Groupon:
Wachstum außer Kontrolle

Die Expansionsbemühungen von Groupon scheinen kaum noch Grenzen zu kennen. Die Gefahr der Überhitzung ist real.

Jetzt nehme ich es doch in den Mund, das böse Wort mit B. Blase. Jedoch nicht im Kontext von Facebook, wo es manche Skeptiker gerne unterbringen würden, sondern im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um das hyperexpansive, auf Rabatte im stationären Handel fokussierte E-Commerce-Startup Groupon.

Um den Aufstieg des Unternehmens zu beschreiben, kommt man ohne Superlative kaum aus. Mehr als 4.000 Angestellte hat das vor gut zwei Jahren gegründete Internetunternehmen aus Chicago mittlerweile auf der Gehaltsliste – mir ist kein anderes Startup aus dem Webbereich bekannt, dessen Belegschaft derartig rapide gewachsen ist (zumindest nicht seit dem Ende der New Economy). Weil die Geschäftsräume in der Firmenzentrale aus allen Nähten platzen, werden Besprechungen mittlerweile sogar in eine benachbarte Kirche ausgelagert.

Wie kaum ein anderes aufstrebendes Jungunternehmen aus dem Onlinesektor hat Groupon mit seinem Geschäftsmodell, lokalen Händlern und Dienstleistern das Anbieten zeitlich und örtlich begrenzter Angebote zu ermöglichen und dadurch Verkaufsprovisionen einzustreichen, rund um den Globus für eine Welle an Imitationen gesorgt – und diese fleißig aufgekauft.

Auf diesem Weg wurde auch der deutsche Groupon-Nachahmer CityDeal nach nur einem halben Jahr des Bestehens im Mai 2010 für eine kolportierte Summe im dreistelligen Millionenbereich Teil des Shooting-Stars aus Chicago. Und erst am Dienstag gab Groupon Akquisitionen von Pendants in Indien, Israel und Südafrika bekannt. Mittlerweile ist das Unternehmen laut eigenen Angaben in 40 Märkten aktiv und freut sich über 50 Millionen User, die sich über die täglichen Angebote informieren lassen.

Trotz der mutmaßlich hohen Akquisitions-, Personal und Standortkosten (immerhin ist man in vielen Ländern durch die lokalen Übernahmen mit eigenen Büros vertreten) hat Groupon im Dezember ein Sechs-Milliarden-Dollar-Angebot von Google abgelehnt – und das, obwohl manche Beobachter bereits diesen Preis für völlig überzogen hielten.

Statt sich für eine Rekordsumme von Google kaufen zu lassen, entschloss sich der 30-jährige Groupon-Gründer und CEO Andrew Mason, einen Börsengang anzustreben. In Wall-Street-Kreisen schätzt man Groupons Wert auf rund 15 Milliarden Dollar (Vor neun Monaten waren es 1,2 Milliarden). Um bis zum Börsendebüt weiter wachsen zu können, hat Groupon in einer Finanzierungsrunde gerade auf einen Schlag atemberaubende 950 Milliarden Millionen Dollar eingesammelt. So viel wie kein Internetstartup jemals zuvor.

Das frische Kapital soll unter anderem in einen in der Entstehung befindlichen Groupon-Ableger in China investiert werden. Und auch hier präsentiert sich das Unternehmen als Anhänger von Extremen: Aus 50 Angestellten besteht Groupons China-Team momentan. Bis März sollen es angeblich 1.000 werden (sofern die Meldung korrekt ist)! In einem der kompliziertesten Märkte der Welt will die US-Rabattplattform also innerhalb von zwei Monaten sage und schreibe 1.000 Mitarbeiter rekrutieren.

Groupons Geschäftsmodell ist nicht ohne Kritiker: Die große Zahl von Konkurrenten bei einem gleichzeitig wenig differenzierten Konzept, fehlendes Qualitätsmanagement und Grenzen in der Skalierbarkeit sowie ein gestörtes Verhältnis zu Händlern sind einige der Punkte, die Zweifel am langfristigen Potenzial des Startups wecken.

Doch was mich persönlich sehr viel mehr beunruhigt, ist das explosionsartige, fast schon unkontrollierte Mitarbeiterwachstum von Groupon. Und dabei blende ich die wirtschaftliche Perspektive an dieser Stelle sogar aus: Jede junge Organisation benötigt Zeit, um sich zu entwickeln, effizient zu arbeiten und eine gesunde, ethisch korrekte Kultur zu implementieren. Bei der Geschwindigkeit, mit der Groupon seine Belegschaft vergrößert, ist dies quasi unmöglich – zumal die neuen Mitarbeiter rund um den Globus verstreut sind.

