Ausblick 2011:
Das Ende des sorgenfreien Surfens

Netzbetreiber und Internetzugangsanbieter sehen ihr wirtschaftliches Wachstumspotenzial in Gefahr. 2011 werden sie an vielen Schrauben drehen, um neue Einnahmequellen zu finden. Die Ära der unbeschränkten Internetnutzung könnte bald vorbei sein.

2010 war das Jahr, in dem das Thema Netzneutralität in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit gelangte. Zwar dürfte auch heute noch die Mehrzahl der Bürger keine Ahnung davon haben, worum es bei dem Begriff geht, aber dennoch ist davon auszugehen, dass die Problematik mittlerweile deutlich mehr Menschen bekannt ist als noch vor zwölf Monaten.

Ursache dafür sind nicht nur die immer häufiger zu hörenden Aussagen von Netzbetreibern und Telekommunikationsmanagern, mehr Flexibilität bei der Gestaltung von Internetzugängen anzustreben, sondern auch einzelne Vorfälle, die mal mehr, mal weniger mit der Netzneutralität zu tun hatten und bei interessierten Beobachtern zu einer Sensibilisierung für die Gesamtthematik rund um Eingriffe und Benachteiligungen im festen und mobilen Breitbandinternet sorgten.

Beispiele hierfür sind das umstrittene Abkommen zwischen Google und Verizon, der Disput zwischen dem US-Medienunternehmen FOX und dem Kabelnetzbetreiber Cablecom oder der jüngste Peering-Streit zwischen Level 3 und Comcast. Auch die Gründung der Initiative Pro Netzneutralität dürfte zur Bekanntheitssteigerung der Fragestellung beigetragen haben.

Während es sich also um voneinander losgelöste Ereignisse handelt und nicht jede externe Einschränkung des Internetverkehrs automatisch ein Bruch der Netzneutralität ist, haben die genannten Beispiele, aber auch die gleichermaßen an Frequenz zunehmenden Forderungen der Provider an große Webfirmen, sich an den Kosten für gestiegenen Traffic zu beteiligen, sowie das sukzessive Verschwinden von echten, unbegrenzten und ungedrosselten mobilen Flatrates alle eines gemeinsam: Es geht ums Geld!

Provider sind fieberhaft auf der Suche nach neuen Wegen, um weiter wachsen zu können. Während sich vor den Füßen von Facebook, Google, Apple und vielen anderen im Internet aktiven Firmen ein Milliardenmarkt mit schier unendlichen Expansionsmöglichkeiten ausbreitet, fürchten die Internetzugangsanbieter, in Zukunft auf die Rolle der “Dumb Pipe” (dumme Leitung) degradiert zu werden.

Das Schreckensszenario der Netzbetreiber und Zugangsanbieter sieht so aus: Während Endkunden über ihre vergleichsweise günstigen Flatrates Applikationen herunterladen, Fotos, Videos sowie Musik konsumieren, VoIP-, Videochat-, Cloud- und Gaming-Dienste in Anspruch nehmen und Monat für Monat Datenverkehr im zwei- oder gar dreistelligen Gigabyte-Bereich verursachen, verdienen sich auf der anderen Seite der Leitung die Webgiganten eine goldene Nase. Sie selbst hingegen – die Telkos – haben über viele Jahre Milliarden in den (mitunter allerdings staatlich subventionierten) Ausbau der Netze investiert, befürchten nun jedoch, als “Dumb Pipe” zwar ein wichtiger, aber aus wirtschaftlicher Sicht völlig unattraktiver Teil dieses digitalen Ökosystems zu werden.

User (und im schlimmsten Fall auch Unternehmen, welche von einer leistungsfähigen Internet-Infrastruktur abhängig sind) müssen sich daher meines Erachtens nach 2011 und in den Folgejahren auf einige Umwälzungen und Veränderungen einstellen, was die Art und Qualität ihrer Webnutzung betrifft.

Neben weiteren Attacken auf die Netzneutralität in Form von Ausbremsungen bestimmter Datenarten (z.B. Video, VoIP, P2P) zur Netzentlastung oder der Bevorzugung spezifischer Datentypen oder Onlineservices für zahlkräftige “Premium”-Abonnenten ist verstärkt mit neuen, “innovativen” Preis- und Vertragsmodellen zu rechnen, welche die Anschlussgeschwindigkeit von Tageszeit oder Wochentag abhängig machen oder Inklusiv-Zugriff nur für bestimmte Dienste gestatten, während andere extra in Rechnung gestellt werden. Speziell bei Mobilnetzbetreibern scheinen derartige Ansätze zur “dynamischen” Preisgestaltung oder Leistungsdrosselung im Falle großen Andrangs verstärkt Fürsprecher zu finden.

Wie schnell sich neue Praktiken bei den Providern einbürgern und welche Märkte zuerst betroffen sein könnten, ist schwer abzusehen. Das klassische und seit fast zehn Jahren übliche “All you can Eat”-Prinzip mit qualitativ und quantitativ quasi unbegrenzten Internetzugängen läuft jedenfalls Gefahr, zu einem Auslaufmodell zu werden, und das sorgenfreie Surfen dabei mit ins Grab zu ziehen.

