Zwangspause:
Verlage blockieren Commentarist

Commentarist macht eine Zwangspause, nachdem der junge Aggregator für Meinungsjournalismus von zwei deutschen Verlagen abgemahnt wurde. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

“Alt gegen neu”. “Destruktiv gegen Kreativ”. Das waren die ersten Assoziationen, die mir durch den Kopf gingen, als ich am Freitagabend von der erzwungenen Pause des Kommentaraggregators Commentarist erfuhr. Wir hatten das Startup mit Wurzeln in Hamburg und Rumänien Anfang Januar hier vorgestellt. Commentarist fokussiert sich darauf, Kolumnen und Meinungsartikel von mehr als 1000 für 16 führende deutsche Nachrichtenwebsites schreibende Journalisten zu aggregieren und mit jeweils zwei bis drei Zeilen anzureißen.

Diese Praxis jedoch scheint zwei der 16 von dem Service berücksichtigten Nachrichtenangebote ein derartiges Dorn im Auge zu sein, dass sich diese dazu entschlossen, per Abmahnung mit “massiven rechtlichen Schritten” zu drohen, sollte Commentarist den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Die Gründer Eric Hauch und Mircea Preotu sahen sich daher gezwungen, die erst wenige Wochen alte Site einer Zwangspause zu unterziehen. Im Firmenblog unterstreichen sie aber, dass es sich nicht um eine Schließung sondern tatsächlich lediglich um eine Pause handelt, um in Ruhe die weitere Vorgehensweise besprechen zu können.

Ich habe am Sonntag mit Eric Hauch über die Hintergründe und Details der Abmahnung gesprochen. Angesichts des drohenden Rechtsstreits, bei dem das junge, von der Universität Karlsruhe finanziell unterstützte Unternehmen ganz nach dem David-gegen-Goliath-Prinzip in den Kampf gegen zwei millionenschwere, juristisch mit allen Wassern gewaschene Verlage ziehen müsste, möchte Hauch verständlicherweise alle weiteren offiziellen Aussagen zuvor mit dem hinzugezogenen Anwalt prüfen, weshalb die Antworten noch ausstehen.

Unter anderem wollte ich wissen, wieso es die zwei Jungunternehmer bisher vermieden haben, die Namen der betreffenden Verlage zu nennen. Es wäre durchaus von öffentlichem Interesse, bekanntzugeben, welche zwei altehrwürdigen Medienunternehmen (einmal wieder) innovativen Ansätzen im Bereich des Onlinejournalismus mit der juristischen Keule den Weg versperren wollen. Ähnlich wie Google News leitet Commentarist seine Benutzer lediglich auf die jeweilige Nachrichtensite weiter, d.h., die aggregierten Meinungsartikel und Kolumnen können nur auf der Originalquelle gelesen werden.

Auch wollte ich von Commentarist-Gründer Hauch wissen, ob er das gesamte Abmahnschreiben veröffentlichten könnte, wie die weitere Strategie aussieht und ob es auch positive Reaktionen von Verlagen gegeben hätte (bei Spiegel Online zumindest klingt es, als scheint man keine Probleme mit dem Treiben von Commentarist zu haben). Eine andere Frage, die momentan noch unbeantwortet bleibt, ist die nach dem einschneidenden Entschluss, die gesamte Site offline zu nehmen.

Eine mögliche Alternative wäre es doch, wenn Hauch und Preotu lediglich die Verweise auf Artikel der zwei abmahnenden Sites entfernen würden - natürlich mit einem prominenten Hinweis, dass diese zwei Angebote sich gegen Commentarist entschieden haben, dass man allerdings Kolumnen und Meinungsartikel von 14 weiteren Quellen bei dem Dienst vorfände. Vielleicht wird so ja der nächste Schritt von Commentarist aussehen.

Dass manche etablierten Medienhäuser ihre Probleme mit Aggregatoren im Allgemeinen und Google News im Speziellen haben, ist allgemein bekannt. Aber auch im Fall Commentarist fällt zumindest mir selbst nach langem Reflektieren und Abwägen kein triftiger Grund ein, durch einen Aggregator für Meinungsartikel negative Folgen für Verlage befürchten zu müssen. Erst recht nicht, was zwei von sich überzeugte Qualitätsmarken betrifft. Das simple Prinzip “Ihr gebt den Teaser und bekommt dafür Leser” lässt wenig Raum für Gegenargumente.

Womöglich ist es die durch Commentarist forcierte Aufwertung von Journalisten als Personenmarken, die in Verlagskreisen als Problem aufgefasst wird. Renommierte Zeitungen definieren sich traditionell durch ihre eigene Marke, die Lesern als Qualitätsgarantie dient und sie zur Loyalität bewegen soll, und höchstens sekundär über die Journalisten, die für sie schreiben. Commentarist stellt die Journalisten ins Zentrum, nicht die Absendermarke der Zeitung, und folgt damit dem generellen Trend hin zu einem personengebundenen, individuellen und meinungsstärkeren Journalismus.