Wie bei Groupon eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Wir-Gefühl der Mitarbeiter entstehen soll, wenn die Belegschaft in diesem frühen Stadium des Unternehmens jede Woche um hundert Angestellte wächst und eine weitere, durch eine Akquisition übernommene Niederlassung hinzugewinnt, ist mir schleierhaft. Fehlt dieses Gefühl jedoch, ist es unwahrscheinlich, dass jeder Groupon-Mitarbeiter am selben Strang ziehen wird.

Der kometenhafte Aufstieg von Groupon ist zweifelsohne beeindruckend. Er bringt jedoch über die Fragen nach dem wirtschaftlichen Potenzial und der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells eine enorme organisatorische Herausforderung mit sich. Ich rechne nicht damit, dass dies ohne Opfer auf Angestellten-, Händler- und Konsumentenseite von statten gehen wird.

Allein der Blick auf die in diesem Beitrag genannten Zahlen zum Groupon-Aufstieg unterstreicht, welche Dimension das Phänomen angenommen hat. Die Entwicklung von Facebook wirkt dagegen fast schon moderat.

Ich lege mich fest: Wenn es so etwas wie eine Blase gibt, dann ist es Groupon, das diese Entwicklung vorrangig repräsentiert und von ihrem Platzen am ehesten betroffen sein wird.

Wie bewertet ihr die Geschehnisse rund um Groupon?

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Linkwertig: Groupon, Yahoo, Promis, LinkedIn

20.2.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Groupon, Yahoo, Promis, LinkedIn

Über die Neuerfindung von Groupon und mehr.

Linkwertig: Firefox, Groupon, Deutschland, LSR

12.11.2013, 0 KommentareLinkwertig:
Firefox, Groupon, Deutschland, LSR

Firefox wurde am Wochenende 9 Jahre alt und mehr.

Linkwertig: LSR, Rivva, Groupon, Evernote

4.3.2013, 0 KommentareLinkwertig:
LSR, Rivva, Groupon, Evernote

Stimmen zum LSR: Rivva nutzt es zur Entschlackung, Jeff Jarvis macht sich Sorgen um Deutschland, Robert Basic ist entspannt.

Linkwertig: Regenten, Twitter, Netzpolitik, Pavlok

20.10.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Regenten, Twitter, Netzpolitik, Pavlok

Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren regieren das Internet und mehr.

Bali wird zum Startup-Mekka: Unternehmensgründung im Paradies

15.10.2014, 3 KommentareBali wird zum Startup-Mekka:
Unternehmensgründung im Paradies

Die Unternehmensgründung ist harte Arbeit. Daher kann es sinnvoll sein, wenigstens ein angenehmes Ambiente zu wählen. Eine Option: Bali. Andrea Loubier, CEO des auf der indonesischen Insel angesiedelten Startups Mailbird, sieht viele Vorteile.

Internetwirtschaft: Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

1.10.2014, 2 KommentareInternetwirtschaft:
Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

Die Internetwirtschaft Deutschlands und Europas muss sich gegen die kraftvollen, milliardenschweren Akteure des Silicon Valley sowie gegen die wachsenden Giganten aus Fernost behaupten. Ohne umfangreiche VC-Funds, die sich ausschließlich auf den hiesigen Markt konzentrieren, wird dies schwer.

34 Kommentare

  1. Soso, “gerade auf einen Schlag atemberaubende 950 Milliarden Dollar eingesammelt”. Soll wohl Millionen heißen?

  2. Meiner Ansicht nach ist eher bei Facebook die Blase zu suchen.
    Dass das Geschäft von Groupon sehr personalintensiv ist, steht ausser Frage, aber gerade hier ist ja auch die Chance, dass nicht alles automatisiert stattfindet. Der kleine lokale Anbieter vor Ort braucht den persönlichen Kontakt. Nur so sind solche Umsätze zu machen.
    Wer das Geschäftsmodell von Groupon und die Details der Deals zwischen den Händlern/Anbietern und Groupon kennt und weiß wie genau die Konditionen sind, der weiß dass dieses Geschäftsmodell finanziell auf einer felsenfesten Basis steht.
    Zumindest werden hier reale Dinge umgesetzt… Insofern sehe ich durchaus eine rosige Zukunft für Groupon.
    Ganz anders bei Facebook… (Aber da stehe ich hier im Blog bei all den Facebook-Evangelisten hier)…
    Fragt euch doch alle mal, wie hoch die Umsätze von Facebook am ende des 2. Geschäftsjahres waren…

