Der Fall Bin Laden und der Twitter-Zeuge:
Das Ende der Desinformation

Die Meldung vom Tod Osama Bin Ladens ist das Zusammentreffen der alten und neuen Medienwelt. Nicht mehr länger müssen wir uns allein auf die Worte der Gatekeeper verlassen.

Osama bin Laden ist in der pakistanischen Stadt Abbottabad während eines Schusswechsels mit US-Soldaten ums Leben gekommen. Und wie so oft in diesen ereignisreichen Monaten muss man nicht lange suchen, um die aus Sicht des digitalen Wandels relevante Komponente an den Geschehnissen zu identifizieren.

Damit meine ich übrigens nicht die Tatsache, dass wieder einmal Twitter schneller war als die etablierten Medien – das sollte im Jahr 2011 niemand mehr verwundern.

Viel bedeutungsvoller ist die Erkenntnis, dass auch in Gegenden ohne ausgewiesene Durchdringung von schnellen Internetanschlüssen und Social-Web-Diensten nichts mehr passiert, ohne dass die Aufmerksamkeit von vernetzten, mit Werkzeugen zur Echtzeit-Publikation ausgerüsteten Augen- bzw. “Ohrenzeugen” geweckt wird.

Twitter-User Sohaib Athar befand sich in der letzten Nacht in Abbottabad und schilderte in einer Reihe von Tweets die Ereignisse, die – wie auch er erst später erfuhr – im Zusammenhang mit der Intervention der US-Einheiten standen.

Der “Bürgerjournalist” hält sich nicht mehr länger nur am Hudson River, in einem A380 Super-Jumbo oder auf den Straßen von Kairo auf. Mittlerweile ist er überall und trägt seinen Teil zur Informations- und Wahrheitsfindung bei. Egal ob in den USA, in Japan, in Ägypten, im Iran oder in einer pakistanischen Stadt im Vorgebirge des Himalayas.

Die Meldung vom Tod Osama Bin Ladens ist das Zusammentreffen der alten und der neuen (Medien)welt. Auf der einen Seite steht US-Präsident Barack Obama, der vor der Kamera das Ableben des Staatsfeindes Nummer 1 Bin Laden verkündet. Auf der anderen Seite sitzt Twitter-Nutzer Sohaib Athar vor seinem Rechner in Abbottabad und verifiziert mit seinen Vor-Ort-Berichten Teilaspekte der Nachricht.

Die Präsidentenrede ist ein Instrument aus dem Zeitalter der Desinformation. Obama und seine Regierungskollegen repräsentieren die Gatekeeper, die darüber entscheiden, wann und ob die Kunde vom Tod Bin Ladens kommuniziert wird.

Sohaib Athar hingegen stellt das Symbol des beginnenden Zeitalters der Information dar (ob dies Deckungsgleich mit dem Begriff des Informationszeitalters ist, sei einmal dahin gestellt). Auch wenn er die Leiche Bin Ladens nicht selbst zu Gesicht bekommen hat und somit keinen vollständigen Beleg über die Echtheit der Obama-Behauptung abgeben kann, bestätigt er zumindest ungewöhnliches militärisches Treiben in seiner Umgebung und weist darauf hin, dass es sich weder um Taliban noch pakistanische Einheiten handelte. Sicherlich, theoretisch könnte Athar eine erfundene Person sein (Raum für Verschwörungstheorien existiert immer). Neu bei Twitter ist er aber zumindest nicht.

Die Gatekeeper verlieren sukzessive ihre Informations- und Filterhohheit. Für Beobachter des digitalen Wandels ist das keine Neuigkeit. Die Ereignisse der Nacht unterstreichen jedoch die globale Dimension dieser schleichenden, aber mächtigen Revolution.

Je mehr Menschen mit offenen Augen und Ohren sowie einem internetfähigen Mobiltelefon, Tablet oder Notebook durch die Welt gehen, desto schwieriger wird die Aufrechterhaltung von gezielter Desinformation. Das Resultat sind zahlreiche Informationspartikel, die im Idealfall zu einem Zustand der Transparenz führen.

Bisher wird dieser jedoch nur selten erreicht. Die Vorstufe aber – das Zusammentreffen von Informationen aus verschiedenen Quellen, die an den traditionellen Gatekeepern vorbei gehen und ein vollständigeres Bild zeichnen – erleben wir immer öfter. Zuletzt am heutigen Montag.

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18 Kommentare

  1. René
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:19 Uhr (#)

    Ich denke, dass es sogar mittlerweile einfacher geworden ist, Desinformationen zu streuen (sofern richtig geplant und ausgeführt). Die Leute nehmen doch heute alles so hin, wie man es ihnen präsentiert. Klar gibt es immer Leute, die alles und jeden hinterfragen … die werden aber schnell in die Verschwörungstheoretikerecke gestellt um sie “mundtot” zu bekommen.

