Phänomen:
Die türkische Leidenschaft
für das Social Web

Während FriendFeed im deutschsprachigen Raum und den USA in der Versenkung verschwunden ist, erlebt es in der Türkei einen kleinen Erfolgsmoment. Nicht zum ersten Mal zeigt sich, dass Türken begeisterte Social Networkern sind.

Vor einigen Tagen berichtete TechCrunch über die zunehmende Popularität des nach seiner Übernahme durch Facebook gefühlt in der Versenkung verschwundenen Lifestreaming-Dienstes FriendFeed in der Türkei. Der Artikel zitiert FriendFeed-Mitbegründer Bret Taylor mit den Worten, dass die Türkei mittlerweile der gemessen an den Nutzerzahlen größte Markt für FriendFeed sei. In seinem ursprünglichen Kernmarkt USA ist der Dienst dagegen in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht.

Das FriendFeed-Erfolgserlebnis in der Türkei kommt auf den ersten Blick überraschend. Auf den zweiten bestätigt es aber ein schon bekanntes Muster: Türken sind begeisterte Social Networker.

Bereits vor einem Jahr berichtete TechCrunch-Europe-Chef Mike Butcher von seinen während eines Istanbul-Aufenthalts gemachten Eindrücken in Bezug auf die Einstellung und Begeisterung der Türken zu Social Networks. Er wies damals unter anderem auf das rapide Wachstum von Facebook in der Türkei hin. Tatsächlich hat die Türkei im europäischen Raum die zweitgrößte Anzahl an Facebook-Nutzer hinter Großbritannien: Im April waren es über 20 Millionen, im Oktober bereits 22,5 Millionen – angesichts von “mehr als 26 Millionen Internetnutzern” in der Türkei eine überwältigende Durchdringung. Damit ist nahezu jeder türkische Internetbenutzer gleichzeitig Mitglied bei Facebook.

Schon länger gehört die Türkei zu den am schnellsten wachsenden Ländern bei Facebook. Und auch bei der Anzahl von Kontakten auf Facebook liegen türkische Anwender weit über dem europäischen Schnitt: 189 sind es in der Türkei – in Österreich dagegen nur 119 und in Deutschland lediglich 75 (was allerdings zum Teil auf die geringere Verbreitung von Facebook in Deutschland zurückzuführen ist – die Zahl aktiver Nutzer liegt hierzulande bei rund 13 Millionen).

Während die türkische Bevölkerung auf der einen Seite mit staatlich angeordneten Sperrungen einzelner Social-Web-Angebote wie YouTube oder Last.fm konfrontiert wird (kürzlich wurde auch eine Blockade von Facebook ins Auge gefasst), scheint sie auf der anderen Seite die erreichbaren Angebote mit Enthusiasmus zu bevölkern.

Vor zwei Jahren wurde auch Xing auf das besondere Potenzial des türkischen Marktes aufmerksam und übernahm den dortigen Konkurrenten cember.net. Am langsamen Aufstieg von US-Wettbewerber LinkedIn änderte dies jedoch nichts, weshalb sich das Hamburger Unternehmen kürzlich entschloss, sein türkisches Büro dicht zu machen.

Als ein Grund für die positive Einstellung der Türken zum Social Web (und zu moderner Technologie im Allgemeinen: Für Visa ist die Türkei Europas zweitgrößter Markt) gilt der niedrige Altersschnitt der Bevölkerung: Über die Hälfte der Türken sind unter 30 Jahre alt.

Hasan Yalcinkaya ist Gründer des türkischen Cloud-Streaming-Dienstes put.io (siehe). Per Mail hat er mir einige weitere mögliche Ursachen für das Phänomen genannt: Nach seiner Aussage haben Türken ganz einfach ein Faible für den Austausch mit anderen. Zudem können sich bestimmte Trends sehr schnell innerhalb der türkischen Bevölkerung verbreiten – niemand möchte zurückgelassen werden.

Facebook erlangte laut Yalcinkaya erstmals Bekanntheit, als sich eine türkische Berühmtheit vor drei Jahren im Fernsehen über den Dienst äußerte. Schnell hatte Facebook den Ruf, ein Ort zu sein, an dem Prominente ihre persönlichen Fotos publizieren. Ein Useransturm war die Folge. Da es noch keine türkische Sprachversion gab, half man sich mit GreaseMonkey-Skripten, welche die Facebook-Oberfläche ins Türkische übersetzten.

Im Bezug auf FriendFeed unterstreicht der put.io-Gründer, dass es sich trotz der positiven Entwicklung nicht um ein Massenereignis handelt. Der Lifestreaming-Dienst bleibt auch in der Türkei eine Domäne der aktiven Social-Media-Fans. Den nächsten türkischen Social-Web-Liebling sieht Yalcinkaya eher in Twitter – der Microbloggingservice hat speziell in der zweiten Jahreshälfte 2010 deutlich zugelegt. Und wie in vielen anderen Ländern sind es erneut Prominente, welche die breite Masse auf die Vorzüge des Dienstes aufmerksam machen.

(Illustration: stock.xchng)

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