  3. Tja, die Zahlen blubbern schon irgendwie… das klingt überbewertet.

    Allerdings hat Groupon im Gegensatz zu Facebook seinen Nutzern einen sehr konkreten Mehrwert anzubieten. Der Vergleich hinkt aber gewaltig.. (wayne interessiert schon Groupon?).

    Aber wisst Ihr was ich richtig spannend finde: wir fangen an, überhaupt erst wieder über Blasen zu spekulieren, das ruft Erinnerungen wach! (damals war ich zu jung, aber dieses mal steige ich voll ein…) :D

  4. Ich würde das alles nicht so dramatisch sehen. Im Moment wird das Mahagoni aus dem Urwald geschlagen – mit den typischen Kollateralschäden.

    Ob daraus aber eine “Forstwirtschaft” werden kann, wird sich zeigen. Vielleicht ist der Hype auch in 2 Jahren wieder vorbei – Kundenakquise auf diese Art ist kostspielig und unterliegt auf beiden Seiten dem Reiz des Neuen. Bei mir vergammeln mittlerweile schon zwei Gutscheine in der Schublade…

    • Richtig. Der Reiz des neuen hatte mich auch angezogen. Die täglichen Emails mit mega-uninteressanten Angeboten haben mich aber dazu getrieben, den Newsletter/Feed/Facebook-Kontakt wieder zu löschen. Ich kann sehr gut ohne Groupon leben. Und ich muss auch schon genauer überlegen, wann mir mal einer von einem Groupon-Deal erzählt hat. Scheint also mehreren so zu gehen.

  5. Das Groupon Modell – so schön es auch aktuell ist – bleibt weiterhin kopierbar: Dem Kunden ist es vollkommen egal welcher Anbieter den Deal organisiert hat (ob es Groupon ist oder einer seiner hundert Clones). Dem Kunden ist nur wichtig, dass es ein gutes Angebot ist.

    Der Händler würde zwar sein Angebot wahrscheinlich lieber über den größten Anbieter (Groupon) anpreisen, aber diese Möglichkeit ist in Wirklichkeit extrem begrenzt: Selbst wenn es mehr als einen Deal pro Tag (365 pro Jahr) gibt. Den großen Traffic bekommt nur das Tagesangebot. Die Sidedeals bekommen genau so wenig oder weniger als bei manchen Clones.

    Und ich sehe nicht wie sich das ändern soll. Insbesondere da die Quote der Newsletter Abmeldungen mit Sicherheit sehr hoch ist. Wie viele Menschen sind wirklich bereit auf Dauer – jeden Tag – einen Newsletter von einem Anbieter zu erhalten? Wenn Du mal in den Urlaub fährst, ist der gesamte Posteingang voll mit abgelaufenen Deals. Spätestens dann nervt es…

    Dann kommt der Punkt dazu, dass es noch überhaupt nicht gesagt ist, dass sich (unter diesen Wettbewerbsbedingungen) die Margen sich in dieser Höhe halten lassen. Die wirtschaftliche Regel – die auch ein Groupon auf Dauer nicht aushebeln kann – besagen, dass die Margen sinken, wenn die Anzahl der Wettbewerber sich erhöht. Dies wird auf Dauer sehr, sehr wahrscheinlich passieren. Wie tief kann derzeit niemand sagen. Weitere Wettbewerber können und werden sehr wahrscheinlich noch folgen: Facebook hat eine ähnliche Möglichkeit für Händler bereit gestellt, die aktuell für Händler vollkommen kostenlos ist und auf Dauer Groupon starke Probleme bereiten kann.

    Last but not least: Werden die wichtigen regionalen Händler vielleicht doch irgendwann bemerken, dass Groupon Kunden nicht bloß aus konsumfreudigen Neureichen bestehen? Und dass der Anteil an Kunden die ein neues Stamm-Restaurant suchen, deutlich niedriger ist als gedacht? Und daß ein steigender Anteil der Kundschaft Schnäppchenjäger sein werden, die spätestens beim nächsten Deal wieder weg sind.

