SoundCloud:
Kleine Änderung mit großer Wirkung

Die vor einer Woche von SoundCloud vorgestellte Aufnahme-Funktion ist nichts Geringes als ein Strategiewechsel des Berliner Startups – das erst jetzt seinem Namen wirklich gerecht wird.

Ihre Firma ist grossartig! — ... bloss weiss das niemand, weil man sie nicht kennt. Machen Sie sich einem internationalen Publikum bekannt - zum Preis einer guten Flasche Wein. — Textanzeige

Dass eine kleine Änderung eine enorme Wirkung haben kann, ist bekannt. Was das in der Praxis heißt, wird deutlich, wenn man sich das jüngste Feature von SoundCloud anschaut: Das Berliner Startup hat seiner Weboberfläche und seiner iPhone-App wie in der vergangenen Woche berichtet eine Aufnahme-Funktion spendiert. Zudem gibt es die bisher kostenpflichtige Anwendung nun gratis im App Store. Bei mir hat es einige Tage gedauert, bis mir die wahre Dimension dieser funktionell eher geringfügigen Veränderung bewusst wurde.

Als wir im Januar 2008 zum ersten Mal über den innovativen Dienst berichteten, stellten wir ihn als “Musik-Plattform für hippe Produzenten und ihre Fans” vor. In den vergangenen drei Jahren war dies auch die gewählte Positionierung des Startups – der Schwerpunkt lag zumeist auf elektronischer Musik, was durch die persönliche Präferenz der Gründer sowie den zentralen Standort in Berlin-Mitte unterstrichen wurde.

SoundCloud richtete sich bisher an DJs, Musiker und Labels, die auf der Plattform neue oder geplante Produktionen vorstellen, ihre Musik hosten und mit Anhängern und Branchenkollegen interagieren konnten. Im Mai wurde die Marke von einer Million registrierten Nutzern durchbrochen, mittlerweile sind es doppelt so viele. User, die sich mit den Begrenzungen der Free-Version nicht begnügen wollten, konnten diese gegen Bezahlung entfernen.

Mit der Implementierung des Aufnahme-Features ändert SoundCloud seine strategische Ausrichtung. Denn nun werden nicht mehr länger nur Musikfreunde angesprochen, sondern auch Journalisten, Blogger, Hobbyreporter und alle anderen Personen, die gerne Geräusche, Töne oder Gespräche aufzeichnen und mit einem Klick im Netz veröffentlichen. Das ist ein durchaus radikaler Wandel.

Inspiriert wurden die Berliner offensichtlich vom Erfolg der Foto-Sharing-Applikation Instagram, die innerhalb weniger Monate von Hundertausenden von iPhone-Nutzern in ihr Herz geschlossen wurde (unser Review). Mashable zitiert SoundCloud-CEO Alexander Ljung mit den Worten “Wir wollen etwas Ähnliches bauen wie Instagram, nur für Töne.”

Dass es sich dabei um mehr als nur leere Marketingworte handelt, zeigt er auch gleich selbst: Gestern hielt sich Ljung auf der in Paris stattfindenden LeWeb-Konferenz auf und führte zahlreiche Kurz-Interviews mit Gründern und Investoren, die nach der Aufnahme automatisch in seinem SoundCloud-Stream auftauchten. Wie bei SoundCloud üblich können sämtliche Audiostreams auch in externe Seiten eingebettet werden.

Aupeo at Le WEB 10 Conference – Paris #leweb on Wednesday afternoon by Alex

Indem SoundCloud sich einer breiteren Nutzerschaft öffnet und zu einer Art Instagram (oder alternativ YouTube) für Audio werden möchte, schielt es nicht nur auf schnellere Wachstumsraten, sondern auch auf eine steigende Zahl an Premiumnutzern: Der Gratis-Account erlaubt den Upload bzw. die Aufnahme von 120 Minuten Tonmaterial. Wer über SoundCloud regelmäßig Aufnahmen einspielt, wird schnell an dieses Limit geraten und muss, sofern keine alten Sounddateien gelöscht werden sollen, in ein kostenpflichtiges Paket wechseln (der Tarif-Übersicht würde eine Simplifizierung gut tun).

Eine Neupositionierung birgt immer das Risiko, die bisherige Zielgruppe vor den Kopf zu stoßen. Bei SoundCloud scheint die Gefahr hierfür jedoch gering zu sein: Der Dienst verringert nichts an seinem bisherigen Funktionsumfang, ist, was Benutzerfreundlichkeit und Feature-Vielfalt betrifft, ohnehin ein Innovationstreiber und verfügt über eine Reihe bekannter Fürsprecher aus der Musikbranche, um den nützlichen Coolness Faktor auf hohem Niveau zu halten.

Wenn man es genau nimmt, wird SoundCloud erst jetzt, über drei Jahre nach seiner Gründung, dem Firmennamen wirklich gerecht: Sound in der Cloud. Es war eine weise Entscheidung der zwei aus Schweden nach Berlin gesiedelten Gründer Alexander Ljung und Eric Wahlforss, ihr Projekt nicht MusicCloud oder DJCloud zu nennen.

Update: Features zum Veröffentlichen von Tonaufnahmen bieten unter anderem auch Audioboo und Cinch.

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3 Kommentare

  1. André
    schrieb am 9. Dezember 2010 um 09:10 Uhr (#)

    Es gibt doch schon lange Audioboo ! ;o)

    VG André

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 9. Dezember 2010 um 09:15 Uhr (#)

    Es gab auch vor dem iPhone schon Mobiltelefone… ;)

    Aber dennoch guter Hinweis – ich füge noch einen Verweis auf Konkurrenten hinzu – ebenfalls cinch.com

  3. alpenhof
    schrieb am 9. Dezember 2010 um 18:01 Uhr (#)

    Die angestrebte Markterweiterung wird sich meiner Meinung nach wirklich nur in einer Zielgruppe finden, die sich außerhalb von privaten Nutzern findet, denn ein privater Nutzer wird kostenfrei wohl kaum über den Gratis-Account hinausgehen. Und sofern er mit einem kostenpflichtigen Paktet konfrontiert wird, das über 120 Minuten hinausgehen, wird er sofort nach kostenfreien Alternativen suchen.

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