Jimdo-Mitgründer Christian Springub:
“Unser Ziel ist eine massive
Bekanntheitssteigerung in den USA”

Seit über zwei Monaten ist Christian Springub in San Francisco damit beschäftigt, Jimdos erste US-Niederlassung aufzubauen. Im Interview mit netzwertig.com berichtet er über Fortschritte, Eindrücke und Ziele.

Jimdo ist eines der Internetunternehmen aus Deutschland, das sich auch in ausländischen Märkten erfolgreich etablieren konnte. Etwa sieben Prozent der Nutzer des aus Hamburg stammenden Homepage-Baukastens kommen aus den USA. Doch es sollen noch mehr werden.

Dafür hat das Startup gerade eine Niederlassung in San Francisco eröffnet. Im Interview mit netzwertig.com berichtet Jimdo-Mitgründer Christian Springub, wie weit die Etablierung der physischen Präsenz auf der anderen Seite des Atlantiks vorangeschritten ist, über Jimdos Ziele in Nordamerika sowie über seine Eindrücke von der dortigen Tech-Szene.

Christian Springub in San Francisco
Christian Springub in San Francisco
Du bist jetzt seit über zwei Monaten in San Francisco, um dort eine Jimdo-Dependance zu errichten. Wie habt ihr entschieden, wer von euch drei Gründern fährt?
Diese Entscheidung haben wir natürlich nicht über Nacht getroffen. Wir hatten schon länger darüber nachgedacht und ich wollte das Büro in San Francisco gerne übernehmen, unter anderem aus persönlichen Gründen: Seit meiner Teenagerzeit war es mein Traum, einige Zeit im Ausland zu leben. Wegen der Firma bin ich dann jedoch nie dazu gekommen. Dank unserer Expansion war die Chance nun endlich da.

Wie kam es überhaupt zu dem Entschluss, vor Ort ein Büro aufzubauen?
Der US-Markt bzw. der gesamte englischsprachige Sektor ist für uns potentiell der größte und wichtigste. Anfangs haben wir versucht, den Markt von Deutschland aus zu erreichen. Da unser Fokus durch unseren Standort immer wieder auf Europa gerutscht ist, lief dies jedoch nicht optimal. In China und Japan haben wir gute Erfahrungen mit lokalen Teams vor Ort gemacht. Die USA packen wir daher nun ebenfalls auf diese Weise an.

Wie läuft’s bisher?
Aus meiner Sicht ok, allerdings bin ich von Natur aus sehr ungeduldig. Wir haben ein Büro und die ersten zwei Mitarbeiter eingestellt, das Administrative (wie Gehaltsabrechnung, Bankkonto etc.) ist erledigt und der gesamte Kundenservice wird bereits vom Team San Francisco abgewickelt. Die PR-Strategie steht und wir konnten mit Francine Hardaway eine Koryphäe auf diesem Gebiet zur Unterstützung engagieren. Für den Beginn steht also alles, aber es wird natürlich eine Weile dauern, bis man den Effekt in den Kennzahlen sieht.

Welche organisatorischen Schritte waren bis zur Eröffnung der US-Niederlassung erforderlich?
Ich war im August 2010 zwei Wochen in San Francisco und habe über Kontakte viele Leute getroffen, nach Empfehlungen für Payroll, Anwälte, PR etc. gefragt, Büros angeschaut, Events besucht, die Stadt erkundet und eine Ferienwohnung für den ersten Monat gesucht. Von Deutschland aus habe ich mit einem Anwalt eine Corporation (Inc.) als Tochterunternehmen gegründet, ein Visum beantragt (E-2) und ein Bankkonto eröffnet. Alles Weitere regelte ich dann erst vor Ort.

Wie viele Leute sollen im San Francisco-Büro arbeiten und auf welche Aufgaben fokussieren sie sich?
Zunächst vier Personen. Wir haben zwei Mitarbeiter für den Kundenservice in Englisch und Spanisch eingestellt. Außerdem ist Powen, unser US-Country Manager, aus Philadelphia zeitgleich mit mir nach Kalifornien gezogen. Ob wir weiteres Personal einstellen, hängt vom Wachstum ab. Development, Online-Marketing und Design werden wir weiterhin aus Hamburg betreiben.

