Social Newsreader für das iPad:
News.me stellt Flipboard
in den Schatten

Seit Donnerstag kann News.me, der von Bit.ly und der New York Times entwickelte soziale Newsreader für das iPad, heruntergeladen werden. Er stellt eine echte Herausforderung für Flipboard dar, die bisherige Koryphäe unter den Social-News-Apps für das Apple-Tablet.

Mindestens drei Dinge stören mich am beliebten sozialen iPad-Newsreader Flipboard: Statt vertikalem setzt er auf horizontales, dem Umblättern in einem Magazin nachempfundenes Scrollen, er beherrscht keine automatisierte Filterung der für mich relevantesten Inhalte und er erlaubt mir nur den Blick auf meine eigene, aus den Tweets meiner Twitter-Kontakte bestehenden Timeline, jedoch nicht auf die andere Twitter-Nutzer.

So richtig bewusst wurde mir dies alles aber erst, nachdem ich den am Donnerstag veröffentlichten Flipboard-Konkurrenten News.me getestet habe. Nach einigen Tagen des Ausprobierens lautet mein bisheriges Urteil: Daumen hoch für das Gemeinschaftsprodukt von Bit.ly und der New York Times.

Als Flipboard im Sommer 2010 vorgestellt wurde, sorgte es für eine Welle der Begeisterung: Eine App, die aus dem persönlichen Twitter-Stream eine Art Magazin macht, Onlineinhalte in an das iPad angepasster Form darstellt und mit einer erfrischenden Benutzerführung aufwartet, existierte bis dato nicht.

Doch so beeindruckend Flipboard, das gerade 50 Millionen Dollar Risikokapital einsacken konnte, auch sein mag – das Konzept, auf das Erscheinungsbild einer Zeitschrift zu setzen, bei dem pro Seite eine Handvoll Artikel angerissen werden, ist für meinen Geschmack kontraproduktiv und überflüssig. Denn um sich einen Gesamtüberblick über die Informationslage zu verschaffen, ist intensives “Blättern” erforderlich.

News.me verzichtet auf eine derartige Anlehnung an das Printmedium und präsentiert von den bei Twitter gefolgten Usern empfohlene Beiträge stattdessen mit den jeweils ersten Zeilen in einem vertikal scrollbaren Listenlayout. Letztlich ist dies sicherlich eine Frage persönlicher Präferenzen, aber mir ist der News.me-Ansatz deutlich sympathischer.

News.me in Bildern
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Ein anderer Punkt, der mich stets daran gehindert hat, regelmäßiger Flipboard-Nutzer zu werden, ist das Fehlen einer automatischen Relevanzfilterung. Die App zeigt mir in chronologischer Reihenfolge sämtliche in meiner Timeline verbreiteten Artikel an. Eine Option, nur die Inhalte zu sehen, die eigenen Interessen und dem bisherigen Nutzungsmuster entsprechen, fehlt bisher.

News.me lässt Usern die Wahl, ob es sämtliche per Twitter von den gefolgten Usern empfohlenen Inhalte darstellen soll oder nur “Highlights”. Welche Kriterien für die automatisierte Selektion zum Tragen kommen, ist mir noch nicht ganz klar – eine entscheidende Rolle spielen laut Informationen auf der Website Bit.lys interne Statistiken über beliebte Inhalte. Hier profitiert der News.me-Initiator von seinem reichhaltigen Datenschatz, den er über seinen populären Kurz-URL-Dienst anhäuft.

Mit der automatisierten Filter-Funktion bietet der Neuling unter den iPad-News-Applikationen eventuell auch eine Angriffsfläche für Kritiker: Denn News.me arbeitet eng mit einer Reihe von Presseverlagen und Inhaltenanbieter zusammen. Dass deren Content bevorzugt dargestellt wird, erscheint da nicht unwahrscheinlich. Anwender, die den Eindruck bekommen, die alleinige Darstellung von Highlights aus ihrer Twitter-Timeline diene vor allem der Reichweitenerhöhung der News.me-Partner, können das Feature aber ganz einfach abschalten.

Der für mich größte Vorteil von News.me ist jedoch die Möglichkeit, nicht nur die Artikelempfehlungen aus meiner Timeline in hübscher und lesefreundlicher Art auf meinem iPad serviert zu bekommen, sondern auch die aus den Timelines anderer Twitter-Benutzer. So erlaubt es News.me, die personalisierten Streams von ausgewählten Web-Prominenten sowie von eigenen Twitter-Kontakten zu abonnieren, die ebenfalls News.me verwenden.

