vom fiverr-Klon Gigalo verteilt. Vom Original hat hier noch niemand gehört, aber das Wachstum steht jetzt auf Seiten von Gigalo.

    Mein Fazit: Neben Fakten und Team spielt das initiale Marketing eine riesige Rolle, welches dann für einen Schneeballeffekt unter den Usern sorgt.

    1. Sebastian Kurt
      schrieb am 5. Mai 2011 um 14:47 Uhr (#)

      “initiale Marketing”, das unterschreib’ ich. Ohne das geht es nur wenn man das Rad neu erfunden hat!

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 5. Mai 2011 um 15:02 Uhr (#)

    @ Sebastian

    Einmal mehr wird neben den Fakten zum Produkt das Team dahinter wichtig.

    Stimmt. Darf man vermutlich nicht unterschätzen. Nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Austrahlung sowie die Kontakte, die die Team-Mitglieder mitbringen.

    @ tm78654
    Ja die Gruppe derjenigen, die wirkliches alles Neue ausprobiert, ist sehr klein. Selbst bei der re:publica war ja meine Erfahrung, dass viele Besucher über die Nutzung der Standard-Tools foursquare und Twitter kaum hinauskamen.

    @ Phil
    Ich kann hier nur meine eigene Begründung geben:
    Erstens nutze ich gar keinen Instant Messenger, und zweitens ist es für mich ein Unterschied, ob ich mit meinem Smartphone jemand eine Nachricht schicken, der ebenfalls (und garantiert) am Mobiltelefon antwortet, oder der genauso am Rechner oder sonstwo sitzen kann.

    Chat-Apps sind am Ende der SMS eben ganz einfach ähnlicher als einer Instant Message.

  6. DJ Nameless
    schrieb am 5. Mai 2011 um 16:49 Uhr (#)

    Hervorragender Artikel. Ich beobachte auch immer mehr, dass die Qualität in der Regel nicht mehr unbedingt “zieht”, eben weil unzählige andere Anbieter was ganz ähnliches anbieten. Ich sehe jedoch zunehmend auch, dass das die Kanäle für “Aufmerksamkeit” usw. auch immer mehr “dicht” werden. Ich beispielsweise arbeite bei dem kleinen Webradio http://www.musik-train.de. Unsere Zuhörer sind über unser Programm meistens sehr begeistert (wir kriegen fast nur Lob und fast keine Kritik), aber unsere Hörer empfehlen uns so gut wie überhaupt nicht weiter. Auf anderen Portalen beobachte ich dasselbe: Viele Youtube-Clips werden mitunter von einigen Leuten zufällig gefunden, angeguckt und manchmal auch grün bewertet, aber diese Leute wollen sich meist einfach nur berieseln lassen und verbreiten das Zeug nicht aktiv weiter.

    Die Frage, die sich mir in Zukunft stellt: Wie geht die Wirtschaft zukünftig mit diesem Problem um? Dass eine Kulturflatrate höchstwahrscheinlich nicht funktionieren kann, wurde ja hier schon besprochen (http://netzwertig.com/200…rate-pro-und-contra/) – aber selbst eine funktionierende Kulturflatrate würde das Problem nicht lösen, dass jeder vom eigenen Wohnzimmer-PC aus allen möglichen Content in die Welt beamen kann, und somit der Konsument einfach nur mit neuen Angeboten überschwemmt wird.

    1. Tanja Handl
      schrieb am 5. Mai 2011 um 17:45 Uhr (#)

      @ DJ Nameless: “aktiv weiterverbreiten” – Wie auch, wenn die Zeit so schmal wird, dass es nur noch zum Konsumieren reicht? Mit der Zeit entwickeln aber immer mehr Menschen Techniken, um mit dem Overload umzugehen. Natürlich entsteht durch den selbst generierten Content viel Noise – auf der anderen Seite aber auch viel Schönes.

      Ich würde euch jedenfalls eine FB-Seite und eine Neugestaltung der Website empfehlen. Die wirkt auf mich schon etwas angestaubt. Und viele Nutzer sind mittlerweile verwöhnt von attraktivem Webdesign. Dann könnte es auch wieder mit den Empfehlungen klappen.

  7. maik
    schrieb am 5. Mai 2011 um 18:13 Uhr (#)

    Das ist doch eigentlich eine ganz erfreuliche Entwicklung, sie verleiht der Idee wieder etwas mehr Gewicht – oder besser gesagt den Ideen.