Man möchte meinen, dass nur Verlage mit einem sehr schwachen Selbstbewusstsein ein Problem damit hätten, sich stolz über die für sie aktiven Autoren und Korrespondenten zu zeigen.

Wir halten euch auf dem Laufenden!

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10 Kommentare

  1. Dennis
    schrieb am 7. Februar 2011 um 11:13 Uhr (#)

    Die Einstellung der beiden Verlage (Spiegel nennt sie übrigens, falls jemand neugierig ist) ist einfach nicht nachvollziehbar.

    Aber: Spätestens nachdem es letztens die Entscheidung zur Verwendung von RSS-Inhalten gab, ist klar dass das Geschäftsmodell kritisch ist. Da muss Commentarist doch reagieren und Genehmigungen einholen.
    Bei unserer Gesetzeslage war es von den Betreibern extrem nachlässig, hier keine Vorkehrungen zu treffen.

    1. Florian Steglich
      schrieb am 7. Februar 2011 um 15:09 Uhr (#)

      Welche Entscheidung zur Verwendung von RSS-Inhalten meinst Du?

  2. cervo
    schrieb am 7. Februar 2011 um 11:18 Uhr (#)

    @Dennis

    Wo nennt denn Spon eindeutig die beiden Verlage (in Bezug auf Commentarist.de)? Nein, nein. Wenn irgendwo eindeutig die zwei Verlage genannt werden geht doch sofort ein Shitstorm los. Hoffentlich.

    1. Patrick
      schrieb am 7. Februar 2011 um 17:56 Uhr (#)

      http://spiegel.de/netzwel…,1518,743649,00.html

      Die “Süddeutsche Zeitung” und die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, deren Kommentare ebenfalls von commentarist.de gelistet wurden, haben in der Vergangenheit keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Aggregatoren gemacht.

      Konzentrationsschwäche beim Lesen (oder Artikel nur überflogen)?

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. Februar 2011 um 02:33 Uhr (#)

      So eindeutig ist das nicht. Offiziell steht im Artikel nicht, wer die zwei Verlage sind, die Commentarist abgemahnt haben. Auch wenn ein cleveres Konstrukt gewählt wurde, um Implikationen zuzulassen.

  3. Robert
    schrieb am 7. Februar 2011 um 14:06 Uhr (#)

    Es ist wirklich schade, dass Journalisten trotz Internet immer noch so abhängig von den Verlagen sind. Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr Personenmarken gibt!

  4. vera
    schrieb am 7. Februar 2011 um 16:43 Uhr (#)

    Die Damen und Herren Verleger sollten sich auch mal klar machen, daß viele Zeitungen wegen der Autoren gekauft werden. Aber was will man erwarten, wenn ein Leistungsschutzrecht ersonnen wird, das nur Rücksichten auf die Leistungen der Verlage, nicht jedoch auf die der Leistungserbringer nimmt? (@Alle: IGEL unterstützen!)

    Noch eine Anmerkung zum Thema Qualitätsjournalismus, und den hier könnt ihr ruhig auch noch mal lesen.

    Wie ich woanders schon sagte: Zu dösig zum Geldverdienen.

  5. Dennis
    schrieb am 7. Februar 2011 um 17:43 Uhr (#)

    @Florian: Im Dezember 2010 entschied das AG Hamburg-Mitte, dass RSS Inhalte nur mit Einverständnis des Urhebers auf der eigenen Seite veröffentlicht werden dürfen:
    http://domain-recht.de/ma…rrecht-id667869.html

    @cervo: Stimmt, vielleicht habe ich zu viel zwischen den Zeilen gelesen? Klang für mich irgendwie nach einer “Shitstorm”-vermeidenden Formulierung. ;)

    1. Florian Steglich
      schrieb am 7. Februar 2011 um 18:33 Uhr (#)

      » Patrick: So wie ich das lese, bestätigt dieses Urteil nur das bestehende Urheberrecht. Klar dürfen keine Artikel im Volltext irgendwo ohne Zustimmung des Urhebers aggregiert werden, aber das hat ja Commentarist auch nicht getan, sondern nach einem Anriß aufs Original verlinkt.

  6. Boris
    schrieb am 8. Februar 2011 um 09:02 Uhr (#)

    Ich verstehe die Verlage nicht – und werde es wohl auch nie. Alle Anderen bedanken sich, wenn jemand in dieser Form die Webseite verlinkt. Die Verlage klagen dann lieber per Anwalt.

    Die verhalten sich in etwa ähnlich dämlich wie vor 10 Jahren die Musikindustrie.

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