Yahoo dementiert Delicious-Schließung:
“Die Presse ist schuld”

Rund 24 Stunden gab Yahoo keine konkrete Aussage zu Meldungen über die angebliche Schließung von Delicious. Nun heißt es, der Dienst solle veräußert werden. Für die Verwirrung verantwortlich ist nach Ansicht von Yahoo die Presse.

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Was würdet ihr machen, wenn ihr als Verantwortliche bei einem Internetkonzern plant, einen eurer Dienste zu verkaufen oder als Open Source zu veröffentlichen, weil er nicht mehr zu eurer Unternehmensstrategie passt?

Würdet ihr das Verkaufsvorhaben von vorn herein offen kommunizieren (intern und extern), um sicherzustellen, dass so viele Nutzer wie möglich dem Service treu bleiben (was sich positiv auf den Preis und euren Ruf auswirkt), oder würdet ihr euch für eine interne Formulierung des Vorhabens entscheiden, die als Schließungsvorhaben gedeutet werden könnte, und – nachdem die Kunde dazu an die Öffentlichkeit gelangt ist – fast 24 Stunden damit warten, offiziell bekannt zu geben, dass ihr nicht den Stecker zieht sondern den Service verkaufen wollt?

Ich bin mir sicher, die meisten von euch würden sich für die klare, offene Kommunikation entscheiden. Yahoo ging im Fall Delicious jedoch den anderen Weg: Es ließ erst zu, dass ein interner Slide bei Twitter publik wurde, und widersprach dann fast einen ganzen Tag lang nicht Meldungen, dass auf dem Slide die Schließung von Delicious (und einigen anderen Yahoo-Angeboten) beschrieben wurde.

Nein, stattdessen reagierte das Unternehmen auf die sich verselbstständigende Nachricht einer Delicious-Schließung mit einer Antwort, die dem (fiktiven) Buch “PR für Dummies: So produzieren Sie leere Worthülsen” entstammen könnte (siehe hier am Artikelende).

Erst nach mutmaßlich langwierigen internen Krisenmeetings und Freigabeprozessen konnte dann rund 24 Stunden später endlich eine Mitteilung im Delicious-Blog veröffentlicht werden, die klarstellt, dass Delicious nicht dicht gemacht wird sondern veräußert werden soll. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Hundertausende ihre Delicious-Bookmarks exportiert und sich bei anderen Diensten umgeschaut.

Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, lässt es sich das Delicious- Yahoo-Team im Blogbeitrag nicht nehmen, die Presse für die Falschmeldungen verantwortlich zu machen (“Speaking for our team, we were very disappointed by the way that this appeared in the press.”).

Unsympathischer kann sich ein (ohnehin lädiertes Unternehmen) kaum verhalten.

Eine alternative Erklärung für das Geschehene wäre, dass in der Tat eine Schließung von Delicious angedacht war und dass Yahoo diesen Plan erst nach den gestrigen Protesten ad acta gelegt hat. Ein besseres Licht auf Yahoo wirft das aber auch nicht.

Einige meiner persönlichen Schlüsse aus dem Ereignis:

  • Delicious wird irgendwann verkauft oder als Open Source veröffentlicht – ein Backup der Bookmarks empfiehlt sich dennoch
  • Die Erkenntnis, dass Kommunikation schnell und ehrlich sein sollte, ist noch nicht überall angekommen
  • Von Yahoo sollte man als Anwender wirklich nichts mehr erwarten

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10 Kommentare

  1. volker
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 09:34 Uhr (#)

    DAS ZEIGT DOCH NUR, DASS DAS GESAMTE MANAGEMENT BEI YAHOO EGAL OB AMERIKA ODER DEUTSCHLAND ÜBERHAUPT KEIN PLAN MEHR HAT, WEDER EINEN WILLEN FÜR ERFOLG NOCH EINE MOTIVATION DAS BESTE DARAUS ZU MACHEN.. DAS SIND ALLES HOCHGRADIG FLASCHEN BEI YAHOO…

  2. Jürgen Messing
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 09:39 Uhr (#)

    Stimmt, die Presse hat schuld! Nämlich daran, dass es bei Yahoo! endlich zu einem Statement gekommen ist. Ich halte sehr viel von Yahoo! und würde ihnen wünschen, dass es besser liefe. Aber selbst die Aussage, wir wollen doch nur verkaufen, sollte man nicht zu ernst nehmen. Sie entstand eben unter Druck von außen, entschieden ist hier sicherlich noch nichts.