In der Praxis bedeutet dies, dass ich über die oberhalb der App platzierte Personenleiste mit einem Klick den Inhaltestream von Investor Fred Wilson, von TechCrunch-Autor MG Siegler, von Huffington-Post-Gründerin Arianna Huffington oder von all den Personen aus meiner Twitter-Timeline angezeigt bekomme, die ihr Twitter-Konto mit News.me verknüpft haben.

Die abonnierbaren News.me-User und Internet-Multiplikatoren fungieren dabei als Qualitätsfilter für ihr jeweiliges Spezialgebiet. Wenn ich beispielsweise die Beiträge lese, die von den von Fred Wilson bei Twitter gefolgten Personen weiterverbreitet werden, kann ich von einer hohen Relevanz und Verlässlichkeit dieser Inhalte ausgehen. Denn Fred Wilson würde diesen Nutzer bei Twitter sonst selbst nicht folgen.

Auch einen Blick auf die Timelines meiner eigenen Twitter-Kontakte werfen zu können, gefällt mir sehr. Denn dort gehe ich ja ebenfalls von einer gewissen Glaubwürdigkeit und Kompetenz aus – sonst würden sie mich schon lange als Follower verloren haben.

Fazit
News.me macht insgesamt einen sehr guten Eindruck, zumal es Nutzern die Entscheidung darüber überlässt, ob sie Inhalte über den eingebauten Browser bei der Originalquelle oder in einem bereinigten, augenschonenden Layout lesen möchten.

Den Vergleich zwischen Flipboard und News.me wird unfair finden, wer von einer sozialen News-App mehr erwartet als einen reinen Fokus auf Twitter. Flipboard gibt sich deutlich vielseitiger, was die importierbaren Quellen betrifft: Neben Twitter lassen sich Streams von Facebook, Flickr und Instagram ebenso abonnieren wie RSS-Feeds, beliebige Twitter-User, Twitter-Listen sowie spezifische Quellen und Nachrichtenportale.

News.me stellt deutlich weniger Optionen zur Anpassung der App an die eigenen Bedürfnisse bereit. Ich finde dies jedoch gar nicht schlecht. Es berücksichtigt den Fakt, dass Twitter der für die Verbreitung von Nachrichten und Beiträgen zu aktuellen Themen zur Zeit angesagteste Social-Web-Kanal ist, es bietet einen Relevanzfilter, eine Sektion, in der sich Content zum späteren Lesen ablegen lässt, sowie eine Anbindung an Instapaper. Viel mehr benötige ich zumindest nicht.

Liebhaber von Newslettern können zudem eine tägliche E-Mail-Zusammenfassung der wichtigsten Meldungen aus der eigenen Timeline bestellen (bisher von mir nicht getestet).

Die größte Schwäche – sofern man denn eine finden will – ist letztlich wohl der Preis: Nach einer siebentägigen Testphase kostet News.me 0,79 Euro pro Woche (bzw. das Äquivalent in Schweizer Franken). Im Vergleich zum Gratis-Service Flipboard und ähnlichen Apps wie Pulse oder Zite ist das viel. Objektiv betrachtet erhält man als Nutzer aber für nicht einmal vier Euro im Monat einen sehr anwenderfreundlichen und durchdachten werbefreien Newsreader, der nicht nur bei seiner Funktionalität und Usability punkten kann, sondern seine Einnahmen mit den angeschlossenen Partnern teilt.

In diesem Kontext noch offen ist die Frage, ob beliebige Contentproduzenten ihren Teil vom News.me-Kuchen beanspruchen können. Auf dieser Seite wird beschrieben, wie Betreiber von Websites mit originären Inhalten vorgehen müssen, um diese lizensieren zu lassen.

Ich habe noch keinen endgültigen Entschluss gefasst, schließe aber nicht aus, dass ich News.me auch nach dem Ende meiner Testphase treu bleiben werde.

Wie lautet euer bisheriges Urteil in Bezug auf News.me?

