Color:
Das Google Wave
der mobilen Social Networks
Mit viel Aufmerksamkeit sowie Verwunderung über die generöse Kapitalaustattung startete gestern die mobile Foto-Sharing-Applikation Color. In der Theorie könnte sie die (digitale) Welt verändern. Genau wie damals Google Wave.
Lead-Investor Sequoia Capital begründet das deftige Investment in eine zum Zeitpunkt der Unterschrift nicht gelaunchte mobile Foto-Sharing-Applikation mit der Vermutung, dass es sich bei Color um eine transformative Entwicklung handeln könnte, die das im digitalen Geschäft ausgesprochen erfahrene VC-Unternehmen zuletzt bei Google gesehen habe (und 1999 auch in den damals jungen Suchmaschinenanbieter investierte).
In diesem Beitrag möchte ich die finanziellen Aspekte rund um den Start von Color einmal außer Acht lassen und mich auf die funktionelle Dimension der Anwendung konzentrieren, die kostenlos aus dem App Store und Android Market heruntergeladen werden kann – durch Sequoias Lobpreisungen wird man ja neugierig!
In einem Satz lässt sich Color als Anwendung beschreiben, die von Nutzern am gleichen Ort mit ihren Smartphones geschossene Fotos gemeinsam darstellt.
Dass sich die von einem hochkarätigen Team unter Federführung von CEO Bill Nguyen (Gründer des an Apple verkauften Musikdienstes Lala) entwickelte App mit keinem existierenden Social-Web-, Location- oder Foto-Sharing-Dienst vergleichen lässt, wird deutlich, betrachtet man, in welchen Punkten Color von den im Netz üblichen Konventionen abweicht:
- Es existieren keine Benutzerkonten oder Anwendernamen. Color fragt lediglich nach dem Vor- und Nachname (zeigt aber nur den Vorname an).
- Es gibt keine Integrationspunkte mit anderen Social-Web-Angeboten (wie Facebook, Twitter oder foursquare)
- Es gibt keine Freundschaften, Kontakte oder Follower
Das Einzige, was bei Color Einfluss darauf hat, wessen mit der App geschossene Fotos oder aufgenommene Videos man sieht, ist der Fakt, dass man sich am selben Ort aufhält (und das zum ungefähr selben Zeitpunkt).
Erik muss also in einem ähnlichen Zeitraum wie ich in meiner unmittelbaren Nähe Color ausprobiert haben, wodurch ich Zugang zu seinen Bildern erhielt – und zwar nicht nur den aktuellen, sondern auch solchen Motiven, die er einige Stunden zuvor andernorts, u.a. an seinem Arbeitsplatz, aufgenommen hat. Auch heute früh präsentierte mir Color ein weiteres neues Foto von Erik.
Was ich nun auch weiß: Erik hat einen Kollegen namens David und einen, der sich “Pastyboy” nennt. Beide verwenden ebenfalls Color und tauchen in einem seiner Bürofotos auf. Zugang zu deren Schnappschüssen hingegen gewährte mir Color nicht.
In diesem ReadWriteWeb-Beitrag erklärt Color-Chef Bill Nguyen die Technologie und Funktionsweise der App (die genauen Abläufe und Rahmenbedingungen erschließen sich erst schrittweise während der Nutzung – auch ich habe noch einige unbeanwortete Fragen): Je häufiger sich zwei Menschen begegnen (und Color verwenden), desto länger präsentiert die App einander auch vor und nach dem Zusammentreffen geschossene Fotos.
Nach und nach löst sich dann die gemeinsame Verbindung. Im Fall Erik bedeutet dies: Wenn ich nicht demnächst durch Zufall wieder irgendwo bin, wo Erik auch ist, und auch nicht zeitnah seine aktuellen Bilder kommentiere oder favorisiere (die zwei einzigen Interaktionsmöglichkeiten), dürfte er bald aus meinem Color-Fotostream verschwinden (ob dies nur zukünftige Fotos betrifft oder auch die aus der Vergangenheit, ist unklar).
Für die genaue Ortsbestimmung verwendet Color nach den Worten von Nguyen (für mich überraschend) nicht GPS, sondern allerlei andere, über die verschiedenen Sensoren des Smartphones gemessenen Indikatoren wie Geräuschpegel, Bluetooth-Signale, Lichtverhältnisse sowie Empfangsstärke – das soll nicht nur akkuratere Ergebnisse liefern, sondern auch den Akku weniger beanspruchen. Hier kommt die von dem Startup entwickelte Technologie zum Tragen, die eine deutlich wichtigere Rolle spielt, als man es während der Nutzung der App denkt (Frage an die Mobile-Experten: Für die ungefähre Standortbestimmung ist der Einsatz von Triangulation oder GPS unerlässlich, oder?)
