Das Bundespresseamt und der @RegSprecher:
Ein fast schon historisches Ereignis

Seit etwa einem Monat ist Regierungssprecher Steffen Seibert bei Twitter aktiv und macht das von Tag zu Tag besser. Betrachtet man die üblichen Ressentiments gegenüber neuen digitalen Kommunikationslösungen, kommt dies einem historischen Ereignis gleich.

Seit August vergangenen Jahres ist Steffen Seibert der Chef des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung und Regierungssprecher. Seit wenigen Wochen kommuniziert der ehemalige ZDF-Moderator in seiner neuen Rolle auch über Twitter. Einige alteingesessene Korrespondenten und ehemalige Kollegen haben damit jedoch ein Problem, wie sie am vergangenen Freitag auf einer Bundespressekonferenz deutlich machten.

Zuerst kursierte nur das Protokoll der “Fragestunde” im Netz. Mittlerweile gibt es den traurigen und gleichzeitig sehr unterhaltsame Schlagabtausch zwischen dem stellvertretenden Regierungssprecher Christoph Steegmans und einigen gereizten Journalisten auch als 20-minütiges Video zu begutachten.

Ich erspare mir an dieser Stelle Anmerkungen zu den Befürchtungen und Nachfragen der Medienvertreter, möchte jedoch kurz auf den Stein des Anstoßes eingehen, nämlich die Twitter-Präsenz des Presse- und Informationsamtes in Person von Steffen Seibert.

Denn obwohl das Amt darauf hinweist, dass Twitter lediglich eine Ergänzung der bisherigen Kommunikationskanäle darstellt, und obwohl sich in 140 Zeichen ohnehin nur Informationen mit begrenzter Tiefe unterbringen lassen, so glaube ich, dass wir gerade Zeuge eines fast schon historischen Ereignisses werden.

Denn selbst wenn einzelne Politiker und Parteien sich in den vergangen Jahren bereits an die unterschiedlichen Formen von Social Media herangewagt und dabei unterschiedliche Ergebnisse erzielten haben, ist die ernsthafte Umarmung von Twitter durch eine offizielle, für zahlreiche Zielgruppen relevante staatliche Stelle ein Novum.

Während sich das Gros der politischen Klasse bisher eher als Skeptiker der neuen, nicht mehr auf dem Einbahnstraßen-Prinzip beruhenden Form der Kommunikation mit der “Außenwelt” präsentierte (ausgenommen in Wahlkampfzeiten) und obendrein ein Hobby daraus gemacht zu haben scheint, mit leicht protektionistischem Unterton US-Internetfirmen wie Google und Facebook anzugreifen – egal ob berechtigt oder nicht, und egal ob mit notwendiger Kompetenz oder nicht – befreit sich das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung von all den rationalen und irrationalen Bedenken seines Umfelds und probiert eines der neuen Werkzeuge der digitalen Welt einfach aus.

Dabei ist die alleinige Anwesenheit des Regierungssprechers bei Twitter natürlich keine Besonderheit, zumal dieser Schritt im Jahr 2011 auch nicht mehr unbedingt als experimentierfreudig oder mutig bezeichnet werden kann.

Bemerkenswert ist aber vor allem, wie Amtschef Seibert Twitter mittlerweile nutzt. In seinen Microblogging-Anfangstagen vor einigen Wochen hielt er sich noch die Möglichkeit offen, Dialog über den Microbloggingdienst zu vermeiden und diesen damit lediglich als weiteren Verteiler von Links zu Pressemitteilungen und offiziellen Regierungsinformationen einzusetzen.

Entweder hat ihm die Aktivität und auch die Interaktion auf Twitter aber doch mehr Spaß gemacht als erwartet, oder er erkannte, dass der Einsatz der Plattform ohne den Dialog mit den mittlerweile über 16.000 Followern reine Zeitverschwendung wäre – nun kommuniziert Seibert stetig und reagiert auf Hinweise, Fragen und Kommentare, was genau das Gegenteil seines anfänglichen Planes darstellt und überaus erfreulich ist.

Dialog bei Twitter
Dialog bei Twitter

Aus einem weiteren Grund sollte man dies würdigen und respektieren: Denn angesichts der in Deutschland allgemein verbreiteten Ressentiments innerhalb der politischen, intellektuellen und gesellschaftlichen Elite gegenüber einschlägigen digitalen Technologien muss man (leider) davon ausgehen, dass die Bedenkenträger aus der Bundespressekonferenz vom vergangenen Freitag keine Einzelfälle darstellen.

Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Aktivierung des @regsprecher-Accounts heftige interne Debatten vorausgegangen sind (sofern es sich nicht um eine spontane Aktion handelte) und dass der interne und externe Druck angesichts der wachsenden Aufmerksamkeit für das Unterfangen noch zunimmt.

Jeder, der schon einmal in einem Unternehmen oder einer Organisation den Nutzen von Twitter oder Facebook rechtfertigen musste oder entsprechende Maßnahmen gegen den (fast immer existierenden) Widerstand Einzelner eingeleitet hat, wird sich vorstellen können, welche Diskussionen es in den vergangenen Wochen im Bundespresseamt gegeben haben muss. Zumal niemand weiß, welche Hebel die Gegner der neuen Öffentlichkeit des Amtes in Gang setzen (können).

Doch mit jedem Tag, mit dem Bundespressechef Seibert Informationshäppchen über Twitter serviert, auf die Wortmeldungen anderer Nutzer eingeht und so die (digitale) Öffentlichkeit an diese neue Form der Interaktion mit dem Volk gewöhnt, desto unwahrscheinlicher ist, dass es Zweiflern gelingt, dem Projekt noch Steine in den Weg zu legen.

Seiberts durchaus gelungener Twitter-Einstieg hat Signalwirkung und dürfte nicht nur für eine Welle von Nachahmern sorgen, sondern nach den anfänglichen Verbalattacken und Anfeindungen auch die allgemeine Akzeptanz von Twitter sowie webgestützten Kommunikationslösungen insgesamt erhöhen – auch bei den heutige skeptischen Journalisten. Ich erwarte, dass wir unreflektierte, abwertende Äußerungen von Politikern, Entscheidern und Personen des öffentlichen Lebens über Twitter & Co demnächst sehr viel seltener hören werden als bisher.

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10 Kommentare

  1. Stefan
    schrieb am 30. März 2011 um 11:57 Uhr (#)

    Ich erwarte, dass wir unreflektierte, abwertende Äußerungen von Politikern, Entscheidern und Personen des öffentlichen Lebens über Twitter & Co demnächst sehr viel seltener hören werden als bisher.

    Äh, naja, das ist eine hehre Hoffnung, auf die ich aber zumindest im Moment nicht allzu viel geben würde.
    Seibert mag tatsächlich langsam dazulernen, daß auch der Austausch mit dem Bürger sinnvoll sein und — ja — auch Spaß machen kann.

    Ob ihm andere nacheifern, muss sich zeigen und v. a. die wirklich “Mächtigen” werden sich wohl kaum in diese Niederungen begeben.
    Selbst Obama hat nicht persönlich kommuniziert, sondern kommunizieren lassen.

    Ansonsten verweise ich mal gleich auf den aktuellen Artikel im Tagesspiegel zu “Twitter und Journalisten”:

    Kurznachrichtendienst als Cybermobbing-Plattform
    http://tagesspiegel.de/me…attform/4003408.html

    Da ist Twitter Gruppenzwang, es wird von einer ominösen “Twitter-Gemeinde” gesprochen, die eigentlich keine Leistung erbringen würden — ganz anders als die Hauptstadtjournalisten — und überhaupt sei die Kritik aus den eigenen Reihen wenig kollegial.

    Soviel zum Thema Aufgeschlossenheit gegenüber “neuen” Technologien und dem Heraustreten aus dem Elfenbeinturm.

    1. Silent Follower
      schrieb am 7. April 2011 um 12:22 Uhr (#)

      Ich erwarte, dass wir unreflektierte, abwertende Äußerungen von Politikern, Entscheidern und Personen des öffentlichen Lebens über Twitter & Co demnächst sehr viel seltener hören werden als bisher.

      Aber es ist doch auch weiterhin 99% des über Twitter Mitgeteilten nur Gebrabbel von Honks?!

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 7. April 2011 um 12:42 Uhr (#)

      Deshalb gilt es, die 1 Prozent zu finden ;)

  2. uli
    schrieb am 30. März 2011 um 12:00 Uhr (#)

    Die Vorbehalte von Journalisten gegenüber der Regierungssprecher-Twitterei sind sicher zu einem grossen Teil sicher auch im Verlust von exklusiven Wissen begründet.