    Natürlich liebe auch ich es, wenn Unternehmen transparent kommunizieren, Unternehmen profitieren mittelfristig davon. Selbst Apple’s Geheimniskrämerei ist eine Form offener Kommunikation, da sie eine Konstante ist und am Ende trumpfen die immer mit was auf.

    Yahoo! besitzt aber nicht die Stärke von Apple. Sie sind wie ein Schiff, das schon lange im Sturm schlingert, den Offizieren ist auch schon schwindelig. Da kommt die Presse ganz recht, um sich an ihr aufzureiben, Selbstvertrauen zu tanken. Leider ist die ruhige See genau in entgegen gesetzter Richtung.

  3. ed F
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 10:04 Uhr (#)

    das ist noch viel besser .. lesser hier – das ist geil
    http://facebook.com/photo…046.348154.692664045

    die einfachste ARt WIKILEAKS zu schliessen, wäre es wenn WiKILEAKS durch Yahoo! gekauft werden würde.. fun

  4. Urs
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 10:45 Uhr (#)

    Yahoo ist eine Firma mit Konzern Strukturen und kein agiles StartUp. Vermutlich ist man sich da intern auch nicht ganz einig was man mit seinem Gemischtwarenladen anstellen soll. Und da geht halt alles einwenig länger mit den erwähnten negativen Auswirkungen. Aber mal ehrlich, wären Interna’s von Siemens nach aussen gedrungen, wäre es auch eine Weile gegangen bis zu einem Statement.

    Der Presse schuld geben zeigt aber auf, dass sie irgendeinen Sündenbock brauchten. Und der liegt natürlich nicht beim Yahoo Management…

  5. Christoph Kappes
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 11:52 Uhr (#)

    Martin, ich bin überrascht über Deine Kritik an Yahoo. Wo ist denn die Quelle, die behauptet, der Dienst würde geschlossen?
    Soweit ich das nachvollziehen kann, hat TechCrunch ” that seems to show that Yahoo! is either closing or merging” geschrieben und dann auf All Things Digital verwiesen, dort steht aber auch nur “sunset (whatever this means)”.

    Wo ist die Quelle für die Schliessung?

    (Ganz abgesehen davon, dass es in einem Konzern schon mal 24h dauern kann, bis man exakt kommunizieren kann.)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 18. Dezember 2010 um 12:47 Uhr (#)

      Worauf willst du hinaus?

    2. martin lindner
      schrieb am 20. Dezember 2010 um 08:49 Uhr (#)

      naja, das komplette team ist bereits gefeuert (mehrfach gemeldet von verschiedenen insidern). dass delicious nicht ins portfolio passt, wurde festgestellt. und so wie es aussieht scheint es extrem schwer zu werden, das zu verkaufen oder zu opensourcen, weil viel proprietäre technologie im backend steckt. es sieht also nicht gut aus, trotz des rückziehers.

  6. Maik Riecken
    schrieb am 18. Dezember 2010 um 12:23 Uhr (#)

    “Von Yahoo sollte man als Anwender wirklich nichts mehr erwarten”

    Was zahlen Anwender eigentlich für Delicious und andere Dienste? Welche Gegenleistung erbringen sie, für die sie “Erwartungen” haben können? Alles kostenlos, alles klickibunti haben wollen und das Jammern und Schaudern ist groß, wenn es sich dann für den anderen “Partner” nicht mehr rentiert. Spannende Web2.0-Welt manchmal… Meist größte “Nehmerqualitäten” ohne zumindest ideellen Ausgleich.

    Gruß,

    Maik

  7. Jürgen Braatz
    schrieb am 20. Dezember 2010 um 11:17 Uhr (#)

    Hier hat die Verzahnung Unternehmensentwicklung und Kommunikation nicht geklappt. Das Management spielt verschiedene Varianten durch, überlegt aber nicht gleichzeitig wie es reagieren soll, wenn die Pläne vorzeitig bekannt werden. Die Kommunikationsberater saßen nicht mit am Tisch, haben auch keine Kompetenz sondern müssen Statements stundenlang mit dem Top-Management diskutieren. Diese Fehler der Unternehmensorganisation kosten das Unternehmen jetzt viel Geld.

  8. vulva
    schrieb am 23. Dezember 2010 um 17:26 Uhr (#)

    Unter einer offenen, transparenten und dem Nutzer gegenüber fairen Öffentlichkeitspolitik verstehe ich etwas anderes. Da kann ich nur hoffen, dass Yahoo für diese offensichtliche Irreführung ordentlich Lehrgeld bezahlt hat…wobei die Betonung auf “Geld” liegt.

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