    Ich habe zwar kein konkretes Beispiel aber ich stelle mir vor, dass durch die preisgünstigeren Möglichkeiten und der stärkeren Vernetzung der Leute nicht nur zurückgehaltenes Wissen in die Öffentlichkeit dringt (Ägypten, China, etc.), sondern auch sehr gut entsprechende Sachen untergemischt werden können.

    Wir wissen nie 100% ob etwas stimmt, wenn wir nicht selbst dabei waren … früher wie heute nicht. Nur weil jemand eine entsprechende Reputation hat, billigen wir dessen Meldung. Zerbricht diese Reputation, so wird jede Aussage hinterfragt.

    Ein gutes Beispiel, dass Leute nicht lernfähig sind, auch wenn sie immer und immer wieder den gleichen Fehler machen, ist die nach wie vor hohe Anzahl an infizierten Computern und die steigende Zahl an Würmern in Social Network.

  2. Maik
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:28 Uhr (#)

    Trotz allem geisterte eine ganze Zeit ein Foto durch die Medien, welches angeblich den toten Osama bin Laden zeigte. Da hat es dann doch noch ein bisserl gedauert bis klar war, dass es sich dabei um eine Fälschung handelt, die zudem schon knappe 3 Jahre alt war…

    1. Herbert Linz
      schrieb am 2. Mai 2011 um 14:52 Uhr (#)

      Fast:

      Entsscheidend für die effiziente Desinformation, dass die Gatekeeper mit Publikationsfreiheit sich in einer Hand befinden z.B. Massenmedien in Nordkorea.

      Im demokratischen Ländern hielt sich auch im letzten Jahrhundert Desinformation nicht lange, da die Massenmedien in der Hand unterschiedlichster Interessengruppen sich befanden/befinden und im Wettbewerb zueinander stehen.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 2. Mai 2011 um 15:39 Uhr (#)

      Da würde ich mit “fast” antworten. Denn die Zahl der Gatekeeper war trotzdem begrenzt und auch die Gatekeeper waren zum Teil wieder von anderen, höher angesiedelten Gatekeepern sowie gewissen Lobbyinteressen abhängig.

    3. Herbert Linz
      schrieb am 2. Mai 2011 um 16:34 Uhr (#)

      Da würde ich mit “fast” antworten. Denn die Zahl der Gatekeeper war trotzdem begrenzt und auch die Gatekeeper waren zum Teil wieder von anderen, höher angesiedelten Gatekeepern sowie gewissen Lobbyinteressen abhängig.

      Jetzt wirds abstrakt. :-)

      Wie auch immer: Die Headline “Das Ende der Desinformation” ist m.M. unglücklich gewählt.

    4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 2. Mai 2011 um 16:42 Uhr (#)

      D.h. du siehst uns nicht auf dem Weg zu einer tendenziell transparenteren Gesellschaft, in der gezielte (und dabei auch dauerhaft erfolgreiche) Desinformation schwieriger wird (wir sprechen hier nicht davon, dass mal jemand nen lustige Foto Photoshoppen und damit Leute ein paar Stunden hinters Licht führen kann, sondern von erfolgreicher Langzeit-Desinformation).

      Denn das ist meine These, und diese fasst die Überschrift zusammen.

    5. Herbert Linz
      schrieb am 2. Mai 2011 um 16:51 Uhr (#)

      Da würde ich mit “fast” antworten. Denn die Zahl der Gatekeeper war trotzdem begrenzt und auch die Gatekeeper waren zum Teil wieder von anderen, höher angesiedelten Gatekeepern sowie gewissen Lobbyinteressen abhängig.

      Jetzt wirds abstrakt. :-)

      Wie auch immer: Die Headline “Das Ende der Desinformation” ist m.M. Crap.

    6. Herbert Linz
      schrieb am 2. Mai 2011 um 16:55 Uhr (#)

      D.h. du siehst uns nicht auf dem Weg zu einer tendenziell transparenteren Geasellschft

      Zumindest nicht pauschal. In Teilbereichen entsteht mehr Transparenz in anderen Teilbereichen entsteht u.U. sogar mehr Desinformation… Deswegen auch meine Bauchschmerzen mit der Headline = reisserisch

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:34 Uhr (#)

    Imo setzt effiziente Desinformation voraus, dass lediglich die Gatekeeper mit Publikationshoheit (so wie es sie im vergangenen Jahrhundert bei den Massenmedien gab) darüber entscheiden, wann eine Information berichtigt wird.

    Dass über Social-Media-Kanäle natürlich viel Humbug verbreitet wird, ist klar. Gleichzeitig besitzt jedoch jeder Mensch die technischen Mittel dafür, dies zu berichtigen (sofern er/sie gegenteilige Informationen kennt).