    Denn das gilt natürlich nicht nur für die Idee zur Gründung eines Startups, sondern auch in der Folge für Formen des Marketings, der Distribution, bis hin zum Recruiting.

    Wenn alle Geld haben, alle mit hoher Qualität und schnell entwickeln, dann erfordert die Abgrenzung zu Mitbewerbern ein höheres Maß an Kreativität.

    Ich denke Argumente wie “die Idee ist nichts wert, Execution zählt” greifen in einem solchen Marktumfeld zu kurz. In fast allen Bereichen des Startup-Lebens erlebe ich derzeit wieder zunehmend die Bereitschaft Dinge auszuprobieren, für die es noch keine Schablone gibt.

    Ich hoffe die ein oder andere Erfolgsgeschichte wird mittelfristig zeigen, dass das immer noch ein sehr gesunder Weg ist, ein Startup aufzustellen.

  8. Sersch
    schrieb am 5. Mai 2011 um 20:51 Uhr (#)

    Ein sehr spannender Artikel.

  9. Sersch
    schrieb am 5. Mai 2011 um 21:45 Uhr (#)

    Es geht um Apps, neuartige Entwicklungen und Angebote im Web, um neue Kommunikationsstrategien und Schnellverbindungsmöglichkeiten von Mensch zu Mensch, von Produkt zu Produkt?
    Ich bin seit Jahren immer wieder ein sehr begeisterungsfähiger und sich sehr interessierender Mensch um die Möglichkeiten, die uns Applikationen im Web und auf dem Handy mehr und mehr anbieten. Aber es wird schwieriger, zu erkennen, wo der ware Wert all dessen liegt.
    Es ist oft ebenso interessant wie aber auch Lebenszeitraubend, wollte man all die Möglichkeiten ausprobieren, ja beinahe schon studieren, die uns die Entwicklung neuer Techniken und Programmiersprachen vielversprechend und als beinahe lebensnotwendig kundtun.
    Ich hinterfrage also immer öfter, ob das damit verbundene Verschwinden von Transparenz, die Erschwertheit, über Sinn oder Unsinn zu entscheiden, nicht eher etwas ist, das uns das, was es uns vorgibt, zu bringen, eher nimmt, wenn auch die Möglichkeiten, die es in sich birgt, hervorragend und von großer Leistung sind.

    1. DJ Nameless
      schrieb am 6. Mai 2011 um 13:16 Uhr (#)

      Aber es wird schwieriger, zu erkennen, wo der ware Wert all dessen liegt.

      Für mich persönlich haben diese ganzen neuen Sachen schon einen großen Wert, weil ich eben auch zu denen gehöre, die im Hinblick auf die Technik offen für Neues, und sehr experimentierfreudig bin. Ich sehe allerdings nach wie vor das Problem, wie man das Ganze künftig finanzieren soll, also ein Geschäftsmodell dafür findet…da eben von Luft und Liebe keiner langfristig überleben kann. Das Problem ist: Die neuen digitalen Produkte kann JEDER, der einen PC zu Hause hat, produzieren und extrem billig global veröffentlichen. Dadurch kommt zwar ein bisschen offensichtlicher Schrott auf den Markt, dann eine ganze Reihe Produkte, die einfach nur meinem persönlichen Geschmack nicht entsprechen, aber eben auch manches, was ich gut gebrauchen kann. Dabei haben allerdings die großen Konzerne ihre Deutungshoheit verloren: Eine Computerprogramm von einem Hobby-Programmierer muss nicht zwangsläufig schlechter sein als eins von Microsoft, Magix oder Data Becker. Bei Musik ist es ähnlich: Eine Techno-Nummer, die ein Hobby-Produzent am PC zusammen geschraubt hat, ist nicht unbedingt schlechter, als eine Nummer von Sven Väth oder ATB. Da aber z. B. Computer-Fachzeitschriften die Entwicklungen der Hobby-Programmierer ignorieren, und Radio/Fernsehen auch keine Musik von “No Names” spielen, muss ich ja selber auf die Suche nach den Sachen gehen, mir das anschauen und filtern. Allerdings will ich auch nicht die Katze im Sack kaufen, weil man vorher nicht weiß, was “Schrott” ist und was nicht. Erfahrungsberichte gibt es bei unbekannten Produkten auch kaum, eben weil nicht jede Nischenplatte irgendwo rezensiert wird. Mach ich ja auch nicht: Wenn mir ein Titel gefällt, höre ich ihn mir an und gut.