Welche Standorte standen überhaupt zur Auswahl?
San Francisco und New York. New York wäre wegen des geringen Zeitunterschieds und der besseren Flugverbindungen die vernünftige, logische Business-Entscheidung gewesen. Aber ich finde New York als Stadt zum Leben grauselig. San Francisco ist – abgesehen von der spannenden Tech-Szene – eine schöne Stadt, in der man gut leben kann und die Natur im Umland ist großartig. Wir bieten auch unseren Hamburger Mitarbeitern an, für einige Zeit nach San Francisco zu kommen, um (ein bisschen) von hier zu arbeiten und das mit Urlaub zu verbinden – dafür ist die Stadt einfach besser geeignet als New York.

Welche USA-Vorerfahrung hast du und wie gefällt es dir bisher?
Überhaupt keine. Die USA sind für mich komplett Neuland. San Francisco ist großartig als Stadt, die Tech-Szene ist massiv und einfach überall. Jeder startet irgendwas, entweder als Vollzeitprojekt oder nebenbei, und jeder redet gerne darüber. Wenn man selber gerade etwas aufbauen möchte oder Funding sucht, ist das sicherlich sehr inspirierend und motivierend. Für mich ist wichtig, dass hier so viele gute Leute und Firmen sitzen, die man jetzt einfach treffen kann, wenn man eine gute Idee hat und über Zusammenarbeit sprechen möchte. Was ich persönlich sehr schade finde (wie auch hier angemerkt), ist die extreme USA-Fokussierung der hiesigen Unternehmen. Wir suchen immer nach guten Lösungen, die für uns oder unsere User nützlich sind und davon gibt es hier viele. Leider scheiden die meisten potenziellen Partner aus, weil keine internationalen Nutzungsmöglichkeiten existieren. Die Probleme sind dabei vielfältig und reichen von Zahlungsmethoden über schlechte Übersetzungen bis hin zur Feature-Auswahl.

Welche Ziele habt ihr für Jimdo USA im Jahr 2011?
Das erste Ziel betrifft unsere Konversionsrate von der kostenlosen Jimdo-Version zur kostenpflichtigen. Diese ist bei uns in den USA wesentlich schlechter als in anderen vergleichbaren Ländern und wir wissen noch nicht genau, warum. Daran müssen wir jetzt hart arbeiten, bevor wir stärker ins Marketing investieren können. Das zweite Ziel ist eine massive Bekanntheitssteigerung in den USA, was sowohl für weiteres User-Wachstum wichtig ist als auch für weltweite mediale Aufmerksamkeit sorgt, da aus der US-Presse sehr viel aufgegriffen wird. Unser Japan-Deal ist z.B. über einen TechCrunch-Artikel zustande gekommen. Wir möchten keinesfalls zu einem gehypten Startup mutieren, sondern von den Leuten erkannt und als Innovator in unserem Bereich wahrgenommen werden. Drittens wollen wir unseren Kundenservice verbessern. Der Zeitunterschied von Deutschland aus ist zu groß, um für US-Kunden gute Antwortzeiten zu erreichen oder gar einen Live-Chat anzubieten. Das soll nun dauerhaft von hier durchgeführt werden, zunächst auch für den südamerikanischen Markt.

Wie sind die bisherigen Reaktionen der US-Amerikaner auf Jimdo?
Sehr gut. Die meisten Leute kennen Jimdo nicht und sind wirklich erstaunt, dass so etwas aus Europa kommt und sie trotz der Größe, die wir inzwischen erreicht haben, noch nie davon gehört haben. Dadurch ist der Überraschungsmoment momentan immer auf unserer Seite. Wenn ich dann noch erzähle, dass wir nicht hier sind, um Investoren zu finden oder einen Exit zu planen, sondern um unter anderem unseren Customer Service zu forcieren, dann verstehen viele die Welt nicht mehr, weil das absolut nicht in deren Bild passt. Unsere bisherigen Kunden haben wir auch bereits angeschrieben und über das US-Büro informiert, woraufhin wir viele nette Reaktionen erhielten.

Hast du schon Kontakt mit Robert Scoble aufgenommen?
Ja, aber ein Treffen hat bisher leider noch nicht geklappt, ich bleibe dran.