    Das sind alles noch vollkommen ungeklärte Fragen, die eine hohe Bewertung zumindest sehr riskant machen.

  6. “wirtschaftlichen Potenzial und der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells” – das ist der springende Punkt. Ich sehe keine Nachhaltigkeit dieses Modells, sondern ein temporäres Phänomen, das in spätestens zwei Jahren ziemlich langweilig ist. So lange hat Groupon Zeit sich was neues Spannendes zu überlegen. Wir sicher was mit “Mobile” sein *kaffeesatzlesend*

  7. Hervorragender Artikel! Ich sehe die Blase genauso bei Groupon. Zum einen wie hier sehr schön ausgeführt im fast unkontrollierten Wachstum der Organisation, zum anderen grenzt die Agressivität der Verkäufer schon fast an Adressbuch-Schwindel oder Schneeball-System. Schon manch ein KMU hat monatelang massiert, Würste gebraten, Tarot-Karten gelegt zu einem Bruchteil des Listenpreises und ist so in den Konkurs gerutscht.
    Groupon ist fantastisch für Investoren, Groupon kann kleineren Unternehmen in der Hoffnung auf neue Stammkunden das Genick brechen. Daher ist das Geschäft auch nur endlich skalierbar – was folgt nach China?

  8. Ich zitiere: “Um den Aufstieg des Unternehmens zu beschreiben, kommt man ohne Superlative kaum aus.”
    - Und doch findet sich im gesamten Text nur ein Superlativ (“kompliziertesten”), der sich nicht auf Groupon bezieht. Es geht also DOCH :-)

  9. Blase trifft es gut.
    KMU gehen bei Groupon eine Wette ein: Wir machen ein Lockangebot und die Kunden kommen wieder und wieder und wieder (und bezahlen dann den regulären Preis).
    Das Risiko ist hoch: KMU könnten ihre Preise versauen und die Kundschaft an Schnäppchen gewöhnen. Ob aus Schnäppchenjägern bei Groupon dann Stammkunden werden ist fraglich.
    Was bei saisonalen Produkten wie Kleidung noch funktionieren kann (hier sind Kunden sowieso an Schlussverkäufe und Rabatte gewöhnt), kann bei Restaurants nach hinten losgehen. Insbesondere, wenn man die eh schon knappen Margen bei Restaurants beachtet.
    Im Moment befinden sich die meisten KMU noch in der Probierphase. Wenn der Erfolg aber ausbleibt, bricht Groupon schnell die Kundschaft weg und sie sitzen da mit ihrer Salesforce in Garnisionsstärke. Und dann machts “plopp” und die Blase platzt.

  10. keine Blase – alle (facebook, groupon) machen gut umsatz –

    twitter bisher im vergleich zur bewertung noch schwach, auch das wachstum finde ich nicht sonderlich.

    blase, weil 3 Internetfirmen gigantisch bewertet wurden?! da erscheint mir eher die diskussion darum als eine blase

    aber ist halt boulevardesque

  11. Da ich mich bei Exciting Commerce intensiver mit Groupon beschäftige, möchte ich drei Anmerkungen zum Artikel machen:
    1. Mit den organisationalen Herausforderungen bei der aktuellen Wachstumsgeschwindigkeit hast du recht.
    2. Interessanterweise erwähnst du nicht die aktuell spannendste Entwicklung bei Groupon: Der Aufbau der eigenen Plattform mit den Groupon Stores. Dort sehe ich enormes Potential für Groupon.
    3. Groupon verspricht den lokalen Händlern zwei Dinge:
    a.) Eine effiziente Art, Neukunden zu generieren und evtl. zu Stammkunden zu machen.
    b.) Das Füllen von Leerlaufzeiten.
    Selbst wenn sich a.) als minimal herausstellt, existiert immer noch b.).
    Der Witz an b.) ist, dass man nicht die Vollkosten, sondern nur die variablen Kosten einberechnen muss, was die 50%-Rabatte erst ermöglicht und wirtschaftlich sinnvoll ist.
    (Und wenn sich teilnehmende Händler verkalkulieren, dann ist das nicht Groupons Schuld. Die Zahlen, die man u.a. bei Business Insider öfters sieht, deuten außerdem darauf hin, dass die Mehrheit zufrieden ist und wieder mit Groupon zusammenarbeiten möchte.)
    Groupon-CEO Andrew Mason hat in einem Interview mal gesagt, der Markt von Groupon sei jeder unbesetzte Restaurant-Tisch.

