Übernahme von amiando:
Xing auf Schnäppchenjagd

Xing übernimmt die Münchner Eventplattform amiando für bis zu 10,35 Millionen Euro. Ein Schnäppchenpreis, der Fragen aufwirft.

Update am Ende

Die für eine Akquisition gezahlte Summe zu beurteilen, ohne Einsicht in die exakten Kennzahlen zu haben, ist reine Spekulation. Also lasst uns spekulieren! Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass die am Donnerstagabend bekannt gegebene Übernahme der Münchner Veranstaltungsplattform amiando durch Xing ein echtes Schnäppchen für das börsennotierte Geschäftsnetzwerk aus Hamburg ist.

5,1 Millionen Euro zahlt Xing im ersten Schritt für die Übernahme. Eine weitere Überweisung von bis zu 5,25 Millionen Euro soll am 31. März 2013 erfolgen – die genaue Höhe hängt von verschiedenen Voraussetzungen wie dem Verbleib des bisherigen Management-Teams von amiando sowie dem Erreichen bestimmter Umsatz- und Ergebnisziele ab. Der finale Kaufpreis beläuft sich damit maximal auf 10,35 Millionen Euro, kann jedoch auch darunter liegen.

amiando bezeichnet sich als führender Anbieter für Online-Eventmanagement und -Ticketing in Europa. Rund 100.000 Events wurden im Jahr 2009 erfolgreich organisiert und abgewickelt – jeder Veranstalter zahlt eine Provision von 5,9 Prozent vom Umsatz verkaufter Tickets sowie 0,99 Euro pro Teilnehmer. Im August dieses Jahres veränderte amiando sein Preismodell – Veranstalter kostenfreier Events können den Dienst gratis nutzen. Nur wer Tickets verkauft, muss zahlen.

amiando beschäftigt 35 Mitarbeiter, die alle von Xing übernommen werden. Auch CEO Felix Haas bleibt weiter am Steuer.

Das 2006 gegründete amiando gehört zu den wenigen Internetunternehmen aus Deutschland, die sich auch auf internationaler Bühne einen Namen gemacht haben. So hat selbst TechCrunch seinen Ticketverkauf für Events schon über amiando statt über dessen großen US-Konkurrenten Eventbrite abgewickelt.

Ein Blick auf Google Trends zeigt, dass zwar ein Großteil der amiando-Nutzer aus Deutschland kommt, jedoch auch nennenswerte Zugriffe aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und den USA erfolgen. Im Herbst 2009 erzielte amiando laut Firmenchef Felix Haas mehr als 55 Prozent des Umsatzes außerhalb des deutschsprachigen Marktes. Vor einem Jahr wurde das Startup vom Weltwirtschaftsforum als einer von 26 Technologie-Pionieren auserkoren.

Aktuelle Angaben zum Umsatz gibt es zwar keine, aber schon im Jahr 2009 rangierte der Umsatz laut amiando-Chef Haas im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Das Volumen vertriebener Tickets lag dabei im niedrigen zweistelligen Millionenbereich – bei über 100.000 abgewickelten Veranstaltungen auch nicht verwunderlich. Im September vergangenen Jahres prognostizierte Felix Haas das Erreichen der Profitabilität für 2010. Ob dies geklappt hat, ist unklar.

Ausgehend von einem mindestens ähnlich dynamischen Wachstum wie in der Vergangenheit erscheint ein Umsatz in der Nähe der 10-Millionen-Euro-Marke nicht unwahrscheinlich (Update dazu am Artikelende). Xing zahlt demnach für das Startup aus Bayern kaum mehr als den einmaligen amiando-Jahresumsatz, maximal das Zweifache dessen. Es ist zwar kein fairer Vergleich, aber im Falle von Groupon war Google bereit, das Vierfache des für das Folgejahr erwarteten Jahresumsatzes zu zahlen (was der Shoppingplattform bekanntlich nicht einmal gereicht hat). Für den Display-Vermarkter Doubleclick legte Google gar das Zehnfache der Jahreserlöse auf den Tisch.

Nun ist amiando sicherlich kein Groupon und Xing kein Google. Aber es existieren auch keine offensichtlichen Gründe, welche amiando eine zweifelhafte Zukunft attestieren würden (die manche Beobachter bei Groupon durchaus sehen). In Europa ist amaindo ungefährdeter Marktführer mit weiterem Wachstumspotenzial, und abgesehen vom Achtungserfolg in den USA gibt es noch viele weitere Länder, in denen sich die in Sachen Internationalisierung erprobte Plattform versuchen könnte.