Wie viel Geld investiert ihr in den USA-Launch? Wie finanziert ihr das?
Wir haben kein eingeplantes Budget. Neben den anfallenden Personalkosten, der Büromiete und administrativen Kosten für die US-Firma investieren wir in Presse- und Marketingaktivitäten. Das finanzieren wir aus dem laufenden Umsatz. Unsere größte Investition ist eigentlich, dass wir einen weiteren Standort haben und als Gründer-Team für eine Zeit lang getrennt arbeiten. Das erhöht den Kommunikations- und Organisationsaufwand erheblich und kostet uns rein rechnerisch am meisten. Aber es erlaubt auch eine bessere Fokussierung (ich bekomme ab 9 Uhr morgens hier fast keine E-Mails mehr, weil dann in Deutschland der Arbeitstag fast rum ist) und hat den Vorteil, vor Ort zu sein.

Wie läuft es wirtschaftlich für Jimdo?
Es läuft sehr gut, wir sind seit über einem Jahr profitabel und haben genügend Überschüsse, um auch Risiken eingehen und aktiver investieren zu können. Dank unseres Subscription Models sind wir sehr gut abgesichert und unabhängig von größeren Kunden oder Deals. Aktuelle Wachstumszahlen haben wir kürzlich herausgegeben.

Wann geht es für dich zurück nach Hamburg? Oder öffnest du danach in einem anderen Land ein Jimdo-Büro?
Mein Aufenthalt hier ist zunächst für ein Jahr geplant. Wie genau es danach weitergeht, weiß ich noch nicht, das wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Ich glaube nicht, dass ich noch in weiteres Land gehen werden, eher plane ich öfter längere Besuche in den USA ein.

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5 Kommentare

  1. Neo
    schrieb am 14. April 2011 um 12:51 Uhr (#)

    Schönes Interview. Schönes Projekt. Wünsch den Jimdo Leuten viel Erfolg! :)

  2. epagee
    schrieb am 14. April 2011 um 14:42 Uhr (#)

    Tolles Interview, macht Lust auf Expansion. Viel Erfolg in den Staaten..

  3. Michael
    schrieb am 14. April 2011 um 17:57 Uhr (#)

    Sympatischer Ansatz! Was mich interessieren würde: Christian, Du beschreibst dass die Reaktionen auf Jimdo in den USA positiv bis überrascht sind. Ich gehe davon aus, dass Du hierbei von der Investoren-/Tech-Szene sprichst
    Nun frage ich mich, wie das auf der Kundenseite aussieht?! In den USA dürfte ein Webseitenbaukasten noch viel “old-schooliger” sein, als hier (bitte nicht falsch verstehen!). Was glaubt Ihr, wieso Kunden gerade ein Jimdo nutzen sollten, wenn es doch so viele superfancyStartUp-VC-Sitebuilder-everythinghostedblablabla Angebote gibt, die schon seit vielen Jahren in den USA etabliert sind?

    Bin gespannt!

    Viele Grüße aus S21,
    Michael

    1. Christian
      schrieb am 14. April 2011 um 19:57 Uhr (#)

      Michael, ich habe eine persönliche E-Mail an alle unsere Kunden in den USA geschrieben und diese über unser neues Büro (und den Kundenservice) in den USA informiert. Die Reaktionen waren durchweg total positiv.

      Ich glaube, dass wir mit den, wie du sagst “superfancystartup…” sitebuildern, aus den USA locker mithalten können – sonst wären wir ja nicht hier. Unser Produkt ist sehr ausgereift und extrem einfach zu bedienen, das kommt hoffentlich auch bei den Kunden aus den USA an ;)

  4. Robert | WebsiteToolTester
    schrieb am 21. April 2011 um 17:52 Uhr (#)

    Jimdo kann auf jeden Fall mit den Web 2.0 Website Buildern aus den USA mithalten. ‘Old-schoolig’ ist der Do It Yourself Ansatz ganz und gar nicht – weder in den USA noch in Europa. Da steckt durchaus noch Wachstumspotential drin, gerade bei KMUs, von denen unglaublich viele noch keine Website haben.

    Was die geringe Konversionrate angeht, glaube ich, dass da die fehlende Markenbekanntheit sowie die recht etablierte Konkurrenz ihre Rolle spielt. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist Homestead einer der größten Homepage-Baukasten der USA. Mit ähnlich großem Werbedruck wie 1&1 DIY und riesiger Nutzerbasis. Das System an sich ist aber ziemlich veraltet (und 4x so teuer wie Jimdo).

    Was Jimdo in den USA braucht ist eine Marke und viele User, die über positive Mundpropaganda neue Leute davon überzeugen.

    Viel Erfolg bei der Markteroberung!

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