    Dieser Markt ist gigantisch und Groupon könnte (muss nicht, aber könnte) das AdSense dieses Marktes werden. Die vermeintlich gigantischen Zahlen basieren auf diesen Perspektiven und darauf, dass Groupon die notwendigen Kennzahlen und die notwendige Strategie vorweisen kann.
    Alles in allem würde ich nicht von einer Blase reden.
    (Ganz abgesehen davon, dass die Bewertung eines einzelnen Unternehmens schon per se keine Blase mit all ihren Implikationen sein kann.)

    • 3b) ist kein guter Ratschlag, denn so fährt man sein Unternehmen direkt gegen die Wand. Teilkosten als kurzfristige Preisuntergrenze = Deckungsbeitrag von Null.
      Da muss sich kein teilnehmender Händler verkalkulieren, das kann man ihnen vorher schon sagen.
      Du sprichst von Zahlen auf Business Insider. Ich habe mich mit den einen oder anderen Deal-Anbietern unterhalten und alle haben abgewunken: “Würde ich nie wieder machen”. Auch der erhoffte Marketing-Effekt und eine anschließende Mund-zu-Mund-Propaganda waren zu vernachlässigen.
      Ich bin also gespannt auf die weiteren Strategien von Groupon, denn mit dem aktuellen Geschäftsmodell werden sie nicht weit kommen.

    • Stimme Ulrich zu, denn die Sache mit dem “unbesetzten Restaurant-Tisch” ist simple:

      Es gibt im Markt ein größeres Angebot an “Tischen” als an Gästen, die diese nachfragen. Und ich steigere die Auslastung des Betriebes nicht dadurch, daß ich die Überkapazität zu den variablen Kosten verramsche – im Gegenteil.

      Bei dieser Kalkulation wird in Folge dann gern auch ein Verdrängungseffekt ignoriert. In einem normalen Restaurant erzeugen Gutscheine nämlich eher eine Erwartungshaltung auf Seiten der Stammgäste, wie er gesamtwirtschaftlich bei Deflation zu beobachten ist: Abwarten, ob es nicht noch billiger wird oder: wieder ein Gutschein kommt.

    • heieiei, der herr weiß wieder, unser wirtschaftsexperte.. sie haben sich also intensiv mit groupon beschäftigt, soso.

      hier mal ein denkwürdiger einblick, wie das hierzulande bei denen so funktioniert: http://wp.ujf.biz/?p=3369

      und dann erzählen sie mir nochmal was von enormem potenzial. das ist jamba-sparabo-verarsche vom feinsten. klar, die haben auch kurzfristig maximalen profit rausgeschlagen, aber mal ehrlich: nachhaltigkeit sieht anders aus.

      facebook=blase. groupon=blase.

    • @Ulrich und Stefan Wolpers: Ich habe das etwas ausführlicher nochmal bei mir behandelt und Groupons Verhältnis zu den Händlern anhand von Vollkostenfalle und Preisdifferenzierung betrachtet:
      http://neunetz.com/2011/0…reisdifferenzierung/

  12. Ich bin ja sonst immer der erste, der “Bubble” schreit, aber in diesem Fall bin ich nicht so sicher — zumindest nicht im Vergleich zu Facebook.

    Die Realität ist diese:

    a) An Klein- und Kleinstunternehmen wie Restaurants zu verkaufen, ist extrem schwierig, weil die Inhaber dieser Unternehmen sich nur selten aktiv um neue Marketingmethoden kümmern. Wenn man denen nicht Verkäufer physisch auf die Pelle schickt, die ein extrem einfach zu erklärendes, attraktives Produkt anbieten können, verkauft man in diesem Markt gar nix.

    b) Groupon scheint ein Rezept gefunden zu haben, die Aufmerksamkeit und Zahlungsbereitschaft dieser Zielgruppe anzusprechen, und das auch noch in einem scheinbar massiv skalierbaren Stil. Das passiert historisch etwa so oft, wie Deutschland Fussballweltmeister wird (also sehr selten).

    c) Groupon ist der klare Marktführer und hat das stärkste Produkt. Natürlich kann man das nachahmen, aber das kann man im Prinzip bei jedem Produkt. Die Netzwerkeffekt und besonders die Trägheit/Loyalität der teilnehmenden Unternehmen sprechen für eine potentiell anhaltend starke Stellung von Groupon.

    d) Groupon hat eine starke Monetarisierung und erzielt angeblich mit etwa 50 Millionen Usern derzeit $2 Mia. Umsatz.