    Hatten Journalisten bislang auf einen Teil der Informationen mehr oder weniger exklusiven Zugriff, kann nun jeder interessierte Bürger in Echtzeit an die gleichen Informationen kommen.

    Zudem bedeutet Twitter für einige Journalisten auch einen erhöhten Arbeits- und Zeitaufwand……sofern man die wichtigen Infos bislang auch so seine bisherigen Wege bekommen hat.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 30. März 2011 um 12:10 Uhr (#)

    Menschlich habe ich Verständnis für die Reaktion. Wenn man (fälschlicherweise) den Eindruck bekommt, überflüssig zu werden, reagieren wohl nur wenige mit der (sicher konstruktiveren) Entscheidung, sich den Umständen anzupassen und ein neues Alleinstellungsmerkmal zu suchen. Eher flüchtet man sich in eine Verteidungs- und Angriffsposition, um den vermeintlichen “Eindringling” unschädlich zu machen.

    Davon abgesehen dürfte sich für die Arbeit der betroffenen Korrespondenten wenig ändern. Es braucht einfach etwas Zeit, bis sie dies erkennen (und natürlich Durchhaltevermögen des Bundespresseamtes).

  4. steffen
    schrieb am 30. März 2011 um 14:16 Uhr (#)

    ich finds cool. endlich mal ein bisschen bürgernähe und transparenz. wahrscheinlich die beste aktion, seitens der regierung seit langer zeit. auch wenn die leistung lediglich darin besteht jemanden zu engagieren, der etwas bürgernäher ist.

    ein account von merkel wäre auch nicht schlecht. die ist ja auch ständig mit dem handy am simsen. da könnte sie dann mal mit zig-tausenden kommunizieren, statt nur mit ein paar wenigen.

    ich versteh das simsen bei ihr sowieso nicht. auch wenn die da wahrscheinlich bei meisterschaften mitmachen könnte, ist diese kommunikation langsamer als ein kurzes fokusiertes telefongespräch.

    auf der anderen seite ist es asynchrone kommunikation, die bei vielbeschäftigten leuten auch so seine vorteile hat.

  5. Markus Jakobs
    schrieb am 30. März 2011 um 15:16 Uhr (#)

    Auf diesen Tag habe ich Jahre gewartet :-) Um es mal mit @oetting s Worten zu sagen “twittern ist Bürgerpflicht” :D

  6. Oliver Springer
    schrieb am 30. März 2011 um 23:44 Uhr (#)

    Natürlich kann man sich dagegen entscheiden, bestimmte Dienste im Internet zu nutzen. Man muss eine Auswahl treffen. Man kann auf Twitter verzichten, wie man darauf verzichten kann, sich das Internet ausdrucken zu lassen.

    Hätten die – ich sage jetzt mal “verblüffenden” – Fragen der Hauptstadtjournalisten nicht das Gegenteil bewiesen, hätte ich diesem Thema die Nachrichtenrelevanz abgesprochen.

    Relevanz erhält das Thema nur durch die Medieninkompetenz der Medienprofis.

  7. Tobias
    schrieb am 31. März 2011 um 10:10 Uhr (#)

    Auch Hauptstadtjournalisten kommen nun endlich in der medialen Gegenwart an, wenn auch mit ein bisschen “Nachhilfe” und sanftem Nachdruck. Dabei hat doch erst kürzlich eine Umfrage ergeben, dass die Generation 50+ mittlerweile genau so vertraut mit den technischen Errungenschaften umgeht wie die Digital Natives.

  8. Meeresbiologe
    schrieb am 31. März 2011 um 11:52 Uhr (#)

    Ich stand der Sache anfangs auch eher skeptisch gegenüber. Regierungsinformationen in Kurzform im Zwitscherkanal? Nebst kleinen Kabbeleien und anderen Kurzgesprächen mit anderen Politikern und Usern? Fand ich zuerst, dass man damit auf dieser Plattform leicht in den Touch der Geschwätzigkeit geraten kann, finde ich diese Form der schnellen direkten Kurzinformation und Kommunikation mittlerweile ganz interessant und mutig und die Handhabung auch recht souverän.

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