Nach meinen bisherigen, keinesfalls abgeschlossenen Tests von Color – gerade eben tauchte in meinem Stream mit “Jens” eine weitere Person auf – ich habe ihn kurzerhand per Fotokommentar gefragt, wo er sich gerade befindet – eigentlich dürfte er nicht weiter weg sein als (laut TechCrunch) 100 Fuß, also etwa 30 m – lautet mein sehr vorläufiges Fazit: Faszinierend – und das ohne positive oder negative Wertung.
Colors Potenzial lässt sich kaum wirklich beurteilen, weil bisher etablierte Technologien und gesellschaftliche Konventionen die eigene Sicht auf das Versperren, was eine Anwendung ermöglichen könnte, die auf Fotos festhält, was zahlreiche Menschen am gleichen Ort zur gleichen Zeit (oder aber in der Vergangenheit) erlebt haben.
Color basiert zweifelsohne auf einer beeindruckenden Technologie, es bricht mit bisherigen Standards im Bereich des Social Networkings und Foto-Sharings und es erfordert einen erheblichen Lernprozess, bevor man die genauen Abläufe versteht und nachvollziehen kann, warum einem plötzlich Fotos von Fremden aufgetischt werden.
Alle diese Aspekte machen Color damit in meinen Augen zu einer Art Google Wave der (mobilen) sozialen Netzwerke. Theoretisch könnte Color tatsächlich die Welt verändern – und nicht nur die digitale. Gleichzeitig widersetzt es sich allgemein akzeptierten, unausgesprochenen Übereinkünften und erfordert von seinen Anwendern einen weiten Horizont, eine erhebliche Experimentierfreude und eine gewisse Portion Mut – denn eine Möglichkeit, einmal über die App publizierte Fotos zu löschen, habe ich bisher nicht gefunden.
Aus Datenschutzsicht ist Color natürlich ein ganz heißes Eisen. Zudem ist nur schwer zu kontrollieren, was User der App in ihrem stillen Kämmerlein für Fotos aufnehmen und anderen in der Umgebung befindlichen Nutzern zugänglich machen (eine Option zum Markieren unangemessener Bilder existiert immerhin). Aber dies ist Stoff für einen anderen Artikel.
Für die Color-Macher werden in nächster Zeit somit eine ganze Reihe von Fragen zu lösen zu sein, die – sofern der Dienst eine kritische Masse aufbauen kann – an Relevanz zunehmen. Aber zuvor muss sich natürlich erst einmal zeigen, ob Color es gelingt, andere Pfade zu beschreiten als Google Wave.
Update: Leser Thomas weist darauf hin, dass Color gemäß Angaben in den Datenschutzbestimmungen das persönliche Telefonbuch scannt, um von Freunden hochgeladene Bilder hervorheben zu können (wenn diese Color ausprobieren). Auch speichert Color laut eigener Angabe die Mobilfunknummer (die pikanterweise gar nicht abgefragt wird), um bei einem Gerätewechsel früheren Content darstellen zu können.
Derartige Praktiken haben sich bei vielen Sharing-Apps der jüngeren Zeit eingebürgert. Ob dies ein Problem darstellt, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Link: Color





























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Color ist in der Tat faszinierend.
Doch hat es einen grossen Haken: Es liefert keinen Nutzen sondern ist ein reines Spielzeug. Jedes Spielzeug verliert nach einer gewissen Zeit seinen Reiz. Und da es vielen zudem noch an Color-Spielgefährten mangeln dürfte, wird der Reiz umso rascher verfliegen. Daher wird die App meiner Meinung nach nur einen kurzen Hype überdauern.
Schön zu sehen ist jedoch, dass keine Registration und kein Login notwendig ist. Zuviele Anwendungen bestehen zur Zeit noch darauf, ohne dass wirklich ein Grund dafür besteht. Dies ist ein Weg, der sich in Zukunft gerne durchsetzen darf.
Aber die anderen iPhone photo apps haben auch keinen “Nutzen”, ausser, dass Leute damit fotografieren. Hipstamatic, instagram – alle mächtig erfolgreich.
Ist es wirklich so einfach, die Frage nach dem Nutzen zu beantworten?
Gerade hier kommen ja unsere heutigen und bisherigen Konventionen ins Spiel, die eine objektive Sicht auf den potenziellen Nutzen einer solchen App unmöglich machen.
Twitter wirkte zu seinem Launch auch nutzlos. Und heute gibt es viele Millionen Menschen, die sich einen Internetalltag ohne Twitter kaum noch vorstellen können.
Das mit dem Nutzen ist also sehr relativ. Oder?
Ich denke, rein auf Fotos in einem örtlich und zeitlich eng gesteckten Partnerkreis bezogen, sind Color-Anwendungen mit Nutzen wirklich sehr spärlich gesät. Da sehe ich einen deutlichen Unterschied zu Twitter, das als Gegensatz die Welt für die User erweitert hat.
Doch ich lass mich gerne überraschen :)
Sind die 100 Fuss in der Breite oder auch in der Höhe?
Wenn ich also auf einem Turm bin….