    Zum Vergleich: Facebook hat über 10x mehr User (d.h. nicht mehr wahnsinnig viel Raum für Wachstum), ist schon sechs statt nur nur zwei Jahre alt und erzielt trotzdem “nur” den etwa gleichen Umsatz wie Groupon.

    Vor allem: Die reinen Social-Media-Firmen haben schwache Businessmodelle. Twitter verdient noch immer kein echtes Geld, und Facebook macht irgendwie was mit Werbung (und will jetzt daran mitverdienen, wenn andere virtuelle Hühner verkaufen), aber das war’s dann schon. KMU-Kommerz hingegen ist ein gigantischer Markt.

    Von den Mitarbeiterzahlen sollte man sich nicht täuschen lassen. Groupon arbeitet vermutlich mit Verkaufshorden, die weitgehend auf Kommissionsbasis arbeiten (wie auch die meisten Anbieter von Gelben Seiten). Das ist relativ kostengünstig, und darum kann Groupon trotzdem wohl ziemlich profitabel sein.

    • @andreas: mich würde interessieren, ob sich nach dem angekündigten ipo (und den offengelegten zahlen) an deiner einschätzung etwas geändert hat.

    • @puyol5: Ja, klar. Es zeigt sich wieder mal, dass man Zahlen aus der Gerüchteküche nie glauben darf. Ich dachte, dass wenigstens bei Groupon als Firma aus dem mittleren Westen nicht ganz so dreist gelogen würde wie bei den Silicon-Valley-Startups, wo masslose Übertreibung an der Tagesordnung ist. Aber scheinbar ist das Gegenteil der Fall.

      Sagen wir so: Wenn Groupon wirklich 2 Mia. Umsatz machen würde, wäre es ein prima Geschäft. Leider ist die Firma aber weit davon entfernt.

      Am meisten hat mich an der Offenlegung schockiert, dass sich Investoren und Gründer bei einem Unternehmen, das so viel Verlust macht, massiv selbst aus der Kasse bedient haben. Das ist nie ein gutes Zeichen. Amazon hat damals auch viel Verlust gemacht, aber nie auf dieser Skala und nie mit diesem fragwürdigen Investoren-Verhalten.

      Ebenso schlimm ist, dass die Firma mit lächerlichen Buchhaltungstricks ihre schwierige finanzielle Situation zu beschönigen versucht. Faktisch ist Groupon pleite, wenn nicht ganz schnell frisches Geld reinkommt.

  13. Schöner Artikel… Freu mich schon auf den nächsten in deinem Blog ;)

  14. Schöne Diskussion auf hohem Niveau, freut mich sehr!

    Kurz einige Anmerkungen.

    Der Vergleich des Umsatzes von Groupon und Facebook gibt (wie eigentlich immer beim ausschließlichen Blick auf den Umsatz) ein verzerrtes Bild wieder.

    Von dem angegebenen Umsatz von 2 Milliarden bei Groupon verbleibt nur ein geringer Prozentsatz bei Groupon, der Rest geht an die Händler (wer genaue Angaben zur Höhe der Provision hat, möge sich bitte melden). Was dann übrig bleibt, davon müssen alle laufenden Kosten bezahlt werden.

    Facebooks 2 Milliarden Dollar Umsatz sind (größtenteils, sage ich zur Sicherheit) “echter” Umsatz, der nicht an Drittanbietern weitergereicht werden muss. Was also zählt, ist der Blick auf die Profitabilität. Facebook ist dies. Dass Groupon bereits profitabel ist, davon habe ich zumindest bisher nichts gehört (und ich bezweifle es stark).

    Zudem sagt die Geschwindigkeit der Entwicklung des Umsatzvolumens eines jungen Unternehmens meines Erachtens nach nichts über die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells aus.

    Was das Geschäftsmodell ansich betrifft, wurde vermutlich das meiste erwähnt, und einige von euch stecken in dieser Materie ohnehin tiefer drin als ich, weswegen ich dazu nicht weiter kommentieren muss.

    Mein Hauptkritikpunkt war deshalb auch die organisatorische Herausforderung.

