“The Collection”:
Monothematisches Monatsmagazin
nur für Tabletnutzer

Der Schweizer Verlag Ringier startet einen Versuch mit einem iPad-Magazin – “The Collection” behandelt monatlich ein einziges Thema. Die extrem multimedialen Inhalte bleiben dabei vollständig hinter der Paywall.

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Fotos, Videos, Comics, Interaktive Präsentationsformen, Animationen und viel Morphing. Irgendwie kommt einem die Präsentation des brandneuen “Appzine” des Zürcher Verlags Ringier bekannt vor – jedenfalls allen, die sich schon Mitte der neunziger Jahre mit Multimedia befasst haben: Damals galten Multimedia-CD-Roms als der letzte Schrei und eine völlig neue Medienform. Mehr oder weniger spannende Inhalte sollten damals in mannigfaltiger Art auf der Silberscheibe vertrieben werden.

Sie überlebte den Durchbruch des Internets als “Worldwide Web” nicht.

Jetzt aber soll die Zeit reif sein für professionell aufgemachte, multimediale Inhalte, die von Spezialisten recherchiert, attraktiv aufgemacht und in einem vollständig abgeschlossenen System verkauft werden. “The Collection” von Ringier wird seit gestern in sämtlichen App Stores weltweit exklusiv fürs iPad verkauft:

Die Nullnummer oder vielmehr die Erstausgabe des “Appzine” kostet in Europa 3,99 Euro und bietet dafür 250 Megabyte multimediales Materials über den britischen Prinzen William. Neben zwei längeren Texten (als Bücher in die App integriert), Comics mit interaktiven Elementen, vielen 3D-Objekten, morphenden Fotos des Prinzen und einer Rubbel-App, in der man dem jungen Mann die Haare vom Kopf reiben und sich angucken kann, wie er mit Vollglatze oder Mohawk aussehen wird, gibt es den als animiertes Mobile aufgemachten Stammbaum der Windsors, Video-Interviews mit Briten zum Thema, wer König werden soll, und, und und.

Die Konzeptüberlegungen hinter dem Magazin:

Keine News: The Collection will eine abgeschlossene, journalistische Abhandlung eines Themas sein. Für News gibt’s das Gratisweb, für “hochwertige journalistische Leistung” jetzt die Tablets.

Lange Lebensdauer: Die einzelnen Magazine sollen eine lange Lebensdauer haben und Monate oder gar Jahre nach dem Erscheinen noch im App Store verkauft werden können.

Updates für einen zweiten Verkaufspush: Mit Aktualisierungen – im Fall der ersten Nummer über Prinz William beispielsweise der umfassenden Analyse der Hochzeit des Prinzen – soll das “Appzine” ein zweites (Verkaufs-) Leben erhalten.

Vollständig international: Publiziert in Deutsch, Englisch und Chinesisch, soll “The Collection” ein Publikum rund um den Globus ansprechen. Entsprechend muss die Themenwahl ausfallen: Behandelt werden Stoffe, die einen aktuellen Aufhänger, vor allem aber internationales Interesse haben.

Lanciert hat das Projekt Thomas Trüb, der in den Neunzigern schon mit einem boulevardesk aufgemachten Wirtschaftsblatt namens “Cash” [bei dem ich selbst knapp drei Jahre als Redakteur gearbeitet habe] die Schweizer Medienlandschaft in Aufruhr versetzt und die Wirtschaftsteile sämtlicher hiesiger Zeitungen lesbarer gemacht hat. Kein ausgesprochener Internet-Evangelist, aber aufgeschlossen gegenüber Neuem.

An der Spitze des Redaktionsteams steht ein Mann, der netzwertig.com- oder vielmehr ehemaligen medienlese.com-Lesern bereits bekannt ist: Peter Hossli, bekennender Anhänger des hochwertigen Journalismus, der seiner Ansicht nach nie verschenkt werden und damit nicht im Internet verteilt werden darf. Dem Internet, das er vor mehr als zehn Jahren schon für unbrauchbar erklärte.

Man muss ihm lassen, dass das Konzept von “The Collection” konzis auf dieser Strategie gefahren wird: Radikal abgeschlossen, ohne Zwangswerbung, wird das Appzine den Nutzern verkauft “und es wird kein Content irgendwo im Internet verschenkt”, wie Hossli betont.

Social Media, Sharing? Klar, gibt’s auch: Die einzelnen Elemente – Artikel sind es ja nicht, wenn laut Hossli auch hinter jedem der Multimediagefässe ein enormer journalistischer Rechercheaufwand stehen wird – können via Twitter und Facebook weiterempfohlen werden. Ein Link ist dann jeweils auch eingebettet: Er führt direkt in den App Store. Bitte hier bezahlen.

