Die Apps der re:publica 2011:
Digital Natives setzen
auf Altbewährtes

Netzaffine junge Menschen, die auf ein Notebook, Tablet oder Smartphone starren – ein allgegenwärtiges Bild auf der re:publica. Doch mit welchen Social-Web-Anwendungen vertrieben sich die Digital Natives denn da während der Konferenz die Zeit?

Wenn sich wie auf der re:publica in der vergangenen Woche 3.000 Digital Natives an einem Ort versammeln, ist dies ein idealer Gradmesser für die bei technologieaffinen Nutzern populärsten Web- und Mobile-Apps. Im Vorfeld hatten wir bereits über einige Dienste berichtet, für welche die Konferenz eine geeignete Plattform hätte darstellen können.

Welche Anwendungen wurden nun besonders eifrig genutzt sowie diskutiert, und bei welchen haben sich eventuelle Hoffnungen auf einen Durchbruch nicht eingelöst? Hier ist mein Eindruck nach drei intensiven Tagen auf der re:publica:

Color

Ich hatte recht hohe Erwartungen an den kürzlich gelaunchten, kontroversen US-Dienst Color. Zu einem wirklichen “Color-Effekt” kam es jedoch nicht. Zwar gab es mehrere Dutzend Eventbesucher, die (vor allem am ersten Tag) mit Color Schnappschüsse machten und so kollaborative, standortbasierte Fotoalben generierten, aber der direkte Nutzen für mich als Konferenzteilnehmer hielt sich in Grenzen:

Zu unzuverlässig funktionierte Colors Technologie, um automatisch in der Nähe aufgenommene Bilder zu gruppieren, zu überlastet waren die mobilen Datennetze und zu viel anderes gab es zu tun und zu sehen, als dass ich die notwendige Geduld aufbringen wollte, die Color unter diesen Umständen erfordert hätte.

Immerhin: Wer zu Hause geblieben war, konnte dank von Color-Usern per Twitter oder Facebook verbreiteten Color-Alben (wie z.b. dieses hier) einen guten Eindruck bekommen, wie es gerade in Berlin abseits der per Live-Stream übertragenen Hauptbühne aussah. Voraussetzung dafür war jedoch, dass die Color-Technologie funktionierte – was sie eben nicht immer tat.

Potenzial hat Color nach wie vor. Um eine kritische Masse zu erreichen, muss es jedoch noch optimiert werden. Und wenn es zum mobilen Datenstau kommt, dann ist dies für ein App zum Sharing von Bildern und kurzen Videos denkbar ungünstig.

Dailyplaces

Wie geplant lancierte der Frankfurter Location-Dienst Dailyplaces pünktlich zum Start der re:publica seinen Place Chat, der an Orten eingecheckte Nutzer in einem mobilen Echtzeit-Chat versammelt.

Einige Male habe ich das neue Feature ausprobiert und mit Dailyplaces eingecheckt und gechattet. Allerdings leidet die App noch unter diversen Usability-Schwächen (primär in Bezug auf das Auffinden von Orten und das Einchecken), weshalb ich meine Tests einige Male verfrüht abbrach. Vielleicht veröffentlichen die Frankfurter ja einige Zahlen zur Nutzung der App auf der re:publica. Der einzige Dailyplaces-Gelegenheitsanwender war ich jedenfalls nicht.

[Update] Dailyplaces hat uns einige Zahlen zum Launch von Place Chat geschickt: Von Mittwoch bis Freitag verzeichnete der Dienst fast 500 Chat-Posts, die meisten davon im Umfeld der re:publica. Rund 100 Mal wurde von Usern auf der re:publica eingecheckt. Seit dem Launch der neuen App am Mittwoch wurde diese 1.800 Mal heruntergeladen, 700 Nutzer haben sich neu registriert. [Update Ende]

Hashable

In fast jedem persönlichen Zusammentreffen mit anderen Besuchern zückte ich konsequent mein iPhone, um die Person per Hashable “einzuchecken”. Hashable ist eine Art foursquare für Menschen. Mein Kollege Peter attestierte dem US-Service jüngst einiges Potenzial.

Was mir das im Nachhinein bringen wird? Unklar! Aber im Gegensatz zu Xing oder LinkedIn lässt sich mit der App gut festhalten, wann und wo man ein physisches Zusammentreffen mit jemandem hatte. Ich bin gespannt, ob diese Informationen für mich langfristig einen Mehrwert haben werden. Viele andere Hashable-User sind mir jedenfalls nicht begegnet (was allerdings die eigene Nutzung kaum beeinflusst, da man für den Check-In lediglich den Twitter-Namen oder die E-Mail-Adresse einer Person benötigt).

foursquare

Egal wie sehr ich lieber Gowalla verwenden würde – mit dem man seit einiger Zeit auch bei foursquare einchecken kannfoursquare hat sich trotz seines immer noch nicht erfolgten Durchbruchs in den Mainstream fest bei den App-verrückten Digital Natives verwurzelt.

Allein im Friedrichstadtpalast waren meist mehr als 50 User parallel eingecheckt, und einige persönliche Meetings entstanden, nachdem ich eine mir aus dem Digitalen bekannte Person am selben Ort wie ich eingecheckt sah (wobei es schon schwach ist, dass ich dieser nicht direkt über foursquare eine private Mitteilung zukommen lassen kann). Weder Gowalla noch Facebook Places, friendticker oder ein anderer Locationdienst konnte foursquare auf der re:publica das Wasser reichen. Den Gowalla-Check-In gab ich dann irgendwann zumindest für die re:publica schweren Herzens ganz auf.