Ich weiß es nicht genau, nehme aber an – in alle Richtungen, also auch nach oben.
@Martin
Weshalb hast Du den Beitrag mit “Das Google Wave
der mobilen Social Networks” überschrieben?
Weil Color genauso scheitern wird?
Ich nehme an das ist eine rhetorische Frage?
genau.
Ich fand Deine Beschreibung recht gut.
Die Überschrift hätte ein Fazit sein können.
Ich verstehe das nicht. Fotos von einer gemeinsamen Location reissen mich sowas von überhaupt nicht vom Hocker. Kann man ja machen, aber dass jetzt diese ganzen Superlative angeführt werden, lässt mich verwundert zurück.
Ein paar Nutzungsszenarien, die mir jetzt spontan einfallen, nachdem ich mir die Color-Homepage angesehen habe:
Oktoberfest: Ich stehe vor einem Zelt und sehe was drinnen los ist.
Party: Ich bin auf einer Party und sehe wer und was alles da ist, ohne mich durch die Location bewegen zu müssen.
Mittagsessen: Ich sehe welche Speisen es alles gibt und wie sie aussehen, ohne allen möglichen Leuten aufs Teller starren zu müssen.
Messe: Ich sehe welche Stände zur Zeit und in meiner Nähe besuchenswert sind.
Generell könnte Color die Frage beantworten: Was passiert gerade um mich herum?
Quasi fast schon ein Art “Augmented Reality”, auf einmal hat man überall seine Augen.
@Martin: Sorry, aber für mich hat Twitter immernoch keinen Nutzen, der overall gesellschaftlich relevant wäre. Würde es twitter nicht mehr geben…na und? ;o)
Ich sehe das wie Wolf, was bringt es mir, dass ich Fotos von fremden sehen? Vielleicht ist Ortungstechnik das tolle Feature…who knews.
@ Mesch
Schöne Beispielsammlung.
@ Benno
Tja, deshalb schrieb ich ja auch “viele Millionen” und nicht “alle”.
Die sammeln Daten aus meinem Adressbuch, ohne mich zu fragen. Denn: gefragt wurde ich nicht danach! Nur nach meinem Namen und GPS / Push.
Auszug aus der Privacy Policy der Website:
“If you say it’s OK, we’ll store your mobile number. That way, if you lose or replace your Device, we can re-associate your past activity and Content with your new Device. We won’t call you. We also collect information from your Device’s address book. We think you might be interested in seeing your friends’ Content.”
Color benutzt GPS zur Lokalisierung, wenn das deaktiviert ist funktioniert’s erst gar nicht.
Ich deute die Aussage bei ReadWriteWeb so: Ungefährbestimmung via GPS (o. Triangulation), Feinbestimmung dann mit Color-Technologie.
Mhh Welche mobile Sharing-App macht dies heute nicht?
Frag mich aber trotzdem, wie dies in die bisherige Funktionweise passt.
Davon abgesehen: ich erinne mich nicht, meine Handynummer eingetragen zu haben. Insofern frage ich mich, wie sie an diese kommen. Kann eine App die von der SIM-Karte auslesen?
Das geht, sagt unser Techniker gerade. Unheimlich, oder?
Apps die so etwas tun, ohne dass man zumindest Nutzungsbedingungen als gelesen anhakt oder einen Hinweis auf diese erhält, sollten gar nicht erst zugelassen werden.
Da gebe ich dir recht.
Hab’s mal als Update ans Artikelende gesetzt.
Das App hört sich klasse an. Werde es wohl zumindest mal testweise ausprobieren. Mal schauen ob man das Teil im Nachtleben irgendwie verwenden kann ;)
Bezüglich Telefonnummer
Angeblich ist folgendes Möglich: “Wir bieten Anbietern eine Schnittstelle an, damit sie Handynummern aus IP-Adressen entschlüsseln” Mal ungeprüft von Google übernommen.
http://google.de/search?s…n+entschl%C3%BCsseln
Für mich hört sich das erstmal so an, als sei dies nicht auf APPs beschränkt, sondern auch über Websites nutzbar.
Ich habe auch schon einen Anwendungsfall für Werbende: Einfach an grossen Plätzen in regelmäßigem Abstand ein Photo mit Werbung platzieren, die dann im Stream der Nachbarfotografen auftaucht. Toll!
Also mein Android zeigt mir beim Start von Color an, dass es die GPS-Daten abfragt. Das wäre dann nicht so revolutionär.
Bisher war das bei mir ziemlich öde: Habe bisher keinen einzigen User gefunden (Winterthur, Zürich)…
Zudem crasht die App unter Android sehr oft oder lässt sich ohne Neustart des gesamten Gerätes gar nicht mehr starten. Auch dass die Location nur via GPS kommt… naja…
Ich hab auch noch keinen User gefunden. Irgendwer im Raum Duisburg – Düsseldorf oder Hannover unterwegs?
Das Crash-Problem habe ich unter Android nicht.