Die “Leute wollen die Inhalte anfassen”, sagt Peter Hossli, und meint damit, dass die Rubbel-, Klick- und Schiebeaktionen in “The Collection diesem Bedürfnis gerecht werde. Ich erlaube mir hier zu widersprechen: Die Leserschaft will diskutieren, Inhalte teilen und speichern, zitieren und weiterverwenden – darauf basiert der Boom der sozialen Medien, und sie steht im Widerspruch zu isolierter Interaktion mit einem Programm.

Und genau das ist “The Collection”. Ob ein angehängtes Forum zu jedem Thema – demnach monatlich ein neues – die Diskussionslust der Leserschaft zu befriedigen mag, möchte ich bezweifeln.

Nichtsdestotrotz ist dem Projekt, das in der Erstausgabe von einem winzigen Team mit einer Eigenlösung von Ringier geschaffen worden ist, eine gehörige Portion Experimentierfreude zu attestieren. Dass es ein Testballon sei, wollten die Ringier-Verantwortlichen nicht hören – wiesen aber gleichzeitig darauf hin, dass jedes App-Projekt für jeden Verlag vollständiges Neuland und die extreme Vielfalt der möglichen Medienformate eine Herausforderung seien: Es sei “nicht mal so einfach”, sagte Hossli, Journalisten zu finden, die bereit seien, sowas zu machen. Der geringste Teil der laut Hossli sehr aufwändig recherchierten Inhalte wird nämlich in Textform oder auch nur schon in klassischem Video oder Audio präsentiert. Ein bisschen kam einem die Beschreibung vor wie das Dilemma jeder TV-Redaktion, für die eine Story nur dann brauchbar ist, wenn man sie bildlich umsetzen kann.

Wenn “The Collection” also nicht erfolgreich sein sollte – was angesichts der breiten internationalen Lancierung und eines offensichtlich recht überschaubaren Betrags für den Anschub wenig wahrscheinlich ist – “bleiben die Erfahrungen im Haus und schaffen wertvolles Wissen”, wie Mediensprecher Matthias Graf festhielt.

Nun denn, die Erstausgabe ist im App Store erhältlich, die Version für Android soll im nächsten Quartal folgen.

Und dass das nächste Thema – Reproduktion des Menschen – wahrscheinlich doch sehr weit vom aktuellen Märchenprinzen entfernt liegt, stört offenbar niemanden: “The Collection” ist ein Magazin für “smarte Leute mit Sinn für Humor”, lässt Thomas Trüb sich zitieren.

The Collection – erhältlich nur via iTunes und nur fürs iPad.

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2 Kommentare

  1. Andreas Kyriacou
    schrieb am 13. April 2011 um 08:26 Uhr (#)

    Die Nullnummer wurde mit einem Nullthema gefüllt. Ob das eine gute Startbasis darstellt?

  2. hiro
    schrieb am 15. April 2011 um 22:27 Uhr (#)

    Also ich finde das eine tolle Idee, und zwar vor einem ganz einfachen Hintergrund: Alle Verlage verschlafen die “neuen Medien” (genauso wie die Musik- und Filmindustrie seit 10 Jahren). Hier ist dagegen endlich mal ein Produkt, das tatsächlich abgestimmt auf das Medium verkauft werden kann.

    Ich gönne es dem Verlag, wenn er damit Geld verdient, denn das ist tatsächlich mal ein kreativer Versuch, Content in Ertrag zu verwandeln. Die Mitbewerber setzen ja eher auf “Agenturmeldungen hinter einer Paywall”.

    Ob das Thema der ersten Ausgabe nun interessant ist oder nicht, ist doch eh Geschmackssache. Im Gegenteil: Wenn der zentrale Kritikpunkt ein inhaltlicher ist, spricht das eher für das Konzept.

    Den Mangel an “social media” kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Schließlich handelt es sich hier nicht um die nächste Twitterfacebooksocialnetwork-App, sondern um ein journalistisches Angebot. Wenn da nur ein simples Forum dazugehört, dann ist das eben so. Warum sollte ein Verlag Geld ausgeben für irgendwelche “social media”-Komponenten, wenn sie damit ohnehin nur das dutzendste gleichartige Angebot wären?

    Wo sollte hier überhaupt “sharing” oder “social media” ansetzen? Der Ruf nach “social media” klingt arg nach Floskel, weil heute irgendwie alles “social” sein muß. Warum auch immer.

    (Und ich kaufe mir trotzdem kein iPad.)

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