Ein anderer Aspekt, in dessen Lichte der Übernahmepreis wie ein Schnäppchen wirkt, ist die perfekte Passform von amiando für Xing. Beide Dienste richten sich vorrangig an Business-Kunden, bei beiden liegen die Kernmärkte im deutschsprachigen Raum, Frankreich und Spanien (Xing ist dazu noch in der Türkei sehr präsent), und das Veranstaltungsfeature bei Xing ist ein von vielen Mitgliedern aktiv genutztes Tool.

Xing bietet bereits seit einigen Monaten eine Integration von amiando in das Event-Feature zur Abwicklung von Ticket-Verkäufen. Die Aussicht, ín Zukunft statt Affiliate-Verdiensten die gesamte Provision einstreichen zu können, muss für Xing äußerst attraktiv erscheinen.

Insgesamt entsteht der Eindruck einer klugen Übernahme mit erheblichen Synergie- und Wachstumsaussichten. Der Preis hingegen wirkt eher wie ein Panikverkauf oder “Fire Sale”. Wirklich zufrieden können amiandos Geldgeber, zu denen unter anderem Wellington Partners, Team Europe Ventures, AdInvest und Stefan Glänzer gehören, mit dem Return on Investment nicht sein. Was nochmals die Frage aufwirft, wieso sie (und die Gründer) amiando zu diesen Konditionen überhaupt aus der Hand gegeben haben.

Update: Reuters beziffert den Jahresumsatz von amiando auf 1,5 Millionen Euro, nennt jedoch keine Quelle und auch nicht, welches Geschäftsjahr dies betrifft. Sofern diese Zahl stimmt und für 2010 Gültigkeit hat, würde dies quasi eine Stagnation des Umsatzes im Vergleich zu 2009 bedeuten (“niedriger einstelliger Millionenbereich”). Für ein auf Wachstum ausgelegtes und mit Venturekapital finanziertes Startup wäre dies speziell aus Investorensicht natürlich keine erfreuliche Entwicklung. Dann hätten wir auch ein mögliches Motiv für die auf den ersten Blick gering erscheinende Kaufsumme (die sich in solch einem Fall auf mehr als das Sechsfache des amiando-Jahresumsatzes belaufen würde).

Update 2: Auch Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek ist der Meinung, dass amiando “gefühlt unter Wert verkauft wurde”. Er hatte amiando-Chef Felix Haas am Hörer, mehr als Aussagen im Stile von “alles perfekt” bekam er jedoch nicht zu hören.

Update 3: Meine Umsatzschätzung für 2010 basierte auf der Aussage von amiando-CEO Felix Haas aus dem Vorjahr, 2009 einen Umsatz im “niedrigen einstelligen Millionenbereich” erzielt zu haben, sowie auf der Tatsache, dass 2009 rund 100.000 Events abgewickelt worden sind (laut Xing-Pressemitteilung) mit Provisionen von 5,9 Prozent pro verkauftem Ticket und 0,99 Euro pro Teilnehmer für amiando.

Eine Präsentation zur Akquisition von amiando zeigt nun jedoch, dass sich der Umsatz 2009 lediglich auf 0,77 Millionen Euro belief, und dass für 2010 tatsächlich “nur” 1,5 Millionen Euro Umsatz erwartet wird. Die Aussage von Haas zum Umsatz 2009 war damit nicht ganz zutreffend. amiando ist es offenbar gelungen, in den vergangenen Jahren nach außen ein deutlich erfolgreicheres Bild abzugeben, als dies aus wirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt war.

In diesem Lichte erscheint der Kaufpreis objektiv betrachtet weniger abwegig. Angesichts der sehr guten Synergieeffekte zwischen amiando und Xing, dem internationalen Standing der Event-Plattform sowie der Markenbekanntheit von amiando halte ich den Preis aus Xing-Sicht dennoch für ein Schnäppchen. Eine kluge Akquisition!

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8 Kommentare

  1. Stefan Wolpers
    schrieb am 10. Dezember 2010 um 07:26 Uhr (#)

    Wollen wir mal hoffen, das die kostenlosen Tickets nicht wieder abgeschafft werden; ist ein interessanter Event-Marketing-Kanal.

    Die generelle Integration des Ticketshops in Xing-Events wäre sehr zu begrüßen…

  2. Henning
    schrieb am 10. Dezember 2010 um 08:56 Uhr (#)

    Klasse Artikel, der im Vergleich zu den meisten anderen Berichten über die Übernahme nicht nur die Pressemitteilung wiedergibt, sondern das ganze kritisch aber fundiert beleuchtet.