Hier geht’s zu News.me im App Store

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11 Kommentare

  1. Jens Matheuszik
    schrieb am 25. April 2011 um 14:06 Uhr (#)

    Ich verstehe jetzt den Vorteil nicht so sehr, denn man kann auch bei Flipboard einzelnen Accounts folgen (über den Umweg der Einzelliste).

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 25. April 2011 um 14:11 Uhr (#)

    Der Unterschied liegt darin, dass ich bei Flipboard z.B. dir folgen kann, bei News.me aber alle Artikel derjenigen beziehen kann, denen DU folgst :)

    Ich sehe also quasi in News.me das als Stream, was DU bei Flipboard in deinem persönlichen Stream siehst.

    Ist das verständlicher?

    1. Alexander Kurz
      schrieb am 25. April 2011 um 15:00 Uhr (#)

      Ich verstehe den Hype um die App auch nicht. Im Vergleich zu Flipboard ist die news.me-App m.E. geschmacklos gestaltet und den Mehrwert, der die Kostenpflichtigkeit rechtfertigt, kann ich nicht erkennen.

      Die Idee, den Streams anderer folgen zu können, mag für Leute interessant sein, die neu auf Twitter sind, oder für News-Junkies, die noch nicht genug Reizüberflutung haben. Aber der “normale” Nutzer überlegt sich durch gut, wem er folgt und wem nicht und fügt regelmäßig auch neue Quellen hinzu, um den Horizont zu erweitern.

      Was da “in den Schatten stellen” soll, kann ich nicht wirklich erkennen.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 25. April 2011 um 15:11 Uhr (#)

      Vieles ist am Ende sicher Geschmackssache.

      Wo ich dir nicht zustimme, ist die Annahme, Streams anderen folgen zu können, wäre nur ein Feature für Neulinge (oder Super-News-Junkies).

      Ich zumindest bin auf diesem Weg schon auf eine ganze Reihe sehr lesenswerter Artikel gestoßen.

      Sicherlich werde ich diese Option nicht nutzen, wenn ich im Stress bin und wenig Zeit habe. Aber gerade an einem Samstag- oder Sonntagmorgen, wenn man etwas Muße hat, ist das schon ein sehr nettes Feature, finde ich – am ehesten vergleichbar mit der Sonntagszeitung eben.

    3. Marcel Weiss
      schrieb am 26. April 2011 um 17:29 Uhr (#)

      “Der Unterschied liegt darin, dass ich bei Flipboard z.B. dir folgen kann, bei News.me aber alle Artikel derjenigen beziehen kann, denen DU folgst :)”

      Das kann die Webapp Tweeted Times schon länger.

    4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 26. April 2011 um 18:04 Uhr (#)

      Stimmt. Aber von den iPad-Newsapps macht das imo niemand bisher.

  3. Rene
    schrieb am 25. April 2011 um 20:24 Uhr (#)

    Tja was einer vormacht kann man eigentlich immer besser machen… vorallem wenn man die app nutzt und sich durch manche sache ngenervt fühlt…

  4. Mac
    schrieb am 26. April 2011 um 12:08 Uhr (#)

    “stellt Flipboard in den Schatten”

    Gewagte These! News.me ist optisch eine Augenfäule. Es ist auch der Bedienungs- und Sexappealfaktor, der Flipboard zur Nummer eins macht.

    Flipboard lässt sich einfach intuitiver bedienen, der Content wird schön aufbereitet und es ist ziemlich genial fürs iPad angepasst.

    Ich sehe da jedenfalls keinerlei Schatten.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 26. April 2011 um 12:28 Uhr (#)

    Gewagt nur dann, wenn man nur die Überschrift liest ;)

    Augenfäule?? Schon beachtlich, wie sehr sich das ästhetische Emfinden von Menschen unterscheidet.

  6. Tobi
    schrieb am 26. April 2011 um 13:41 Uhr (#)

    Werde ich mir auf jeden Fall mal genauer anschauen, hört sich bisher ja nicht schlecht an.

  7. Ostwestf4le
    schrieb am 27. April 2011 um 09:31 Uhr (#)

    Ich habe mir news.me am Karfreitag heruntergeladen und in der kostenlosen Testwoche ausprobiert.

    Die Darstellung der Inhalte ist genial und optisch ansprechend gestaltet. Im Vergleich zu Flipboard kann ich aber bislang keine wesentlichen Verbesserungen erkennen, die mich ein wöchentlich 80 Cent teures Abonnement abschließen lassen sollten.

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