    Selbst wenn man also zu dem Schluss kommt, dass das Groupon-Geschäftsmodell langfristig funktioniert, setzt dies voraus, dass firmenintern die Dinge korrekt laufen. Und genau da habe ich angesichts dieses XXL-Wachstums meine Zweifel.

    Für Groupon ist es z.B. extrem schwer, Fake-Deals, wie sie bei einem Klon in Brasilien (vor der Akquisition) auftraten, in allen Märkten zu verhindern. Dazu ist der Laden bereits jetzt viel zu unübersichtlich. Auch andere strukturelle Missstände, schlechtes Händlermanagement, Betrugsversuche von Mitarbeiter etc. sind bei einem Unternehmen, das so früh so schnell wächst und daher die international verstreuten Angestellten kaum auf eine Linie bringen kann, mögliche Risiken.

    Und all dies beschädigt am Ende das Vertrauen in Groupon und das Image. Kommt es zu solchen Fällen, verhindert selbst das beste Geschäftsmodell nicht negative Auswirkungen auf das Business.

    Insgesamt scheint eine Perspektive verbreitet zu sein, bei der man einem Unternehmen, das etwas verkauft, automatisch eher ein nachhaltiges Geschäftsmodell attestiert, als einer Firma, die eine Leistung kostenfrei abgibt und indirekt monetarisiert.

    Das ist etwas seltsam, bedenkt man, dass auch Google mit dem indirekten Modell erfolgreich wurde.

    Und wenn ein Unternehmens “was mit Werbung” macht (ja Andreas, ich beziehe mich auf dich *g) und damit profitabel wird, dann ist dies in meine Augen ein eindeutiger Indikator dafür, dass “was mit Werbung” funktionieren kann. Auch wenn wir in diesem Fall noch nicht wissen, ob dies auch langfristig gilt.

    • Das Groupon-Provisionsmodell funktioniert nach zwei Grundmustern:

      a) Kleiner Kooperationspartner:

      • Im Prinzip 50/50-Teilung der Einnahmen aus den Gutscheinverkäufen, aber…

      • …es gibt nach Ablauf der Aktion für den Kooperationspartner auf seinen Anteil zunächst nur eine Anzahlung, z.B. 30-50%. Der Rest wird Performance-basiert abgerechnet, d.h. der Partner muß den Nachweis erbringen, daß die Gutscheine eingelöst wurden. Gutscheine, die verfallen, werden nicht an den Kooperationspartner ausgekehrt.

      Bei guten Deals ist dies ein lukrativer Markt für den Coupon-Anbieter, da in der Regel mehr als 50% des Umsatz beim Unternehmen verbleibt. Da es viele kleinere Unternehmen gibt, die das gern ausprobieren möchten, sind die Pipelines der großen Player für die nächsten Monate sicherlich gefüllt.

      Danach muß man sehen, wie sich Vertriebskosten und Deckungsbeiträge zueinander verhalten. Die Sales-Force ist – ähnlich wie bei Gelben Seiten-Verlagen – ein echtes Asset der Coupon-Anbieter. Und auch der größte Kostenfaktor – weswegen Groupon.com ja auch mit den Stores experimentiert: Dig the Diggers oder: Nicht nach Gold suchen, sondern Schaufeln an die Goldgräber verkaufen. Fraglich ist, inwieweit lokale Geschäfte bereit sind, dort Deals einzutragen.

      b) Überregionaler bzw. bekannter Kooperationspartner:

      • Die hier getroffenen Vereinbarungen sind individueller Natur und oftmals von Marketingerwartung auf Seiten der Gutscheinanbieter (Neukundenregistrierungen und Newsletteranmeldungen) überlagert.

      • Der Anteil der Couponanbieter an den Erlösen bewegt sich in der Regel zwischen 20% bis max. 40% – und ist tendenziell rückläufig.

      • Ebenfalls üblich: 70% bis teilweise 100% Ausschüttung des Anteils des Kooperationspartners kurz nach Abwicklung des Deals; Abwicklungskosten wie fehlgeschlagene Zahlungen oder Rückgabe von Gutscheinen gehen dann zu Lasten des Anbieters.

      c) Eigengeschäft:

      Sollte man hier nicht unterschlagen: Das sind Marketingaktionen (siehe auch b.), bei denen gutgehende Coupons auf eigene Rechnung angekauft und in der Regel mit negativem DB weiterverkauft werden. Die Klassiker: Sternendollar & Kinomaximal.

    • Danke, sehr gute Übersicht!