Stattdessen werden Nutzer sich sehr viel häufiger mit bewussten Entscheidungen konfrontiert sehen, wie beispielsweise:

  • Lade ich dieses Album über iTunes jetzt herunter, oder warte ich bis zur “Happy Hour” meines Providers heute Abend, zu welcher der Traffic nicht meinem monatlichen Inklusivvolumen angerechnet werden würde?
  • Reicht mir dieser Standard-Internetzugang, oder zahle ich lieber 15 Euro mehr im Monat, um eine Garantie dafür zu erhalten, zwischen 18 und 22 Uhr nicht beim Videostreaming mit Geschwindigkeitsdrosselungen gestört zu werden?
  • Zahle ich 10 Euro monatlich für eine mobile Datenflatrate, bei der ich uneingeschränkten Zugriff auf drei frei wählbare Apps/Websites habe, oder will ich die komplette Internetwelt, lege dafür aber mehr auf den Tisch und darf maximal 2 Gigabyte Traffic pro Monat generieren?

Die nächsten Monate und Jahre werden von Experimenten geprägt sein. Manche Ansätze werden scheitern, und in Märkten mit gut ausgebauten Netzen und einer intensiven Konkurrenzsituation ist davon auszugehen, dass die Anpassungen weniger einschneidend ausfallen. Zudem gibt es auch alternative Umsatzquellen für Provider, die für Endanwender und Onlinefirmen nicht mit Verschlechterungen verbunden sind, sondern sogar Mehrwert liefern, wie beispielsweise die Entscheidung von Angry Birds-Hersteller Rovio zeigt, den Erwerb der Android-App des beliebten Spiels direkt über den jeweiligen Provider des Nutzers abrechnen zu lassen (der daran mitverdient).

Ob wir im Jahr 2015 die erste Dekade des 21. Jahrhunderts als Schlaraffenland für Internetnutzer bezeichnen werden, in der unbefangenes Surfen die Regel und nicht die Ausnahme war, ist sicherlich noch nicht entschieden. Es gibt jedoch Kräfte, die dies gerne hätten, und denen die Kreativität dafür fehlt, ihr wirtschaftliches Wohlbefinden auf konstruktiveren Wegen sicherzustellen.

(Foto: stock.xchng)

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6 Kommentare

  1. Cathryne
    schrieb am 15. Dezember 2010 um 20:25 Uhr (#)

    kleiner Tippfehler: die “dump pipe” ist eigentlich eine “dumb pipe”. Dann passt die Übersetzung ;-)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 16. Dezember 2010 um 01:27 Uhr (#)

      Dummer Fehler in diesem Fall ;)
      Glücklicherweise stand es ein paar Zeilen darunter mit “b”.

  2. Georgios Sotiriou
    schrieb am 16. Dezember 2010 um 01:06 Uhr (#)

    Hierbei liegt die Betonung auf “noch”.
    Klar ist es immer nur eine Frage der Zeit bis es auch den Rest treffen wird.

  3. Holger Gross
    schrieb am 16. Dezember 2010 um 09:37 Uhr (#)

    Dieser Ausblick bringt mich wieder zu der Schlussfolgerung, dass auch diese Infrastruktur zumindest in der Basis staatlich garantiert werden muss, ähnlich wie Straßen, Schienen, Stromnetze und Wasserversorgung.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 16. Dezember 2010 um 10:59 Uhr (#)

    Dito!

  5. Dr. Robert Poehler
    schrieb am 20. Dezember 2010 um 06:43 Uhr (#)

    Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Bandbreite auch bezahlt werden muss. Die Herstellung und der Unterhalt einer Infrastruktur kostet viel Geld; vor dem Hintergrund, dass viele Provider – vor allem im Endkundenbereich – mit Mischkalkulationen rechnen und somit eine Flatrate anbieten können, gerät der Aspekt, dass dies zwischen Providern nicht so ist, völlig in Vergessenheit.
    Wenn nun Dienste mit hoher Bandbreite laufend zunehmen und somit die Mischkalkulationen nicht mehr rentabel sind, muss man sich wieder auf Werte mit tatsächlichem Verbrauch orientieren.
    Diese Entwicklung finde ich grundsätzlich nicht falsch, denn allein mit sinnlos laufenden Diensten, die zwar nett sind, jedoch nicht benötigt werden, entstehen heute massive Kosten und zwar nicht nur an Traffic, sondern auch an Energie.
    Besinnt man sich auf eine Berechnung nach Verbrauch zurück, wird das ganze wieder wesentlich fairer gestaltet und die Nutzer machen sich wieder Gedanken darüber ob es wirklich wichtig und notwendig ist, ob die Internetgemeinde den eigenen Kühlschrank per Webcam beobachten kann oder nicht.

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