      Ich hinterfrage also immer öfter, ob das damit verbundene Verschwinden von Transparenz, die Erschwertheit, über Sinn oder Unsinn zu entscheiden, nicht eher etwas ist, das uns das, was es uns vorgibt, zu bringen, eher nimmt, wenn auch die Möglichkeiten, die es in sich birgt, hervorragend und von großer Leistung sind.

      Ich persönlich finde die immer größer werdende Vielfalt toll. Ich mag es, immer wieder neue Online-Dienste, Programme, Lieder, Filme usw. im Internet zu finden, die an den großen Institutionen vorbei veröffentlicht werden. Allerdings müsste m. E. unser Wirtschaftssystem radikal umgekrempelt und an diese neue Technologie anpasst. Jedoch scheint es da keinen Lösungsansatz zu geben. In einem Markt, wo jeder vom eigenen Wohnzimmer aus x-beliebige digitale Produkte zum Nulltarif global verbreiten kann, greifen keinerlei Marktmechanismen mehr.

      DJ Nameless

  10. Oliver
    schrieb am 6. Mai 2011 um 14:27 Uhr (#)

    Nun, wir lesen, dass die Startups wie Pilze aus der Erde schießen, insbesondere auf dem Silicon Valley Boden. Die Gründungsgeschichten sind sehr ähnlich, wenn nicht identisch: Eine gute oder auch ganz gute Idee & Investor, der es auch so findet, aber er will auch Zahlen sehen. Es endet sehr oft in den Übernahmen. Wie man jedoch zum Beispiel die Sozialen Netzwerke langfristig monetarisiert, ist nicht immer klar.

  11. Dirk_S
    schrieb am 7. Mai 2011 um 14:53 Uhr (#)

    Obwohl heutzutage Dienste einfacher vernetzt denn je sein könnten, sind viele Webdienste isolierte Silos. Ihr schreib:

    “Ich kann meine Wahl des bevorzugten mobilen Chatangebots nicht allein von der optischen Gestaltung, Usability und Funktionalität abhängig machen, sondern muss mindestens gleichermaßen sicherstellen, dass der jeweilige Service auch meinen Freunden, Bekannten und Kollegen zusagt.”

    Warum nehmen wir das als gegeben hin? Warum kann ich denn nicht picplz nutzen und ein Freund nimmt instagram – und wir könnten uns dennoch vernetzen?

    Ich hab dazu vor einer Weile einen ausführlichen Blogbeitrag geschrieben.

  12. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 7. Mai 2011 um 16:21 Uhr (#)

    Warum nehmen wir das als gegeben hin?

    Vielleicht, weil wir gleichzeitig die ökonomischen Rahmenbedingungen dieser Startups betrachten und einsehen, dass eine Interoperabilität zwar das finale Ziel sein muss, aber sich nicht einfach so erzwingen lässt?!

    So ein wenig ist Interoperabilität in der heutigen Webwelt noch wie Freibier: Jeder möchte es haben, aber leisten kann/will es sich fast niemand.

    1. Dirk_S
      schrieb am 7. Mai 2011 um 16:38 Uhr (#)

      Es bleibt aber leider meist beim Ziel. Eine der wenigen Initiativen, die das mal ändern wollten, war die OSLO Initiative. Leider ist es bei der Ankündigung geblieben. Umgesetzt wurde sie nicht.

      Am Anfang kann es eventuell zu aufwendig sein – später ist es nicht mehr im Interesse des Marktführers … Da versagen die Regeln der Marktwirtschaft.

      Die Möglichkeiten an Innovation und Wettbewerb werden so aber nicht ausgereizt. Ab einer bestimmten Phase wächst der Dienst allein durch die Menge der eingeschlossenen User. Schon dann hat eine alternative innovativere Umsetzung durch einen neuen Dienst kaum mehr eine Chance.

      Zum Schluss bleiben Monopole übrig: Social Network für primär privates Leben, 1 Social Network für Business, 1 Bildersharing Dienst, 1 Checkin Dienst usw. (bevor auch da noch Dienste weiter verschmelzen).

      Es ist echt schade, deswegen mein ich auch wir bräuchten schon etwas Regulierung. Der Marktführer muss offene Schnittstellen und Datenaustausch anbieten. Der einzelne User sollte nicht gezwungen werden sich einen Dienst auszuwählen, nur weil da die meisten Freunde sind. Die sollte er auch über einen anderen Anbieter erreichen können.

      Wie soll das funktionieren? -> Telefonnetz. Ohne Regulierung gäbe es nur einen Anbieter. Ich kann aber heute frei den Anbieter wählen und doch alle erreichen. Wie auch bei email.

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