      Könnte also bedeuten, dass bei 2 Milliarden Dollar Umsatz 2010 etwa 500 Mio bei Groupon verbleiben (wenn man von konservativer durchschnittlicher Provision von 25 % ausgeht, die ja von c) nach unten gezogen wird)…

    • Ich schätze es sind weit mehr als die 500 Mio die bei Groupon verbleiben. Das Geschäft ist eine Goldgrube um beim Thema Goldrausch zu bleiben.

      Der Grossteil der Risiken ist ausgelagert; Sales Force arbeitet auf Provision, positiver Cashflow bei den Umsatzgutschriften, nicht eingelöste Gutscheine gehen in die Tasche von Groupon usw.

      Wie schon gesagt, Groupon ist für Investoren phänomenal, für Dealanbieter ist Vorsicht geboten. Fast alle, die ich in der CH kenne, würden nicht mehr mitmachen.

    • Im Moment sollten es in der Tat deutlich mehr als 25% sein.

      Die Frage ist, wie sich diese Marge in Zukunft entwickeln wird. M.E. kann dies nur rückläufig sein. Und ob das Umsatzwachstum ausreichend sein wird dies auszugleichen, mögen die zukünftigen Aktionäre für sich selbst abschätzen… :)

  15. @Martin:

    Kein Zweifel, “was mit Werbung” kann funktionieren. Aber es hat seine Grenzen. Wir sollten nicht vergessen, dass selbst Google im Vergleich zu wirklich grossen Unternehmen aus anderen Branchen noch ein ziemlicher Umsatzzwerg ist.

    Wenn Du Dir mal die Liste der Top-30-Unternehmen im DAX und Dow Jones anschaust, ist darunter kein einziges reines Medienunternehmen, das nur indirekt monetarisiert. Nur vier von diesen 60 Firmen (Microsoft, Disney, AT&T, Telekom) machen auf der Seite etwas Geld mit Werbung. Und selbst bei den Top 100 NASDAQ-Unternehmen (http://dynamic.nasdaq.com…sdaq100_activity.stm) sieht es nicht viel anders aus. Da sind es nach meiner Zählung nur etwa 6 von 100, die sich primär von Werbung ernähren.

    Das wirkliche Geld wird eben mit sehr klassischem direktem Verkauf von Waren oder Dienstleistungen gegen Kohle verdient. Aufmerksamkeit ist eben doch nicht gleich Geld. Und das hat auch Facebook schon gemerkt und expandiert darum in Virtual Goods und ähnliche Bereiche.

  16. Sehr guter Beitrag, dankeschön!

    Ob die Bubble bei Facebook oder Groupon schön grösser ist, erachte ich als irrelevant. Investoren sollten einfach bereit sein, den Stecker rechtzeitig und schnell ziehen zu können. Beim letztmaligen Platzen derselben Bubble habe ich mir nur um ein Haar die Finger nicht verbrannt, ich kenne aber genügend andere Beispiele…

  17. Weiß jemand (verlässlich), ob bei DailyDeal im gleichem Prinzip wie Groupon “nur eingelöste Gutscheine werden gutgeschrieben” arbeitet?

    Danke.

6 Pingbacks

  1. [...] netzwertig.com schrieb in dieser Woche einen sehr lesenswerten Artikel über den Internetaufsteiger des Jahres seit der NewEconomy – Groupon. Das Unternehmen, welches einen Coupondienst für kleine [...]

  2. [...] trotz der zweifellos vorhandenen organisationalen Herausforderungen durch das immense Wachstum im Gegensatz zu anderen nicht von einer Blase reden. (Ganz abgesehen davon, dass die Bewertung eines einzelnen Unternehmens [...]

  3. [...] selbst wächst unterdessen unaufhaltsam weiter. Investor Ben Horowitz rechnet für 2011 mit “mehreren Milliarden Dollar” [...]

  4. [...] steht nach den vorliegenden Informationen aber wohl nicht zur Debatte. Der geplante Börsengang des extrem schnell wachsenden Online-Schnäppchenportals Groupon wird von Analysten, Branchenexperten und Anlegern gleichermaßen mit großer Spannung [...]

  5. [...] hat kein Internetunternehmen derartig die Lager gespalten wie Groupon. Demontagen und Verrisse des in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit expandierenden, Ende 2009 gegründeten und heute über 9000 Angestellte beschäftigenden Unternehmens gab es in [...]