Kik

Quasi das gesamte Blogwerk-Team war aus Zürich angereist. Für die interne Spontankommunikation verwendeten wir die Gruppenchat-Funktion von Kik (erhältlich für iOS und Android). Diese erwies sich als sehr nützlich, wenn auch die stetigen Push-Nachrichten auf dem iPhone Homescreen erhebliches Nervpotenzial besitzen. Man kann nur hoffen, dass mit iOS 5 eine bessere Verwaltung für Benachrichtigungen kommt. Natürlich hätten wir auch einen der diversen anderen Services für mobile Gruppenchats einsetzen können.

Twitter

Etwa 40.000 Tweets wurden in den drei Tagen von re:publica-Besuchern versendet. Das sagt eigentlich alles. Ohne Twitter geht bei den “Netzaktivisten” trotz aller Kritik der jüngsten Zeit nichts mehr. Und Direktnachrichten erwiesen sich (für mich) als der beste Weg für spontane Verabredungen.

Newshype

Der vor einer Woche gestartete Blogaggregator Newshype war in Person der Gründer Jannis Kurcharz und Pëll Dalipi vertreten und brachte 500 Flyer mit jeweils 3 Invite-Codes unters vernetzte Volk. Mein Eindruck war, dass dies gut funktionierte. Mehr als einmal beobachtete ich Leute, die vergeblich versuchten, bereits von anderen genutzte Codes von herumliegenden Newshype-Karten zu aktivieren.

Fazit
Insgesamt also verhielten sich die Besucher der re:publica recht konservativ und setzten auf die Social-Web-Dienste, die in den digitalen Kreisen schon länger etabliert sind. Ganz überraschend kommt dies nicht: das Fazit zum SXSW Festival, welches kürzlich in Austin stattfand und traditionell jedes Jahr aus einem neuen Onlineservice einen Shootingstar macht, fiel ähnlich aus.

Moritz Adler zieht ein ähnliches Resümee, was die am intensivsten genutzten Apps auf der diesjährigen re:publica betrifft. Was war euer Eindruck?

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10 Kommentare

  1. Tilman
    schrieb am 18. April 2011 um 08:27 Uhr (#)

    Ich wünschte, ich könnte ähnlihces berichten. Doch die Netzschwäche sowohl des WLANS als auch der verfügbaren Telefonnetze machte die republica für mich zum offline event. Zum twittern musste ich gewöhnlich vor die Tür.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. April 2011 um 08:36 Uhr (#)

    Hattest du O2? Deren Netz schien am schwächsten gewesen zu sein.

  3. Björn
    schrieb am 18. April 2011 um 10:03 Uhr (#)

    Zu Color:

    Ich hatte ja in meinem letzten Blog-Artikel zu dem Dienst angekündigt, am Friedrichstadtpalast vorbeizufahren um mal per Color in die re:publica “reinzuschauen”. Leider habe ich es nur einmal geschafft, aber das Ergebnis war recht ernüchternd… konnte nur in den Stream eines Users reinschauen und da waren auch nicht sonderlich viele Fotos.

    Fazit: Ich gebe Martin recht, der Dienst an sich ist eine tolle Idee nach dem Prinzip “Ich sehe was, was du nicht siehst” und wäre sicher schön, wenn mehr Menschen dabei wären.
    So aber ist es gerade eher etwas überflüssig, weil einsam… Ich bleibe derweil bei Instagram und Poste Fotos über tumblr und Facebook.

  4. Robert Giebel
    schrieb am 18. April 2011 um 12:35 Uhr (#)

    Vielleicht noch interessant, speziell für Twitter:
    http://rp11.keinsinn.de/#clients
    Eine Auflistung der Clients aller Tweets mit #rp11 Tag

  5. Jürgen
    schrieb am 18. April 2011 um 13:12 Uhr (#)

    Ist das nicht gleichzeitig eine Schwäche von Color? Man braucht praktisch eine Massenveranstaltung, um sinnvolle Ergebnisse zu liefern. Das sind aber genau die Ereignisse, an denen man froh sein muss, überhaupt ins Netz zu kommen, um ein paar Tweets abzusetzen. Und dann sollen alle massenhaft Fotos posten, obwohl sie kein Netz haben?

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. April 2011 um 13:15 Uhr (#)

    @ Robert
    Danke

    @ Jürgen
    Ja dieser Gedanke kam mir auch. Man könnte andererseits argumentieren, dass bei anderen Events, z.B. Konzerten, weniger andere Apps genutzt werden, also mehr anteilige Bandbreite für Color übrig bleibt.

  7. paulinepauline
    schrieb am 19. April 2011 um 00:38 Uhr (#)

    Ich weiß ja nicht, wie jung der durchschnittliche rp11-Besucher war, aber wir sind bestimmt nicht alle Digital Natives. ;)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. April 2011 um 06:07 Uhr (#)

      Mir fiel einfach kein besserer Oberbegriff ein. Dir?

      “Netzaktivisten” o.ä. find ich blöd und auch nicht zutreffend.

  8. Thomas Edelmann
    schrieb am 19. April 2011 um 13:58 Uhr (#)

    zu den Foursquare Checkins bzw. Gowalla Checkins, findet Ihr auf http://ib-edelmann.de/socialwall/rp11.html eine Check-In Statistik.

    Mehr bei Interesse.

  9. KLM
    schrieb am 20. April 2011 um 14:04 Uhr (#)

    @Thomas Vielen Dank für den Hinweis. nach genau soetwas habe ich schon öfter mal gesucht. foursquare liegt auf jeden fall deutlich vorn.

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