    Ich sehe es ähnlich, dass die Übernahme für beide Seiten strategisch absolut wertvoll ist und sowohl XING als auch amiando weiterbringen wird. Eine Meldung über einen Einstieg von XING bei amiando zu ~25% beispielsweise wäre für mich daher überhaupt keine Überraschung gewesen.

    Aber die erfolgte Komplettübernahme zum bekanntgegebenen Kaufpreis wirkt insbesondere vor der anscheinend positiven Entwicklung von amiando nicht sonderlich hoch. Andererseits spiegelt der Preis vielleicht auch einfach die realistische Situation wieder: ein börsennotiertes Unternehmen kann natürlich nicht willkürlich und überteuert auf Einkaufstour gehen; amiando dagegen soll an der Profitabilitätsgrenze marschieren, hat aber natürlich in der Vergangenheit auch schon viel Geld verbrannt, was es erstmal wieder zu verdienen gilt.

    Vielleicht war also einfach finanziell nicht mehr rauszuholen. Ein echter Firesale des Geldes wegen kann es jedenfalls nicht gewesen sein und ein Absprung der Gründer, die ihr “Baby” schnell loswerden wollen, lässt sich wohl aufgrund der Teilung des Kaufbetrags auch ausschließen.

    Ich denke, es bleibt abzuwarten, ob wir in näherer Zukunft mehr zu den wahren Gründen des Verkaufs erfahren werden…

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. Dezember 2010 um 09:49 Uhr (#)

      Danke Henning. Man hat immer die Wahl zwischen “Erster sein” oder “später veröffentlichen, dafür aber umfangreich”. Ich variiere da gerne ;)

  3. Martin Olk
    schrieb am 10. Dezember 2010 um 09:30 Uhr (#)

    Der Umsatz von Amiando liegt mitnichten bei 10 Mio Euro, siehe http://de.reuters.com/art…dDEBEE6B80JW20101209

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. Dezember 2010 um 09:47 Uhr (#)

      Thx, Update am Artikelende.

  4. Max
    schrieb am 11. Dezember 2010 um 10:01 Uhr (#)

    1,5 Millionen Euro Jahresumsatz bei 35 Mitarbeitern ist nicht gerade berauschend. Es gibt offensichtlich zu wenige die für Ticketing bezahlen wollen oder die großen Ticket Vertreiber Eventim etc. haben ihr Geschäft gut im Griff und geben das Big-Ticket-Business nicht aus der Hand. Die Brösel die übrig bleiben scheinen sich nicht so wirklich zu rechnen. Also ist es sicher besser eine Übernahme einzugehen bevor das Venture Capital aufgebraucht ist, denn bei 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz warimho auch noch nie ein Gewinn dabei. Für Xing macht Amiando durchaus Sinn. Ob es in einem Jahr bei Amiando aber noch 35 Mitarbeiter gibt wage ich aber zu bezweifeln.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 11. Dezember 2010 um 16:56 Uhr (#)

    Dieser Fall zeigt einmal mehr: Nirgends wird so viel gelogen wie bei Startup-Zahlen. Wirklich, Leute: Wenn ein Startup-CEO oder VC was über seine Umsätze erzählt, könnt Ihr fast automatisch davon ausgehen, dass ein Übertreibungsfaktor von mindestens 100% drin ist. In den USA ist das noch extremer, wie der Fall von DemandMedia zeigt: Da hat der CEO seit Jahren von der märchenhaften Profitabilität seines Unternehmens geschwärmt, nur um jetzt vor dem IPO zugeben zu müssen, dass der Laden seit der Gründung nur Geld verbrannt hat.

    Die Dealstruktur der Amiando-Übernahme deutet leider auch drauf hin, dass die Gründer mit der Sache wohl nicht reich werden. Fast mit Sicherheit — typisch für solche Deals — wird die erste Tranche (die 5.1 Mio.) dafür verwendet, primär die Investoren auszuzahlen.

    Die zweite Tranche ist wohl in dieser Höhe eher hypothetisch, wenn man die Bedingungen dafür anschaut. Ein vervierfachter Umsatz und Profitabilität dürfte nicht einfach zu erreichen sein, zumal bei solchen Mergern erhebliche Integrationsschwierigkeiten zu verdauen sind. Die Gründer müssen sich also gut zwei Jahre binden, um danach mit einem eher mässigen Payout rechnen zu können.

  6. Jonas
    schrieb am 2. März 2011 um 02:55 Uhr (#)

    Ich gucke gerade das Gründerszene INterview dazu auf YouTube und mir kommt es auch sehr wenig vor. Denn amiando hat schon Potenzial. Ich glaube dass sie etwas Geld verschenkt haben. Besser noch 1 Jahr warten. Ist aber die Frage wieviel das Gründerteam und wieviel die Angels bekommen haben

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