    Und wenn nach ein paar Stunden bereits klar ist, dass das angebliche Foto der Leichte von Obama gefälscht ist, dann finde ich eigentlich, dass sehr gut deutlich wird, dass sich Falschmeldungen eben doch nicht so lange halten :)

  4. Daniel Bröckerhoff
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:36 Uhr (#)

    In meinen Augen hat der gute Mann gar nichts gesehen, sondern allenfalls nur gehört und alles, was er gehört hat, soll sich (auch nach seinen Tweets) auf einen Hubschrauberabsturz bezogen haben. In welchem Zusammenhang das mit Osama steht ist mir noch unklar. Von daher würde ich seine Rolle nicht überbewerten und erst Recht nicht als Beleg dafür sehen, dass die Geschichte der Amerikaner stimmt.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:39 Uhr (#)

    nicht als Beleg dafür sehen, dass die Geschichte der Amerikaner stimmt

    Stimmt, es ist kein Beleg. Aber ein Informationspartikel, der das Gesamtbild erweitert.

    Und derartige Informationspartikel komplettieren/erweitern (oder auch korrigieren) immer häufiger die Berichte der bisherigen Gatekeeper (und beeinflussen natürlich auch deren Berichterstattung und Verhalten).

  6. Herbert Linz
    schrieb am 2. Mai 2011 um 14:34 Uhr (#)

    Die Gatekeeper verlieren sukzessive ihre Informations- und Filterhohheit.

    Tja, die Münze hat nun mal immer zwei Seiten…

    Man kann doch über Twitter genau so gut (gezielt) desinformieren. Und ich bin davon überzeugt, dass die “Instanzen”, die für die Desinformation zuständig sind, für den Fall der Fälle eine perfekte Strategie für Twitter&Co. haben.

    Stell dir vor der Twitterer aus Pakistan wäre z.B. ein CIA-Mann…

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 2. Mai 2011 um 14:40 Uhr (#)

    Kein Zweifel. Aber siehe http://netzwertig.com/201…tion/#comment-213080

  8. Martin
    schrieb am 2. Mai 2011 um 16:00 Uhr (#)

    Kein Problem, ist auch dem Regierungssprecher passiert, aber Obama ist nicht tot:
    Die Präsidentenrede ist ein Instrument aus dem Zeitalter der Desinformation. Obama und seine Regierungskollegen repräsentieren die Gatekeeper, die darüber entscheiden, wann und ob die Kunde vom Tod Obamas kommuniziert wird.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 2. Mai 2011 um 16:40 Uhr (#)

      Arghhh! Und dabei hab ich extra darauf geachtet, dass genau dies nicht passiert…

      Danke für den Hinweis.

  9. Jan W.
    schrieb am 2. Mai 2011 um 17:37 Uhr (#)

    Sehr unglück gewähltes Beispiel, diese Twitter-Sache als Beleg für “den Verlust der Filterhoheit der Gatekeeper” zu nehmen. Denn wen hätten die Tweets interessiert, hätten nicht die klassischen Medien die Präsidentenrede und damit die Nachricht vom Tod Bin Ladens übertragen? Ich behaupte mal ganz frech: keine Sau.
    Überhaupt gefällt mir dieses ganze künstliche “Gegeneinander” von klassischen und neuen Medien nicht. Hier wird immer und immer wieder eine Dyade forciert, die weder analytisch noch pragmatisch wirklich weiterhilft. Beide Medienarten haben Vor- und Nachteile, je nach dem wer sie zu welchem Zweck nutzt…

    so long.

  10. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 2. Mai 2011 um 18:01 Uhr (#)

    Jan, dieses Gegeneinander ist an dieser Stelle aber deine eigene Interpretion.

    Es geht nicht um das Ersetzen von dem einen durch das andere, sondern um eine Ergänzung bzw. Komplettierung.

    Richtig, ohne die Obama-Rede hätten die Tweets niemand interessiert.

    Aber ohne die Tweets (oder andere, in anderen, vergleichbaren Beispielen) hätte eventuell auch eine solche Rede bzw. eine offizielle Regierungsmitteilung mehr Zweifler.

    Was man auch bedenken muss: Die alten Gatekeeper verhalten sich anders, wenn sie wissen, das an jeder Ecke ein Augenzeuge mit Smartphone stehen kann. Insofern übernehmen die Millionen über Publikationstools verfügenden Menschen auch eine neue, bisher in dieser Form nicht vorhandene Kontrollfunktion ein. Auch das verringert die Wahrscheinlichkeit gezielter Desinformation.

    1. Tanja Handl
      schrieb am 3. Mai 2011 um 14:40 Uhr (#)

      @”anders verhalten”: In diesem Punkt bin ich mir nicht so sicher. Bis zu einem gewissen Grad werden Tweets etc. in der Realität noch immer ignoriert, und das auch aus einem guten Grund. Denn wir befinden uns nicht im Zeitalter der Information, sondern des Informations-Overload – egal, wie man über diese Informationen urteilen mag. Der gerühmte Hoheitsverlust sagt leider noch nichts über die Qualität der über Twitter verbreiteten Neuigkeiten aus…

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